Portrait Lesezeit: ~ 6 min

„Meine Erblindung ist ein Geschenk Gottes“

Warum nicht sehen zu können für Theresa Rohrmaier alles andere als ein Hindernis ist.

Ich lerne Theresa Rohrmaier vor einigen Jahren in Marburg kennen. Sie hat an der Blindenstudienanstalt ihr Abitur gemacht und studiert Erziehungswissenschaft an der Universität – und das fast blind. Bei ihrer Geburt hatte sie eine Netzhautablösung – verursacht durch eine zu hohe Sauerstoffzugabe. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr kann sie noch etwa fünf Prozent sehen. Danach nimmt ihr Augenlicht immer mehr ab. Heute, mit 30 Jahren, ist sie vollständig erblindet – und hat einen Bachelor- und bald noch zwei Masterstudiengänge erfolgreich abgeschlossen. Später möchte sie gerne noch promovieren.  Aufgeben? Für Theresa keine Option. Sie glaubt an ihre Ziele.

Theresa Rohrmaier (Foto: privat)
Theresa Rohrmaier (Foto: privat)

Ich frage mich, wie es wohl ist, in jungen Jahren zu erfahren, dass man bald blind sein wird? Wenn das ohnehin schon schwache Augenlicht noch schwächer wird? Theresa Rohrmaier schafft es erstaunlicherweise recht schnell, ihre Situation anzunehmen. Sie malt viel und versucht die Zeit, in der sie noch etwas sehen kann, bewusst zu genießen – anstatt sich nach ihrem Augenlicht zurückzusehnen. Dass sie ihre Umstände so gut akzeptieren kann, liegt ihrer Ansicht nach hauptsächlich an ihrem Glauben an Gott.  „Irgendwie hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass es Gottes Weg für mich ist,“ erzählt sie mir. Nur in wenigen Momenten muss Theresa kämpfen. Vor allem in Alltagssituationen, wenn sie zum Beispiel die Anzeige an der Waschmaschine immer schlechter erkennen kann.

Blind an der Universität studieren

Ich bewundere ihre Willenskraft. Für die Universität Literatur wälzen, recherchieren, Texte lesen, Referate halten, Hausarbeiten und Klausuren schreiben – und das alles ohne sehen zu können. Theresa lässt sich davon nicht entmutigen und sucht gezielt nach Alternativen und Hilfen. Getreu dem Motto: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Texte für die Seminare werden ihr von einem elektronischen Sprachassistenten vorgelesen. Während der Klausuren diktiert sie einer studentischen Hilfskraft die Antworten.

Seit ein paar Jahren ist Theresa mit einem Blindenstock unterwegs. Wenn ich mit ihr verabredet bin, vergesse ich oft, dass sie gar nichts mehr sehen kann, weil sie so flink unterwegs ist. Was ich besonders beeindruckend finde, ist, dass sie immer passend gekleidet ist. Mit dem passenden Schmuck und Make-Up. Mal eben in den Schrank greifen und die passende Hose auswählen? Das fällt manchen sehenden Menschen schon schwer. Wie muss es für jemanden sein, der gar nichts sehen kann?

Für den Alltag gibt es mittlerweile viele praktische Hilfen, wie zum Beispiel eine Handy-App, die Farben erkennt, Sprachassistenten oder Einkaufshilfen in Supermärkten. „Solche Möglichkeiten muss man eben kennen und sich damit beschäftigen“, erzählt Theresa mir. In ihren Freizeitaktivitäten lässt sie sich von ihrer Erblindung nicht einschränken. Sie geht mit Unterstützung einer Freundin joggen, geht auf Konzerte, zum Tanzen und sogar ins Kino. Auch ich war schon öfter dabei. Ich sitze dann im Sessel neben ihr und erzähle ihr im Flüsterton, was auf der Leinwand passiert. Manchmal, wenn sich eine Situation nicht über den Ton erschließt und die Leute im Saal plötzlich alle anfangen zu lachen, fragt Theresa mich, was gerade so lustig war. Ich beschreibe die Szene dann so genau wie möglich für sie.

Außerdem kocht Theresa sehr gerne – in den Genuss ihrer leckeren Gerichte durfte ich schon öfter kommen.

„Das macht mich wütend und verletzt mich“

Theresa ist ein sehr lebensfroher Mensch. Ihre Blindheit ist für sie kein Nachteil. Was sie verletzt, sind viel eher manche Reaktionen aus ihrer Umwelt. Hin und wieder hört sie Sprüche wie „Ich bin erstaunt, wie ihr das macht.“ Dabei sind Menschen mit Erblindung genauso verschieden wie Menschen, die sehen können. Mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen, Wünschen und Hoffnungen. Theresa möchte nicht auf ihre Behinderung reduziert werden. Der Charakter und das Wesen eines Menschen sollen im Zentrum stehen. „Ich bin in erster Linie ein Mensch, eine Frau. Nicht eine blinde Frau, sondern eine Frau, die blind ist,“ betont sie. Diese Unterscheidung ist Theresa sehr wichtig.

Bei einem Gottesdienst, in dem für körperlich kranke Menschen gebetet wurde, wollte einmal jemand ungefragt für Theresas Augen beten. „Diese Person hat mich mit meinem Blindenstock im Raum stehen sehen und hat einfach vorausgesetzt, dass ich bestimmt wieder sehen können will,“ erzählt sie mir. Leider hat die Person Theresa vorher gar nicht gefragt und wollte einfach direkt für sie beten. Solche Erlebnisse machen sie wütend. „Es ärgert und verletzt mich, dass mir unterstellt wird, ich wäre nicht in Ordnung so wie ich bin,“ sagt sie.

Ein Geschenk Gottes

Ihre Reaktion kann ich absolut nachvollziehen. Dennoch gibt es eine Frage, die sich mir in diesem Zusammenhang stellt: Macht es dir wirklich nichts aus, blind zu sein? Würdest du dich nicht freuen, wenn du plötzlich wieder sehen könntest?

Theresa verneint diese Frage. Tatsächlich möchte sie gar nicht wieder sehen können: „Die Erblindung behindert mich nicht. Was mich tatsächlich behindert und traurig macht, sind die Reaktionen mancher Leute,“ antwortet sie.

Theresa Rohrmaier (Foto: privat)
Theresa Rohrmaier (Foto: privat)

Theresa erzählt mir, dass das Sehen sie früher oft vom Wesentlichen abgelenkt hat. Als Teenager hat sie stärker auf Äußerlichkeiten geachtet. Dabei stand der Charakter eines Menschen automatisch mehr im Hintergrund. „Ob sich jemand wohl fühlt oder nicht — das spüre ich, dafür muss ich nicht sehen können“, sagt Theresa. Tatsächlich hat sie für die Gefühle anderer sehr feine Sensoren. Sie nimmt Stimmungen auf einer tiefen Ebene wahr. Kleinste Details fallen ihr auf. Sie spürt sofort, wie es ihrem Gegenüber geht. Außerdem hat Theresa ein sogenanntes Elefantengedächtnis. Noch Jahre später kann sie sich an den Inhalt einzelner Gespräche erinnern.

Theresa geht sogar noch einen Schritt weiter: Ihre Erblindung sieht sie in gewisser Weise als Geschenk Gottes. Vieles, was auf der Welt passiert, möchte sie lieber gar nicht sehen müssen. Außerdem ist es für sie ein großer Vorteil, dass ihre anderen Sinne stärker ausgeprägt sind. Zudem hat Theresa aufgrund ihrer Erblindung auch Vorteile: Freunde, die mit ihr auf Veranstaltungen unterwegs sind oder im Zug reisen, dürfen als ihre Begleitperson kostenlos dabei sein. Theresas Ansicht nach ist vieles im Leben eine Sache der Einstellung. Es geht darum, was sie aus ihrer jeweiligen Situation macht – und sie möchte das Beste daraus machen, anstatt sich dauernd ein anderes Leben herbeizusehnen.

Keine Selbstverständlichkeit

Theresas Einstellung zu ihrer Erblindung finde ich sehr beeindruckend. Was mich am meisten verblüfft, ist die Tatsache, dass sie gar nicht den Wunsch verspürt, wieder sehen zu können. Einerseits finde ich das bewundernswert, andererseits ist es für mich als sehender Mensch auch nur schwer nachvollziehbar. Ich kann mir vorstellen, dass ich deutlich mehr Schwierigkeiten mit einer Erblindung hätte. Und ich kenne auch andere blinde Menschen, die mit ihrer Situation nicht so positiv umgehen können.

Dennoch nehme ich Theresa voll und ganz ab, dass sie kein Bedürfnis danach hat, wieder sehen zu können. Sie macht nicht den Eindruck, als würde ihr das Sehen fehlen. Sie ist fröhlich, ausgeglichen und zufrieden mit ihrem Leben. Mit Begeisterung spricht sie von den Zielen, die sie für ihre Zukunft hat. Das finde ich alles andere als selbstverständlich.

Wer ihre Geschichte hört, ohne sie selbst kennengelernt zu haben, denkt möglicherweise, sie mache sich da nur etwas vor. Dass ihre Einstellung lediglich ein Verdrängungsmechanismus sein könnte. In all den Jahren habe ich Theresa aber tatsächlich noch nie über ihre Erblindung klagen hören. Es mag an ihrer Persönlichkeit und Gabe liegen, einen positiven Blick auf das Leben zu haben – offensichtlich aber auch daran, dass ihr Glaube an Gott dies in ihr bewirkt. Theresa ist eine sehr inspirierende Frau, die zeigt, dass es im Leben auch darauf ankommt, was man aus seiner Situation macht. Es kann und muss sicher nicht jeder so sein wie sie. Für mich ist es nur menschlich, auch mal mit seinem Schicksal zu hadern. Umso ermutigender, dass es Menschen gibt, die sich mit ihrer Lebenssituation gut arrangieren und sogar Gott in einer herausfordernden Situation sehen.

 

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Kommentare

Von Die Autorin am .

Liebe/r etwas differenzierter, den Satz "ich möchte gar nicht mehr sehen können" habe ich Theresa Rohrmaier keinesfalls "in den Mund gelegt". Auf meine Frage, ob sie sich wünscht, wieder sehen zu können, hat sie mir genau das geantwortet. Und da ich privat mit ihr befreundet bin und sie schon länger kenne, nehme ich ihr das ab. Auch, wenn es für Sie nicht nachvollziehbar ist, empfindet Frau Rohrmaier es nunmal so. Das sollte man akzeptieren.

Von etwas differenzierter am .

Tatsächlich möchte sie gar nicht wieder sehen können: „Die Erblindung behindert mich nicht. Was mich tatsächlich behindert und traurig macht, sind die Reaktionen mancher Leute,“ antwortet sie. Das glaube ich nicht!! dass ein Blinder nicht mehr sehen will - es steht im Text auch nicht wörtlich zitiert, ist aber ein Kommentar des Schreibers. Natürlich können viele Reaktionen kränken - die Reaktionen sind es aber nicht, die behindern - es ist und bleibt die Einschränkung der Blindheit. Es ist mehr

Von Erna B. am .

Toll, wie die Frau ihr Schicksal meistert...aber was hat das mit Gott zu tun? Möge Gott viele Menschen erblinden lassen, kann doch wohl nicht die Schlußfolgerung sein....("Ihre Erblindung sieht sie in gewisser Weise als Geschenk Gottes.")

Von Regina T. am .

Danke für diesen Beitrag! Er hat mich sehr berührt, bin sprachlos..... kann nur sagen: Wow!!!


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