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Ich bin mono

Daniel Kopp hat 1991 einen schweren Arbeitsunfall, bei dem er seinen rechten Unterarm verliert.

 

 

Wer unbekleidet vor dem Spiegel steht, sieht die nackte Wahrheit. So wie Gott uns schuf, aber auch, was im Laufe der Jahre daraus geworden ist. Zu viel Bier, zu wenig Schlaf. Das Bindegewebe leiert und das Haar ist grau. Wer ein paar Jahre auf dem Buckel hat, weiß, wovon ich spreche. Ich bin 45 Jahre alt. Klar, das ist noch nicht wirklich alt, aber die jugendliche Schönheit verblasst und der goldene Herbst naht. Auf meinem Kopf zieht allerdings schon der Winter ein, die Haare werden weiß. Habe ich von meinem Vater, der ist auch etwa in meinem Alter grau geworden. Und runder, wie ich. Na ja, wenn man älter wird, wird der Body zum Körper. Nüchterner. Die Wahrheit eben. Die nackte.
 

Aber lassen wir das. Das sind nur Nebenschauplätze. Wenn ich vor dem Spiegel stehe, wandert mein Blick, wie von einem Magneten angezogen, unweigerlich auf meinen rechten Arm bzw. auf das, was davon noch übrig ist. Mein linker misst etwa 65 Zentimeter, mein rechter noch stolze 30. So viel ist übrig geblieben nach der OP 1991.
 

Wer will mich jetzt noch?

Damals lag ich im Krankenhaus, und am nächsten Tag sollte mein Unterarm amputiert werden. Ich war 17 und hatte das Gefühl: Das war’s. Und deswegen schleuderte ich meinen Eltern den Satz entgegen: „Ich bin jetzt ein Mensch zweiter Klasse. Wer will mich denn jetzt noch?“  Voller Wucht. Vermutlich hat er gesessen. Das tut mir bis heute sehr leid; das war herzlos. Allerdings wollte ich niemanden verletzten, sondern lediglich herausschreien, wie ich mich fühlte. Wertlos. Auch damals schon war Aussehen, der perfekte Körper, wichtig. Das ist keine Erfindung von Instagram & Co. Ich hatte keinen Body, sondern den normalen Körper eines durchschnittlichen Teenagers, der wenig Sport macht.

Aber ich fragte mich: Welche Frau will mich jetzt noch? Keine, befürchtete ich. Ich dachte, dass ich meiner zukünftigen Frau einen perfekten Körper bieten muss – und keinen unperfekten. Einen vollständigen und keinen Rest. Ich wollte mich verlieben, heiraten und Kinder haben. Aber in so einen wie mich würde sich niemand mehr verlieben. Das war mir klar. Ich malte mir meine Zukunft sehr düster. Das wäre nun mein Schicksal. So dachte ich.

Ich wollte mich verlieben, heiraten und Kinder haben. Aber in so einen wie mich würde sich niemand mehr verlieben. Das war mir klar. Ich malte mir meine Zukunft sehr düster. – Daniel Kopp

 

Meinen 18. Geburtstag habe ich im Krankenhaus gefeiert. Es kamen viele Gäste. Darüber habe ich mich sehr gefreut, aber niemand durfte Fotos machen. Mir war vor kurzem der Unterarm amputiert worden, und ich wollte mich so „behindert“ nicht auf Fotos sehen.
 

Der Arm bleibt in der Maschine

Was war passiert? Ich war jung und brauchte das Geld. Also machte ich einen Ferienjob bei einem Unternehmen in der Nähe, und schon am dritten Tag passierte es. Der Handschuh verfing sich im Draht der Maschine und zog erst meine Hand, dann den Unterarm hinein. Ich hielt dagegen, versuchte wie verrückt, meinen Arm herauszuziehen. Schließlich konnte ich mich befreien, doch der Unterarm blieb in der Maschine. Panik. Schreiend lief ich auf den Ausgang der Halle zu. Dort lief ich einem Mann in die Arme, der mich erstversorgte. Er wusste genau, was zu tun war, denn – jetzt kommt der Hammer – der Mann leitete eine Gruppe Sanitäter und hatte am Vortag trainiert, was bei Abrissen und Amputationen zu tun ist. Er hatte also vor ein paar Stunden die Theorie und mit mir die Praxis vor sich liegen. Diesem Mann werde ich ewig dankbar sein: Er rettete mein Leben.

Als die Rettungskräfte kamen, bereiteten sie mich für den Transport ins Krankenhaus vor. Dort wurde mir in einer 23-stündigen Operation der Unterarm wieder angenäht. Anschließend wachte ich mit der Beatmung im Hals wieder auf. Ich war tatsächlich am Leben. In den kommenden Wochen wurde ich viele Male am Arm operiert. Immer wieder brach die Blutversorgung zur Hand zusammen, und letztendlich sagte mir der Arzt: „Freunde dich mit dem Gedanken an, dass wir den Unterarm abnehmen müssen.“ Es dauerte noch ein paar Tage, aber dann war es Realität: Ich hatte nur noch einen Arm, und es gab kein Medikament, das mir einen neuen schenkt. Ich würde jetzt damit leben müssen.
 

Ich bin unperfekt – na und?

Heute bin ich 45 Jahre alt, verheiratet, Vater von zwei wundervollen Kindern. Und was habe ich nicht alles mit meiner Behinderung erlebt. Ja, ich bin behindert, ich habe eine Behinderung, ich bin ein Mensch mit Behinderung. Wie man das ausdrückt, ist mir ziemlich schnuppe, denn ich lebe damit. Es gehört zu mir, ist Teil meiner Identität. Gott hat mich nicht so gemacht.Ich bin so geworden, und er hat es zugelassen. Warum, das weiß ich nicht. Ich habe auf diese Frage keine eindeutige Antwort bekommen. Und das ist mir mittlerweile auch nicht mehr so wichtig. Er wird schon wissen warum.

Ja, ich bin behindert, ich habe eine Behinderung, ich bin ein Mensch mit Behinderung. Wie man das ausdrückt, ist mir ziemlich schnuppe, denn ich lebe damit. Es gehört zu mir, ist Teil meiner Identität. – Daniel Kopp

 

Wenn Fotos von mir gemacht werden, achte ich auch heute darauf, dass der leere Ärmel nicht zu sehen ist. Ich möchte, dass der Betrachter in meine Augen schaut und nicht auf meinen nicht vorhandenen Arm. Aber das Leben ist mehr als Fotos.

Meistens denke ich über meine Behinderung nicht nach, es ist kein Thema. Das wäre auch müßig, denn es ist, wie es ist. Ich kann nichts daran ändern, und es ist ok. Meistens. Wenn ich ins Schwimmbad gehe oder an sonnigen Tagen mit kurzen Ärmeln unterwegs bin, dann errege ich öffentliches Interesse. Wann sieht man schon einen „Monoarmisten“? Manchmal ist es nervig, manchmal nicht – je nach Gemütslage. Ich trage keine Prothese. Am Anfang hatte ich eine, aber seit ich Kinder habe, ist sie mir im Weg. Ich komme viel besser ohne klar, mache alles mit links.

Bin ich „unperfekt“? Ja, bin ich. Na, und?! Wer ist das nicht? Ich habe nur einen Arm, und dadurch lande ich auf der Bodyskala wahrscheinlich auf den unteren Plätzen, aber das ist mir so was von egal. Es fällt mir schwer, einen Nagel in die Wand zu schlagen. Ich kann schwere Kisten mit kleinen Griffen nicht heben. Es gibt ein paar Einschränkungen. Aber ich lebe, und ich fühle mich sehr wohl in meiner Haut.


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