Buchauszug

Heimat gibt's nur einmal

Tarek über seine syrische Heimat und sein neues zu Hause in Deutschland.

Erzählcafé der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Gera (Foto: Wolfgang Hesse)
Erzählcafé der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Gera (Foto: Wolfgang Hesse)

Tarek hofft auf einen Neuanfang

Das „Café global“ hat internationales Flair. Syrer, Russlanddeutsche, Eritreer, Afghanen und andere Gäste begegnen sich im „Erzählcafé“ der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Gera. Flüchtlinge erzählen von ihrer Heimat, von ihren Erfahrungen auf der Flucht, von ihren Enttäuschungen und Hoffnungen. Einige dieser Begegnungen schildert die Journalistin Anne-Christin Martz in dem Buch „Betet für unsere Kinder“. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin drucken wir Tareks Geschichte ab:

Wenn Freunde sterben

 „Gestern sind wieder zwei Freunde von mir gestorben“, sagt der 23-jährige Tarek. Er holt sein Smartphone aus der Tasche und zeigt die Fotos zweier Männer. Sie lachen, wirken lebenslustig – genau wie Tarek.

Tarek trägt Jeans, ein weißes T-Shirt und Turnschuhe. Er spricht fließend Englisch, wirkt selbstbewusst und aufgeschlossen – als könnte er überall auf der Welt zu Hause sein. Tarek kommt aus Syrien. In der Millionenstadt Homs, in der nun ganze Stadtteile völlig zerstört sind, ist er aufgewachsen und zur Schule gegangen. „Aus meiner alten Schulklasse sind jetzt schon zwölf Leute tot. Als ich zum ersten Mal einen Freund verloren habe, konnte ich nicht aufhören, zu weinen“, erinnert sich Tarek. Aber mittlerweile ist das Sterben in Syrien schon fast zur Normalität geworden.

Flucht in die Karibik

Seit der Bürgerkrieg dort begonnen hat, war Tarek nicht in seiner Heimat. Er verließ mit 17 seine Familie, um nicht in Assads Armee kämpfen zu müssen. Kriegsdienstverweigerer müssen in Syrien hohe Strafen zahlen. Also ging Tarek zu seinen Verwandten nach Santa Lucia, eine kleine Insel in der Karibik. Weißer Sand, Palmen, Partys am Strand – was wohl für jeden Jugendlichen ein Traum ist, bedeutete für Tarek gleichzeitig: Ohnmacht. Aus Tausenden Kilometern Entfernung verfolgte er, wie sich der Bürgerkrieg in Syrien ausbreitete, wie seine Stadt umkämpft wurde, bangte um seine Freunde und seine Familie. „Ich war in Sicherheit. Aber es wäre schon allein finanziell unmöglich gewesen, meine Eltern und Geschwister zu mir zu holen.“

Syrer mit Jesus-Tattoo

Der Wunsch, ohne Angst mit seiner Familie zu leben, führte Tarek nach Deutschland. Seit einem halben Jahr lebt er mit seiner Mutter in Gera. Jetzt hofft er, dass sein Vater und sein Bruder bald folgen können.

„Christen schweben in Syrien in großer Gefahr“, sagt Tarek und zeigt auf sein Tattoo: „Jesus“, steht in schwarzen Druckbuchstaben auf seinem linken Oberarm. Tarek und seine Familie wollen ihren Glauben frei leben, aber das Ziel islamistischer Extremisten ist es, das Christentum in Syrien auszurotten. „Wir mussten schon mehrfach horrende Summen an Lösegeld auftreiben, damit die Terroristen meinen Vater wieder freilassen“, sagt Tarek. Ein Albtraum.

Heimat im Herzen

Trotzdem denkt Tarek gern zurück an Syrien, an das quirlige Leben in der Stadt Homs. „Wir schlafen nie“, sagt er, und lacht. „In Gera ist nach 20 Uhr niemand mehr auf der Straße. In Syrien ist das anders – da geht das Leben die ganze Nacht weiter. Taxis fahren durch die Straßen, Händler bieten ihre Waren an, Menschen treffen sich.“ Tarek strahlt, wenn er von Syrien redet – von dem alten Syrien, das er aus seiner Kindheit kennt. Aber seine Zukunft sieht er in Deutschland. Er möchte hier gern seinen Beruf als Friseur ausüben und vielleicht bald eine Familie gründen.

© Anne-Christin Martz; aus dem Buch „Betet für unsere Kinder“, Edition Wortschatz


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