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Gebet schlägt Gewalt

Mit Gebet, Fön und Schere startet Hamed Kinderknecht in ein neues Leben.

 

Hamed zieht sich beim Sportunterricht sein T-Shirt aus, um sich umzuziehen. Ohne groß darüber nachzudenken. Alle Schüler machen das. Aber nicht alle Schüler haben Narben am ganzen Körper, eingebrannte Striemen der Misshandlung. Als Hameds Lehrer seine Wunden sieht, informiert er das Jugendamt und schickt Hamed zur Schulpsychologin. Sie fragt ihn: „Möchtest du in ein Kinderheim?“ Er, zu dem Zeitpunkt 14 Jahre alt und seit vier Jahren in Deutschland, sagt: „Ja, sonst bringt mein Vater mich noch um!“

Gewalt ist Alltag

Hamed Kinderknecht wächst im Iran auf. Er und sein kleiner Bruder leben bei ihren Eltern. Als Hamed drei Jahre alt ist, lässt sich sein Vater von seiner Mutter scheiden und, wie nach islamischen Recht üblich, behält der Vater die Kinder. Weil ihr Vater arbeitet, wohnen Hamed und sein Bruder bei ihren Großeltern. Sechs Jahre lang, dann ist die unbeschwerte Kindheit zu Ende.

Denn: Hameds Vater will aufgrund der schwierigen politischen Situation im Iran auswandern – nach Deutschland. Ein Verwandter lebt bereits dort. Also packt er seine Kinder ein und zieht in ein neues Leben. Für die beiden Jungs eine Katastrophe, denn Hamed und sein Bruder müssen nicht nur eine neue Sprache lernen und sich in einer neuen Kultur zurechtfinden, ohne die liebevolle Unterstützung der Großeltern. Sie müssen außerdem tagtäglich Gewalt erleiden. Ihr Vater beschimpft und schlägt sie, peitscht sie mit einem Kabel unter der Dusche aus oder drückt ihnen eine heiße Gabel auf die Hand: seine Form von Erziehung.

Neuer Start im Kinderheim

Erst nach vier Jahren hat das ein Ende. Hamed zieht nach dem Gespräch mit der Schulpsychologin in ein Kinderheim. Er bezeichnet diesen Ort als „Paradies“: Es herrscht ein sachlicher Umgangston mit den Mitarbeitern, es gibt keine Schläge, sondern ein klar strukturiertes Leben. Trotzdem gerät Hamed auf die schiefe Bahn – er klaut, nimmt Drogen und hat oftmals mehrere Freundinnen gleichzeitig. Keine Beziehung dauert länger als drei Monate. Fast so schnell wie seine Partnerinnen wechselt Hamed das Heim – er wird aufgrund seines Verhaltens immer wieder weitergereicht. Vielleicht ist zu viel in seinem Leben schon zerbrochen.

Dann wird er mit Drogen und einem Raub erwischt. Er landet in Untersuchungshaft, kommt mit einer Bewährungsstrafe davon. Nicht lange danach landet er wieder im Knast. Dieses Mal nimmt ein guter Freund die ganze Schuld auf sich und Hamed wird ohne weitere Konsequenzen aus der Untersuchungshaft entlassen. Folgen hat die Zeit in Haft aber dennoch: Hamed entschließt sich, sein Leben umzukrempeln. Er will einen Beruf erlernen und ein neues Leben beginnen. Im Knast war der Häftlingsfriseur überarbeitet und brauchte händeringend Unterstützung. Da sagte Hamed kurzerhand: „Ich bin auch Friseur.” Das stimmte zwar nicht, aber sein „Kollege“ freute sich über Unterstützung. Hamed hat Freude an dem Handwerk gefunden und auch seine ersten Kunden waren zufrieden.

Mit Schere und Fön ins neue Leben

Wieder in Freiheit macht Hamed eine Ausbildung zum Friseur, und das erfolgreich. Jetzt geht alles schnell: Er macht sich mit einem Geschäftspartner selbstständig,  außerdem legt er auch noch die Meisterprüfung ab. Als er fertig ist, zahlt er seinen Partner aus und eröffnet einen eigenen Salon. Doch auch wenn sich die äußeren Umstände verändert haben, ganz zufrieden ist Hamed nicht. Die Beziehung zu seiner Familie ist weiterhin schwierig, außerdem schafft er es nicht, ganz mit dem Kiffen aufzuhören.

Inmitten seiner Karriere bittet ihn ein Kumpel, seiner Schwester die Haare zu schneiden. Hamed besucht den Kumpel zu Hause, schneidet der Schwester die Haare. Währenddessen kommt noch jemand zu Besuch – ein Pastor. Er ist ein guter Freund der Familie. Hamed und der Pastor kommen ins Gespräch. Ob Hamed betet, fragt ihn der Pastor. „Ja, ich hab immer wieder gebetet. Es hat aber nichts verändert”, antwortet Hamed. Er hatte sich oft gewünscht, durch Gebete von den Drogen loszukommen und besser mit anderen Menschen umzugehen. Doch es schien nicht geholfen zu haben.

Der Pastor macht Hamed einen Vorschlag: Er soll mal zu Jesus beten. Es einfach ausprobieren, mit Jesus wie mit einem Freund zu sprechen. Hamed versteht es erst nicht: „Wieso soll man zu einem Propheten beten?“ Schließlich kennt Hamed Jesus schon aus dem Koran. Der Pastor jedoch geht kaum darauf ein. Er solle es einfach mal ausprobieren. Er brauche nicht die Bibel zu lesen oder einen Gottesdienst zu besuchen. Sondern nur schlicht und einfach beten. Schaden kann es ja nicht, denkt sich Hamed.

Ein Gebet, das lebt

Also tut er es. Er redet mit Jesus. Erzählt ihm, worüber er nachdenkt, was in seinem Leben so los ist und wofür er dankbar ist. Es sind Gespräche mit einem Freund und die gehen an Hamed nicht spurlos vorbei: Hamed reagiert sogar körperlich auf das Beten. Mal zittert er, mal muss er weinen, weil er so angerührt ist. Es ist „etwas Lebendiges“ im Gebet, schlussfolgert Hamed. Und das zeigt sich auch ganz praktisch: Nach einem Gebet kommt er plötzlich vom Haschisch weg. Die Lust darauf ist einfach verflogen. Irgendetwas scheint bei diesen Gebeten anders zu sein als früher…

Hamed reagiert sogar körperlich auf das Beten. Mal zittert er, mal muss er weinen, weil er so angerührt ist. Es ist „etwas Lebendiges“ im Gebet, schlussfolgert Hamed.

 

Dann meldet sich der Pastor noch einmal bei ihm. Er habe eine Gemeinde gegründet und lädt Hamed zum Gottesdienst ein. Hamed geht der Einladung nach. Er sieht, wie Menschen durch schlichte Gebete verändert und geheilt werden. Zuerst fragt er sich, ob alles nur Show ist. Aber dann begegnet er alten Bekannten, die auch verändert werden. Ab da an hat Hamed keinen Zweifel mehr: Es muss eine mächtige Kraft im Namen Jesus liegen. Er ist davon so begeistert, dass er seine Familie einlädt und auch sein Bruder entscheidet sich, mit Jesus leben zu wollen.

Hamed merkt, dass er reichlich Ballast aus seiner Kindheit mit sich herumträgt. Den will er endlich loswerden. Er nimmt Seelsorge in Anspruch und lernt in einem Prozess, seinem Vater zu vergeben. „Vergessen kann ich das natürlich nicht“, sagt Hamed. Trotzdem hat er Frieden gefunden.

Ein Teufelskreis wurde durchbrochen

Wenn man Hamed heute begegnet, ist es nahezu unvorstellbar, dass er traumatische Erfahrungen in seiner Kindheit hatte und kriminell war. In seinem Friseursalon hat Hamed zwei Polizisten seine Lebensgeschichte erzählt und sie haben ihm nicht geglaubt. Der nette Friseur und liebende Familienvater soll ein krimineller Schläger gewesen sein? Unvorstellbar – und doch wahr: Sie haben seine Akten überprüft.

Hamed hat durch einfache Gebete einen Teufelskreis durchbrochen – denn wie sich herausgestellt hat, war bereits Hameds Opa gewalttätig dem Vater gegenüber. In der nächsten Generation wird eine neue Geschichte geschrieben: Denn Hameds Kinder wachsen heute in einem Klima von Liebe und Annahme auf.

 

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