Porträt

Frei sein, high sein?

Weg vom christlichen Glauben, hin zum Partyleben: Artur Kehl auf Freiheitssuche.

Gottesdienst. Artur Kehl hatte sich vorher entschieden, hier auf Durchzug zu schalten. Als der Prediger dann dazu aufruft, nach vorne zu kommen und das Leben neu mit Gott anzufangen, steht Artur auf. Er geht langsam durch die Stuhlreihen nach vorne. Nach einigen Schritten hört er eine innere Stimme: „Du kannst dein Leben eh nicht ändern.“ Aber Artur entscheidet sich, weiterzugehen. Als er neben dem Prediger angekommen ist, bricht er zusammen. Er fällt auf seine Knie, weint und sagt immer und immer wieder: „Lass mich nicht los, Gott!“ Und doch – obwohl Artur es sich so sehr wünscht – ändert dieser Moment sein Leben nicht.

Eine tiefe Sehnsucht

Artur Kehls Eltern sind Christen. Als Kind besucht Artur mit seiner Familie die Veranstaltungen der Kirchengemeinde am Ort: Die Gottesdienste, die Kindergruppe; er singt sogar im Kinderchor. Das volle Programm. Artur ist überzeugt, dass es Gott gibt. Voll Selbstbewusstsein liest er in der Grundschule auf dem Pausenhof in seiner Bibel. Er macht es sich zur Mission, den anderen Kindern von Gott zu erzählen.

Dann setzt ein schleichender Prozess ein. Artur ist mehr und mehr genervt von Gott, der Kirchengemeinde und den Regeln, an die er sich zu halten hat. Er möchte frei sein. Artur beobachtet die Jungs in seiner Nachbarschaft und denkt sich: „Die haben mehr Spaß als ich. Die müssen frei sein.“ Dann kehrt Artur der Glaubenswelt den Rücken. Mit 13 Jahren macht er es offiziell: Er sagt sich von Gott los.

Alles cool. Oder?

Arthur Kehl beim Trinken mit Freunden (Foto: Privat)
Arthur Kehl beim Trinken mit Freunden (Foto: Privat)

Freiheit. Mit „harmlosem“ Kiffen fängt sie an. „Das ist doch alles pflanzlich, also aus Gottes Schöpfung“, schmunzelt Artur. Er und seine Kumpels aus dem Viertel treffen sich regelmäßig, um sich die Birne vollzudröhnen. Weitere Hobbys: Klauen, prügeln, trinken. Sie sind eine Gang, eine Gemeinschaft, eine Familie. Hier steht einer für den anderen ein.

Aber nach und nach beschleicht Artur das Gefühl, dass seine Freunde ihm etwas verheimlichen. Sie verhalten sich, als wären sie im Rausch. Getrunken haben sie nicht, das hätte Artur mitbekommen; gekifft haben sie auch nicht. Dann sitzt Artur eines Abends mit zwei Freunden gemeinsam im Keller. Es ist dunkel. Er soll leise sein. Es werden Spritzen hervorgeholt. Und Heroin. Artur glaubt, er träumt. Er fragt sich: „Kann das hier wirklich wahr sein, hier im kleinen Aschaffenburg? Junkies gibt es in New York oder Moskau, aber hier?!“

Kann das hier wirklich wahr sein, hier im kleinen Aschaffenburg? Junkies gibt es in New York oder Moskau, aber hier?!

 

Vor seinen Augen spritzen sich seine Freunde die Drogen. Artur lehnt ab. Er tut so, als sei alles cool. Innerlich betet er sogar zu dem Gott, mit dem er nichts mehr zu tun haben will – so eine starke Angst überkommt ihn. Als sich eine Chance bietet, rennt Artur nach Hause.

Ein schwarzes, nie endendes Loch

Auch wenn Artur Heroin ablehnt, ist er längst abhängig von Drogen. Marihuana, Ecstasy und Crack gehören zu seinem Alltag. In der Woche reduziert er seinen Konsum auf das Nötigste. Nach seinem Schulabschluss beginnt Artur eine Ausbildung. Die Arbeit ist ihm wichtig, er möchte sie gut machen. Aber sobald die Arbeitswoche rum ist, schüttet er rein, was der Körper gerade so aushält: Drogen, Alkohol, Zigaretten. Er lebt am Limit.

Dazu kommen Schulden. Sein exzessive Lebensstil muss finanziert werden. Dann kommen die ersten Gerichtsverhandlungen wegen Diebstahl und Körperverletzung. Artur hat das Gefühl in einem Strudel zu sein, der ihn immer weiter abwärts führt. Eines Nachts liegt er wach im Bett und kann nicht schlafen. Er versucht, sich die Ewigkeit vorzustellen. Das Einzige, was er sieht: Ein schwarzes, nie endendes Loch.

Dann lädt Arturs Vater ihn zu einem Gottesdienst ein und Artur geht überraschenderweise mit. Zuhören will er aber nicht. Und erst recht keine Emotionen zeigen. Doch dann kommt diese leidenschaftliche, aufrüttelnde Botschaft: Jesus ist in der Lage aufzufangen, was runterfällt. Artur weiß plötzlich: Gott ist real. Er ist lebendig und man kann ihn erleben. Er ist die Lösung, der Halt, nach dem Artur gesucht hat. Als der Prediger dazu aufruft, ein neues Leben mit Jesus zu beginnen, zeigt Artur seine Entscheidung, indem er nach vorne geht und betet.

Der Rückfall

Es dauert nicht lange, da holt Artur sein altes Leben wieder ein. Drogen, Kriminalität, Schulden – seine Probleme kleben an ihm, trotz seines Glaubens. Artur stellt Gott nicht in Frage. Er ist sich sogar sicher: „Gott hält mich und wird mich nicht loslassen.“ Als Artur unter Drogeneinfluss Auto fährt und das Bewusstsein verliert, bleibt sein Auto aus unerklärlichen Gründen am Straßenrand stehen. „Gott hat mich bewahrt“, sagt er im Rückblick.

Trotzdem möchte Artur so nicht weitermachen. Er will raus. Ein Ortswechsel würde sicher helfen, denkt er sich. Am besten wäre eine Bibelschule zu besuchen, um den Glauben an Gott besser kennenzulernen. Die Entscheidung steht schnell; was fehlt, ist Geld. Aus heiterem Himmel beschließen zwei Bekannte, Artur 8.000 Euro zu schenken, damit er seine Schulden bezahlen kann.

Ein Gott der Freiheit?

Heute erlebt Arthur Kehl die Freiheit, nach der er sich gesehnt hat. (Privat)
Heute erlebt Arthur Kehl die Freiheit, nach der er sich gesehnt hat. (Privat)

Mittlerweile sind sieben Jahre vergangen. Artur ist clean. Er trinkt außerdem nicht mehr und hat den Zigaretten abgeschworen. Doch das Wichtigste für ihn ist: Er hat Freiheit gefunden. Das, wonach er all die Jahre gesucht hat. Er hat die Freiheit nicht in moralischen Regeln finden können, nicht in Drogen oder Partys, sondern in Gott.

Gott ist für Artur mehr als der letzte Strohhalm geworden. Er ist ein Gegenüber, selbst wenn er unsichtbar ist. Arthur redet mit ihm, vertraut ihm alles an. Denn Artur ist überzeugt: Gott meint es gut mit ihm. Das schenkt Artur Gelassenheit und Freiheit. Aus dieser Freiheit heraus setzt er sich heute Grenzen, die ihm guttun. Und das hat sein Leben völlig verändert.


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