Porträt Lesezeit: ~ 4 min

Die zweite Chance

Vom Gläser eingießen zur Verantwortung für die ganze Welt.


Ich erinnere mich daran, was für eine große Sache es für unseren Sohn war, als er sein Glas zum ersten Mal eingießen durfte. Er war hochkonzentriert und fixierte den Rand des Glases. Man sah ihm an wie wichtig dieses Ereignisses für ihn war. Er goss sein Glas ein, es füllte sich immer mehr, bis es schließlich überlief. Jetzt wurde er traurig und war sichtlich enttäuscht. Wir sagten ihm, dass er beim nächsten Mal besser aufpassen müsse und ließen ihn das Wasser vom Tisch aufwischen…

Aber was hat das jetzt mit uns zu tun? Unser Sohn durfte für eine bestimmte Situation die Verantwortung übernehmen und das machte ihn stolz. Sein Scheitern hingegen machte ihn traurig, beschämte ihn. Geht es uns nicht oft genauso?

Immer wieder können wir in verschiedenen Bereichen zum ersten Mal Verantwortung übernehmen. Dann erfüllt uns Stolz, wir freuen uns über die Chance und gehen diese besonders konzentriert an. In manchen Situationen gelingt es uns, die Erwartungen zu erfüllen, in anderen scheitern wir. Dann werden wir traurig – wie unser Sohn.

Danach tauchen die Stimmen auf, die zu uns sprechen. Da ist eine Stimme, die uns tröstet und Mut für den nächsten Versuch zuspricht. Eine andere Stimme will uns eine neue Chance einräumen. Da ist aber auch die Stimme, die uns zuflüstert: „War ja klar, dass du das nicht kannst… Lass es bleiben. Du bist einfach nicht genug. Alle lachen über dich.“

Hätte unser Sohn die zweite Stimme gehört – vielleicht würde er noch heute keine Gläser eingießen. Aber er tut es. Ohne dass sie überlaufen. Er wusste sich gestärkt. Beschützt. Er wusste, dass er eine zweite Chance bekommen würde und wurde motiviert, weiter zu machen. Er hatte ein Vorbild, von dem er lernen konnte, wie es richtig geht. Oft fehlen uns sowohl Vorbilder als auch Zuspruch in einer Welt, in der es so oft nur darum geht, zu funktionieren.


Als Kapitän der Fußballmannschaft gescheitert

Ich selbst bin in meinem Leben oft zerbrochen, als es darum ging, Verantwortung zu übernehmen. Der Kapitän beim Fußball, Klassensprecher in der Schule, immer war da der Anspruch, voran zu gehen und etwas Besonderes auf die Beine zu stellen. In all diesen Situationen bin ich gescheitert. Ich konnte weder die Erwartungen der Menschen an mich erfüllen, noch meine eigenen. Das war frustrierend und mit der Zeit floh ich vor der Verantwortung, die mir überall begegnet ist.

Ich begann mich mit Drogen und Alkohol zu betäuben und drückte mich so davor, dass die Menschen etwas von mir erwarten konnten. Meine eigenen Erwartungen konnte ich „vergessen“. Ich sah so vieles im Leben, das nicht gut war – Ungerechtigkeit und Leid – aber niemanden, der sich dafür verantwortlich fühlte, all das zu ändern. Ich spürte den Druck der Verantwortung auf meinen Schultern. Daran zerbrach ich. Ich hatte den Eindruck, dass ich all das Elend auf der Welt beenden müsse – und knickte immer weiter ein. Nur durch Drogen und Alkohol konnte ich wegsehen und fühlte mich in der Lage, mit dieser Welt leben zu können.

Nur durch Drogen und Alkohol konnte ich wegsehen und fühlte mich in der Lage, mit dieser Welt leben zu können. – Sebastian Banzhaf

 

Aber: Bin ich denn für alles verantwortlich? Ist es meine Verantwortung, all das Leid der Welt zu tragen? Nein. Deine Verantwortung ist es ebenfalls nicht. Das können wir gar nicht. Oft sind wir in dieser Welt schon mit der Verantwortung für die eigenen Stürme des Lebens überfordert. Wir können diese Last kaum tragen und wünschen uns die Verantwortung abgeben zu dürfen.

Die Stimme, die uns begegnet und sagt: „Du kannst das nicht!“, wird immer lauter und scheint zu gewinnen. Wir fühlen uns nicht mehr in der Lage, das Leben zu meistern und geben unsere Ideale, unser Herzblut, unsere Visionen von einer besseren Welt einfach auf. Sollen sich andere darum kümmern.

Ich wollte damals sterben. Meine Träume waren längst begraben. Doch dann begegnete mir Jesus. Ich merkte, dass er dieser andere war, der die Verantwortung für mein Scheitern übernahm. Er war die Stimme, die ich lange nicht hörte und die mir sagte: „Ich liebe dich. Mach weiter, ich bin bei dir!“

Jesus sagte: „Ich liebe dich. Mach weiter, ich bin bei dir!“ – Sebastian Banzhaf

 

Er war die Stimme, die mir Mut zusprach. Er begegnet uns auch heute noch in den dunkelsten Momenten und flüstert uns zu, dass wir die Verantwortung für unser Leben loslassen dürfen, denn er hat all unser Scheitern schon getragen, als er auf Golgatha für unsere Verfehlungen starb. Als mir das bewusst wurde starb ich tatsächlich – und wurde neu geboren. Heute lebe nicht mehr ich, sondern Jesus lebt in mir. Er, der die Last der ganzen Welt getragen hat. Dieser andere, der die Verantwortung für mich und für dich übernommen hat.

 

Verantwortung übernehmen

Vom Ballast meiner eigenen Verfehlungen befreit, kann ich heute wieder Verantwortung übernehmen. Für meine Familie und für die Armen in meiner Umgebung, um so das Leid in der Welt ein wenig zu lindern. Die Visionen meiner Jugend leben wieder auf, weil der, der für mich verantwortlich ist, sie mit seinem Vorbild neu entzündet hat. 

Ich zerbreche nicht mehr an der Verantwortung, denn sie liegt in Jesu Hand.  Wie bei unserem Sohn ermutigt mich das Wissen um diese Tatsache, dass da einer ist, immer wieder neu, das leere Glas meiner Mitmenschen wieder aufzufüllen.


Der Autor Sebastian Banzhaf ist Leiter des Hilfswerks „Leinen los“ in Heilbronn. Ab April unterhält der Verein ein Haus in Rimbach (Odenwald), um Menschen aufzunehmen, die aus der Sucht aussteigen wollen.


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