Lebensbericht

Aufbruch von der schwarzen Couch

Wie eine radikale Entscheidung mich in den Dschungel von Kambodscha brachte.

Im Frühsommer vor fünf Jahren. Meine Frau und ich sitzen eines Abends auf unserer schwarzen Couch und unterhalten uns. Wir sprechen über unser Leben und resümieren unseren bisherigen, gemeinsamen Weg. Am Ende fasst meine Frau zusammen: „Wir leben in einem kleinen Häuschen am Rande von Köln, haben zwei gesunde Kinder, ein Auto, einen Kühlschrank, einen Fernseher, einen Grill und Pläne für den Sommer – war es das? Machen wir so für die nächsten dreißig Jahre weiter?“

„Wir leben in einem kleinen Häuschen am Rande von Köln, haben zwei gesunde Kinder, ein Auto, einen Kühlschrank, einen Fernseher, einen Grill und Pläne für den Sommer – war es das? Machen wir so für die nächsten dreißig Jahre weiter?“

Ich hatte spontan keine Antwort, nur einen Impuls. Und der sagte mir: „Nein, das war es noch lange nicht.“ Tatsächlich reifte während der nächsten Wochen in uns die Überzeugung, alles loszulassen und unser Leben radikal zu verändern. Im gemeinsamen Gespräch und Gebet kamen wir zu dem Schluss, dass es an der Zeit war, ins Ausland zu gehen. Wir wollten missionarisch arbeiten – und natürlich die Gelegenheit nutzen, die Welt ein wenig besser kennenzulernen. Daher verkauften und verschenkten wir in den folgenden Monaten fast unser gesamtes Hab und Gut, bis wir mit nur sechs gepackten Koffern und vier pochenden Herzen in ein Flugzeug nach Phnom Penh, der Hauptstadt von Kambodscha, stiegen.

Wir hatten – mal eben so – alles aufgegeben, was wir bis dahin erreicht hatten. Wir muteten unserer Familie und Freunden zu, dass wir am anderen Ende der Welt als Entwicklungshelfer arbeiteten. Die Entscheidung fiel uns leicht, weil wir von Anfang an vertrauten, dass Gott einen Plan mit uns hatte. Einer, der größer und unüberschaubarer ist, als wir es jemals greifen könnten. Diesem Plan bedingungslos zu vertrauen, obwohl wir ihn noch gar nicht genau kannten, war vielleicht der bis dato radikalste Schritt in meinem Leben.
 

Dariush Ghobat in Kambodscha
Dariush Ghobad in Kambodscha (Foto: privat)

Tatsächlich schenkte uns dieser Plan eine unbeschwerte, abenteuerliche und spirituell intensive Zeit, wie wir es nie erwartet hätten. Vom Sommer 2013 bis zum Sommer 2016 lebten und arbeiteten wir im Königreich Kambodscha, einem Land mit überwuchernden Tempelruinen, anmutigen Apsara-Tänzerinnen, unberührten Traumstränden, Mangrovenwäldern und einer rasant wachsenden Hauptstadt. 

 

Rückblickend war die eindrücklichste Erfahrung aus dieser Zeit die allgegenwärtige Spiritualität im tagtäglichen Leben. Wie in vielen Ländern Südostasiens dominiert in Kambodscha der Buddhismus. Die Mönche mit ihren safranfarbenen Kutten und Almosenschälchen sind aus dem Straßenbild – gerade der ländlichen Region – nicht wegzudenken. Auch die kleinen Opferaltäre in den Gärten oder in den Häusern der Menschen prägten unsere Wahrnehmung dieser Spiritualität. Sie war für uns viel gegenwärtiger als in Deutschland. Das führte unweigerlich dazu, dass auch wir als Christen – die dort deutlich in der Minderheit sind – freier unseren Glauben leben konnten.

An meiner Arbeitsstelle, einer christlichen Nichtregierungsorganisation, arbeiteten wir als Christen und Buddhisten friedlich miteinander. Das gemeinsame Gebet in Sitzungen, vor dem Essen oder vor einer gefährlichen Überlandfahrt war selbstverständlich. Das hatte ich bei meinen vielen christlichen Arbeitgebern im Laufe meines Berufslebens in Deutschland nur sehr selten erlebt. Auch die Leichtigkeit und Beschwingtheit, mit der man seinen Glauben leben kann, haben mich in Kambodscha inspiriert. Vielleicht spüren die Menschen die Nähe zu Gott unmittelbarer, weil auch der Rest des Lebens in einem Entwicklungsland bodenständiger ist. In einer Dorfgemeinschaft ohne fließendes Wasser und Strom wird jede Geburt zu einem deutlich spürbaren Wunder. 

Auch die Leichtigkeit und Beschwingtheit, mit der man seinen Glauben leben kann, haben mich in Kambodscha inspiriert. Vielleicht spüren die Menschen die Nähe zu Gott unmittelbarer…

 

In den drei Jahren habe ich mit meiner Frau oft überlegt, ob diese Entscheidung die „richtige“ war. Erst im Rückblick kann ich es für mich klar benennen: Es war definitiv der richtige Schritt, diesem Impuls zu folgen und unser Leben noch einmal bewusst in die Hände unseres Schöpfers zu legen. Sein Plan hat uns diesen radikalen Weg geführt. Und am Ende wieder zurückgebracht.

Wir haben als Familie versucht, uns von all dem ein wenig zu bewahren, als wir im Sommer 2016 nach Wetzlar und damit nach Deutschland zurückgekehrt sind. Wir sitzen manchmal noch auf dem Boden beim Essen, wir beten beim Waldspaziergang oder wir planen weniger in die Zukunft hinein. Trotzdem ist in unserem Leben wieder Normalität eingekehrt. Mit einem Haus, einem Auto, einen Kühlschrank, einer schwarzen Couch und Plänen für den Sommer. Für drei Jahre in den Dschungel von Kambodscha – das war die radikalste Entscheidung in meinem Leben. Bislang!


Dariush Ghobad, Jahrgang 1977, verheiratet, 2 Kinder. Er arbeitete bereits für diverse kirchliche Einrichtungen und Träger im Fundraising. Bei ERF Medien leitet er den Bereich Spenderbetreuung.
 

Banner zum Schwerpunktthema radikal anders


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.