Buchauszug

„Meine Seele ist heimatlos“

Warum sich Andreas für Flüchtlinge einsetzt.

Erzählcafe der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Gera (Foto: Wolfgang Hesse)
Erzählcafe der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Gera (Foto: Wolfgang Hesse)

Eine dramatische Flucht bleibt unvergesslich in Erinnerung. Es kann heilsam sein, die traumatischen Erlebnisse anderen mitzuteilen. Im „Café global“ der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Gera treffen sich Syrer, Russlanddeutsche, Eritreer, Afghanen und andere Gäste,  um von ihrer Heimat, ihren Erfahrungen auf der Flucht und ihren Enttäuschungen und Hoffnungen zu erzählen.

Flucht aus der Ukraine

Die Journalistin Anne-Christin Martz hat sich im „Erzählcafé“ mit Besuchern und Mitarbeitern unterhalten. Einige dieser Gespräche schildert sie in dem Buch „Betet für unsere Kinder“. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin drucken eines dieser Gespräche ab, in dem Andreas, Sohn von deutschen Flüchtlingen im 2. Weltkrieg, über seine Erfahrungen erzählt.

Die Szene könnte aus einem Film stammen: Menschen sitzen dicht gedrängt auf einer Kutsche. Das Pferd trabt über die Brücke, kommt am anderen Ufer an. Kurz darauf: Eine Explosion. Soldaten haben die Brücke zerstört, die über die Oder führte. Der Schreck, die Angst, und dann das Aufatmen: Wir sind sicher auf der anderen Seite.

Das ist Andreas' Mutter auf ihrer Flucht nach Deutschland widerfahren. Als „Volksdeutsche“ wurde sie von den Russen nicht länger geduldet, obwohl ihre Familie seit Generationen in der Ukraine gelebt hatte.

Andreas' Vater traf ein ähnliches Schicksal. Als Sohn deutschstämmiger Eltern verbrachte er seine Kindheit am Schwarzen Meer, bis er vertrieben wurde. „Heim ins Reich!“ - in ein Land, das er nur aus den Erzählungen der Großeltern kannte.

Das Gefühl nicht dazu zu gehören

Andreas' Eltern waren damals noch Kinder. In Deutschland haben sie nach dem Krieg schnell Fuß gefasst. „Außer, dass meine Mutter Borschtsch und Piroggen kocht, sind wir Menschen von hier“, sagt Andreas. „Außerdem hat die Familie über Generationen hinweg ihre deutschen Traditionen gepflegt. Mein Vater kam zurück und hat geschwäbelt, denn seine Vorfahren stammten aus Baden-Württemberg.“ Andreas lacht. Gleich darauf wird er ernst. Er spricht vom Gefühl, nicht dazu zu gehören, das er immer wieder verspürt. „Ich habe kein zu Hause. Meine Seele ist heimatlos.“

Fluchterlebnisse von damals gleichen den Erfahrungen von heute

Plötzlich beginnt Andreas von den Flüchtlingen zu reden, die gerade nach Deutschland kommen. Für ihn ist das kein Themawechsel. „Es ist nur eine Zeit dazwischen – mehr nicht. 70 Jahre, ansonsten ist das eins zu eins dasselbe. Viele Menschen vergessen ihren Fluchthintergrund und lehnen Flüchtlinge kategorisch ab. Dabei sind ihre Eltern oder Großeltern einmal in derselben Lage gewesen.“

Andreas und seine Frau engagieren sich in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Zeitz. „Bei meinem Lebenshintergrund geht das gar nicht anders“, sagt Andreas. Er beschreibt, wie er immer wieder Parallelen erkennt: „Meine Eltern und Großeltern haben genau das durchgemacht, was die Flüchtlinge heute erfahren.“

Ein Kunststück: Männer, zum Sprechen zu bringen

Die Leere, wenn die Heimat verloren geht: „Mein Vater hat nie darüber geredet“, sagt Andreas. Auch die Männer aus Syrien, Afghanistan oder Serbien hüllen sich oft in Schweigen - vielleicht, weil sie keinen Ansprechpartner haben. „Es fehlen Männer, die mit Männern reden“, sagt Andreas. Da sieht er seine Aufgabe. Er will Menschen helfen, ihre Ängste zu verarbeiten; möchte, dass sie sich wohlfühlen in Deutschland. „Dafür braucht es Geduld von allen Seiten“, sagt er.     

© Anne-Christin Martz; aus dem Buch „Betet für unsere Kinder“, Edition Wortschatz

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Kommentare

Von Jörg am .

Der Unterschied ist augenscheinlich: Während die Flüchtlinge im und nach dem Zweiten Weltkrieg ausnahmslos aus Frauen und Kinder bestanden, kommen seit 2015 fast ausschließlich gut genährte Männer im wehrfähigen Altern. Allein von daher verietet sich der Vergleich. Zudem handelte es sich damals um Deutsche, die innerhalb von Deutschland flohen in völlig zerstörte Ortschaften, ohne Aussicht auf Versorgung. Die aktuellen Migranten, die man Flüchtlinge nennt, erfüllen weder nach der Genfer mehr


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