Porträt

Der Kampf mit den Kilos

Shiriens Weg zu einem starken Selbstbewusstsein

„Ich fühlte mich nie so wertvoll wie alle anderen Frauen“, erklärt Shirien Pfitzer. Jahrelang leidet die junge Frau unter Selbstwertproblemen. Schon früh beginnt sie, sich mit anderen zu vergleichen, vor allem mit ihren Geschwistern: „Ich hab ganz andere Gene. Ich wollte immer so schlank und sportlich sein wie meine Geschwister“, beschreibt sie. Außerdem musste sie schon früh mit einem Loch in ihrem Herzen kämpfen: „Mein Papa hat mich verlassen.“ In regelmäßigen Abständen schickt dieser ihr Kleider seiner Stieftöchter. Die sind ihr jedoch 3 Nummern zu klein. „Ich habe in die Kleidung nie reingepasst. Dadurch habe ich immer wieder gelernt, dass ich zu dick bin. Ich bin nicht schlank genug.“ Im Kopf von Shirien setzt sich eine Schlussfolgerung fest: Je dünner, desto wertvoller. Das führt zu einer Lüge, die sich durch ihr Leben zieht: „Ich bin wohl weniger wert!“

Um sich wertvoller zu fühlen, versucht Shirien mit allen Mitteln ihren Körper zu ändern und setzt sich ständig auf Diät: „Ich habe nur noch Eiweiß gegessen und an jedem zweiten Tag Sport gemacht.“ In dieser Zeit ist sie zwar eng mit ihrer christlichen Heimatgemeinde verbunden, doch es fällt ihr schwer, Gottes bedingungslose Liebe anzunehmen.

Der Gedanke, dass sie mit einem dünneren und sportlicheren Körper mehr Wert bekommt, führt sie zu einem völlig verdrehten Selbstbild. Als Shirien in ihrer Jugendzeit an Allergien erkrankt und auf viele Nährstoffe verzichten muss, nimmt sie in kurzer Zeit zehn Kilogramm ab. Diesen Gewichtsverlust will Shirien mit allen Mitteln halten. „Die Folge war, dass ich jeden Tag auf der Waage stand. Ich habe alles, was ich esse, aufgeschrieben und mich beim Essen immer schlecht gefühlt.“ Das ging ein Jahr lang so, bis eine sehr gute Freundin mit klaren Worten sagte, wie schädlich ihr Verhalten sei. „Erst da habe ich gemerkt, dass ich ein Problem entwickelt habe.“, reflektiert Shirien heute.

Abhängig von Emotionen

Wenig später sitzt sie in einem Gottesdienst und hört einer Predigt zu. „Es ging darum, ob man sich von Emotionen abhängig macht. Ich saß da und dachte, dass mir sowas nicht passieren würde. In dem Moment habe ich das erste Mal Gottes Gedanken zu diesem Thema wahrgenommen. Er sagte zu mir: „Shirien, das stimmt so gar nicht. Denn wenn die Zahl auf der Waage oder die Kalorienzahl für dich nicht stimmt, bist du emotional am Ende. Darüber müssen wir uns noch unterhalten.“

Shirien Pfitzer (Foto: Shirien Pfitzer)
Shirien Pfitzer (Foto: Privat)

Shirien lässt sich auf ein Gespräch mit Gott ein. Sie erkennt, dass sie Gott mit ihrem Verhalten eigentlich beleidigt. „Wenn ich unzufrieden mit meinem Körper bin, meckere ich auch an Gott als meinem Schöpfer herum. Dazu habe ich kein Recht, denn er hat sich bei meinem Körperbau etwas gedacht.“ Danach löscht sie die Apps von ihrem Handy, die ihre Kalorien zählen: Der Beginn eines langes Prozesses, indem sie lernt, nicht mehr nur in Kalorienzahlen zu denken und Schritt für Schritt zu einem gesunden Essverhalten und Selbstbild zurückzukehren.

Enttäuscht von Gott

Der Weg zur Selbstannahme ist jedoch lang und schwer. „Die größte Herausforderung in diesem Prozess war, dass ich immer daran denken musste, wie mich andere sehen. Ich kann mit mir im Reinen sein, aber sobald ein Kommentar von jemand anderem kommt, bin ich oft total verunsichert.“, erklärt Shirien. Außerdem diagnostizieren ihr Ärzte in dieser Zeit Allergien, die den regelmäßigen Sport unmöglich machen. Lange fragt sie Gott, warum er es ihr dadurch noch schwerer macht. Denn keinen Sport mehr zu treiben, bedeutet für Shirien vor allem eins: Gewichtszunahme. Sie ist enttäuscht von Gott und ringt immer wieder mit dem Sportverbot. Heute nimmt sie auch hierbei Gottes Fingerabdruck wahr: „Manchmal sind diese Allergien meine Rettung, sonst würde ich nie still stehen. Gott hat mich dadurch sehr streng ermahnt, aber das hab ich gebraucht.“

Verantwortung für sich selbst übernehmen

Das Schönheitsideal, schlank und sportlich zu sein, ist bei Shirien trotzdem nicht einfach verschwunden. „Weil ich keinen Sport mehr machen darf, ist mein Gewicht gerade so hoch wie schon lange nicht mehr“, beschreibt Shirien. „Doch wenn ich mich nicht weiter quälen will und zufrieden leben möchte, muss ich lernen, damit umzugehen. Denn ich habe diesen Körper für immer, er wird nicht verschwinden.“ Auf ihrem Weg zu einem gesunden Selbstwert hilft es ihr, ihren Medienkonsum ehrlich zu hinterfragen. Die Instagram-Liebhaberin schaut sich zum Beispiel weniger Bilder von dünnen Models an, sondern mehr solche, die auch Rundungen zeigen. „Das hilft mir. Denn Bilder beeinflussen, wie ich aussehen möchte. Wir machen es uns durch einen falschen Konsum selbst schwer. Wenn ich unbedingt einen Freund haben will, hilft es nicht, ständig romantische Filme anzuschauen. Davon bekomm ich keinen Freund. Genauso wenig werde ich sportlicher, wenn ich mir fünfzig verschiedene Sportlerinnen am Tag anschaue.“

Ohne Scham über die eigene Geschichte reden

Außerdem ist es Shirien wichtig geworden, ehrlich über ihre Geschichte zu reden. Dazu gehört es auch, sich einzugestehen, dass es immer noch Momente gibt, in denen sie heulend auf dem Zimmerboden sitzt, weil die Jeans nicht passen. „Ich will nicht in einer Welt leben, in der ich meine eigene Geschichte nicht ehrlich erzählen kann. Mich stört es, dass man nicht sagt, was wirklich los ist.“, erklärt sie. Seit einem Jahr schreibt sie deshalb gemeinsam mit zwei Freundinnen offen und ehrlich auf ihrem Blog herzensfreundinnen.de. „Gott hat Geschichten mit Menschen wie David in die Bibel geschrieben, damit wir davon lernen. Warum sollten wir heute nicht das Gleiche tun können? Wir meinen viel zu oft, dass wir über Themen wie unseren Körper nicht reden dürfen, weil es peinlich ist. Aber wenn wir nicht damit anfangen, wer dann?“

Die junge Theologin hat einen Willen entwickelt, Verantwortung für sich zu übernehmen und Veränderungen anzugehen. Heute macht sie anderen Mut, Gott in schwere Lebensbereiche hineinsprechen zu lassen: „Jeder hat Baustellen. Das Wichtige ist, dass ich Gott erlaube, an mir zu arbeiten — auch wenn es schwer und schmerzhaft ist.“ Denn nur so hat sie verstanden, wie sehr Gott sie liebt und dass er sie schön gemacht hat.


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