Porträt

Die letzte Fressorgie

Jahrzehntelang leidet Sigrid Overmeyer unter Bulimie. Doch Jesus macht sie frei.

Die fröhliche Geburtstagsrunde hat sich aufgelöst. Nur Sigrid sitzt noch allein in der Küche. Wie gerne würde sie sich auch einfach ins Bett legen. Doch die Sucht lässt es nicht zu. Vor ihr stehen einige Torten, die sie in den nächsten rund vier Stunden verschlingen und danach qualvoll wieder erbrechen wird. „Gut fress, gut kotz“ hatte ihre Tochter noch gesagt, bevor sie wie alle anderen schlafen ging. Jetzt ist es still im Haus. Sigrid nimmt den Esslöffel und bohrt ihn in die Schwarzwälder Kirschtorte. Noch ahnt sie nicht, dass diese Nacht ihr Leben verändert wird.

„Wenn ich will, kann ich aufhören – ich will aber gar nicht!“

Seit 23 Jahren kämpft sie mit Bulimie, der Ess-Brech-Sucht. Sie kann sich noch gut daran erinnern, wie es angefangen hat. Sie ist 19, als ihr erster Freund sich von ihr trennt. Aus Frust stopft sie eine ganze Tüte Erdnüsse in sich hinein. Geschockt über ihre „Undiszipliniertheit“ kippt ihr Essverhalten. Schon am nächsten Morgen darf es keine Butter mehr auf dem Brot sein. Am darauffolgenden Tag keine Marmelade. Sie reduziert ihre Nahrung auf ein Minimum, wird magersüchtig. Schon bei einem Apfel bekommt sie Schuldgefühle, obwohl er oft das einzige ist, was sie am Tag zu sich nimmt. Die extreme Selbstkasteiung gibt ihr das Gefühl, zumindest ihren Körper unter Kontrolle zu haben. Sie nimmt 20 Kilo ab und wiegt schließlich nur noch 41 Kilo.

Nur widerwillig macht sie auf Drängen ihrer Eltern eine Therapie. Sie glaubt: „Wenn ich will, kann ich aufhören − ich will aber gar nicht!“ Statt gesund zu werden, bekommt sie von einer Mitpatientin den Tipp, das Essen einfach wieder zu erbrechen. Aus der Magersucht wird Bulimie.

Und die Sucht wird immer schlimmer. Während einer Fressorgie stopft sie wahllos alles in sich hinein, vor allem Fettes und Süßes. „Ich hab nie vernünftiges Essen gekocht, sondern es ging eigentlich drum, Essen zu vernichten. Ich hab’s reingeschmissen, Flips, Chips mit noch dick Butter drauf, Schokolade, Wurst… Mein Vater sagte einmal: ‚Warum frisst du nicht fünf Kilo Kartoffeln, dir geht’s doch nur drum, dass du was drin hast‘.“

Der Versuch, auszusteigen

Einmal stellt sie sich nach einem Fressanfall auf die Waage und ist schockiert − sie hat sechs Kilo Lebensmittel verschlungen. Früher konnte sie es zumindest noch vor den Kindern verheimlichen, doch auch das hat sie aufgegeben. Essen und kotzen wird zum Familienalltag. Ihr ganzes Leben dreht sich nur noch um die Krankheit, jeden Tag der gleiche, erniedrigende Prozess, teilweise mehrmals, stundenlang. Da bleibt keine Zeit oder Kraft für Verabredungen mit Freunden, Kino oder andere Familienaktivitäten. Ihre Welt ist eng geworden und liegt zwischen Supermarkt, Esstisch und Toilette.

Als sie mit 35 Jahren ihre inzwischen dritte Therapie beginnt, gilt sie schon als hoffnungsloser Fall. Sie hat noch eine Lebenserwartung von anderthalb Jahren, so ausgelaugt ist ihr Körper vom ständigen Erbrechen. Sie hat Krampfadern in der Speiseröhre und erbricht regelmäßig Blut. Zum ersten Mal will sie wirklich von der Sucht loskommen und gesteht sich ein, dass sie es alleine nicht schafft. In der Klinik angekommen, betet sie. „Ich habe seit meiner Teenagerzeit an Gott geglaubt. Ich habe Jesus mein ganzes Leben anvertraut − bis auf den Bereich des Essens. Den wollte ich für mich behalten, da habe ich ihn nicht ran gelassen. Und Gott respektiert unseren Willen. Aber an diesem Tag habe ich aus tiefstem Herzen zu Jesus geschrien und ihn gebeten, mich von der Sucht zu befreien.“ Und tatsächlich spürt sie Gottes Hilfe. Sie schafft es, 6 Wochen lang ohne die Ess- und Brechsucht zu leben, wird als geheilt entlassen, ist überglücklich.

Aus einem Rückfall werden sieben weitere Jahre Sucht

Doch ein heftiger Streit mit ihrem Mann wirft sie erneut aus der Bahn. Wütend führt ihr Weg direkt an den Kühlschrank. Nur einmal kotzen, denkt sie sich. Nur ein einziges Mal, um den Frust abzubauen. Doch aus dem einen Mal werden weitere sieben Jahre. Der Therapieerfolg ist zunichte gemacht, alles ist wie vorher. Ihre Familie ist verzweifelt. Je mehr Streit es gibt, desto schlimmer die Sucht; je schlimmer die Sucht, desto mehr Streit − ein Teufelskreis. Ihre Ehe hält dieser Zerreißprobe nicht stand.

Sigrid Overmeyer steht vor den Trümmern ihres Lebens. Sie ist 42 Jahre alt und hat kaum noch Hoffnung, jemals wieder gesund zu werden. Sie leidet unter enormen Schuldgefühlen. Sie fragt sich: Kann mich Gott noch mal heilen? Will er das überhaupt, nachdem ich alles ruiniert habe? Habe ich endgültig alles verspielt?

Ein unerwartetes Wunder

Es ist halb drei in der Nacht, als Sigrid an diesem Abend der Geburtstagsfeier ihre Fressorgie beendet. Mühsam schleppt sie sich zur Toilette. Doch dann passiert etwas Unerwartetes: Sie kann sich nicht übergeben.

„Ich war in diesem Moment vollkommen hilflos und dann hatte ich plötzlich das Gefühl, Jesus steht hinter mir im Badezimmer. Ich wusste, dass ich auf ein Wunder angewiesen war, um frei zu werden und spürte: Jetzt passierte es. Jesus hat zu meinem Herzen gesprochen und gesagt: ‚Ich mach dich noch mal frei, ein für alle Mal, aber du musst es annehmen. Du triffst jetzt die Entscheidung, ob du an der Sucht zu Grunde gehst oder ob du dich befreien lässt‘.

Das war alles im Bruchteil von Sekunden aber das war ein Kampf. Ich wusste, wenn ich mich in dem Moment der Sucht noch einmal zuwende, werde ich das nicht überleben. Es war eine Entscheidung zwischen Leben und Tod − und ich habe mich für das Leben entschieden. Und plötzlich war dieser Drang, sich übergeben zu müssen, weg. Ich habe mich dann ohne zu erbrechen, mit meinem vollen Bauch ins Bett gelegt und habe das erste Mal seit Jahrzehnten richtig gut geschlafen.

„Ich fress und kotz nie mehr!“

Als Sigrid am nächsten Morgen ins Wohnzimmer kommt, spürt ihre Familie sofort, dass sich etwas verändert hat. Ihre Mutter fragt: „Was ist passiert, du siehst regelrecht verklärt aus?“. Sigrids Antwort: „Ich fress und kotz nie mehr!“

Seit zehn Jahren ist sie jetzt frei von der Bulimie, kann das Leben und auch ihr Essen wieder genießen. Immer noch ist es ein unglaubliches Gefühl für sie, ein Stück Kuchen zu essen und nicht drei Torten nachschieben zu müssen. „Ich werde nicht mehr von meinem Suchtdruck bestimmt. Ich war ja wie ein Drogensüchtiger. Ich habe echt einen Erlöser gebraucht und Jesus hat mich befreit!“

Wenn Sigrid zurückdenkt, erfüllt sie eine große Dankbarkeit und ein Staunen über Gottes Macht und Gnade.

„In dieser Nacht damals hab ich gesagt: ˏJesus, meine Botschaft an meine Mitmenschen wird sein: Es gibt für dich keine hoffnungslosen Fälle. Egal wie lange ein Mensch in irgendwas festhängt − Jesus kann das Unmögliches möglich machen.ˊ“


Sigrid Overmeyer zu Gast in unserer Sendung „Mensch, Gott!“

 

 


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