Porträt

Kriminell aus Überzeugung

Markus Schanz ist gerne kriminell. Das ändert sich, als er ins Gefängnis kommt.

Aufstehen, wenn es einem befohlen wird. Arbeiten, weil der Staat es so angeordnet hat. Essen, was einem vorgesetzt wird. Besuch nur zu vorgegebenen Zeiten. Und um 19 Uhr geht die Zellentür wieder hinter einem zu – ohne Ausnahme.

So sieht der Alltag von Markus Schanz für über zwei Jahre lang aus. Er sitzt wegen gefährlicher Körperverletzung im Gefängnis. Er ist gerade einmal 18 Jahre alt, als er die JVA Rockenberg zum ersten Mal als Häftling betritt. „Das war ein beengendes Gefühl, als die Tore zugingen. Mit vielen Fragezeichen: Wie geht es jetzt weiter?“

Draußen, auf der Straße, hatte er die richtigen Leute gekannt, sich durch seine loyale und gewiefte Art einen Namen gemacht und viel Geld mit zwielichtigen Geschäften verdient. Doch hier ist er nur einer unter vielen. Tagtäglich arbeitet und lebt er Seite an Seite mit Mördern, Vergewaltigern und Schwerverbrechern. Nach außen hin mimt Markus Schanz den harten Kerl, um sich nicht unnötig in Schwierigkeiten zu bringen. Er ist clever und hat einen verbissenen Überlebensinstinkt, so dass er schnell wieder die richtigen Leute kennenlernt und sich damit den täglichen Ärger in der JVA vom Leib hält.

Vom schnellen Geld in den Knast

Sich durchmogeln – das hat er früh gelernt. Markus Schanz ist in einem Brennpunktviertel in Darmstadt aufgewachsen. In seinem Viertel hatte er viele Freunde, mit denen er die Wohnblocks unsicher machte: Erst waren es leichte Drogen, dann kleinere Diebstähle – später wurden die Straftaten immer schwerer. „Hauptsache nicht normal arbeiten gehen. Wir waren einer der vielen Überlebenskünstler in unserem Stadtteil, die mit verschiedenen Möglichkeiten versucht haben, Geld zu machen.“ Nach der 7. Klasse schmiss er die Schule und verbrachte mehr und mehr Zeit auf der Straße, mit seinen Kumpels. „Ich hab’s nicht verstanden, warum die Leute studieren gehen und es sich so schwer machen, wenn man auf leichte Art und Weise viel mehr Geld verdienen kann.“

Aber mit dem „leichten“ Leben ist es spätestens jetzt vorbei. In den einsamen Stunden in seiner Zelle, wenn Markus Schanz nicht seine harte Maske aufziehen muss, zwingt ihn die eigene Orientierungslosigkeit in die Knie. Was hat er bloß aus seinem Leben gemacht? Will er wirklich wie die hoffnungslosen Fälle enden, die zu dutzenden um ihn herum ein trauriges Dasein im Schatten der Gesellschaft fristen?

Draußen, in seinem Viertel, sind ihm selten solche Gedanken gekommen. Im immerwährenden Rausch nach Anerkennung und dem nächsten Kick hat er gedealt, geraubt, viel Geld gemacht und noch mehr davon ausgegeben. Er hat Spaß gehabt und es für Glück gehalten. Seine gläubigen Eltern, regelmäßige Kirchgänger und brave Bürger, waren gegen die Entwicklung ihres Sohnes machtlos. „Der Drang und die Gier nach Geld und Anerkennung waren größer. Ich habe das Interesse verloren mit meinen Eltern Sonntags in den Gottesdienst zu gehen. Ich fand langweilig, was in der Kirche läuft.“

„Plötzlich hast du eine ganze Armada gegen dich“

Doch was bringt ihm jetzt das Geld und die Anerkennung seiner Freunde, hier im Gefängnis − ohne Schulabschluss und Zukunftsperspektive? Und er kann sich noch nicht einmal mit irgendwelchen Drogen betäuben, um den Druck seines schlechten Gewissens loszuwerden. Denn Markus Schanz ist klar, dass er das Gefängnis verdient hat: Bei einem Streit war die Gewalt eskaliert und ein Mensch wurde schwer verletzt. Aufgrund seines langen Vorstrafenregisters hat der Richter ihn kurzerhand für knapp drei Jahre in den Knast geschickt.

Und dann wird er eines Tages auch noch von den Wärtern mit dem illegalen Besitz anderer Gefangener erwischt – sie hatten es ihm geliehen und jetzt haben es die Wärter bei ihm entdeckt. Sie nehmen ihm alles ab. Da hilft ihm all seine Klugheit nicht mehr – die anderen Insassen sind wütend auf ihn. Die Stimmung kippt. „Jetzt kommt‘s hart auf hart. Im Gefängnis ist man sowieso auf sich allein gestellt und plötzlich hast du eine ganze Armada gegen dich. Das war ein Moment, wo es sehr eng wurde.“

 

Kapitulation vor Gott

Markus Schanz ist verzweifelt. Dann erinnert er sich an einen Ratschlag, den er vor Jahren bekommen hat: „Wenn es bei dir mal irgendwann eine Situation gibt, wo du nicht weiter weißt, ist Gott nur ein Gebet weit von dir entfernt. Probier‘s einfach mal aus.“

Als Kind hat Markus oft gebetet, in der Kinderstunde und am Essenstisch. Später hat er so manches Stoßgebet geflüstert, als er durch seine „Geschäfte“ in brenzlige Situationen geriet. Doch zum ersten Mal tritt er Gott kompromisslos und mit aufrichtigem Herzen gegenüber. Und bricht vor ihm zusammen. Er kapituliert vor ihm, weil ihm auf einmal klar wird, dass er Hilfe und ein komplett neues Leben braucht. „Ich war wirklich verzweifelt. Ich habe mein Leben Revue passieren lassen vor meinem inneren Auge und hab‘ gemerkt: So ein Leben will ich eigentlich gar nicht. Das war der Moment, in dem ich eine Entscheidung für Jesus getroffen und mein Leben in Gottes Hände gegeben habe.“

Und Gott antwortet ihm. Auf einmal ist er da, spürbar nah, mitten in der Zelle. Markus Schanz wird frei, obwohl er hinter Gittern sitzt. Gott hilft ihm auch ganz konkret: Kurze Zeit später wird er in einen neuen Gefängnistrakt verlegt, die Situation entspannt sich. „Ich habe gespürt, wie innerlich Frieden eingekehrt ist und gemerkt, dass mein Gebet bei Gott angekommen ist. Es war eine echte Entscheidung. Ich hab‘ erlebt, wie Gott mich dann weitergeführt hat. Es ging einfach bergauf.“

Vom Kriminellen zum Pastor und Gefängnisseelsorger

Markus Schanz bleibt zweieinhalb Jahre in Haft. Als er rauskommt, schafft er nach anfänglichen Schwierigkeiten die Kurve zurück in ein normales Leben. Andere in seinem Alter studieren schon oder haben eine Berufsausbildung; er muss erst mal den Hauptschulabschluss nachholen. Doch Markus Schanz will auf keinen Fall zurück in die alten Muster rutschen. Als er sich nach ein paar Wochen in seinem alten Zimmer umschaut, sieht er all den Besitz, den er durch krumme Geschäfte erworben hat. Also beginnt er, radikal auszuräumen: „Ich hab‘ gemerkt: Okay, jetzt musst du wirklich knallhart werden, das alles wegschmeißen und keine Kompromisse machen. Ich hab‘ alles weggeben: Von der Kette bis zu den Klamotten. Das haben natürlich auch Freunde mitbekommen und haben gedacht, der dreht jetzt total durch.“

Mit der gleichen Energie, mit der er früher seine Karriere als Krimineller verfolgt hat, erkämpft er sich sein neues Leben. „Ich war fleißig, hab‘ viel Einsatz gebracht, aber Gott hat das in übermäßigem Maß gesegnet. Er hat mir Gelingen geschenkt.“

Markus Schanz hat zuletzt eine Ausbildungsstätte für Pastoren, das Theologische Seminar Beröa besucht. Nachdem er seine Schulabschlüsse, eine Berufsausbildung und verschiedene Weiterbildungen gemacht hat, ist ihm klar geworden, dass er seinen Glauben nicht für sich behalten kann und deshalb Unterstützung für den kommenden Dienst braucht. Außerdem geht er regelmäßig als ehrenamtlicher Seelsorger zurück in verschiedene Justizvollzugsanstalten, um dort den Gefangenen in ihrer Situation Hoffnung zu geben. Schließlich weiß er, wie es sich anfüllt, hinter Gittern zu sitzen.

„Man muss hier authentisch sein. Ich mag die Leute hier und will die Person hinter der Straftat wirklich kennenlernen. Am Anfang ist das immer so ein bisschen ein Kräftemessen, sie schauen, wie ich drauf bin und ob man mit mir mal ein Späßchen machen kann oder ob ich mich gleich einschüchtern lasse. Aber wenn ich auf einen Spruch einfach selbstbewusst mit einem anderen lockeren Spruch antworte, ohne es hochzuschaukeln, merken sie, dass ich nicht auf den Kopf gefallen bin und dass man mit mir auch vernünftig und auf Augenhöhe reden kann. Dadurch verdient man sich hier Respekt.“

Sehen Sie hier das ganze Interview mit Markus Schanz in unserer Sendung „Mensch Gott!“:

 

 


Kommentare

Von Olivier am .

Sehr interessanter Beitrag. Vielen Dank!
Ich habe eine Anmerkung.
1. Im dritten Absatzt steht folgendes:
"Und dann wird er eines Tages auch noch von den Wärtern mit dem illegalen Besitz anderer Gefangener erwischt – sie hatten es ihm geliehen und jetzt haben es die Wärter bei ihm entdeckt."
Was haben den nun die Wärter illegales bei ihm gefunden?
Vielen Dank noch einmal für den guten Beitrag. Spannend zu lesen.


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