Portrait

Fußballkarriere im Eimer!

Daniel galt als "Nachwuchstalent" im Fußball. Doch dann kam Gott ins Spiel.

Wir treffen uns zum Gespräch in einem Einkaufszentrum. Es ist ein warmer Tag und an uns schlendern Scharen von Besuchern vorbei, die Hände voller Einkaufstüten. Es ist Sommer in Deutschland – und trotzdem trägt mein Gegenüber eine Mütze. Sein Markenzeichen, wie ich später feststelle. Kalt ist ihm sicherlich auch, er kommt aus dem Nordosten Brasiliens, wo die Durchschnittstemperatur im Jahr bei 28°C liegt. Was wir hier für einen Sommer halten, entspricht nicht wirklich seinen Vorstellungen von gescheitem Wetter.

Und während rund um uns geshoppt, gelacht, gegessen und geredet wird, legt er mir eine Hand auf die Schulter, schaut mich ernst an und sagt: „Gott hat einen Plan für dein Leben.“ Und dann erzählt er mir seine Geschichte.

Vom Liga-Star zum Versager

 „Ein vielversprechendes Nachwuchstalent“ hatte man Daniel, meinen Gesprächspartner, genannt. Sein Profil: Spielemacher im Mittelfeld. Taktisch, kämpferisch, einer, der den Ball beherrscht und das Team voranbringt. Sein Trainer baute auf ihn, sein Platz in der Stammelf schien auf Dauer sicher. Ein Leben außerhalb des Fußballs konnte und wollte sich Daniel nicht vorstellen – warum auch, seine Karriere hatte schließlich gerade erst begonnen. Wenn er am Strand joggen ging, blieben die Menschen stehen, um ihn zu beobachten, wildfremde Leute versuchten, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, um später erzählen zu können: „Ich habe Daniel, den Fußballer, getroffen!“

Umso befremdlicher fand er es also, als ihn ein neuer Teamkollege in der Umkleidekabine ansprach, um eine wahrhaft himmlische Botschaft auszurichten: „Jesus hat einen Plan für dein Leben.“ Daniel grinste freundlich, meinte: „Super!“ Und ging wieder trainieren. Er hatte keinen blassen Schimmer, was für einen Plan sein Kollege meinen könnte. Nachfragen wollte er aber auch nicht, sein eigener schien ihm schließlich ziemlich gut.

Doch nach dieser Begegnung sollte sich sein Leben radikal ändern. Denn kurze Zeit später verliert Daniel seinen Platz in der Startaufstellung, nachdem es zu einem Trainerwechsel gekommen ist. Er passt nicht in die Pläne des neuen Mannes, obwohl seine Leistung bei jedem Spiel gut war. Also wird er an ein anderes Team verliehen, um dort zu spielen. Doch der Trainer dort lässt ihn auch auf der Reservebank schmoren – und das, obwohl er im Training zu Höchstform aufläuft. Bald wird Daniel klar, dass er nicht wegen seiner Leistung abgestraft wird, sondern aus persönlicher Abneigung des Teamchefs heraus.

Es folgt eine Katastrophe nach der anderen –  Daniel wird regelrecht vom Pech verfolgt. Verträge platzen in letzter Minute, es gibt Streit mit den Trainern und am Ende brummt man ihm sogar eine Sperre als Spieler auf, weil es Probleme mit einem Vertrag gibt. Und als auch noch seine Freundin schwanger wird, bleibt Daniel nichts anderes übrig, als mit einer Reihe Hilfsjobs seinen Lebensunterhalt zu verdienen, zum Beispiel als Ticketverkäufer im Bus. Was für eine Erniedrigung! Wenn ehemalige Fans ihn wiedererkennen, schütteln sie betroffen den Kopf über so viel Talent-Verschwendung.

Und als wäre all dies nicht genug, kommt schließlich jener Tag, an dem seine Frau die letzten paar Butterkekse aus dem Vorrastschrank ihrer Tochter gibt und dabei genau weiß: „Für morgen haben wir kein bisschen Essen mehr  - und auch kein Geld, welches zu kaufen“. Daniel und seine Familie sind wortwörtlich pleite.

Gott und die sprichwörtlich krummen Wege

Eine seltsame Geschichte bisher, finde ich. Was für ein göttlicher Plan ist das, der Menschen in die Armut treibt? Also hake ich nach und frage, warum Daniel Leite glaubt, dass Gott offensichtlich so gemein zu ihm war. „Mein Leben davor war ohne ein Norden,“ erklärt er mir. Ein starkes Bild: Wie eine Reise mit einem Kompass ohne Nadel. „Ich habe ohne Ziel gelebt, nur für den Moment. Nach dem Training ging ich feiern, und das ohne Grenzen. Ich hatte keine Werte, nach denen ich mich orientiert habe. Ich habe keine Verantwortung für mein Leben übernommen.“

Als er allerdings eine Frau und ein Kind zu versorgen hat, ist es mit der Sorglosigkeit vorbei. Doch als selbst seine erniedrigenden Aushilfsjobs nicht mehr zum Leben reichen, erinnert sich Daniel an den Satz seines Teamkollegen und beginnt, verzweifelt zu beten. Als ihm nichts als eine leere Keksschachtel mehr bleibt, schreit er zu Gott: „Wenn du wirklich einen Plan für mich hast, dann rede jetzt, heute mit mir!“

Mehrere Stunden verbringt er in seinem Wohnzimmer auf den Knien: heulend, schreiend, betend. Und dann, mitten in der Nacht, hört er Gottes Stimme: „Ich will die Kontrolle über dein Leben haben. Gibst du sie mir?“

Eine seltsame Anweisung

Daniel stimmt zu. Viel ist von seinem Leben ja nicht mehr übrig. Wenn das Gott reichte, sollte er es ruhig haben. Und dann spricht Gott nach einer Zeit noch mal zu ihm: „Dann geh zur Bushaltestelle.“

Eine seltsame Anweisung, doch Daniel meint es ernst mit seinem Gebet. Er wollte den Plan für sein Leben wissen, selbst wenn er ihn nicht verstaeht. Also läuft er zur Haltestelle und springt auf den nächsten Bus auf, der an ihm vorbei kommt. Nach 25 Minuten Fahrt hört er zum dritten Mal Gottes Stimme: „Steig hier aus.“

Eine fremde Gegend. Daniel hat keine Ahnung, wo er ist. Ziellos läuft er durch die Straßen, auf der Suche nach einer Antwort auf seine nächtlichen Fragen. Plötzlich spricht ihn ein älterer Herr an; „Hey du, willst du einen Job?“ Daniel bleibt erstaunt stehen. Konnte man ihm seine Notlage etwa ansehen? Dann nickt er schnell. Wie sich herausstellt, war der Mann Leiter einer Spedition – und Christ. Beide spürtn bei dem Vorstellungsgespräch, dass es sich hier nicht um ein normales Jobinterview handelt. Gott hatte begonnen, für Daniel und seine Familie zu sorgen und er hatte noch viel mehr mit dem gescheiterten Fußballer vor.

Berufen, um zu inspirieren

Der Daniel, der mir heute gegenübersitzt, ist Pastor. Sein Hauptanliegen ist es, junge Menschen zu fördern. In seiner Kirchengemeinde sitzen jeden Sonntag viele junge Männer, die den gleichen Traum haben wie er seinerzeit: Fußballstar zu werden. So wie alle Jungen in Brasilien bewundern sie die großen Stars wie Neymar, der genau wie sie als einfacher Junge angefangen hat. Jeder hofft darauf, dass vielleicht in ihm ein großes Talent steckt. Einen anderen Weg aus der Armut sehen viele nicht.

Daniel will ihnen ein Vorbild sein: Kein glänzender Star mit Millionenvertrag, sondern ein Mann, der gescheitert ist – und trotzdem das Glück in seinem Leben gefunden hat. Er will ihnen helfen, ein Norden im Leben zu finden. Er lächelt über das ganze Gesicht, als er von seiner Aufgabe als Pastor redet. Ich habe selten jemanden kennengelernt, der soviel Ruhe ausstrahlt, eine tiefe Zufriedenheit mit sich selbst und seinem Leben. Vielleicht beeindruckt mich deswegen seine Geschichte vom Scheitern: Weil ich ihm abspüre, dass er tatsächlich ein glücklicher Mensch geworden ist, nachdem er die Kontrolle an Gott abgegeben hat. Und das ganz ohne die Million auf dem Konto und die Widmung in der Hall of Fame des Fußballs.

Ob Gott ihm wirklich seine Fußballkarriere versaut hat, damals, als auf einmal nichts mehr gelang? Ich weiß es nicht. Aber auf jeden Fall hat er dafür gesorgt, dass Daniel ein gutes Leben hat. „Und am Ende habe ich es ja sogar nach Europa geschafft – wenn auch nur zu Besuch und als Pastor“, lacht er und beobachtet den Trubel des deutschen Einkaufszentrums, in dem wir sitzen.

 

 


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