Portrait

„Ich habe dich betrogen“

Die Ehe von Regina und Jürgen droht zu scheitern. Da setzt Regina alles auf eine Karte.

„Wahrscheinlich werde ich mich von dir trennen, wenn wir im Westen sind.“ Erschrocken starrt Regina Glass ihren Mann Jürgen an, als sie nach monatelanger Gefangenschaft zum ersten Mal wieder unbeobachtet sprechen können. Sie sind Flüchtlinge und haben die Willkür des kommunistischen DDR-Regimes ertragen: Zensur, Kontrolle und Gefängnis. Jetzt sitzen sie in einem Bus, der sie in den Westen bringen soll. Nach monatelanger Qual geht es in die Freiheit. Und nun steht ihre Ehe vor dem Aus.

Stasi-Lügen und Entfremdung

Das letzte Foto vor der Flucht 1983: Jürgen und Regina Glass mit ihren Töchtern. (Foto: Privat)
Das letzte Foto vor der Flucht 1983: Jürgen und Regina Glass mit ihren Töchtern. (Foto: Privat)

Ein Jahr vorher: Jürgen und Regina Glass werden 1983 bei dem Versuch, aus der DDR zu fliehen, gefangen genommen. Die Stasi beginnt daraufhin ein perfides Spiel mit dem Ehepaar zu treiben. Weil sie überzeugt sind, dass Regina die Anstifterin der Flucht ist, versuchen sie, Jürgen Glass für die DDR zurückzugewinnen. Mit Halbwahrheiten und Manipulation wollen sie ihn mürbe machen und zu einer Scheidung zwingen. Dann können sie Regina abschieben und ihn wieder für sich arbeiten lassen.

 
 
 

 Jürgen Glass erzählt, wie es im Stasigefängis war


Im Gefängnis bekommt Regina völlig überraschend einen Brief von Jürgen, indem er ihr mitteilt, dass er sich von ihr scheiden lassen will. Sie ist völlig schockiert und besteht darauf, ihren Mann zu sehen. Daraufhin arrangiert die Stasi ein Treffen, das allein dem Zweck dient, noch mehr Druck auf die beiden aufzubauen. An ihrem 7. Hochzeitstag werden sie in einen Verhörraum geführt und einander gegenüber gesetzt. Drei Offiziere sind anwesend und kontrollieren jede Bewegung. Es sind keine Berührungen erlaubt, keine privaten Gespräche.

Regina versucht, in dem apathischen Mann, der ihr gegenübersitzt, noch ihren Ehepartner zu erkennen, doch Jürgen hat sich innerlich völlig zurückgezogen. Obwohl er einer Scheidung letztendlich nicht zustimmt, ist es der Stasi gelungen, sie innerlich zu entfremden. Für Regina bricht damit eine Welt zusammen. „Ich will nicht mehr leben, ich bringe mich um!“ schreit sie den Stasibeamten entgegen, doch die lachen sie nur aus. Die Häftlinge werden ständig kontrolliert; ein Suizid hinter Gittern ist praktisch unmöglich.

Endlich Freiheit?

Nach einem Jahr in Haft kauft die Bundesrepublik Deutschland das Paar frei. Nach monatelanger Trennung sehen sie sich im Bus wieder, der sie über die Grenze bringen soll.

Stumm sitzt Jürgen neben seiner Frau, während sie immer weiter Richtung Westen fahren. Sie hatten so oft davon geträumt, gemeinsam in Freiheit zu leben. Doch nun scheinen ihre Träume naiv und bedeutungslos. Alles, was sie verbindet, liegt auf der anderen Seite der Grenze. Er fühlt sich unendlich weit entfernt von Regina. „Im Kopf weiß ich, dass sie meine Frau ist. Ich weiß auch: wir haben zusammen Kinder, wir haben gemeinsam ein Leben geführt. Aber in diesem Moment ist sie eine Fremde“, beschreibt er seine damaligen Gefühle.

„Im Kopf weiß ich, dass sie meine Frau ist. Ich weiß auch: wir haben zusammen Kinder, wir haben gemeinsam ein Leben geführt. Aber in diesem Moment ist sie eine Fremde.“ – Jürgen Glass

Ein unerwartetes Geständnis

Reginas Entlassungsschein (Foto: Privatarchiv)
Reginas Entlassungsschein (Foto: Privatarchiv)

Am 23. August 1984 kommen Regina und Jürgen Glass im hessischen Gießen an. Dort befindet sich das Erstaufnahmelager. Ihnen wird als Ehepaar ein kleines Privatzimmer zugewiesen. Das erste Mal seit über einem Jahr sind sie allein mit dem Menschen, den sie einmal aus Liebe geheiratet haben, allein mit ihrem Trauma, allein mit Jürgens Trennungsankündigung.

Reginas früher hübsches Gesicht wirkt nun eingefallen und abgemagert. In der Haft hat sie eine schmerzhafte Gesichtslähmung erlitten. Drei Tage nach ihrer Erkrankung hat man sie zwingen wollen, schon wieder im Schichtdienst zu schuften, doch sie weigerte sich. Daraufhin hatten die Wärterinnen sie monatelang in die Einzelhaft gesperrt. In der düsteren, kalten Zelle wäre sie fast gestorben, wenn ihr Glaube an Gott sie nicht gehalten hätte. Wenn sie nicht gespürt hätte, dass Jesus selbst am diesem dunkelsten Ort noch da ist.

 

 

 Regina erzählt von ihrer Gottesbegegnung


Diesen Glauben hatte sie erst im Gefängnis wiedergefunden. Obwohl Regina nie bezweifelt hatte, dass es einen Gott gibt, hatte sie jahrelang nichts von ihm wissen wollen. Erst nachdem ihr Mann sie bei dem arrangierten Treffen so tief enttäuscht hatte, betete sie nach Jahren zum ersten Mal wieder. Und Gott antwortete ihr: Hörbar, fühlbar, nah.

Deswegen setzt sie in diesem Moment alles auf eine Karte: Auf die Wahrheit. Es ist Zeit für ein Geständnis, obwohl sie nicht weiß, ob sie dadurch ihre Ehe endgültig zerstört. „Ich muss dir was sagen. Vor der Flucht habe ich dich mit einem anderen betrogen. Das tut mir leid. Und noch etwas sollst du wissen: Ich werde Gott nie mehr verlassen, denn ich habe seine Stimme gehört. Und jetzt kannst du dich entscheiden: Gehst du mit mir oder verlässt du mich?“

„Ich muss dir was sagen. Vor der Flucht habe ich dich mit einem anderen betrogen. Das tut mir leid. Und noch etwas sollst du wissen: Ich werde Gott nie mehr verlassen, denn ich habe seine Stimme gehört.“ – Regina Glass

Neuanfang: zusammen oder getrennt?

Der Seitensprung war vor der gemeinsamen Flucht passiert. Regina hatte sich damals einsam und vernachlässigt gefühlt. Plötzlich war da ein enger Freund gewesen. Jetzt schämt sie sich für das, was passiert ist. Vor der Flucht hatte Gott keine Rolle in ihrem Leben gespielt, aber jetzt ist alles anders. „Es hätte nie jemand erfahren. Aber ich will nicht mit einer Lüge etwas Neues beginnen“ denkt sie sich.

Jürgen steht sprachlos vor seiner Frau. Ihre Ehe ist schon immer turbulent gewesen. Manch harte Krise liegt hinter ihnen und sie haben sich gegenseitig im Laufe der Jahre immer wieder verletzt. Trotz allem steht Regina nun vor ihm, bereit für einen Neuanfang. Sie hat ihm nicht mehr zu bieten als sich selbst und die Wahrheit. Alles, was sie einmal besaßen, ist zurückgeblieben. Auch alles, was sie einmal verbunden hatte – die gemeinsamen Freunde, Familie, ihre Wohnung – ist weit fort.

Trotzdem entscheidet sich Jürgen Glass in diesem Moment für seine Frau. Regina kann es kaum fassen. Für sie ist es Gott, der auf ihre vielen Gebete aus dem Gefängnis antwortet. So oft hat sie sich gewünscht, mit ihrem Mann wieder vereint zu sein. Und jetzt ist sie es.

Endlich frei!

Ehepaar Glass (Foto:Privat)
Ehepaar Glass (Foto:Privat)

In den ersten Wochen nach Reginas Geständnis verbringt das Ehepaar viele Stunden damit, ihre Geschichte aufzuarbeiten. Sie gehen spazieren und führen lange Gespräche. Dabei wird ihnen immer klarer, wie die Stasi sie während der Haft bewusst gegeneinander ausgespielt hat. „Das ist uns erst Wochen später bewusst geworden, wie tiefgründig unsere eigene Seele von dem Erlebten betroffen war, wie tief das eingegraben war“, reflektiert Jürgen Glass  heute.

„Das ist uns erst Wochen später bewusst geworden, wie tiefgründig unsere eigene Seele von dem Erlebten betroffen war, wie tief das eingegraben war.“ – Jürgen Glass

Durch die Gespräche näherten sie sich als Paar Schritt für Schritt wieder aneinander an. Immer wichtiger wird für sie das Thema Vergebung: Sie haben sich gegenseitig tief verletzt. Doch mit jeder bitteren Erinnerung, die sie zurücklassen können, spüren Regina und Jürgen Glass ein bisschen mehr von der Freiheit, nach der sie sich so lange gesehnt haben. Ihr gemeinsamer Weg ist nicht leicht – aber für Lügen gibt es keinen Raum mehr in ihrer Ehe.


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