Portrait

Eine „Weltreise“ mit zwei Plastiktüten

Wie die Kurdin Namaam in Deutschland eine neue Heimat fand

Die Kurdin Namaam floh 1981 mit ihrer Familie während des Iran-Irak-Kriegs, der auch „erster Golfkrieg“ genannt wird, aus dem Nordirak. Sie kam nach Deutschland, wo Frieden und Sicherheit sie erwarteten. Doch in ihrem Inneren erlebte die junge Muslima Kämpfe, mit denen sie nicht gerechnet hatte.

Mein Heimatland kommt in der Bibel häufig vor. Doch das wusste ich früher nicht, da ich nur den Koran kannte. Die Heilige Schrift nennt es Babylon. Es ist auch unter dem Begriff Mesopotamien bekannt, dem Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris. Heute heißt es Irak. Das Wort bedeutet „Land mit tiefen Wurzeln“. Auch ich selbst bin mit dem Volk, in welches ich hineingeboren wurde, tief verwurzelt. Niemals vergesse ich meinen Ursprung, da auch ich wie mein Zweistromland von zwei Leben spendenden Flüssen geprägt und genährt werde: Meinem Herkunftsland und meinem Zufluchtsland.

Ich war das älteste von 8 Geschwistern. In meiner Kindheit musste ich meiner Mutter täglich bei der Hausarbeit und Versorgung der Kleinkinder helfen. Mama kannte kein Erbarmen, wenn ich als junges Mädchen für eine wichtige Prüfung lernen wollte – erst musste ich die Wäsche waschen oder andere Dinge im Haus erledigen.

Als Kurdin im Irak

Mein Vater dagegen fand die Schule am allerwichtigsten. Ich wollte es beiden Elternteilen Recht machen, was wirklich schwer war. Trotzdem habe ich es mit viel Disziplin geschafft, einen guten Schulabschluss zu machen. Am liebsten hätte ich danach Jura studiert.

Doch mein Vater hatte andere Pläne. Er wollte, dass ich Lehrerin werde. Dafür gab es einen besonderen Grund: Als ich mein Abitur machte, gab es nämlich erstmalig die Möglichkeit meine Muttersprache zu studieren: Kurdisch Sorani. Wir gehören zu den Kurden im Nordirak, die zwar eine eigene Volksgruppe, aber kein anerkannter Staat sind. Für unsere Identität spielt die Sprache eine große Rolle. Bis dahin wurde an den Schulen nur in Arabisch unterrichtet. Sorani konnte man nicht studieren. Ich habe das Studium begonnen, weil mein patriotischer und politisch engagierter Vater es wollte. Was ich damals noch nicht verstanden habe: Gott hatte noch etwas vor mit mir.

Nach dem Studium in Bagdad habe ich erstmal einige Jahre als Lehrerin gearbeitet, dann geheiratet und zwei Kinder bekommen. Genau wie mein Vater hat sich mein Mann politisch für die Freiheit der Kurden engagiert. Anfang der 80-er Jahre hätte er als Soldat in den Krieg zwischen Irak und Iran ziehen müssen. Doch es ergab für ihn als kurdischen Freiheitskämpfer keinen Sinn, an der Seite derjenigen Iraker zu kämpfen, die sein Volk unterdrückten. Als politischer Aktivist hat mein Mann keine andere Möglichkeit gesehen, als das Land zu verlassen.

Fluchtartig die Heimat verlassen

Ende 1981 haben wir unsere Fluchtpläne in die Tat umgesetzt. Zunächst sind wir ganz unauffällig mit zwei Plastiktüten losgelaufen – gefüllt mit den wenigen Habseligkeiten, die wir noch mitnehmen konnten. Es sollte so aussehen als wollten wir Freunde besuchen. Mit einem Jeep sind wir durch den Irak gefahren. Am nächsten Tag hat uns ein Schlepper mit Pferden durch kleine Dörfer geführt, hinein in die bergige Grenzregion zwischen Irak und Iran. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich dabei auf einem Pferd gesessen. Verkrampft und ängstlich habe ich mich festgeklammert, als wir auf engen Zickzackwegen am steilen Berghang entlangritten. Zwischendurch habe ich mit meinem Mann bittere Vorwürfe gemacht: „Wenn wir hier sterben, bekommen wir nicht mal ein ordentliches Begräbnis von unseren Verwandten, sondern unsere Leichen werden nur den nächsten Abhang hinuntergestoßen!“

Die gesamte Flucht war mit zwei Kleinkindern im Schlepptau nicht gerade leicht. Mein Mann hat es besser geschafft als ich, die Kleinen ohne Spielzeug und manchmal ohne etwas zu Essen einigermaßen bei Laune zu halten. Auch wenn wir selbst müde oder verzweifelt waren, wollten wir diese Stimmung unseren zwei und vier Jahre alten Kindern gegenüber nicht zeigen. Vor meinem Jüngsten konnte ich meine Gefühle jedoch nicht immer verbergen. Ich erinnere mich noch, wie er mich liebevoll aufmunterte: „Mama, das Pferd macht das schon von ganz alleine. Du brauchst keine Angst zu haben.“

Deutschland statt Schweden

Schließlich sind wir in Teheran angekommen. Dort sind wir zwei Monate geblieben. Irgendwie ist es meinem Mann durch Beziehungen und Geschick gelungen, zumindest ein Visum für Syrien zu erhalten. Unser eigentliches Ziel war jedoch Schweden. Dort lebten schon kurdische Freunde von uns.

„Wenn ihr ein Visum für ein anderes Land habt, könnt ihr versuchen ein Flugticket zu kaufen.“ Das war die Auskunft einer Fluggesellschaft, die natürlich gerne durch den Ticketverkauf Geld verdienen wollte. Mit dem Visum für Syrien ist es uns dann auch tatsächlich gelungen, über Deutschland einen Flug nach Schweden zu buchen. Bei den Kontrollen sind wir nicht aufgehalten worden – obwohl unser Visum für Syrien und nicht Deutschland ausgestellt war. Scheinbar hat mein Mann sich sehr selbstsicher verhalten. Von Frankfurt aus wollten wir weiter nach Schweden. Doch so weit kam es nicht, denn in Frankfurt hat uns die Polizei gestoppt. 

Schließlich sind wir in einem Asylantenheim in Deutschland gelandet. Blanke Ungewissheit und Unsicherheit lag vor uns. Wir haben von einem Tag auf den anderen gelebt und wussten nicht was die Zukunft bringt. Zudem war der Kulturschock groß. Alles war neu. Wir fühlten uns mutterseelenallein in einer neuen Welt. Für jede menschliche Hilfe waren wir unendlich dankbar, auch für jede nette Geste. Wir haben uns schon riesig gefreut, wenn jemand uns „Guten Tag“ wünschte oder uns erklärte, wie wir den öffentlichen Nahverkehr nutzen können. 

„Mein Mann veränderte sich“

Es war wunderschön, als wir endlich eine deutsche Familie kennenlernen durften. Sie haben uns zu sich nach Hause eingeladen und sich rührend um unsere Kinder gekümmert. Das deutsche Ehepaar hat sogar Geburtstage für unsere Kinder organisiert und ihnen Geschenke gegeben. Wenn wir jemanden gebraucht haben, der auf die Kinder aufpasst, konnten wir uns jederzeit an unsere neuen Freunde wenden.  Das Ehepaar baute eine Beziehung zu meinem Mann und mir auf und zeigte uns durch Worte und Taten, wie sehr sie uns annehmen und wertschätzen.

Irgendwann fing mein Mann an, mit dem Ehepaar Gespräche über den Glauben zu führen. Zuerst hat er mir nichts davon erzählt, doch ich habe bemerkt, wie er sich langsam verändert. Er hat plötzlich eine große Zufriedenheit ausgestrahlt, die sich auch auf sein Verhalten ausgewirkt hat.

Angst vor der Bibel

Eines Tages habe ich beim Putzen eine arabische Bibel gefunden. Diese Bibel hatte ihm, wie ich später erfuhr, das Ehepaar geschenkt. Ich habe ihn zur Rede gestellt und war sehr aufgebracht. „Hör auf, in dem Evangelium zu lesen und brich sofort den Kontakt zu den Christen ab!“, habe ich ihn aufgefordert. Die islamischen Traditionen gehörten einfach zu meinem Leben. Darum habe ich mich als Muslima gefühlt. Ich wollte mich lieber scheiden lassen und mit meinen Kindern zurück nach Kurdistan gehen, als mit einem Christen verheiratet zu sein.

Vor der Bibel hatte ich Angst. Ich dachte, Allah würde jeden bestrafen, der in diesem Buch liest. Aber etwas ließ mich nicht los. Voller Neugier habe ich eines Tages trotz meiner Bedenken heimlich in der Bibel meines Mannes gelesen. Die Worte des Evangeliums waren völlig neu für mich. Ich war fasziniert von der Liebe Gottes zu uns Menschen. Davon hatte ich noch nie etwas gehört. Von da an fand in mir ein Kampf statt: „Der Islam ist doch eine einzigartige Religion. Mohammed ist der letzte Prophet, den Gott zu den Menschen gesandt hat. Was werden meine Verwandten und mein Volk über mich denken, wenn ich mich vom Islam abwende?“

Nach einigen Monaten – es war der 5. Oktober – bin ich auf den Bibelvers Matthäus 11,28 gestoßen: „Kommt her, alle ihr Mühseligen und Beladenen. Ich werde euch Ruhe geben.“ Mir wurde klar: „Jesus meint meine Seele, die keine Ruhe hat und da ist Schuld in meinem Leben, die mich belastet. Jesus weiß, wie schwer meine Lasten sind. Er hat sie durch seinen Tod am Kreuz für mich getragen.“

Die Bibel in Sorani

Ich habe zu Jesus geschrien und gespürt wie mir eine sehr schwere Last abgenommen wurde. Voller Freude habe ich meinem Mann erzählt, dass ich jetzt seinen Glauben an Jesus Christus mit ihm teile. Er hat Freudentränen geweint und unseren deutschen Freunden die Neuigkeit mitgeteilt. Sie haben uns gleich mit Blumen und Süßigkeiten besucht. Seitdem feiere ich jedes Jahr am 5. Oktober meinen Geburtstag; denn an diesem Tag habe ich mich wie neu geboren gefühlt.

Später hat Gott meinen Mann und mich auf vielfältige Weise gebraucht. Ich habe das Neue Testament aus dem Arabischen in die Sprache Kurdisch Sorani übersetzt. Plötzlich habe ich auch verstanden, warum ich Sorani studiert und ein feines Gespür für meine Muttersprache entwickelt habe. So kann ich meinem geliebten kurdischen Volk das Evangelium von Jesus Christus nahe bringen. Gott hatte von Anfang an seine Pläne mit mir! Unter anderem war ich daran beteiligt, eine von ERF Medien unterstützte christliche Radiosendereihe von Projekt Hannah für kurdische Frauen in die Sprache Sorani zu übersetzen.

Offiziell bin ich jetzt Rentnerin. Doch für Gott gibt es keinen Ruhestand! Meine Lebensaufgabe ist, Muslimen die frohe Botschaft von Jesus zu bringen. Gott zeigt mir immer wieder Gelegenheiten dazu und ich bin bereit es zu tun – egal in welchem Land und in welcher Sprache. 


Kommentare

Von sr. Gisela J. am .

der lebensbericht hat mich sehr berührt, froh u. dankbar gemacht.weil: gott hat mir seit vielen jahren die muslime ans herz gelegt undimmer wieder finden sie zu jesus ihrenm erlöser.ebenso schlägt mein herz seit ende der 60ziger jahre für unsere verfolgten glaubensgeschwister.
z.zt. führe ich den zweiten glaubenskurs in unserem asylheim durch, mit 6nationen. in unserer gemeinde wurden so, gurch gottes wirken, schon einige familien getauft. gott tut wunder, schickt die muslime zu uns, weil wir nicht zu ihnendürfen, oder lange die verschlafen hatten?
Diakonisse Gisela J.

Von Margot S. am .

Vielen Dank für das Zeugnis von Sonja Kilian.
Ich bin 58 Jahre und mache zzt. eine Weiterbildung in Buchführung. In meiner Klasse ist auch eine Kurdin, die mit ihrem Mann einen Kepap selbstständig führt und seit 25 Jahren in DE ist, die sehr gut Deutsch spricht, sich aber vielleicht über ein NT in Kurdisch-Sorani freuen würde, oder über einen Kontakt mit dieser studierten Frau, um über ihre Probleme (drei erwachsene Kinder) in der Muttersprache sprechen zu können. Vielen Dank für einen Hinweis zur Kontaktaufnahme.

Von Sylvie P. am .

Ein wunderbares Zeugnis wie Gott mit Seiner Liebe Menschen erreicht und verändert. Gott sei Dank und Ehre!

Von Sonja H. am .

Vielen Dank für dieses wundervolle Zeugnis. Für mich ist es immer herrlich zu sehen, wie Gott unsere Schritte lenkt. Nicht gleich sichtbar, aber mit dem entsprechenden Abstand gut zu erkennen. Das die kurdische Sprache Sorani heißt, war mir bisher auch noch nicht bekannt. Die Gnade und die Fülle der Liebe die in Christus Jesus ist, möge unsere Nationen durchdringen, damit die Menschen die Freiheit und den Frieden empfangen, den er am Kreuz für uns vollbracht hat. Ehre sei ihm allein. Ich denke mehr

Von Marga A. am .

Das ist eine wunderbare Geschichte von Gott geführte Begegnung ,dem Wort Gottes, wo nicht leer zurück kommt ! In der Nachbarschaft haben wir neu Muslime Kurdisch Syrisch-Asylanten. Lasse mich von Jesus gebrauchen!!!

Von Dorothea G. am .

Wow, was haben wir doch für einen wunderbaren Gott. Der Bericht hat mich sehr ermutigt das Gott auch die Pläne für mein Leben kennt auch wenn ich sie momentan nicht verstehen.

Von Martin F: am .

Gottes Wege sind einfach genial. ER hat den Überblick.
Seinem Namen sei alle Ehre.

Von Thorsten am .

Danke für diesen sehr viel Mut machenden Bericht von einer bemerkenswerten Frau - und einem noch bemerkenswerteren Gott. Wünsche weiterhin viel Freude und Kraft auf dem Weg mit Gott zu den Menschen!


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.