Portrait

Youssef sucht den Himmel

Lange weiß der Muslim Youssef nicht, ob er in den Himmel kommt. Nun ist er Pastor in Algerien und zeigt anderen den Weg dorthin.

Als ich Youssef Ourahmane das erste Mal begegne, stehe ich einem freundlichen Endfünfziger aus Algerien gegenüber. In einer Menschenmenge würde ich ihn nicht wiedererkennen, denn sein Gesicht ist typisch für einen Mann aus dem Nahen Osten. Seine Geschichte ist es nicht.

„Christen kommen in die Hölle“

Der Algerier Youssef Ourahmane wächst in einer streng muslimischen Familie auf. „Ich bin in dem Wissen aufgewachsen, dass der Islam die beste Religion ist. Muslime sind die Auserwählten Gottes und niemand anders,“ erzählt Youssef. Mit Christen verbindet er Kreuzzüge und Kolonialisierung. Für ihn ist klar: Christen kommen in die Hölle. Doch auch für ihn als Muslim ist der Himmel nicht sicher. Nur wenn seine guten Taten die schlechten überwiegen, hat er eine Chance. Youssef hält die religiösen Gebote des Islams strengstens ein, aber er fühlt sich bedrückt: „Man wird permanent kontrolliert. Es gibt keine Freiheit in so einer Atmosphäre. Manchmal wusste ich gar nicht mehr, wie ich noch frei Luft holen konnte.“

„Frischen Wind“ bekommt Youssef, als sein älterer Bruder ihn 1977 nach Schweden einlädt. Der Besuch leitet für den 21-Jährigen eine Wendung in seinem Leben ein: „In Schweden habe ich zum ersten Mal Christen getroffen. Sie begeisterten mich mit ihrer Liebe und Freundlichkeit. Ich wurde neugierig und ließ mich in ihre Teestube einladen.“

Oder in den Himmel?

Wieder daheim in Algerien fängt Youssef an, die Bibel zu lesen. Die Christen, denen er begegnet ist, passen nicht zu dem Bild, das ihm vermittelt wurde. Er beginnt an seinem Glauben zu zweifeln. Drei Jahre später verbringt er erneut längere Zeit in Europa. Dabei trifft er sich wieder mit Christen, denen er viele Glaubensfragen stellt. Die Begegnungen leiten eine entscheidende Wende in seinem Leben ein: 1980 wird Youssef Christ.

In den kommenden Jahren macht er verschiedene theologische Ausbildungen in Schweden und England und arbeitet für die christliche Organisation „Operation Mobilisation“ (OM). Dabei lernt er die chinesisch-stämmige Malayin Hee Tee kennen. Trotz der gewaltigen kulturellen Unterschiede verbindet sie dieselbe Leidenschaft: Menschen mit Jesus bekannt zu machen. 1988 heiraten die beiden und gehen zusammen nach Algerien zurück. Dort gründen sie ein eigenes OM-Team.


Youssef Ourahmane über schwierige Anfänge (im Gespräch mit Ingrid Heinzelmaier). 
Bild: © OM - Youssef Ourahmane mit seiner Frau Hee Tee

Wir beten jeden Tag um Bewahrung

In den kommenden sechs Jahren wird ihr Zuhause zum Zentrum ihres Dienstes: „Unser Heim war Gemeinde, Schulungszentrum und Begegnungsstätte. Viele Menschen sind unsere Gäste gewesen. Wir waren frisch verheiratet – und ständig kamen Leute zu uns nach Hause. Das war nicht einfach.“ Dabei lernen die Ourahmanes aber auch junge Christen kennen, denen Mission genauso auf dem Herzen liegt wie ihnen. Stück für Stück wachsen die Aufgabenbereiche: Neue Gemeinden und Schulungszentren entstehen und das Mitarbeiterteam vergrößert sich.

Die algerische Gemeinde erlebt eine Erweckung, obwohl sie durch viele Schwierigkeiten geht. Anfang der Neunziger Jahre bricht ein Bürgerkrieg aus, bei dem 100.000 Menschen ums Leben kommen. Youssef und seine Familie beten jeden Tag um Bewahrung, führen ihren Dienst aber unvermindert fort. 2006 beginnt erneut eine schwierige Zeit, als ein neues Religionsgesetz verabschiedet wird. Es schränkt die Freiheiten der Christen stark ein und stellt jeden Missionierungsversuch von Muslimen unter Gefängnisstrafe.

Auch Youssef wird verhaftet und vor Gericht gestellt. Erst nach einem Berufungsverfahren wird er freigesprochen. Im Nachhinein sieht er Gottes Hand in diesen Umständen: „Durch das Religionsgesetz sind wir als Gemeindebewegung bekannt geworden. Wir hatten so viele Gelegenheiten, vor Gericht und vor den Behörden unseren Glauben zu bezeugen.“

Die Lage kann sich jederzeit ändern

Youssef bei einer Taufe.                 Bild: OM                            

Das größte Wunder geschieht für Youssef, als die christlichen Gemeinden 2011 eine offizielle Anerkennung erhalten: „Stellen Sie sich vor: Eine islamische Regierung erkennt eine Kirche an, deren Mitglieder sich vom Islam abgewandt haben! Was für ein Wunder.“ Youssef sieht in dieser Entwicklung eine Antwort auf ihre jahrelangen Gebete.

Heute wächst die Gemeinde in Algerien so stark wie nie zuvor. Schätzungsweise sind bereits über 100.000 ehemalige Muslime zum Glauben an Jesus Christus gekommen. Jedes Jahr werden mehrere tausend Menschen getauft, teilweise fünfzig Personen in einem Gottesdienst. Youssefs Dienst umfasst mittlerweile zehn Arbeitsbereiche, darunter eine Bibelschule und ein Medienteam, das christliche TV-Programme produziert. Ende gut, alles gut?

Nicht ganz, sagt Youssef: „Wissen Sie, wenn Sie in diesem Teil der Welt leben, wissen Sie nie, was als Nächstes passiert. Das ist ungefähr so wie mit dem Wetter in England: Es kann sich jederzeit ändern. Deshalb müssen wir die Freiheiten nutzen, die wir heute haben.“ Genau das tut Youssef – und zeigt anderen den Weg zum Himmel, den er selbst lange gesucht hat. Seine Botschaft ist einfach und klar: Dieser Weg ist Jesus.


Kommentare

Von Günther R. am .

Klar konstruiert, ermutigend formuliert!


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