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Vier Wege aus der Einsamkeit

In den Stürmen des Lebens ist man schneller einsam, als einem lieb ist.


Menschen brauchen Menschen. Und es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. So weit so gut. Nur hat nicht jeder ein makelloses Netz an Beziehungen vorzuweisen. Denn in den Stürmen des Lebens ist man schneller einsam, als einem lieb ist. Trotzdem gibt es Wege aus der Einsamkeit.

Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Weihnachten mit meiner Familie in einem fremden Land. Bei den Nachbarn gegenüber fuhr ein Wagen nach dem anderen voll mit Verwandten und Freunden vor. Plötzlich nahm ich in mir Traurigkeit wahr und ich spürte, wie langsam aber sicher dieses unangenehm-nebulöse und doch schmerzhaft-nagende Gefühl der Einsamkeit in mir hochkroch. Einsam – obwohl ich umgeben war von Mann und Kind? Ja. Der Anblick der vielen Besucher bei unseren Nachbarn führte mir deutlich meinen Verlust vor Augen. Ich vermisste meine Verwandten, meine Eltern, meine Freunde, die ich in Deutschland zurückgelassen hatte, und gute neue Beziehungen waren noch nicht gewachsen.
 

Sich öffnen ist der erste Schritt

In diesem Moment fühlte ich mich einsam. Aber ich habe auch festgestellt: Allein mit meinem Mann darüber zu sprechen, gehört und verstanden zu werden, hat diesem Gefühl der Einsamkeit die Kraft genommen. So wurde aus diesem Erlebnis meine erste Lektion: Das Gefühl wahrzunehmen und sich jemandem zu öffnen, ist der erste Schritt heraus aus der Isolation hin zur Gemeinschaft.

Das Gefühl der Einsamkeit wahrzunehmen und sich jemandem zu öffnen, ist der erste Schritt heraus aus der Isolation hin zur Gemeinschaft.

 

Jetzt können Sie vielleicht entgegenhalten, dass es schlimmere Arten von Einsamkeit gibt als die eben geschilderte. Ja, da haben Sie recht. Vor allem wenn das Gefühl über einen längeren Zeitraum oder gar über Jahre anhält. Zudem hatten wir unser Exil im Ausland ja freiwillig gewählt und waren nicht dazu gezwungen worden, wie es zum Beispiel bei Kriegsflüchtlingen der Fall ist. Letztendlich ist Einsamkeit aber immer ein subjektives Gefühl. Eine Situation, die der eine als einsam empfindet, ruft beim anderen noch lange nicht das gleiche Gefühl hervor.

Das Gefühl, allein zu sein, trifft Menschen in allen Lebensphasen. Kölner Wissenschaftlerinnen haben in einer Studie herausgefunden, dass Einsamkeit zwar im hohen Alter ab ungefähr 80 Jahren besonders ausgeprägt ist. Aber gerade auch junge Menschen ab den frühen 30ern sowie Menschen zwischen 50 und 60 Jahren sind häufig davon betroffen. Bei den Jüngeren hängt das vielleicht damit zusammen, dass die Karriere viel Zeit in Anspruch nimmt, ein möglicher Ehepartner noch nicht gefunden ist und viele „Likes“ auf Facebook und die Jagd nach Herzchen auf Instagram eben kein Ersatz sind für echte face-to-face Kontakte.

Im Gegenteil. Bei vielen ist es auch eine Zeit, in der sich bedeutende Umbrüche in den Beziehungen ereignen. Nach der Geburt eines Kindes z. B. haben junge Eltern plötzlich andere Bedürfnisse als ihre Freunde, die weiterhin als Singles leben und abends lange ausgehen können. Bei den 50-Jährigen spielt das Leere-Nest-Syndrom eine Rolle. Nach dem Auszug der Kinder müssen sich Eltern wieder neu orientieren und herausfinden, was sie mit ihrer frei gewordenen Energie und Zeit nun Sinnvolles anfangen wollen.
 

Gemeinschaft mit Gott erleben

Lektion zwei: In einem zweiten Schritt habe ich schlicht mit Gott gesprochen, ihm mein Leid geklagt und mich dann von seinen Verheißungen in der Bibel aufbauen lassen. So lässt er durch den Propheten Jesaja ausrichten: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“ (Jesaja 41,10)  Oder im Hebräerbrief: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“ (Hebräer 13,5) „Niemals werde ich dir meine Hilfe entziehen, nie dich im Stich lassen“, sagt Gott in Josua 1,5 zu. Und in Psalm 147,3 heißt es: „Er heilt die gebrochenen Herzen und verbindet ihre schmerzenden Wunden.“ Mit Worten kann ich das nur schwer erklären, aber wie oft habe ich nach meiner Zwiesprache mit Gott seinen übernatürlichen Frieden in meiner Einsamkeit empfunden. Ohne dass sich die äußere Situation geändert hatte.
 

Orte der Gemeinschaft suchen und finden

Was ich eben beschrieben habe, ist die geistliche Ebene. Manchmal reicht das. Aber als Menschen brauchen wir auch immer wieder Menschen, mit denen wir uns austauschen können, die uns trösten, in den Arm nehmen, mit uns beten. Ich nenne das den verlängerten Arm Gottes hier auf der Erde.

Deshalb Lektion drei: In bestimmten Lebenssituation kann es hilfreich sein, eine Gruppe von Gleichgesinnten zu suchen. Also Orte zu finden, wo ich Gemeinschaft erleben kann. Nach einer Scheidung zum Beispiel ist es wohltuend, sich mit Menschen zu treffen, die ähnliches durchlebt und durchlitten haben. Viele christliche Gemeinden bieten solche Gruppen an für Geschiedene, Wiederverheiratete oder Patchworkfamilien.

In bestimmten Lebenssituation kann es hilfreich sein, eine Gruppe von Gleichgesinnten zu suchen. Also Orte zu finden, wo ich Gemeinschaft erleben kann.

 

Manchmal braucht es auch professionelle Hilfe durch einen Seelsorger oder einen Psychologen, um nach einer tiefen Verletzung oder einem schweren Verlust wieder offen für Beziehungen zu werden. Das Gute daran: „Eine einzige gute Bindung kann ausreichen, um das Einsamkeitsgefühl zu lindern oder sogar um es vergehen zu lassen“, so die Ärztin und Psychotherapeutin Dunja Voos.

Eine Freundin hat nach dem Tod ihres Sohnes eine Selbsthilfegruppe besucht von Eltern, die auch Kinder verloren haben. Obwohl sie umgeben war von einem guten christlichen Freundeskreis, war es wichtig für sie, sich mit Menschen auszutauschen, die das Gleiche erlebt haben. Die wissen, wie dieser Schmerz sich anfühlt. Auch hilft es zu sehen, dass ich es nicht alleine bin, die solch ein Schicksal verkraften muss. Es gibt eine Fülle von Selbsthilfe-Gruppen für alle möglichen Themen, die sicher auch in Ihrer Region angeboten werden. Und wenn nicht – vielleicht ist es möglich, selbst eine zu gründen? Zum Beispiel einen offenen Gesprächskreis in der Gemeinde.
 

Räume für Gemeinschaft schaffen

Lektion vier: Solange unsere beiden Kinder noch klein waren, habe ich mir Räume der Gemeinschaft in unserem Zuhause geschaffen. Zum Beispiel habe ich jeden Dienstagmorgen Frauen aus der Nachbarschaft zu einem Bibelfrühstück eingeladen: Viel Raum, um zuzuhören, zu beten, über die Bibel zu diskutieren und sich einfach auszutauschen. Einmal hatte ich den Eindruck, ich solle eine Frau einladen, mit der ich bisher noch kein Wort gesprochen hatte. Als ich etwas zögerlich an ihre Tür klopfte und sie einlud, strahlte sie mich an: Sie hatte gerade eine schwere Zeit und sehnte sich nach Austausch und Gemeinschaft.

Also trauen Sie sich: Gehen Sie auf andere zu. Ich habe dabei immer festgestellt, dass ich am Ende die war, die am reichsten beschenkt wurde. Ganz nach dem bekannten Sprichwort der deutschen Schriftstellerin Marie Calm (1832 - 1887), das viele Poesiealben früher schmückte: „Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu andrer Glück, denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück.“ Ein bewährter Tipp, der auch aus der Einsamkeit in die Gemeinschaft führt. Oder mit den Worten der Bibel gesagt: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« (Galater 5,14 und 3. Mose 19,18)

Gerade einsame Menschen tendieren oft dazu, alleine zu Hause zu bleiben. Einsamkeit ist wie ein Gefängnis, das nur von innen geöffnet werden kann, von Ihnen selbst. Gehen Sie raus aus Ihrer Wohnung, machen Sie einen Spaziergang. Es gibt unendliche Möglichkeiten, neue Leute kennenzulernen, wenn Sie unter Menschen gehen. Ein Bekannter hat in seiner Heimatstadt hierzu beispielsweise eine Bücherstube gegründet. Leute können dort Bücher kostenlos mitnehmen oder ausleihen. Inzwischen ist die kleine Bücherei zu einem wichtigen Ort der Kommunikation und Gemeinschaft für viele Menschen geworden. Auch ein Ort, wo man bei einer Tasse Kaffee über Gott ins Gespräch kommen kann. „Die Bücherstube ist das Beste, was ich machen konnte – auch für mich“, resümiert der Gründer, ein pensionierter ehemaliger Lehrer.

Einsamkeit ist wie ein Gefängnis, das nur von innen geöffnet werden kann, von Ihnen selbst.

 

Ein anderes Beispiel: In meiner jetzigen Lebensphase, in der meine erwachsenen Kinder das Elternhaus verlassen haben, wollte ich mich in meiner Freizeit wieder mehr kreativ-künstlerisch betätigen und das am liebsten mit Christen und christlichen Inhalten. Inzwischen treffen wir uns in meiner Gemeinde einmal im Monat zum „BibleArtJournaling“. Das heißt, wir suchen uns einen Bibeltext aus, beten gemeinsam, tauschen uns aus, was der Text uns sagt. Der Bibelvers ist dann Ausgangspunkt für eine Collage oder Zeichnung mit den unterschiedlichsten Stilmitteln. Bei unserem ersten Treffen ist mir besonders 1. Johannes 1,3 ins Auge oder besser ins Herz gefallen, der so gut zu diesem Beitrag passt: „Was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.“
 

Jesus, der gute Hirte

Einsamkeit erlebe ich aber nicht nur negativ. Es ist auch ein Ort, wo ich uneingeschränkt „Ich“ sein kann, ganz ohne Masken. Wo ich meinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen lauschen kann. Als eher extrovertierter Mensch musste ich regelrecht üben, Zeit alleine zu verbringen. Letztendlich ist Einsamkeit auch der Ort, wo ich Gott begegnen kann. „Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!“ Dieser Vers aus Psalm 46 ist inzwischen einer meiner Lieblingsverse in der Bibel.

Einsamkeit erlebe ich aber nicht nur negativ. Es ist auch ein Ort, wo ich uneingeschränkt „Ich“ sein kann, ganz ohne Masken. Wo ich meinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen lauschen kann.

 

In jedem Menschen gibt es diesen Raum, der nur für Gott bestimmt ist. In meiner stillen Kammer, wo ich allein Gemeinschaft mit Gott haben kann. Wo Jesus mir begegnet als der gute Hirte, bei dem mir an nichts mangelt, der mich vom Grau der Einsamkeit wieder auf eine grüne Aue führt und meine Seele mit frischem Wasser erquickt. Der mich tröstet und meinem Leben wieder voll einschenkt.

Ich bin überzeugt: Gott wird immer das tun, was für mich am allerbesten ist. Er kann auch wieder gute neue Beziehungen schenken oder alte aufleben und erneuern lassen. Das habe ich in den unterschiedlichsten Farbabstufungen auch in einsamen Phasen erlebt. Mal stillt Gott die Sehnsucht auf seine übernatürliche Weise, mal schickt er auch einen Menschen vorbei. Darauf können Sie sich verlassen. Besprechen Sie es mit Ihrem liebenden Schöpfer. Sie brauchen noch nicht einmal ein Telefon dafür.


Lucia Ewald, Kulturanthropologin und Journalistin und arbeitet seit zehn Jahren als Redakteurin bei ERF Medien.
 


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