Reportage

Nutella-Brot mit ganz viel Liebe

Beim Franziskustreff in Frankfurt gibt es Frühstück für Bedürftige.

Donnerstagmorgen. Kurz nach 6 Uhr. Es dämmert schon, aber es ist kalt. In der Nacht hat es Frost gegeben. Die Sonne lässt noch auf sich warten, auch wenn sie hinter dem Horizont lauert, diesen Tag zu erwärmen. Ich stehe auf der Zeil, der Einkaufsmeile mitten in Frankfurt. Noch ist es hier ganz ruhig. Fast. Vielleicht 200 Meter entfernt ist ein Fahrzeug der Stadtreinigung am Werk. Dessen eintöniges Rauschen dringt unbarmherzig an mein Ohr. Menschen sind um diese Zeit kaum zu sehen. Die wenigen Leute, die so früh unterwegs sind, eilen zu Bus oder U-Bahn. Wie anders wird es hier in wenigen Stunden aussehen? Dann treten sich die Leute fast auf die Füße. Aber jetzt eben noch nicht. Jetzt ist es hier leer.

Bruder Michael – Leiter des Franziskustreffs (Foto: Franziskustreff)
Bruder Michael – Leiter des Franziskustreffs (Foto: Franziskustreff)

Was tue ich hier um diese Zeit? Mein eigentliches Ziel an diesem Morgen ist das Kloster in der Liebfrauenstraße, kaum 100 Meter von der Zeil entfernt. Ich bin verabredet mit Bruder Michael Wies, dem Leiter des Franziskustreffs. Doch bevor ich mich dorthin begebe, versuche ich ein wenig die Atmosphäre dieses Morgens einzuatmen. Der Franziskustreff bietet nämlich ein Frühstück für bedürftige Menschen an. Arme und Obdachlose zumeist. Tagsüber sind viele von ihnen auf der Zeil zu finden. Aber jetzt sehe ich niemanden. Zugleich frage ich mich, wo werden diese Menschen die kalte Nacht verbracht haben.

25 Jahre - Jeden Tag geht es um Würde

Ein Schnappschuss der Mitarbeiterschaft – hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiter heißen die Gäste willkommen (Foto: Franziskustreff Stiftung)
Ein Schnappschuss der Mitarbeiterschaft – hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiter heißen die Gäste willkommen (Foto: Franziskustreff)

Um halb 7 Uhr habe ich mich mit Bruder Michael im Liebfrauenkloster verabredet. Dann treffen sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Franziskustreffs, Ehrenamtliche wie Hauptamtliche, um das Frühstück für heute vorzubereiten. Ich bin nicht der erste. Zwei Frauen sind schon da und Bruder Michael natürlich. Drei weitere Frauen kommen kurz nach mir. Kurze Begrüßung und Vorstellung. Ja, ich komme von ERF Pop und mache eine Reportage im Rahmen unserer Aktion „radikal geliebt“. Es geht darum, Menschen vorzustellen, die in ihrem Umfeld Vorbild für gelebte Nächstenliebe sind.

Der Franziskustreff ist ein gutes Beispiel. Denn hier opfern jeden Tag Menschen ihre Zeit und Liebe für solche, die am Rande unserer Gesellschaft stehen. Seit nunmehr 25 Jahren gibt es den Franziskustreff. Jeden Tag, Sommers wie Winters, Wochen- wie Feiertags bietet er ein Frühstück für bedürftige Menschen an. Und mehr noch, wenn gewünscht auch ein offenes Ohr und Herz.

Was auf den Tisch kommt, ist gespendet

 

Viel geredet wird um diese Zeit noch nicht. Jede und jeder kennt seine Aufgabe genau. Eine Mitarbeiterin bereitet Wurst- und Käseteller vor. Eine andere deckt die Tische oder kocht Kaffee und Tee. Jemand muss das Brot schneiden.
 

Geschenk der Bäckerei für den Franziskustreff (Foto: Heiko Brattig)
Geschenk der Bäckerei für den Franziskustreff (Foto: Heiko Brattig)

Gerade in diesem Moment kommt noch ein Helfer von draußen rein. Er bringt ein paar Körbe voll mit Broten und Plunderstücken. Wie fast alles, was beim Franziskustreff auf die Tische kommt, sind dies Spenden umliegender Geschäfte. Nicht verkaufte Ware vom Vortag. Das ist mal mehr, mal weniger. Manchmal reicht es, manchmal müssen die Mitarbeiter Lebensmittel dazukaufen, von Spendengeldern versteht sich. Der Franziskustreff erhält keine Finanzspritze der öffentlichen Hand. Bruder Michael sagt, der Franziskustreff lebt ausschließlich von den Zuwendungen der Wohltäter.

 

Fast fertig – Fehlen nur noch die Gäste (Foto: Heiko Brattig)
Fast fertig – Fehlen nur noch die Gäste (Foto: Heiko Brattig)

Jeden Tag kommen zwischen 100 und 160 Gäste zum Franziskustreff. Gäste, nicht Obdachlose! Das ist den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wichtig. Das verleiht jedem Gast ein Stück Würde. Mir gefällt diese Formulierung.

Um kurz nach 7 Uhr sind die meisten Vorbereitungen abgeschlossen. Alle Tische sind gedeckt. Überall stehen Brot, Butter, Marmelade und Nutella. Es sieht richtig freundlich aus. Bis der Franziskustreff um 7.45 Uhr seine Tür öffnet, setzen sich die Mitarbeiter zusammen und frühstücken erst einmal selbst. Danach werden sie keine Zeit mehr haben, etwas in den Mund zu stecken.

Frühstück für 50 Cent

Mittlerweile ist es Viertel vor 8 Uhr. Alle Mitarbeiter gehen auf ihren Platz. Bruder Michael schließt die Tür auf. Draußen steht eine lange Schlange. Und dann wird jeder der Gäste per Handschlag begrüßt. Das ist Tradition im Franziskustreff. Und auch diese kleine Geste will den Gästen ein Stück Würde geben. Würde, die viele von ihnen vielleicht schon lange nicht mehr vor sich selbst haben.

 

Die 32 Plätze in dem schmalen hellen Raum sind schnell gefüllt. Die meisten Gäste sind Männer. Nur wenige Frauen sind gekommen. Das sei nicht ungewöhnlich, erzählt mir Bruder Michael. Es ist bekannt, dass die meisten Obdachlosen Männer sind. Ganz unterschiedliche Menschen haben Platz genommen. Junge Leute sind kaum dabei. Aber durchaus der Mitt-40-er, der seinen Job verloren hat und noch immer auf Arbeitssuche ist; einige Migranten, jung wie alt, die kaum deutsch sprechen und auch nur einen Käseteller nehmen, keine Wurst. Und natürlich sind auch Menschen hier, die schon älter sind, zum Teil auch schon lange auf der Straße leben.
 

Viel los im Franziskustreff (Foto: Heiko Brattig)
Viel los im Franziskustreff (Foto: Heiko Brattig)

Nun wird es gleich turbulent. Kaffee und Tee wird ausgeschenkt, eine Mitarbeiterin fragt, ob die Gäste lieber Wurst oder Käse zum Frühstück wollten. Bruder Michael kassiert derweil 50 Cent von jedem der Gäste. So viel „kostet“ das Frühstück im Franziskustreff. Es ist wichtig, das Frühstück nicht kostenlos anzubieten. Bezahlen wollen und können, auch das hat mit Würde zu tun.


Jeder wird mit dem gleichen Respekt behandelt

 

Das Geschirr klappert, einige Gäste unterhalten sich. Viele kennen sich zwar seit Jahren, aber so viel zu sagen hat man vielleicht nicht, wenn man sich jeden Tag hier trifft. Tatsächlich kommen viele Gäste jeden Tag hierher. Dann ein kleines Problem: Einer der Gäste möchte nicht neben einem anderen Gast sitzen. Vielleicht weil er anders riecht oder anders aussieht? Ja, auch Migranten sind gekommen, ein älterer Mann und eine Frau, die Kopftuch trägt. Aber hier geht es nicht um Aussehen oder Geruch. Und kein Gast hat mehr Rechte als andere. Jeder wird mit dem gleichen Respekt behandelt. Das ist oberstes Prinzip im Franziskustreff. Da alle anderen Plätze derzeit belegt sind, muss der Gast, der nicht neben dem anderen sitzen wollte, eben den Raum verlassen. Ob er später nochmal wiederkommt? Möglich wäre das. Es gibt eine Hausordnung, sagt Bruder Michael. Die Mitarbeiter erwarten von den Gästen, dass diese eingehalten werden. Das klappt in der Regel. Ja, auch Streit gibt es ab und an, erzählt Bruder Michael. Dann muss geschlichtet werden, zuweilen werden die Gäste weggeschickt. Doch Konflikte sind eher selten. An diesem Donnerstagmorgen gibt es keine ernsten Zwischenfälle.

Zur Hausordnung im Franziskustreff gehört auch, dass sich die Gäste nur um die 45 Minuten hier aushalten dürfen. Grund: Wenn noch mehr Gäste kommen, sollen auch die Platz finden. Bei einer Öffnungszeit von dreieinhalb Stunden finden so rechnerisch um die 150 Besucher Platz. Mehr geht nicht.

Radikale Liebe

 

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind stets freundlich. Routine, damit lässt sich wohl am besten beschreiben, wie nun alles hier abläuft. Die Mitarbeiter wissen genau, was sie zu tun haben. Kaffee nachschenken, ein neues Nutella-Glas auf den Tisch stellen oder auch mal ein kurzes Gespräch.

Neben der Organisation des Frühstücks geht es auch immer darum, aufmerksam für die Gäste zu sein, ob jemand Hilfe sucht und braucht. Im Franziskustreff arbeitet deshalb auch eine Sozialarbeiterin.

Viel Platz haben die Mitarbeiterinnen nicht. (Foto: Heiko Brattig)
Viel Platz haben die Mitarbeiterinnen nicht. (Foto: Heiko Brattig)

Sind Routine und Liebe eigentlich ein Widerspruch, frage ich mich. Ich bin nicht sicher, ob ich diese Frage laut stellen soll. Doch dann gebe ich mir selbst die Antwort. Warum soll das ein Widerspruch sein? Was habe ich denn erwartet? Immer fröhlich lächelnde Gesichter? Die entdecke ich! Immer wieder. Bei Bruder Michael und den Mitarbeiterinnen des Franziskustreffs. Nie höre ich ein schlechtes Wort. Immer geht es freundlich zu. Und auch die Gäste sind freundlich. Sie wissen, was sie am Franziskustreff haben. Je mehr ich darüber nachdenke, ob Routine und Liebe ein Widerspruch sind, umso mehr merke ich, wie falsch diese Frage ist. Überall, wo Menschen aus Liebe etwas für andere tun, gibt es auch Routine. Professionelle Hilfe und Liebe schließen sich nicht aus.

 

Dennoch stelle ich die Frage, die sich vielleicht alle stellen würden. Die Frage, die ich vor allem auch als Journalist und Reporter fragen muss: Warum stellen sich die Mitarbeiter morgens hier hin, um den Gästen ein Frühstück anzubieten? Ein gewisser Idealismus gehört ja schon dazu. Bruder Michael spricht dann von seinem Glauben und seiner Entscheidung, Kapuzinerbruder zu werden.

Nase rümpfen ist nicht

Mittlerweile ist es halb 9 Uhr. Die meisten der ersten Gäste sind gegangen. Etwas ruhiger ist es geworden. Es gibt ein paar freie Plätze. Aber immer wieder kommen neue Gäste und jeder, wirklich jeder, bekommt das gleiche Angebot: Kaffee oder Tee, Brot, Käse, Wurst, Nutella, Marmelade und heute auch süße Plunderstückchen. Niemand wird bevorzugt, niemand benachteiligt.

Bruder Michael hat ein paar wenige Minuten für einen Smalltalk mit einer Mitarbeiterin oder dem neugierigen Reporter. Doch sobald ein Platz im Franziskustreff frei wird, wird neu eingedeckt. Jeder der Gäste soll sich willkommen fühlen. Das ist Bruder Michael Wies und den anderen wichtig. Jeder Mensch hat eine Würde und sieht er oder sie noch so abgewrackt aus. Niemand wird schief angeguckt, auch wenn er u. U. nicht so angenehm riecht. Apropos riechen. Tatsächlich habe ich gemerkt, dass es anders riecht, wenn die Gäste da sind. Es ist eine seltsame Mischung, die ich nur schwer beschreiben kann. Aber Nase rümpfen ist nicht.

Jeder Mensch hat eine Würde und sieht er oder sie noch so abgewrackt aus.

Jeder ein Einzelschicksal

Während die vielen Gäste beim Frühstück sitzen, frage ich mich: Wer sind all diese Menschen? Welches Schicksal wird sie getroffen haben? Jobverlust ist ein Grund dafür, warum Menschen auf der Straße landen. Und es sind definitiv nicht nur Leute aus der Unterschicht, schlecht ausgebildet. Unter den Gästen sind Menschen, die offenbar schon in besseren Jobs gearbeitet haben. Einer der Gäste erzählt mir von einem bevorstehenden Vorstellungsgespräch.

Später lerne ich Klaus kennen. Er sagt, er lebe schon 20 Jahre auf der Straße – mehr oder weniger. Ursprünglich kommt Klaus aus Offenbach. Er ist verheiratet, hat 5 erwachsene Kinder. Aber mit der Familie hat er nicht allzu viel zu tun. Seit drei Jahren wohnt er im Stadtwald von Frankfurt. Sommers wie Winters. Jeden Tag, jede Nacht. Er ist zufrieden mit sich, mit der Welt. Er sagt, er braucht nichts anderes und es gehe ihm gut. Er liebt die Einsamkeit, er liebt den Wald. Die Geräusche, den Vogelgesang, das Hämmern der Spechte, das Knarren der Bäume. Ja, er hat kein Einkommen, aber das braucht er nicht. Sein Leben im Wald ist selbst gewählt. Unglücklich ist Klaus nicht und er leidet auch nicht an seiner Situation. Im Gegenteil. Er ist ein zufriedener Mensch, nennt sein Leben im Wald ein „natürliches Zölibat“. Einsam ist er nicht. Nur morgens kommt er aus dem Wald und frühstückt im Franziskustreff. Jeden Tag. Und nur diese eine Mahlzeit. Das genügt ihm, sagt er. Manchmal bekommt er ein wenig Geld geschenkt oder ein Ladenbesitzer gibt ihm mal was aus.

Einzelschicksale, denke ich. Jeder der Gäste, die in den Franziskustreff kommen, hat seine Geschichte. Nicht jeder hat sein Schicksal so gewählt wie Klaus. Aber jeder muss mehr oder weniger mit seiner Situation zurechtkommen. Den einen gelingt das gut, den anderen weniger gut. Einzelschicksale, denke ich wieder. Nicht herablassend, sondern voller Würde. Nein, ich möchte keinen dieser Bedürftigen irgendwie bewerten. Das steht mir nicht zu. Mein Respekt für die Gäste steigt an diesem Morgen. Aber auch mein Respekt für die Mitarbeiter. Jeder von ihnen opfert seine Zeit für die Gäste. Jeder tut es aus Liebe zu den Mitmenschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Hut ab!, durchfährt mich ein Gedanke.

 

Ich bleibe nicht bis zum Schluss an diesem Vormittag. Im Grunde habe ich genug gesehen und gelernt. Zum Beispiel, dass sich Liebe und Routine nicht ausschließen. Oder dass Liebe sehr viel mit Respekt und Würde zu tun hat, die ich dem anderen entgegen bringe. Und auch mit Toleranz hat der Dienst im Franziskustreff zu tun. Bruder Michael formuliert es so: „Es geht darum, die Gäste so anzunehmen, wie sie sind und nicht sie zu etwas machen zu wollen, was sie selbst gar nicht wollen.“

 

Heiko Brattig, Moderator ERF Pop


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