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Menschen ohne Bedeutung

Warum viele mit ihren Problemen allein bleiben.


  • Nur wer auf sich aufmerksam macht, wird gesehen
  • Warum es in unserer Verantwortung liegt, hinzuschauen
  • Menschen leiden, ohne dass es jemand bemerkt


Rachel hatte ein Geheimnis, das sie niemandem anvertrauen konnte: Ihr älterer Bruder missbrauchte sie. Um sich ihm zu entziehen, schlich sie abends oft ins Wohnzimmer, kroch unbemerkt unter das Sofa und schlief dort ein. Als Jugendliche begann sie schwarze Kleidung zu tragen, hing mit den Außenseitern ihrer Schule ab und schrieb düstere Gedichte in ihr Tagebuch, das den Titel „Schwarz“ trug.

Als Erwachsene fühlte sie sich durch ihr Geheimnis isoliert und zweifelte daran, Liebe und Annahme zu verdienen. Deshalb suchte sie die Psychotherapeutin und Autorin Meg Jay auf. Ihr vertraute Rachel an: „Ich hatte das Gefühl, als trüge ich diese Hinweise an mir (…). Und ich hatte darauf gewartet, dass jemand sie bemerkt und daraus schließt, was wirklich passiert war. Aber die meisten Leute bemerken die Hinweise nicht. Und wenn sie es tun, weiß man nicht, ob sie wirklich die Wahrheit herausfinden wollen oder sie einfach unter den Teppich kehren wollen.“ (Jay, Meg: Die Macht der Kindheit. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2018, S. 293.)

In ihrer Kindheit sah Rachel gerne die Krimiserie „Columbo“ im Fernsehen. Als Erwachsene hätte sie sich gewünscht, dass jemand in ihrem Leben ebenso genau hingeschaut hätte, wie der berühmte TV-Kommissar, der aus winzigen Indizien, die andere schnell übersahen, die richtigen Schlüsse zog. Doch es geschah nicht, obwohl sie zahlreiche stumme Signale an ihr Umfeld aussendete. Sie reichten nicht aus, um die nötige Aufmerksamkeit zu erregen. Niemand schaute hin, Rachel blieb mit ihrer Scham und ihrer Verunsicherung allein und litt bis in ihr Erwachsenenleben daran.
 

„Warum hat niemand hingeschaut?“

Rachels Geschichte ist beispielhaft für ein alltägliches Phänomen. Wir leben inmitten von Menschen, die – meist in jungen Jahren – seelische Verletzungen erlitten haben, die sich teils gravierend auf ihr Wohlbefinden auswirken. Für viele waren diese Verletzungen Normalität, die sie erdulden mussten, weil sie nichts anderes kannten und ihnen niemand zur Hilfe kam. Die Folgen sind vermindertes Selbstwertgefühl, Misstrauen und oft eine gewisse bis vollständige soziale Isolation. Ihr Leiden hätte vermieden werden können, wenn andere ihre Hinweise wahrgenommen und richtig gedeutet hätten, um ihnen anschließend zu helfen.

„Warum hat niemand hingeschaut?“ Diese Frage taucht immer dann auf, wenn ein Kind von seinen Eltern zu Tode misshandelt wurde. Aber sie ist genauso berechtigt in all den Fällen der alltäglichen Gewalt, des Missbrauchs, Mobbings und der Vernachlässigung, die nicht selten lebenslanges Leid für die Betroffenen bedeuten.

Warum hat niemand hingeschaut?“ Diese Frage taucht immer dann auf, wenn ein Kind von seinen Eltern zu Tode misshandelt wurde. Aber sie ist genauso berechtigt in all den Fällen der alltäglichen Gewalt, des Missbrauchs, Mobbings und der Vernachlässigung, die nicht selten lebenslanges Leid für die Betroffenen bedeuten.

 

Erreicht ein solcher Fall traurige Berühmtheit, beginnt die reflexhafte Suche nach dem Schuldigen. Irgendjemand hätte etwas bemerken müssen! Wer hat seine Pflichten vernachlässigt? Die Antwort müsste lauten: Jeder, der mit dem Opfer zu tun hatte und die Hinweise bei genauerem Hinsehen richtig hätte deuten können. Es gibt meist nicht den einen Schuldigen. Es ist das „System“. Es ist die Menge der Menschen, die mit dem Opfer in Kontakt standen.
 

Einsame Wölfe

Wer hat den Mann wahrgenommen, der in der Silvesternacht in Bottrop und Essen sein Auto in Menschenansammlungen steuerte, mit der festen Absicht, Ausländer zu töten? In Medienberichten wird er als psychisch krank beschrieben, doch das ist mit Sicherheit nicht die einzige Ursache, die ihn zu dieser Tat trieb. Tausende andere psychisch erkrankte Menschen würden im Traum nicht auf die Idee kommen, eine solche Tat zu verüben. Der Politikwissenschaftler und Rechtsextremismusforscher Florian Hartleb ordnet den Mann einer Tätergruppe zu, die er als „einsame Wölfe“ bezeichnet: „Meist handelt es sich um vereinsamte Männer mittleren Alters ohne Freundin oder Frau, viele arbeitslos und sozial isoliert.“ (https://www.welt.de/politik/deutschland/article186470878/Bluttat-in-Bottrop-und-Essen-Was-Taeter-wie-Andreas-N-antreibt.html, Abgerufen am 09.01.2019)

Hartleb nennt genügend Faktoren, die aufmerksame Menschen hellhörig hätten machen müssen: „Die Täter vereinsamen während ihrer Radikalisierung, ziehen sich in das stille Kämmerlein zurück, senden plötzlich Hassbotschaften los, und ihre verbliebenen Freunde wenden sich von ihnen ab. Das sind Alarmsignale, die man im Elternhaus, im freundschaftlichen oder beruflichen Umfeld oder in der Schule stärker berücksichtigen muss. Es geht darum, solche Leute nicht weiter in die Isolation zu treiben, sondern zu versuchen, sie irgendwo aufzufangen.“ (a.a.O.)
 

Wenn alles andere wichtiger erscheint

Doch dieser Versuch scheitert immer wieder. Weil niemand hinsieht oder sogar absichtlich wegsieht. Nun sind die meisten Menschen natürlich keine Columbos, die das Gras wachsen hören. Jeder ist irgendwo eingespannt, hat mit seinem eigenen Leben und seinen Schwierigkeiten zu tun und kann sich meistens auf die Formel: „Ich habe die Anzeichen nicht bemerkt!“ berufen. Aber selbst, wenn das Problem buchstäblich zu Füßen liegt, gelingt es erstaunlich vielen Menschen noch, „nichts zu bemerken“.

So geschehen im Vorraum einer Essener Bankfiliale: Ein Rentner brach vor dem Geldautomat zusammen und blieb ohnmächtig am Boden liegen. Vier Bankkunden waren an dem offensichtlich in Not geratenen Mann vorübergegangen und hatten ihn ignoriert, bis der Fünfte endlich hinsah und Hilfe alarmierte – zu spät, wie sich später herausstellte. Der Mann starb wenig später im Krankenhaus. Gegen die Kunden, die achtlos an dem Mann vorbeigegangen waren, wurde daraufhin wegen unterlassener Hilfeleistung ermittelt, mehrere landeten vor Gericht.

Welche Bedeutung haben Menschen wie die still leidende Rachel, der arbeitslose Attentäter oder der sterbende Rentner, der im Weg lag? Brutal gesagt: Keine. Denn zu den Zeitpunkten, als sie dringend der Aufmerksamkeit anderer Menschen bedurft hätten, waren diese mit scheinbar Wichtigerem beschäftigt (sich selbst?). Als sie ihre Aufmerksamkeit letztlich bekamen, war es zumindest für den Attentäter und den Rentner bereits zu spät.
 

Nur wer interessant ist, wird auch gesehen

Aufmerksamkeit ist eines der höchsten Güter, das Menschen verschenken können, denn sie ist begrenzt. Und wie es mit wertvollen, aber begrenzten Gütern so ist, behalten sie viele am liebsten für sich selbst und geizen damit, sie anderen zuteilwerden zu lassen. Wem also schenke ich meine Aufmerksamkeit? Natürlich demjenigen, der mir in irgendeiner Weise selbst nutzt, der mich interessiert und mir am Herzen liegt. Der Rest geht mich nichts an. Denn was haben die Uninteressanten, die stillen Randgestalten an sich, das es rechtfertigen würde, meine knappe Aufmerksamkeit an sie zu verschwenden?

Aufmerksamkeit ist eines der höchsten Güter, das Menschen verschenken können, denn sie ist begrenzt. Und wie es mit wertvollen, aber begrenzten Gütern so ist, behalten sie viele am liebsten für sich selbst und geizen damit, sie anderen zuteilwerden zu lassen.

 

Wer in irgendeiner Weise interessant ist, erhält Aufmerksamkeit. Manch einer greift zu drastischen Mitteln, um gesehen zu werden. In den „einsamen Wölfen“, von denen Hartleb spricht, stauen sich Ohnmacht und Frust über das Nicht-gesehen-werden so lange an, bis sich beides auf explosive Weise äußert. Sie greifen zu drastischen Mitteln, damit ihr Leiden endlich bemerkt wird, und sorgen auf diese Weise für noch mehr Leid.

Andere Menschen, wie Rachel, einsame Rentner oder gemobbte Schulkinder, leiden still vor sich hin. So lange sie nicht auffallen und keinen Ärger machen, bleibt das oft auch so. Die Unscheinbaren werden übersehen. Oft sind sie selbst davon überzeugt, Aufmerksamkeit gar nicht erst zu verdienen. Weil sie es gar nicht anders kennen.
 

Wer trägt die Verantwortung?

Der sterbende Rentner im Bankvorraum erinnert mich an einen anderen Menschen in Not: An jenen, von dem Jesus in der Geschichte vom Barmherzigen Samariter erzählt. Ein Mann wird auf offener Straße überfallen, ausgeraubt und zusammengeschlagen und bleibt hilflos liegen. Mehrere Menschen gehen achtlos an ihm vorüber, bis zuletzt ein Mann aus Samarien vorbeikommt und die leidende Gestalt am Rande seines Weges wahrnimmt. Er schenkt dem Menschen, der ihm nichts bieten kann, seine Aufmerksamkeit und hilft ihm. Jesus schließt die Erzählung mit einem „Geh und folge seinem Beispiel!“

Der Ausgeraubte steht sinnbildlich für alle, die seelisch oder körperlich leiden und nicht die Möglichkeit haben, auf sich aufmerksam zu machen. Und ja, die Geschichte ist alt und die meisten können sie schon rückwärts buchstabieren. Aber sie ist so einfach wie wahr: Der leidende Mensch am Rande meines Lebensweges geht mich etwas an. Wenn ich die Möglichkeit habe, ihm zu helfen, und tue es nicht, mache ich mit mitschuldig an seinem Leid. Dafür kann ich unter Umständen sogar zur Rechenschaft gezogen werden, wie die Bankkunden, die nicht halfen.

Verantwortung übernehmen heißt, dass ich mir über den Einfluss, den ich auf meine Umwelt habe, bewusst werde und mein Handeln auf den größtmöglichen positiven Nutzen ausrichte. Das ist meine Aufgabe. Nicht nur als Christ, sondern als Mensch ganz allgemein. Dafür stehe ich und darüber muss ich Rechenschaft ablegen.

 

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Kommentare

Von Vera am .

Das kommt mir bekannt vor, läßt sich aber noch steigern. Wenn sich doch mal jemand dazu äußert, kommen Kommentare wie "Die ist so problembeladen" oder mit wegwerfender Handbewegung "Ich weiß schon, daß Du das nicht magst". Das ist auch nicht besser als Schweigen. Bemerkenswert auch: Seit einer Woche hat noch niemand auf den Artikel reagiert!


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