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„Ich schaffe mir die Welt, wie sie mir gefällt“

6 Fakten zum Thema Selbsttäuschung.


„Ein paar E-Zigaretten täglich zu rauchen, ist doch nicht schädlich. Da ist doch fast kein Nikotin drin!“, höre ich eine schwangere Frau sagen. Dabei warnen Gesundheitsbehörden davor, nikotinhaltige E-Zigaretten zu konsumieren.  

Menschen neigen nicht nur dazu, andere zu täuschen, sondern auch sich selbst. Jeder Mensch macht sich etwas vor – in seinem Selbstbild, in Beziehungen oder im Job. Das nennt man dann Selbsttäuschung. Es lohnt sich, ein Blick hinter die eigene Kulisse zu werfen, um das wahre Ich besser zu verstehen.
 

Hier kommen 6 Fakten zum Thema Selbsttäuschung…

1. Was ist Selbsttäuschung?

Für den Psychologen Rainer Sachse bedeutet der Begriff Täuschung, „etwas zu behaupten oder zu glauben, was nicht durch Fakten gestützt wird oder was der Realität widerspricht“.1

Selbsttäuschung bedeutet demnach, dass ich nicht nur anderen etwas vormache, sondern auch mir selbst. Ich halte dann an einem Ideal oder einer Illusion fest oder schaffe mir ein verfälschtes innerliches Bild von mir selbst. Ein Beispiel dazu: Ich bin auf der Suche nach einem Job und stoße dabei auf ein Stellenangebot. Eigentlich sagt es mir gar nicht zu. Etwas anderes kann ich zurzeit aber leider nicht finden. Ich bewerbe mich auf diese Stelle und rede mir ein, dass ich kompetent genug für diesen Job bin, obwohl mir meine Zeugnisnoten oder das Feedback von anderen etwas anderes sagen.
 

2. Warum täusche ich mir etwas vor?

Selbsttäuschung dient als ein Abwehrmechanismus. Das bedeutet, dass ich von der Wahrheit nichts wissen will und sie abwehren will. Ich möchte zum Beispiel nicht wissen, was ich nicht kann. Im oben genannten Beispiel kann das bedeuten: Die Frau will das Defizit nicht wahrhaben, dass sie es gerade nicht schafft, mit dem Rauchen aufzuhören. Sie will nicht wissen, dass sie Hilfe braucht. Deswegen redet sie sich lieber ein, dass es ihrem Körper und ihrem ungeborenen Kind schon nichts ausmacht, wenn sie raucht.

Dabei kennt sie die Fakten: Das Risiko für Atemwegserkrankungen ist deutlich erhöht. Der Konsum von Nikotin kann noch weitere Konsequenzen nach sich ziehen, wie z.B. eine Reihe verschiedener Krebsarten auslösen und Herzkrankheiten verursachen. Das Kind kann an einem plötzlichen Kindstod sterben und es kann zu Komplikationen während der Schwangerschaft führen – doch diese Konsequenzen verdrängt sie lieber.

3. Wann täusche ich mich selbst?


3.1. In meinem Selbstbild…

Ich täusche mich, wenn ich ständig besser von mir denke als ich eigentlich bin. Dann lasse ich keinen Widerspruch mehr zu. Menschen mit einem zu großen Selbstwertgefühl sind dafür beispielsweise sehr anfällig. Bin ich zu überzeugt von mir selbst, kann es sein, dass ich immer auf Angriff ausgerichtet bin und alles abblocke, was gerade nicht in mein Selbstbild passt.

Kritik kann ich nicht ertragen und weise sie deshalb von mir. In diesem Zustand hinterfrage ich mein Handeln generell nicht. Ein Beispiel hierfür sind Narzissten: Sie neigen dazu, zu großartig von sich zu denken. Mit dieser Eigenschaft täuschen sie ihr Umfeld und sich selbst.
 

3.2. In Beziehungen….

Es ist möglich, dass ich mich in Beziehungen selbst täusche. Vielleicht habe ich eine Beziehung, die seit Beginn ungesund ist, wie z.B. eine Freundschaft, in der immer nur einer gibt und der andere nimmt – eine Freundschaft, in der es keinen Ausgleich gibt. Ich denke und hoffe, dass es irgendwann besser läuft. Und obwohl ich mich dauerhaft ausgelaugt fühle und sich trotz Gesprächen mit der Person nichts verändert, halte ich so sehr an der Vorstellung fest, dass ich diese Freundschaft brauche.

Ein weiteres Beispiel: Ich gestehe jemandem meine Liebe und erhalte eine Zurückweisung. Diese will ich im ersten Moment nicht wahrhaben. Vielleicht hoffe ich, dass es doch noch etwas wird. Aussagen von der Person wie „Wir passen nicht zusammen“, „Ich kann mir ein Leben mit dir nicht vorstellen“ oder „Ich stehe nicht auf dich“ kann ich nicht akzeptieren. Ich täusche mich selbst.
 

3.3. Im Job…

Ich kann mich, was meine Arbeitsstelle betrifft, auch selbst täuschen. Vielleicht arbeite ich in einem Umfeld, das mir nicht guttut. Um produktiv zu arbeiten, wünsche ich mir z. B. einen wertschätzenden Chef – den habe ich aber nicht. Ich werde ständig unter Druck gesetzt, zu ungerecht beschuldigt, schlecht behandelt und schlecht bezahlt. Obwohl ich bereits Jahre einen bestimmten Job ausübe, sage ich mir vielleicht, dass sich der Chef schon ändern wird. 

Es kann auch sein, dass mir meine Arbeit überhaupt keinen Spaß macht und ich schlichtweg fehl am Platz bin. Der Job, den ich ausübe, entspricht nicht meinen Begabungen, aber ich will einfach nicht wahrhaben, dass ich woanders besser aufgehoben bin. Vielleicht traue ich mich auch nur nicht, etwas Neues zu wagen.
 

4. Warum ist Selbsttäuschung gefährlich?

Wenn ich mich über lange Zeit selbst täusche, gerate ich in einen Dauerkonflikt. Dieser kann mich sehr belasten. Ich fühle mich dann durchgängig emotional angespannt und unzufrieden. Schließlich befinde ich mich in einem Teufelskreis: Ich kann diesen Zustand nämlich nicht beenden. Aus irgendeinem Grund will ich so sehr an verdrehten Tatsachen oder an meinem verfälschten Selbstbild festhalten. Das tue ich, trotz der Zweifel, die ich habe, weil ich doch ständig damit konfrontiert werde, dass das Bild, das ich habe, nicht stimmen kann.

Weil es so viel Kraft erfordert, dieses falsche Bild aufrechtzuerhalten, kann es sein, dass ich dadurch krank werde und psychische oder körperliche Beschwerden auftauchen. Selbsttäuschung ist also gefährlich, weil sie auf Dauer starke gesundheitliche Probleme bereiten kann.
 

5. Wie kann ich gegen Selbsttäuschung vorgehen?

Zunächst einmal muss ich herausfinden, wann ich mich selbst täusche. Im Alltag kann ich darüber nachdenken, ob ich mich regelmäßig in bestimmten Situationen nicht gut fühle und oft darüber zweifle, ob ich etwas tun oder lassen sollte.

Gibt es in meinem Umfeld vielleicht eine Person, bei der es mir schwerfällt, Nein zu sagen? Ist dies der Fall, kann ich mir Gedanken darüber machen, was meine Gründe dahinter sind.

Dafür kann ich mir folgende Fragen stellen:

  • Habe ich Angst vor den Konsequenzen?
  • Denke ich, ein Nein sei unfreundlich?
  • Will ich einfach akzeptiert und nicht ausgeschlossen werden?
  • Droht ein Streit, wenn ich Nein sage?
  • Bekomme ich ansonsten Schuldgefühle oder ein schlechtes Gewissen?
  • Fehlt mir die Harmonie, wenn ich Nein sage?


Wichtig ist, dass ich ehrlich zu mir selbst bin. Ich muss die Beweggründe für mein Jasagen kennen, wenn ich weiß, dass ich eine Aufgabe nicht erledigen möchte. Es kann mir auch helfen, mir bewusst zu machen, was für ein Nein sprechen würde. Das hilft mir gegen Selbsttäuschung vorzugehen und gesunde Entscheidungen zu treffen.

Gründe für ein Nein können folgende sein:

  • Wenn ich diese Aufgabe erledige, habe ich weniger Kraft und Zeit für mein eigenes Leben
  • Es ist nicht meine Aufgabe
  • Diese Aufgabe bereitet mir Stress
  • Ich bekomme das Gefühl, ausgenutzt zu werden
  • Ich bin selbst gerade überfordert
  • Ich habe keine Zeit
  • Es stehen andere wichtige Dinge an
  • Es ist Zeit, dass ich an mich denke

 

6. Ohne Alltagslügen lebt es sich gesünder

„Mir geht es gut“ – Manchmal spiele ich anderen etwas vor, auch wenn mich jemand ehrlich danach fragt, wie es mir geht und täusche damit auch mich selbst. Vielleicht ist mir etwas passiert, das mich wütend oder traurig stimmt und eigentlich wünsche ich mir, dass mir bestimmte Dinge nichts ausmachen. Trotzdem gehen manche Dinge nicht spurlos an mir vorbei. Es hilft mir, wenn ich akzeptiere, dass das so ist und ich mich noch für eine bestimmte Zeit traurig oder wütend fühle.

Wenn ich mich jemanden mitteilen kann, bei dem ich meine Gefühle zulassen kann und offen reden kann, kann es mir helfen, Selbsttäuschung im Alltag zu überwinden.

 

Selbsttäuschung kann gefährliche Auswirkungen auf meine Gesundheit haben. Selbsterkenntnis ist hier der erste Schritt, um gegen Selbsttäuschung vorzugehen. Ehrlich leben und Alltagslügen zu reduzieren, ist wissenschaftlich bewiesen wesentlich gesünder. Es ist gut, wenn ich das so früh wie möglich lerne.

Manchmal muss ich Wunschvorstellungen und Illusionen aufgeben. Selbst mein kleines Kind muss das schon lernen, wenn er bei Gesellschaftsspielen behauptet: „Ich bin gut in dem Spiel. Ich gewinne immer“. Schaffe ich es nämlich doch einmal am Ende des Spiels ein, zwei Paare mehr bei Memory zu haben, bricht mein Sohn in Tränen aus. Sich einzugestehen, dass man doch nicht immer gewinnen kann, ist nicht leicht. Auf Dauer beugt Ehrlichkeit jedoch Selbstbetrug und so manchen Enttäuschungen vor.


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Literatur

Denninger, P. (2019): Der Weg in ein glückliches Leben…: … durch nachhaltiges (Selbst-) Coaching. 1. Auflage, Springer, Berlin.

Sachse, Rainer (2014): Manipulation und Selbsttäuschung. Wie gestalte ich mir die Welt so, dass sie mir gefällt: Manipulationen nutzen und abwenden. Springer, Berlin.

Stangl, W. (2021): Stichwort: 'Selbsttäuschung'. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik: https://lexikon.stangl.eu/19166/selbsttaeuschung/ [letzter Zugriff: 24.1.2021]


[1] Sachse 2014, 2.



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