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Herausforderung Patchworkfamilie

6 Tipps, wie ein gutes Miteinander von Kind und neuem Partner gelingen kann.


Was ist eine Patchworkfamilie?

Die verwitwete Mutter hat einen neuen Partner oder der geschiedene Vater bekommt mit seiner neuen Ehefrau noch ein Kind: Es gibt viele verschiedene Modelle von Patchworkfamilien. Der Begriff geht auf die traditionelle Nähtechnik zurück, bei der aus vielen einzelnen Stoffstücken ein neues Muster zusammengesetzt wird. Ein schönes Bild, auch wenn die Realität einer Patchworkfamilie oft mit Zerbruch und Trauer verbunden ist. Schließlich fehlt ein Elternteil im Alltag, durch Tod oder Trennung des Paares.

Auch wenn der Begriff „Patchworkfamilie“ noch nicht so alt ist, kennt schon die Bibel viele komplizierte Familienkonstellationen. Bekanntestes Beispiel ist wohl Jakob, der 12 Söhne von vier verschiedenen Frauen hatte, was zu dramatischen Konflikten, Lügen und jahrelangem Streit führte.

Und was damals galt, stimmt auch noch heute: Patchworkfamilien stehen vor besonderen Herausforderungen. Für das Kind oder die Kinder verläuft die neue Lebenssituation meist nicht ohne Probleme. Daher stellt sich die Frage: Wie kann ein gutes Miteinander von Kind und neuem Partner gelingen?
 

Hier kommen 6 Tipps, wie ein gutes Miteinander von Kind und neuem Partner gelingen kann.

1) Nichts überstürzen

Für Kinder ist die Trennung der Eltern oft ein traumatisches Erlebnis, das mit dem Verlust von Sicherheit und Vertrauen einhergeht. Selbst wenn die Umstände in der Familie befriedet sind und die Ex-Partner einen guten Umgang miteinander gefunden haben, wirkt sich der Zerbruch des gemeinsamen Zuhauses langfristig belastend auf die betroffenen Kinder aus. Auch der Tod eines Elternteils ist ein dramatischer Einschnitt, der sie maßgeblich prägt.

Beginnt ein Elternteil nun eine neue Beziehung, können diese Verletzungen auch nach Jahren zu Tage treten. Deswegen sollte das neue Paar sich und den Kindern Zeit lassen, die neue Situation zu gestalten. Es kann helfen, etwas Zeit verstreichen zu lassen, ehe man mit einem neuen Partner einen gemeinsamen Haushalt startet. Wann das Kind bereit für diesen Schritt ist, kann sehr unterschiedlich sein.

Wichtig ist, dass man selbst nicht überstürzt handelt. Das Kind sollte man weder überrumpeln, aber das klärende Gespräch auch nicht auslassen.

 

2) Erwartungen und Rollen frühzeitig klären

Wird die neue Beziehung ernst, sollte das Paar offen über ihre Vorstellungen und Erwartungen an die neue Familienkonstellation sprechen. Dabei gibt es kein Patentrezept, wie die Beziehungen in einer Patchwork-Familie aussehen. Es kann zum Beispiel hilfreich sein, den Umgang mit Konfliktsituationen vorher abzustimmen: Soll nur Vater oder Mutter erziehend eingreifen, während sich der neue Partner neutral zurückhält? Wie sieht es mit Kindergeburtstagen oder Weihnachten aus? Gibt es Zeiten, in denen die Kinder ihr Elternteil ganz für sich haben und wann unternimmt man etwas gemeinsam?

Es sind oft eine ganze Reihe von praktischen, alltäglichen Themen zu klären, die allerdings einen großen Einfluss darauf haben, ob der gemeinsame Familienstart gelingt.

 

Gleichzeitig sollte sich das Paar auch ganz grundsätzlichen Themen stellen. So muss der Partner mit Familie für sich klären: Will man mit dem neuen Partner weitere Kinder bekommen? Welche Erwartungen hat man an ihn oder sie bezüglich der eigenen Familie? Erhofft man sich, dass er oder sie eine aktive Rolle in der Erziehung übernimmt oder empfindet man dies als unangemessen? Was ist, wenn diese Beziehung scheitert und man seinen Kindern einen erneuten Verlust zumuten muss?

Der Partner, der neu dazukommt, muss sich die Zeit nehmen, die eigene Rolle in der Familie zu reflektieren. Ist man bereit, sich auf das Kind des neuen Partners einzulassen oder empfindet man dies nur als „notwendiges Übel“?  Ist man bereit, ein anderes Kind aufzuziehen, evtl. zu den eigenen, die man selbst hat? Möchte und kann man diese große Verantwortung übernehmen? Welche Erwartungen hat man an den neuen Partner, wenn es zu Konflikten in der Patchworkfamilie kommt?   
 

3) Auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen

„Mit Kindern komme ich doch gut klar!“ oder „Das Mädchen wird mich mögen!“, kann sich ein neuer Partner denken und sich nicht allzu große Gedanken darüber machen, dass das neue Miteinander wahrscheinlich nicht so schön und einfach verläuft wie zunächst angenommen. Es kommt nicht selten vor, dass ein Kind dem neuen Partner skeptisch gegenübersteht und abweisend wirkt.

Eine Abweisung des Kindes kann mehrere Bedeutungen haben – das sollte man wissen! Es kann einerseits sein, dass das Kind noch unter der Trennung seiner Eltern leidet. Wie schon erwähnt, kann eine Scheidung bei manchen Kindern eine starke Trauer auslösen, bei manchen sogar traumatisch wirken. Laut Jesper Juul, einem dänischen Familientherapeuten, sind Null- bis Dreijährige in der Regel am wenigsten belastet, Kinder von 4-13 Jahren haben es am schwersten, mit der neuen Situation zurecht zu kommen.

Andererseits kann es sein, dass das Kind das Gefühl hat, dass der neue Partner nicht zu Vater oder Mutter passt. Außerdem haben viele Kinder, die den Tod eines Elternteils oder den Zerbruch der Familie erlebt haben, ein hohes Bedürfnis nach Stabilität. Auch wenn sie nichts gegen den neuen Partner einzuwenden haben, kann allein die Aussicht auf Veränderung, z.B. durch den Umzug in ein neues Haus, Ängste und Sorgen auslösen. Dabei kann es Kindern schwerfallen, ihre Gefühle verbal zu äußern: Sie reagieren dann mit Rückzug oder Gereiztheit.

Wichtig ist es daher, die Gefühle des Kindes wahrzunehmen und darauf einzugehen – sowohl als Elternteil als auch als neuer Partner.

 

4) Geduldig sein

In einer Patchworkfamilie darf man sich keine Illusionen machen: Es können Jahre vergehen, bis Kind und neuer Partner sich gut verstehen oder es zumindest ein konfliktarmes Verhältnis zwischen ihnen gibt. Ein Kind kommt meist nicht sofort damit klar, die Mutter oder den Vater teilen zu müssen – besonders, wenn es schon eine Weile mit einem Elternteil allein gelebt hat oder noch dabei war, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen.

Gerade nach einer Trennung sollte man sich bewusst sein, dass ein Kind zornig werden kann, ein großes Bedürfnis nach Nähe zeigt, ständig um Aufmerksamkeit ringt oder auch einfach abweisend und oftmals auch rücksichtslos wirken kann. – Die Trauer um eine zerbrochene Familie kann sich bei Kindern ganz unterschiedlich äußern.

Im Hinterkopf sollte man haben: Selbst wenn Kinder die Trennungsgründe der Eltern nachvollziehen können, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht unter der Situation leiden. Viele Kinder wünschen sich, dass die Eltern wieder zusammenkommen. Verständnis und Empathie sind daher wichtige Eigenschaften, die man als Elternteil und neuer Partner zeigen sollte. Eigene Ansprüche, gleich eine harmonische Familie zu haben, muss man zurückschrauben.

Eine gute Beziehung, zu der Liebe und Anerkennung gehört, muss man sich Stück für Stück erarbeiten. Geduld und Durchhaltevermögen sind daher wesentlich.

 

5) Stabilität und Sicherheit vermitteln

Wenn ein Kind erlebt, dass Mutter oder Vater frisch verliebt sind, kann dies zu Verlustängsten führen. Es steht immerhin nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn es diese noch besonders braucht. Wenn das Kind von dem neuen Partner weiß, tut es ihm gut, wenn Absprachen gemeinsam getroffen werden und bestimmte Gewohnheiten beibehalten werden, die dem Kind wichtig sind.

Der neue Partner muss zum Beispiel nicht automatisch bei allen Aktivitäten dabei sein, die für das Kind zentral sind. Vielmehr darf es selbst entscheiden, ob Stiefmutter oder -vater z.B. bei Schulaktivitäten dazukommen soll oder es abends ins Bett bringen darf.

Stabilität und Sicherheit vermittelt man dadurch, dass man dem Kind Raum gibt, seine Gefühle offen und klar zu äußern und es an Planungen teilhaben lässt.

 

Ein Stiefvater, der streng und bestimmend ist und alles unter Kontrolle haben will, macht sich unbeliebt. Eine Stiefmutter, die gleich versucht, die „beste Freundin“ zu sein und die Beziehung forciert, schreckt eher ab. Das betroffene Kind braucht die Möglichkeit, seine Gedanken auszudrücken.

Dies schafft eine Atmosphäre, in der es sich sicher fühlt und Vertrauen gewinnen kann. Wenn das Kind sich wertgeschätzt fühlt und weiß, dass seine Meinung gehört wird, kann es dem Partner leichter Akzeptanz entgegenbringen.
 

6) Vater oder Mutter nicht schlechtreden

Ein Kind sollte nicht zwischen seinen Eltern entscheiden müssen oder von einem Elternteil und dessen neuen Partner manipuliert werden. Zusammenarbeit steht an höchster Stelle. Wenn Eltern gut miteinander kooperieren und sich an Absprachen halten, kann das Kind sich trotz der Trennungssituation aufgehoben fühlen.

Der Familientherapeut Jesper Juul rät dazu, dass neue Partner sich als „Bonus-Eltern“ verstehen. So verantwortungsvoll wie man sich auch fühlen mag: Für das Kind wird man nie ein Ersatz für den leiblichen Vater oder Mutter sein können. Und das ist in Ordnung so.

Als Zweitmutter oder Zweitvater sollte man so gut es geht dem Kind vermitteln, dass man kein Feind ist, sondern ein zusätzlicher Unterstützer oder Helfer, der es gut meint.

 

Diese Rolle in der „zweiten Reihe“ anzunehmen, kann für den neuen Partner sehr herausfordernd sein. Dabei hilft es, sich bewusst zu machen, dass diese neue Konstellation für alle Beteiligten schwierig ist. Der eigene Partner wünscht sich Unterstützung und Rat, es fehlt allerdings die gemeinsame Elternschaft.

Der Ex-Partner hat Angst, die Rolle als Vater oder Mutter im Leben der Kinder zu verlieren, während die Kinder versuchen, allen Parteien gerecht zu werden. Hier kann das Gespräch mit einem Seelsorger oder Familientherapeuten helfen, Verletzungen und Bitterkeit zu vermeiden und eine Rollenklärung herbeizuführen.
 

Fazit:

Eine harmonische Patchworkfamilie zu gründen ist meist mit mehr Problemen verbunden als man am Anfang erahnen kann. Ein Kind muss vielleicht noch die Trauer über die zerbrochene Familie verarbeiten und fühlt sich nicht bereit, einen neuen Partner der Mutter oder eine neue Partnerin des Vaters zu akzeptieren. Den Anspruch, dass man sich als neues Familienmitglied auf Anhieb gut mit dem Kind verstehen wird, ist unrealistisch.

Wer also in eine Beziehung mit einem Vater oder einer Mutter startet, sollte der Tatsache ins Auge blicken, dass es jahrelange Beziehungsarbeit brauchen kann, bis man sich mit dessen Kindern gut versteht. Auf dem Weg dahin ist es wichtig, dem Kind Stabilität und Sicherheit zu vermitteln, indem man ihm Raum lässt, Gefühle offen zu zeigen. Rituale, Traditionen und Gewohnheiten, die das Kind hat, sollten beibehalten werden. Es gilt, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich das Kind wohlfühlt.

 

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Literatur

Krüger, Wolfgang/ Katharina Münzer, Überleben in der Patchworkfamilie, Norderstedt 2016

Juul, Jesper, Aus Stiefeltern werden Bonus-Eltern: Chancen und Herausforderungen für Patchworkfamilien, Kopenhagen 2011



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