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Besinnlich ausbrennen

Advent, Advent, die Seele rennt!


  • Hätten wir fast vergessen: Adventszeit ist Fastenzeit
  • ​Beim adventlichen Fasten steht nicht der Körperfettanteil im Fokus
  • ​Mein Vorschlag: „Besinnlichkeit“ fasten


Wenn ich warte, komme ich hin und wieder auf abstruse Gedanken. Neulich, im Ampelrückstau, zum Beispiel. Neben mir leuchtete an einer Plakatwand die Reklame eines all(di)seits bekannten Discounters. Der hatte einen Weihnachtsbaum nicht mit Schmuck, sondern mit seinen neuesten Sonderangeboten dekoriert. Zeitgleich plärrten mir aus dem Radio diverse Werbespots rund ums „Fest der Liebe“ entgegen. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn dann auch noch Nikoläuse aus dem Gebüsch gesprungen wären, um mir hüftkreisend auf meiner Motorhaube den Kauf des neuesten Feiertagsrasierapparates oder des Weichspülers mit Spekulatiusduft nahezulegen. Man kann sich dem Vorweihnachtswerbeterror nur noch entziehen, indem man sich in der Wohnung verbarrikadiert und sämtliche Stecker zieht. Oder auswandert. Aber ob es anderswo besser wäre?

Wie sieht das eigentlich in muslimischen Ländern kurz vorm Fastenmonat Ramadan aus? Bekommen die Menschen da auch die „megasuperduperexorbitantwahnsinnsendobergeile Handyflat zum Zuckerfest!!!“ um die Ohren gehauen? So abstrus ist der Gedanke an den Ramadan übrigens nicht. Denn wie der Ramadan ist auch der Advent eine Fastenzeit, die mit einem großen Fest beendet wird.
Fastenzeit? Inmitten von Glühweinbuden, Geschenkestress und Gänsekeulen? Ja. Aber was im Advent nicht bei drei auf dem Baum sitzt, hockt stattdessen in irgendeiner Weihnachtsfeier und futtert sich rund, nur um nach den Feiertagen stöhnend den Festtagspfunden den Kampf in Form von Fasten anzusagen. Das ist abstrus.

Fastenzeit? Was im Advent nicht bei drei auf dem Baum sitzt, hockt stattdessen in irgendeiner Weihnachtsfeier und futtert sich rund, nur um nach den Feiertagen den Festtagspfunden den Kampf in Form von Fasten anzusagen. Das ist abstrus.

 

Advent: Auszeit statt Schmauszeit

Der ursprüngliche Plan war ein ganz anderer. Es begann damit, dass sich Jesus, bevor er in der Öffentlichkeit predigte, eine mehrwöchige Auszeit an einem sonnenverwöhnten Ort gönnte, um Seele und Körper von Ballast zu befreien. Er flog nicht zum Yoga-Retreat nach Bali und besuchte auch kein Achtsamkeitsseminar im Fünf-Sterne-Resort, sondern ging zu Fuß in die Wüste, wo er 40 Tage lang fastete. Sein Ziel dabei war weder die Reduzierung seines Körperfettanteils noch die totale Erleuchtung. Jesus wollte sich vom Grundrauschen des Alltags befreien; zur Ruhe kommen und sich komplett auf Gott ausrichten, um dann seinerseits den Menschen etwas von Gott auszurichten. Das ist Fasten.

Die Kirchenoberhäupter der ersten Jahrhunderte waren von Jesu Wüsten-Retreat so beeindruckt, dass sie beschlossen, der Weihnachtszeit eine 40-tägige Fastenzeit voranzustellen. Der Gedanke dahinter war, dass jeder Mensch die Möglichkeit haben soll, zur Ruhe zu kommen und sich auf Gottes Ankunft hier auf Erden auszurichten. Mit Ostern zusammen haben wir also gleich zweimal im Jahr die Chance, Achtsamkeit zu leben, Stress zu reduzieren und nicht nur in Kontakt mit uns selbst zu kommen, sondern sogar mit Gott persönlich. Im Warten.
 

Wir haben das Warten verlernt

Natürlich ist das nicht in Vergessenheit geraten. Immerhin gibt es sie noch - die allseits beschworene „Besinnlichkeit“ während der Adventszeit. Sie ist der Versuch, den Glitzerstaub des Konsums, der auf dem vom Umsatz gekaperten Fest klebt, abzuwischen und den wahren Sinn dahinter hervorzuheben. Was im Grunde eine gute Sache ist. Aber mittlerweile wird auch dieses Bestreben nach Besinnlichkeit immer mehr zur Last. Wenn zwischen den Weihnachtsfeiern, den Weihnachtsmarktbesuchen und dem Glühweinkater noch Zeit ist, sollen wir uns möglichst noch über besinnliche Geschichten zur Adventszeit Gedanken machen, besinnliche Konzerte besuchen, besinnliches Beisammensein genießen und unsere Herzen von den Nöten in der Welt um uns herum berühren lassen, um endlich mal zur Besinnung zu kommen. Vor lauter aufgetragener Besinnlichkeit bleibt dann gar keine Zeit mehr, die Seele wirklich zur Ruhe kommen zu lassen. Es ist, als müssten die Gedanken in der Adventszeit permanent beschäftigt werden, um die scheinbare Leere des Wartens zu ertragen.

Vor lauter aufgetragener Besinnlichkeit bleibt dann gar keine Zeit mehr, die Seele wirklich zur Ruhe kommen zu lassen. Es ist, als müssten die Gedanken in der Adventszeit permanent beschäftigt werden, um die scheinbare Leere des Wartens zu ertragen.​

 

Vielleicht ist gerade jetzt die Zeit, die Seele frei zu lassen, anstatt sie mit so vielen „guten Gedanken“, „Anstößen“ und „Impulsen“ zu überfrachten, bis der Kopf streikt. Wir Christen sind doch an vorderster Front mit dabei, wenn es ums „Besinnliche“ geht und kleistern alles gnadenlos damit zu. Dabei haben wir verlernt, das Warten auf Gottes Ankunft auszuhalten. Warten können, ohne sich abzulenken, ist Fasten. Das ist Advent.


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Kommentare

Von Torsten am .

Wow. Hilft zur Besinnung und macht Sinn. Stellt in Frage. Wichtig zum Nachdenken über meine in Fahrt gekommene alljährliche Besinnungstradition.


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