Interview Lesezeit: ~ 7 min

Eine in Vergessenheit geratene Tugend?

Barmherzig sein in der heutigen Zeit. Was bedeutet das? Ein Interview mit der Pastorin Steffi Baltes.


Barmherzig sein in der heutigen Zeit. Was bedeutet das? Wie kann das mit Inhalt gefüllt werden? Das Wort Barmherzigkeit kommt in unserer Alltagssprache kaum mehr vor. Ist Barmherzigkeit eine in Vergessenheit geratene Tugend? Wie können wir heute Barmherzigkeit ausüben? Was versteht man unter den sieben Werken der Barmherzigkeit? Was sagt die Bibel übers Barmherzig-sein? Welche verschiedenen Bedeutungsebenen von Barmherzigkeit zeigt das Alte und das Neue Testament auf?

Barmherzig sein – darüber hat Lucia Ewald mit der evangelischen Pfarrerin und Buchautorin Steffi Baltes gesprochen.


ERF Medien: Steffi Baltes, in der Jahreslosung 2021 steht die Barmherzigkeit im Mittelpunkt. Gewählt wurde ein Vers aus dem Lukas-Evangelium, Kapitel 6, Vers 36: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Du hast dich intensiv mit diesem Vers aus dem Neuen Testament beschäftigt und auch in diesem Jahr wieder ein Impuls-Heft zur Jahreslosung 2021 im Francke Verlag veröffentlicht. Was hast du bei der Beschäftigung mit diesem Thema für dich persönlich Neues über die Barmherzigkeit entdeckt?

Steffi Baltes: Mir ist nochmal neu bewusst geworden, dass Barmherzigkeit eine Haltung ist, aber dass es auch Taten beinhaltet – das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ich schaue oft zuerst auf meine Haltung und denke mir dann, ich bin eigentlich so unbarmherzig in meinen Gedanken, oft mir selbst oder anderen gegenüber. Aber mir ist nochmal neu aufgegangen, dass Barmherzigkeit natürlich auch Taten beinhaltet.

Gerade durch die Beschäftigung mit den sieben Werken der Barmherzigkeit – da kommen wir im Einzelnen später noch drauf – ist mir nochmal deutlich geworden, dass das unbedingt zusammengehen muss, die Haltung und auch die Taten.
 

Mitgefühl auf Augenhöhe

ERF Medien: Barmherzig sein, Barmherzigkeit. Dieses Wort taucht kaum mehr in unserer Alltagssprache auf. Was versteht man eigentlich darunter? Wo kommt das Wort her?

Steffi Baltes: Das Wort, das Jesus benutzt hat, ist das ursprüngliche griechische Wort oiktirmos – Barmherzigkeit bzw. oiktirmon – barmherzig sein. Darin steckt nicht so ein Herabsteigen in dem Sinne von oben herab, also dass man denkt, jemand neigt sich da in seiner Gnade zu mir herab und ich bin dann der, der die Hand aufhalten muss.

Eigentlich ist das ein Wort, sowohl im Griechischen als auch im Hebräischen, das sehr viel Mitgefühl, Empathie, sich hineindenken beinhaltet, eher dieses Mitfühlen auf Augenhöhe und sich von Herzen nahe sein. Im Hebräischen gibt es viele verschiedene Worte für Barmherzigkeit – eines davon ist racham – sich jemandes erbarmen. Interessanterweise steckt in dem Hauptwort von racham auch die Bedeutung: der Mutterschoß, die Gebärmutter oder die Eingeweide. Einige Ausleger interpretieren das dahingehend, dass Gott uns zärtlich entgegenkommt, sich unser zärtlich erbarmt wie eine Mutter sich über ihre Kinder erbarmt oder ein Vater über seine Kinder erbarmt.

Dazu gibt es auch schöne Verse im Alten und Neuen Testament. Zum Beispiel in Psalm 103,13: „Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.“ Und in Jesaja 49,15 kommt die mütterliche Seite Gottes zum Ausdruck: „Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen.“
 

ERF Medien: Du hast ja schon einige Begriffe wie Mitgefühl oder Mitleiden aufgegriffen. Welche anderen Begriffe oder auch Eigenschaften stecken noch in diesem Wort „barmherzig sein“, die heute in unserer Alltagssprache gebräuchlicher sind?

Steffi Baltes: Ich benutze auch heute das Wort „barmherzig sein“ des Öfteren. Vielleicht liegt das daran, dass ich Theologin bin oder mich im kirchlichen Raum bewege. Gnädig ist auch wieder so ein altes Wort, ansonsten klingt in dem Wort „barmherzig sein“ auch an z.B. mit jemandem leiden, hilfsbereit sein, empathisch, menschenfreundlich, sensitiv, uneigennützig, wohlwollend, wohltätig oder weitherzig. Das alles steckt auch in dem Wort und es gibt es sicher noch jede Menge mehr.
 

Quelle der Barmherzigkeit

ERF Medien: Ist Barmherzigkeit eine individuelle Charaktereigenschaft oder eine Gabe Gottes?

Steffi Baltes: Wahrscheinlich beides. Also ich kenne Menschen, die sehr barmherzig sind mit sich selber und auch mit anderen. Ich habe schon einmal angedeutet: Ich glaube, wir können nur barmherzig sein, wenn wir uns das von Gott schenken lassen und wenn man auch mit sich selbst barmherzig ist. Also ich bin oft mit mir selbst nicht so barmherzig und dann leider eben auch mit anderen manchmal nicht so barmherzig. Sie merken das vielleicht nicht immer, aber manchmal habe ich mit unbarmherzigen Gedanken zu kämpfen.

Als Pfarrerin führe ich auch viele Seelsorge-Gespräche. Da kann ich mich schon gut in die Menschen hineinversetzen. Wenn ich in bestimmten Situationen dann doch ein bisschen mehr Barmherzigkeit brauche, dann bitte ich Gott, es mir zu schenken. Und vielleicht muss ich mir auch immer wieder deutlich machen und mich daran erinnern, dass Gott zu mir sagt: „Schau mal, ich bin so barmherzig zu dir und ich wünsche mir, dass du anderen auch Barmherzigkeit entgegenbringst.“ Das ist mir bei der Beschäftigung mit der Jahreslosung nochmal neu wichtig geworden.  

INFO
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ So lautet die Jahreslosung 2021, eine Bibelstelle aus Lukas 6,36. Die Theologin Steffi Baltes hat ein Impuls-Heft zur Jahreslosung 2021 im Francke Verlag veröffentlicht.  

Der Ausspruch von Jesus „seid barmherzig“ ist schon eine Aufforderung, eine Ermutigung barmherzig zu sein. Aber es steckt auch ein Prozess darin im Sinne von „werdet barmherzig“. Es ist eine Lebensreise. Ein Prozess, bei dem wir Gott immer wieder neu bitten können und müssen: „Schenk mir Barmherzigkeit und lass mich deine Barmherzigkeit mir gegenüber und anderen Menschen gegenüber erkennen.“ So könnte Vers 36 aus Lukas 6 auch so interpretiert werden: „Werdet barmherzig, so wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.“

Aber wir sind ja nicht der Vater im Himmel. Wir können ihn nachahmen, aber oft müssen wir erst barmherzig werden. Nun zu deiner Anfangsfrage: Manchen Menschen ist das vielleicht mehr in die Wiege gelegt als anderen. Ich denke schon, dass einige von ihrem Charakter, von ihrer Persönlichkeit her einfach barmherziger und gelassener sind sowohl mit sich selber als auch mit anderen. Aber barmherzig sein ist auch etwas, das man lernen kann. Davon bin ich überzeugt.
 

Barmherzig sein kann man lernen

ERF Medien: Welche Bedeutung hat Barmherzigkeit im Christentum?

Steffi Baltes: Barmherzigkeit hat ganz, ganz viel mit Gott zu tun. Er ist die Quelle der Barmherzigkeit. In der Bibel wird an vielen Stellen das Erbarmen Gottes beschrieben, in den Beziehungen zwischen Gott und den Menschen, mit seinem Volk – den Israeliten, und in zahlreichen Gleichnissen. Ohne Barmherzigkeit läuft quasi nichts.

Gott war von Anfang an barmherzig. Das hat schon damit angefangen, dass er Adam und Eva gekleidet hat als er merkte, dass sie sich von ihm entfernt hatten und sich plötzlich verletzlich und nackt fühlten. Nicht zuletzt durch das, was wir an Weihnachten feiern, zeigt Gott sein Erbarmen: Gott hat sich so sehr erbarmt, dass er Mensch geworden ist wie wir, indem er seinen Sohn gesandt hat, um die Kluft zwischen Gott und den Menschen wieder zu überbrücken.

In Jesus wird das Erbarmen Gottes ganz deutlich, ganz greifbar, ganz nahe.


 

ERF Medien: Wie zeigt sich die Barmherzigkeit Gottes im Neuen Testament? Wie lebt Jesus das aus? Was sind für dich wichtige Bibelstellen, in denen Jesus barmherzig handelt?

Steffi Baltes: Jesus hat ja an ganz vielen Stellen Menschen geheilt, hat sich Menschen zugewandt. Zum Beispiel als Jesus zu Gast war im Haus von Petrus, dessen Schwiegermutter krank war. Und Jesus hat sie geheilt. Man könnte jetzt ganz viele Beispiele nennen. Wenn wir beispielsweise in die Bergpredigt hereinschauen bzw.  die Speisung der Fünftausend. Da waren viele Menschen auf diesem weiten Feld und es heißt in Matthäus 14, ab Vers 14: „Jesus sah die große Menge; und sie jammerten ihn und er heilte ihre Kranken.“

Er hat Mitleid gehabt im guten Sinne mit den Menschen, die er da gesehen hat und hat gesagt: Jetzt sitzen die hier und hören das, was ich ihnen sagen will. Aber sie haben nichts zu essen, die sollen nicht hungrig nach Hause gehen. Dann sorgt er dafür, dass sie zu essen bekommen. Jesus war auch sehr praktisch. Es war keine abgehobene Barmherzigkeit, sondern er hat Menschen geheilt, hat sich ihnen zugewandt, hat ihnen sogar zu essen gegeben.

Also, er kümmert sich um unsere leiblichen Bedürfnisse und nichts, was uns Mühe macht, ist für ihn zu klein oder zu schäbig oder zu uninteressant. Ich könnte jetzt hunderte solche Stellen nennen. Jesus gibt Menschen zu trinken und zu essen, er wendet sich Menschen heilsam zu, durch heilsame Worte, aber auch durch heilsame Taten.
 

→ Das Interview mit Steffi Baltes wird in einem zweiten Teil fortgesetzt.


Zur Person: Steffi Baltes ist Autorin zahlreicher Bücher. Sechs Jahre lang hat sie ein Gästehaus in Jerusalem geleitet, und zusammen mit ihrem Mann christliche Reisegruppen durchs Heilige Land begleitet. Heute lebt sie in Marburg. Als Lektorin ist sie im Francke-Verlag tätig. Außerdem arbeitet sie als Pfarrerin im Christustreff, einer Marburger Gemeinde. Sie ist Mitglied im Leitungskreis und zuständig für pastorale Aufgaben.

 



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