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Keine falsche Nachsicht

Es wird immer schwerer, ehrlich miteinander zu sein. Doch es lohnt sich, zur Wahrheit zu stehen.


Wieder einmal sitze ich in Gedanken versunken über meinem Handy, meine Finger tippen wie wild, dann halte ich inne, lösche ich das Geschriebene wieder, beginne erneut …

 

Dieses Verhalten stelle ich seit einiger Zeit immer öfter bei mir fest. Es fällt mir immer schwerer, die richtigen Worte in einer Mail, WhatsApp oder SMS zu finden. Denn immer häufiger kommt auf eine freundlich formulierte Nachricht ein negatives Echo. Eine Absage, das Äußern einer anderen Meinung oder das Aussprechen einer unbequemen Wahrheit rufen immer schneller Protest hervor. Und das nicht nur in Facebook-Diskussionen oder bei entfernten Bekannten, sondern auch in der persönlichen Kommunikation mit Freunden und Familie.

Die Coronakrise hat dieser Entwicklung ordentlich Anschub gegeben, bei nahezu jedem liegen nach 10 Monaten Pandemie die Nerven blank. Doch dieser Stimmungswechsel kam nicht allein durch die Pandemie. Sie legt allenfalls ein Problem offen, über das wir früher hinwegsahen: Wir haben verlernt, fremde Meinungen stehenzulassen, wertschätzend zu diskutieren und uns unbequemen Wahrheiten zu stellen. Wenn jemand etwas sagt, was uns nicht passt, reagieren wir plötzlich wie ein trotziger Dreijähriger, der einen Lolli nicht bekommt. Warum ist das so? Und wie ist es so weit gekommen?

Die Pandemie legt ein Problem offen, über das wir früher hinwegsahen: Wir haben verlernt, fremde Meinungen stehenzulassen, wertschätzend zu diskutieren und uns unbequemen Wahrheiten zu stellen.

 

Wir bewerfen uns höchstens noch mit Wattebällchen

Meine persönliche Beobachtung ist: Noch vor einigen Jahren galt als schlechte Freundin, wer die andere nicht auf einen schlechten Haarschnitt aufmerksam machte. Natürlich war schon damals Taktgefühl gefragt, doch eine echte Freundschaft hieß früher noch, der anderen auch mal die Wahrheit ins Gesicht zu sagen.

Die eigene Meinung wurde offen ausgesprochen, vielleicht bröckelte dabei etwas der Lack von der Freundschaft, aber es zerbrach nichts. Noch heute bin ich mit den Frauen tief verbunden, mit denen ich damals enge Bande knüpfte. Und noch heute bin ich ihnen dankbar, dass sie in meine Komfortzone vordrangen und mir nicht immer nur nach dem Mund redeten.

Wenn ich heute aber neue Beziehungen knüpfe, merke ich: Mit dieser Ehrlichkeit ist es mittlerweile vorbei. Viele Freundschaften jüngeren Datums sind nur noch reine Interessensgemeinschaften. Statt den eigenen Charakter an dem des anderen abzuschleifen, wie es die Bibel vorschlägt (vgl. Sprüche 27,17), zieht man sich beleidigt zurück, sobald der andere nur ein Wattebällchen nach einem schmeißt. So kann weder eine tiefe Beziehung wachsen noch der eigene Charakter.

Viele Freundschaften sind nur noch reine Interessensgemeinschaften. Statt den eigenen Charakter an dem des anderen abzuschleifen, wie es die Bibel vorschlägt, zieht man sich beleidigt zurück, sobald der andere nur ein Wattebällchen nach einem schmeißt.

 

Wenn das eigene Umfeld zur Filterblase wird…

Ein falsches Wort, eine Absage im falschen Moment oder ein kritischer Facebook-Kommentar – all dies kann eine Freundschaft heute bereits ins Wanken bringen. Zu einem nicht unerheblichen Teil sind daran die sozialen Medien Schuld. Je mehr das digitale Kommunikation Teil unseres Alltags wurde, desto mehr hat diese ihre eigentliche Zielsetzung verloren.

Genau die Medien, die für freien Meinungs- und Wissensaustausch standen, befördern immer öfter reine Selbstbestätigung. Durch exakt konstruierte Algorithmen entsteht eine Filterblase, in der ich nur noch auf Infos stoße, die meine Meinung bestätigen.

Das führt irgendwann dazu, dass wir auch in unserem persönlichen Leben vornehmlich Kontakt zu Menschen haben, die so denken wie wir. Und indirekt bedingt es auch, dass wir überrascht und vielleicht sogar schockiert oder angewidert reagieren, wenn wir in der realen Welt auf Menschen treffen, die anders denken und leben als wir.

Immer mehr sehen wir Vielfalt nicht mehr als Chance, sondern als Bedrohung. Andere Menschen sehen wir nicht mehr als das heilsame Korrektiv, als das sie eigentlich gedacht sind, sondern suchen in ihnen vor allem jemanden, der mein Bild von mir und der Welt bestätigt. Auch bei mir selbst bemerke ich diese Tendenz.

Immer mehr sehen wir Vielfalt nicht mehr als Chance, sondern als Bedrohung. Andere Menschen sehen wir nicht mehr als das heilsame Korrektiv, sondern suchen in ihnen jemanden, der mein Bild von mir und der Welt bestätigt.

 

Deine Wahrheit, meine Wahrheit?

So wird auch Wahrheit plötzlich zu etwas Individuellem. Ich habe meine Wahrheit und die darf mir keiner nehmen. Das Auseinandersetzen mit fremden Positionen ist dann nicht mehr nötig. Lass mir meine Wahrheit, ich lasse dir deine! Das ist das Motto, nach dem Beziehungen immer öfter ablaufen.

Das funktioniert solange, bis es zu einer Ausnahmesituation kommt. Die Pandemie ist solch eine Ausnahmesituation. Sie führt uns vor Augen, dass die Idee von mehreren gleichwertigen Wahrheiten letztlich nicht überzeugt. Wenn es plötzlich darum geht, in richtiger Weise auf eine äußere Katastrophe zu reagieren, wandelt Gleichgültigkeit sich in erbitterten Streit. Denn wir erkennen mit einem Mal, dass es in manchen Situationen eben doch nur eine Wahrheit gibt. Aber durch unser Filterblasen-Leben haben wir völlig verlernt, um diese Wahrheit zu ringen.

Wenn es plötzlich darum geht, in richtiger Weise auf eine äußere Katastrophe zu reagieren, wandelt Gleichgültigkeit sich in erbitterten Streit. Wir erkennen mit einem Mal, dass es in manchen Situationen eben doch nur eine Wahrheit gibt.

 

„Masken helfen, Infektionen zu verhindern“ oder „Masken bringen nichts“. Wer diese beiden Sätze hört, weiß: Nur einer der beiden Sätze kann stimmen. Ja, es mag sein, dass die Wahrheit komplexer ist und es korrekt hieße: „Masken helfen, Infektionen zu verhindern, jedoch tun nicht alle dies im gleichen Umfang.“

Aber klar ist eines: Es kann nicht beides gleichwertig wahr sein. Sobald wir vor solchen Aussagen mit unserer „Lass mir meine Wahrheit, ich lass dir deine“-Haltung stehen, bleibt nur noch Konflikt oder Flucht in die Ignoranz.
 

Menschen auf „Snooze“ schalten ist keine Lösung

Wenn ich mit der Person nichts weiter zu tun habe, ist Ignoranz leicht. Dann drücke ich einfach auf „Snooze“ und gut ist. Snooze meint hier nicht die Taste am Wecker, die mir morgens 5 Minuten mehr Schlaf gibt. Nein, es gibt auch bei Facebook eine Snooze-Taste und sie ist unbezahlbar. Jeder Bekannte von mir, der offensichtliche Fake-News postet, bekommt mittlerweile ein Snooze von mir. Dadurch bin ich diese Infos los, muss aber einen ansonsten netten Menschen nicht entfreunden.

Nur, Sie merken es schon, das geht nur, wenn ich die Person im echten Leben nicht treffe. Nehmen wir noch mal die Maske: Wenn ich glaube, dass eine Maske wirksam gegen eine Ansteckung mit dem Coronavirus ist, werde ich sie bereitwillig tragen. Wenn nun aber ein Mensch in meinem Umfeld anders denkt und bewusst keine Maske trägt, was tue ich dann?

Ignorieren ist schwierig, denn es geht hier um den Schutz meiner Gesundheit. Das Einzige, was ich also tun kann, wäre dieser Person aus dem Weg zu gehen. Aber tue ich das real, wird die andere Person das irgendwann bemerken. Ich komme dann um den Konflikt nicht herum. Ich kann ihn durch Ausreden hinauszögern, aber irgendwann muss ich die andere Person damit konfrontieren, dass ich von anderen Fakten ausgehe als sie.
 

Wahrheit entsteht durch Diskurs

Wie nun mache ich das? Bevor wir darauf eingehen, möchte ich etwas Grundsätzliches klären. Es geht mir hier nicht um Corona oder um Fake-News. Es geht mir um die Herzenshaltung und damit letztlich um die Frage: Lasse ich mir von einem anderen Menschen etwas sagen? Oder anders: Bin ich demütig genug, mir eine andere Meinung anzuhören und zu erwägen, ob ich vielleicht Unrecht habe? Gerade als Christ stehen wir in der Gefahr zu glauben, wir hätten die Wahrheit gepachtet. Denn die Bibel ist schließlich die Wahrheit. Muss dann nicht alles, was ich aus ihr herauslese, auch wahr sein?

Bin ich demütig genug, mir eine andere Meinung anzuhören und zu erwägen, ob ich vielleicht Unrecht habe? Gerade als Christ stehen wir in der Gefahr zu glauben, wir hätten die Wahrheit gepachtet.

 

Dies ist genau die Stelle, an der wir uns täuschen lassen. In der Wissenschaft, im Glauben und im Leben tritt Wahrheit vor allem durch eines hervor, durch den Diskurs. Wahr ist nicht unbedingt, was ich für mich im Selbststudium erkannt habe, sondern was auch der kritischen Betrachtung anderer standhält. Ich mag meinen Einsatz für das Reich Gottes als treue Nachfolge sehen, ein anderer erkennt dahinter vielleicht den falschen Ehrgeiz, der auch hinter meinen Bemühungen steckt.

Deshalb hat Gott uns auf Beziehungen hin geschaffen. Wir sind dazu bestimmt, uns gegenseitig immer wieder den Spiegel vorzuhalten. Doch wo wir oder der andere uns dem verweigern, werden tiefe Beziehungen unmöglich und irgendwann dann sogar der Kitt in der Gesellschaft. Das ist es, was wir aktuell in der Pandemie erleben. Jetzt wo ehrlich miteinander zu reden und auf verschiedene Positionen zu hören, extrem wichtig wäre, merken wir, dass wir gar nicht mehr wissen, wie das geht.

 

Zur Wahrheit stehen

Doch wie können wir dies im Kleinen neu lernen, um auch in größeren politischen Diskursen einander zugewandt zu bleiben? Es fängt bei uns selbst an. Deswegen habe ich mir irgendwann doch die Mühe gemacht und einen Kommentar voller Fake-News so höflich und wertschätzend wie möglich beantwortet. Ich hätte ihn ignorieren oder verbergen können, aber ich spürte: Ich muss jetzt Position beziehen. Ich habe mir viel Zeit dafür genommen, die Worte bewusst gewählt. Dennoch fiel die Reaktion bescheiden aus. Hätte ich also anders handeln sollen?

Nein, ganz gewiss nicht. Unabhängig davon, dass einiges davon faktisch nicht stimmte und ich es daher als Journalistin und Christin so nicht stehenlassen konnte, hätte ich den Eindruck gehabt, meine Freundin zu belügen, hätte ich nichts erwidert. Sie hätte mein Schweigen vielleicht als stille Zustimmung gewertet; das wollte ich verhindern.

In den Sprüchen steht ein weiser Ratschlag: „Ein ehrlicher Zeuge sagt immer die Wahrheit aus, ein falscher Zeuge verbreitet Lügen“ (Sprüche 14,5). Die Wahrheit zu sagen ist nicht nur gefordert, wenn es leicht ist und der andere mir zustimmt. Als Nachfolger Jesu sollen wir ehrliche Zeugen sein und auch dann den Diskurs suchen, wenn es unbequem ist. So hat es auch Jesus getan. Er hat sich nie davor gedrückt, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.

Die Wahrheit zu sagen ist nicht nur gefordert, wenn es leicht ist und der andere mir zustimmt. Als Nachfolger Jesu sollen wir ehrliche Zeugen sein und auch dann den Diskurs suchen, wenn es unbequem ist.

 

Von Jesus lernen: Klar kommunizieren und den richtigen Moment wählen

Die Art, wie er dies getan hat, sollte auch unsere Richtschnur für den Umgang mit unbequemen Wahrheiten werden. Jesus war in seinen Aussagen anderen gegenüber immer klar. Mir selbst gelingt das nicht so gut. Meiner Freundin gegenüber hatte ich im persönlichen Austausch zwar durchblicken lassen, dass ich anders denke als sie. Aber aus falsch verstandener Nachsicht hatte ich vorher nicht zu ernsten Worten gegriffen. Fake-News auf ihrer eigenen Seite hatte ich milde ignoriert. Ich dachte: Wir können anders denken und dennoch Freunde bleiben.

Doch als sie auf meiner eigenen Seite verdrehte Halbwahrheiten verbreitete, merkte ich: Der Zug ist abgefahren. Ich sah mich plötzlich gezwungen, eine Kritik an ihr und ihrer Haltung öffentlich zu äußern. Etwas, was im privaten Rahmen sinnvoller gewesen wäre. Aber dort hatte ich aus falscher Nachsicht genau das verpasst. Also musste ich es öffentlich tun, mit allen negativen Folgen für unsere Freundschaft.

Jesus selbst kennt diese falsche Milde nicht. Direkt als er in den Tempel kommt, äußert er seine Kritik an dem Kaufpalast, zu dem das Gotteshaus geworden ist (vgl. Matthäus 21,12-13). Als er die Frau am Brunnen trifft, die wechselnde sexuelle Beziehungen hatte, kommt er direkt darauf zu sprechen (vgl. Johannes 4,17-18).

Doch gerade weil Jesus direkt zur Sache kommt, weiß man immer, wo man bei ihm dran ist. Er lässt es nicht anstehen, auch mal Kritik zu äußern, und kann so Zeit und Ort dafür bestimmen. Bei der Frau am Brunnen etwa ist niemand sonst bei dem Gespräch anwesend, weil seine Jünger gerade Essen kaufen.

Wir selbst lassen aber allzu oft, das ehrliche Wort, was zu wechseln wäre, solange anstehen, bis wir zu einer Stellungnahme gezwungen sind. Doch dann ist dafür selten der passende Moment. Ich will hier von Jesus lernen und früher und klarer kommunizieren. Im Epheserbrief von Paulus steht ein Satz, der für mich wegweisend ist: „Stattdessen wollen wir die Wahrheit in Liebe leben“ (Epheser 4,15). Wahrheit und Liebe gehören zusammen. 

Wo es uns an der Liebe fehlt, wird Wahrheit hart und ruppig rüberkommen. Doch wenn es in unseren Beziehungen an Ehrlichkeit fehlt, ist dies auch kein Zeichen von Liebe, sondern vielmehr von Gleichgültigkeit.

 

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Kommentare

Von Sandra am .

Wo sich Alle einig sind: Die FFP2 Masken helfen bei Feinstaub Belastung./ Wo sich die Hersteller einig sind: Die FFP2 Masken helfen NICHT bei Viren./ Wo sich die Allgemeinheit einig ist: Die FFP2 Masken schützen nicht davor,Andere anzustecken, aber sie sollen einem selbst einen gewissen Schutz bieten./ Wenn alle drei Annahmen richtig sind, dann können wir aufhören,uns darüber zu streiten. Dann kann Jede/r ,der sich schützen möchte, eine tragen und gut ist!- Die Übergriffigkeit , wenn sie mehr

Von Christl am .

Dieser Beitrag war hilfreich und ermutigend, den Mund zur rechten Zeit aufzutun oder zu schweigen. Wir Christen meinen oft, uns müsste eine Wolke der Harmonie und des Friedens umgeben und haben es verlernt, ehrlich zu sein ,dabei aber nicht verletzend zu werden.
Egal wie alt wir sind, das können wir auch noch lernen. Lassen wir uns von Jesus befähigen.

Von maite am .

ein ziemlich herausragender Beitrag - vielen dank dafür! Die genaue Analyse, die nachdenkliche Verfolgung der Spur der Wahrheit, die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und anderen und die Weisheit in Ihren Schlussfolgerungen finde ich großartig, Dieser Beitrag bleibt auch nicht nur an der Oberfläche, sondern durchleuchtet unser Verhalten recht profund. Auch die Gegenüberstellung Social Media und persönliche Beziehungen finde ich super gelungen. Nochmals danke! Und für die Zukunft: bitte mehr davon, liebe ERF-Menschen :-))

Von Uli G. aus N. am .

Vielen Dank für diesen anregenden Artikel.
Welche Wahrheit habe ich? Woher kommt sie? Wodurch ist sie entstanden?
Ja, ich vermisse auch die Auseinandersetzung, Reibung, vielleicht auch Konfrontation im Gespräch. Ja, es ist falsche Rücksichtnahme, Gleichgültigkeit oder Angst vor unerwarteten Antworten.
Doch glaube ich, dass wir heute nicht nur eine Wahrheit haben, nicht zwischen richtig und falsch entscheiden, sondern oft nur zwischen so und anders.
Deshalb wünsche ich mir ebenfalls mehr mehr

Von Johannes K. am .

Oftmals müssen die andere Meinung anhören damit wir gemeinsam zur Wahrheit und zur Erkenntnis gelangen
Auch in der Bibel stehen viele Gegensätze
Diese zeigen seitlich begrenzten Weg auf dem wir laufen können zum Beispiel Sprüche 26,4 und 5 Antworte dem Toren nicht nach seiner Narrheit, damit nicht auch Du im gleich wirst
Antworte dem Toren nach seiner Narrheit, damit er nicht weise bleibt und seinem Augen
Welcher dieser stimmt nun
Ich sage beide weil Gottes Wort die Wahrheit ist


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