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Selbstverständlich dankbar?

Wie Dankbarkeit wachsen kann, obwohl Erwartungen nicht erfüllt werden.

 

„Dankbar kann ich nur sein, wenn mein Leben rundum super läuft.“ Immer wieder erwische ich mich selbst bei diesem zerstörerischen Gedanken. Und tatsächlich ist es so: Anhaltender Regen, ein verpasster Bus oder ein falsches Wort können mir den Tag ziemlich versauen. Es ist leicht, Gründe zu finden, schlecht gelaunt zu sein. Schwerer ist es, die Dinge im normalen Alltag wahrzunehmen, für die ich dankbar sein kann.

 

Erstaunlicherweise hat gerade Corona mir geholfen, an diesem Punkt über mich selbst hinauszuwachsen. Diese Aussage mag zunächst befremdlich wirken. Tatsächlich ist sie auch widersprüchlich. Denn natürlich bin ich nicht dankbar für die Pandemie. Es gibt etliches, was ich an meiner Lebenssituation im Augenblick bemängeln könnte. Und damit halte ich auch nicht hinterm Berg.

Ich vermisse es, ungezwungen ohne Maske einkaufen zu gehen. Auch Kino wäre mal wieder toll, doch unter Corona-Bedingungen habe ich keine Lust auf einen Kinobesuch. Tja, und dann sind da noch die Einschränkungen, die stärker ins Gewicht fallen: die selteneren Treffen mit Freunden, Arbeitskollegen und Familie oder auch finanzielle Einbußen.

Aber genau deshalb fördert Corona meine Dankbarkeit: Denn die Pandemie lehrt mich, mit weniger zufrieden zu sein. Vieles, wenn nicht sogar alles, was noch im März 2020 zu meinem Alltag gehörte, jetzt aber nicht mehr Teil meines Lebens ist, habe ich nämlich als selbstverständlich angesehen.

Corona fördert meine Dankbarkeit: Die Pandemie lehrt mich, mit weniger zufrieden zu sein.

 

Wenn plötzlich nichts mehr selbstverständlich ist…

Ein Punkt war da mein diesjähriger Urlaub. Für dieses Jahr hatte ich viele Urlaubspläne. Im Januar dachte ich sogar noch, dass für all meine Pläne meine Urlaubstage nie reichen würden. Dann kam der Lockdown und etliche Länder machten die Grenzen dicht. Es schien unklar, ob ich im Sommer überhaupt würde verreisen können. Und ich? Ich war natürlich enttäuscht, aber ich war vor allem dankbar. Zunächst dankbar, dass Maßnahmen zu meinem Schutz ergriffen wurden, dann dankbar, dass Reisen wieder möglich wurde, und schließlich dankbar, dass ich meine Auslandsreise trotzdem kostenfrei stornieren konnte.

Noch nie habe ich mich so sehr über eine erfolgreiche Stornierung gefreut oder darüber, meine Pläne zu ändern. Denn das Wissen, dass ich überhaupt zur Erholung wegfahren konnte, sah ich als großes Geschenk Gottes. Auch dass ich gesund wieder aus diesem Urlaub zurückkam, war für mich nicht selbstverständlich, sondern göttliche Bewahrung.

Plötzlich war alles ein Geschenk: Dass ich aufwachte und gesund war. Dass ich meine Arbeit weiterhin ausüben und im Homeoffice arbeiten durfte. Dass jeden Monat trotz der Kurzarbeit meines Mannes genug Geld auf dem Konto war. Ja, ich schränkte mich ein. Es war und blieb eine stressige Zeit. Es gab Tage, die ich gefühlt nur im Arbeitszimmer unserer Wohnung verbrachte: Morgens bis nachmittags arbeitete ich dort, abends erledigte ich am selben Schreibtisch privaten Papierkram. Bis heute ist dies eine Herausforderung für mich. Aber die Dankbarkeit überwiegt. Die Dankbarkeit, weil nichts mehr selbstverständlich ist.

Plötzlich war alles ein Geschenk: Dass ich aufwachte und gesund war. Dass ich meine Arbeit im Homeoffice ausüben konnte. Dass jeden Monat genug Geld auf dem Konto war.

 

Die Frage „Warum ich?“ fördert Bitterkeit und Neid

Denn eines habe ich gelernt: Wenn etwas anfängt, für mich selbstverständlich zu werden, endet die Dankbarkeit. Alle Bemühungen, dankbarer zu werden, zielen letztlich ins Leere, sobald ich annehme, mir stände etwas von Rechts wegen zu. Stattdessen reagiere ich dann schnell mit Zorn oder Bitterkeit, sollte es mir irgendwann einmal verwehrt werden.

Auch vor Corona musste ich schon Reisen absagen, aber damals habe ich dies komplett anders wahrgenommen. Es war für mich ein Zeichen dafür, dass etwas in meinem Leben im Gegensatz zu dem Leben anderer schiefläuft.

Wenn etwas selbstverständlich für mich wird, endet die Dankbarkeit. Alle Bemühungen, dankbarer zu werden, zielen letztlich ins Leere, sobald ich annehme, mir stände etwas von Rechts wegen zu.

 

Ein „Kurzurlaub“ blieb mir jahrelang als schlechte Erinnerung im Kopf. Es war unser erster Valentinstag als verheiratetes Paar und wir hatten beschlossen, meine Schwiegereltern zu besuchen und dort einige freie Tage zu verbringen. Am Abend, bevor wir losfahren wollten, wurde mein Mann krank, einen Tag später hatte es auch mich erwischt. So blieben wir daheim und hüteten das Bett.

Damals und auch noch Jahre später empfand ich es als ungerecht, dass wir keinen schöneren ersten Valentinstag als Ehepaar hatten. Ich habe Gott deswegen gegrollt. Bis heute ist eine kleine Bitterkeit in mir, wenn ich an dieses Wochenende denke.

Natürlich war mir auch damals schon klar, dass mein Mann und ich kein Anrecht auf einen schönen Valentinstag haben. Aber ich nahm um mich herum wahr: Andere Paare hatten eine schöne Zeit und hockten nicht krank daheim. Also dachte ich: „Warum wir und nicht die anderen?“ Ich war stinkig und neidisch. Denn weil ich um mich herum sah, dass etwas für andere selbstverständlich war, was ich in dieser Situation nicht haben konnte, fühlte ich mich von Gott benachteiligt.

Eine neue Perspektive einnehmen

Dieses Gefühl der Benachteiligung kann sehr tief gehen. Bei mir entstand es aus verschiedenen Situationen in meinem Leben, in denen ich anderen gegenüber tatsächlich im Nachteil war. Dieses Empfinden der damaligen Ungerechtigkeit hat sich so tief eingebrannt, dass ich es bis heute nicht lassen kann, immer wieder diese toxische Frage zu stellen: „Warum ich?“

Interessanterweise war die Corona-Pandemie jedoch eine der ersten Krisenzeiten in meinem Leben, in der ich mir diese Frage erstaunlich selten stellte. Denn mit einem Mal gab es die anderen, die es besser hatten, nicht mehr. Oder zumindest waren die Abstufungen kleiner geworden. Jeder hatte plötzlich zu kämpfen und es war sichtbar, dass die Pandemie allen viel abverlangte. Man sagt ja immer: Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Auf einmal erkannte ich, dass es wirklich so ist.

Und mir dämmerte: Auch wenn mich größere Probleme bislang verschont hatten, bot mir das noch längst keine Garantie auf Lebenszeit – auf jährlichen Urlaub, finanzielle Sicherheit und Gesundheit. Mehr als je zuvor wurde mir bewusst, wie gut mein Leben vorher gewesen war und wie viel schwere Dinge andere Generationen zu schultern gehabt hatten.

Auch wenn mich größere Probleme bislang verschont hatten, bot mir das keine Garantie auf Lebenszeit – auf jährlichen Urlaub, finanzielle Sicherheit und Gesundheit. Mehr als je zuvor wurde mir bewusst, wie gut mein Leben bislang gewesen war.

 

Auch wenn ich mich schon immer für Geschichte interessiert habe und daher wusste, wie gut ich es im Vergleich zu der Generation meiner Großeltern hatte, wurde mir erst in und durch die Krise bewusst, wie schön und bewahrt mein Leben tatsächlich gewesen ist. Und durch den Blick auf andere Regionen der Welt stellte sie sich erneut ein: Die Dankbarkeit. Mit einem vollen Kühlschrank daheim zu bleiben schien mir ­– verglichen mit der Lage anderer Menschen – ein noch recht kleines Übel zu sein. Natürlich steht auch bei mir die große Frage im Raum: „Wie geht es nach der Krise weiter? Werden wir dann alle ärmer sein? Werde ich ärmer sein?“

Aber ich habe etwas Entscheidendes gelernt: Ich kann auch dann dankbar sein, wenn ich nicht alles habe, was ich früher für selbstverständlich hielt. Auch mit weniger ist ein gutes Leben möglich. Entscheidend für mein Glück ist nicht die Anzahl an Freizeitaktivitäten am Wochenende, nicht der ersehnte Traumurlaub oder Konsum, sondern die Perspektive, dass das Gute, was mir widerfährt, ein Geschenk ist und keine Selbstverständlichkeit.

Mit dieser Perspektive möchte ich in die Zukunft blicken und ich möchte mir diese Perspektive auch für die Zeit erhalten, wenn vieles, was jetzt nicht mehr selbstverständlich für mich ist, wieder ein normaler Teil meines Alltags geworden ist.

Entscheidend für mein Glück ist nicht die Anzahl an Freizeitaktivitäten am Wochenende, nicht der ersehnte Traumurlaub oder Konsum, sondern die Perspektive, dass das Gute, was mir widerfährt, ein Geschenk ist und keine Selbstverständlichkeit.

 

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