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Wut auf Gott

Wie kann ich einem Angehörigen helfen, der durch eine Glaubenskrise geht?


Nicht immer läuft im Leben alles so, wie man es sich wünscht. Und manchmal scheint es sogar ganz und gar aus dem Ruder zu laufen. Der Verlust des Jobs, das Zerbrechen der Ehe oder ein tragischer Todesfall können harte Schicksalsschläge sein. Die bittere Wahrheit ist: Sie ereilen jeden Menschen früher oder später einmal. In solchen Momenten ist man geschockt, frustriert und vielleicht wird man sogar wütend. Wütend auf die Umstände, sich selbst oder sogar auf Gott: „Wenn er alles kann, warum hätte er dann mein Leid nicht verhindern können!?“

Diese starken Emotionen sind aber nicht nur für die betroffene Person, sondern auch für Freunde und Familie herausfordernd. ich als Angehöriger fühle mich möglicherweise verunsichert und überfordert. Ich weiß vielleicht nicht, wie ich mit der Wut des anderen umgehen soll. In solchen Situationen rutschen mir vielleicht auch mal platte Antworten heraus, die den anderen verletzen können, wie „Alle Dinge dienen dir zum Besten!“ oder „Es bringt doch nichts, wütend auf Gott zu sein!“ 

 

Deshalb im Folgenden drei Tipps, wie ich jemandem helfen kann, der wütend auf Gott ist:

1. Ich schaffe einen bewertungsfreien Raum!

Jedes Gefühl will ausgedrückt werden. Das gilt für brodelnden Ärger genauso wie für überschwängliche Freude. Positive Gefühle zu artikulieren fällt uns in der Regel leicht, denn gegen Freude ist zunächst einmal nichts einzuwenden. Sie ist gesellschaftlich akzeptiert, ja sogar gewollt, und es gibt nur wenige Situationen in denen sie unangebracht oder befremdlich wirkt (etwa bei ausgelassenen Fußballfans in der U-Bahn).

Anders ist das allerdings mit Gefühlen, die negativ behaftet sind. In der Öffentlichkeit  zu weinen oder laut zu streiten ist wesentlich weniger akzeptiert. Das Ausdrücken von „schlechten“ Gefühlen ist gesellschaftlich verpönt. Es ist also viel schwerer ein Ventil für solche Gefühle zu finden – da macht Wut keine Ausnahme. Problematisch ist das Bewerten der Gefühle deshalb, weil der Betroffene vielleicht selbst schon mit Schuldgefühlen kämpft und die Wut nur schwer zulassen kann.

Deshalb gilt: Ich spreche nicht abwertend über die Gefühle, die mein Gegenüber empfindet. Natürlich sollte ich darauf achten, dass die Person in ihrer Wut keinen Schaden anrichtet, weder an anderen, noch an sich selbst. Zunächst darf ich allerdings Verständnis zeigen und meinem Gegenüber klar sagen: „Du brauchst dich deswegen nicht zu schämen!“ Als Christ fällt es aber unter Umständen schwer, diesen Satz offen und ehrlich auszusprechen, was uns zu Punkt 2 führt:
 

2. Ich halte das Gefühl des Anderen aus!

Es ist nicht meine Aufgabe, den Richter zu spielen! Manchmal haben wir das Gefühl, wir müssten Gott zu seinem Recht verhelfen und bemerken dabei gar nicht, was wir in den Menschen anrichten, über die wir unser Urteil sprechen. Es ist wichtig, dass ich als Außenstehender die Wut des Anderen auf Gott aushalte. Das kann unter Umständen auch herausfordernd sein. Vorschnelle Belehrungen sind allerdings nicht hilfreich. Ganz im Gegenteil: Sie verstärken häufig nur den negativen Druck und die Scham, die man empfindet, weil man wütend ist. Das macht es der jeweiligen Person noch schwerer mit ihren Gefühlen zu Gott zu kommen.

Ich halte mir deshalb vor Augen, dass Gott derjenige ist, der am besten mit den Gefühlen der anderen Person umzugehen weiß. Schon in der Bibel schreibt David in Psalmen und Klageliedern unverblümt, warum er gerade sauer ist. In extremen Situationen sollte man vor Gott kommen und sich nicht verstecken. Und gerade für die Person, der ich helfen möchte, ist es wichtig, dass sie nicht davon abgehalten wird.

Und wenn es mir schwer fällt, die Gefühle des Anderen zu akzeptieren, kann ich an Jesus denken. Auch er hatte extreme Gefühle. Er vertrieb wütend die Händler aus dem Tempel (Matthäus 21,12), weinte bittere Tränen im Garten Gethsemane (Lukas 22,41-44) und sogar am Kreuz schrie er zu Gott und klagte ihn an (Markus 15,34). Jesus versteckte nichts davon, sondern zeigte es offen vor seinem himmlischen Vater.
 

3. Ich ermutige zum unverblümten Gespräch mit Gott!

Oftmals traut man sich mit seinen schlechten Gefühlen nicht vor Gott. Das ist sehr schade, weil er derjenige ist, der sie verändern kann! Nachdem ich also meinem Gegenüber authentisch klar gemacht hast, dass man wütend sein darf, kann ich der betroffenen Person Mut machen, mit diesen Gefühlen zu Gott zu kommen. Er ist allmächtig und findet sicherlich einen Weg, um zu sprechen, aber er ist auch ein Gentleman, der uns nicht irgendetwas aufzwingen möchte. Wer Hilfe von Gott braucht, muss sein Wirken zulassen! Wenn ich es  schaffe, das zu vermitteln, dann habe ich der wütenden Person sicherlich schon viel geholfen. Ich könnte beispielsweise sagen:

„Gott liebt dich. Du darfst mit all deinen Problemen zu ihm kommen, er hält das aus. Rede mit ihm und spreche einmal unverblümt aus, was dir grade auf dem Herzen liegt. Er wird dir aufrichtig zuhören.“
 

Fazit: Gott hält unsere Gefühle aus

Alle Gefühle müssen auf irgendeine Art und Weise ausgedrückt werden- das gilt auch für Wut. Und wenn es jemanden gibt, der Wut ungefiltert aushalten kann, dann ist das Gott. Er hat schließlich Gefühle erfunden. Oftmals hält uns Scham davon ab, offen und ehrlich zu dem zu stehen, was wir gerade empfinden. Das muss aber nicht sein! Wut ist ein berechtigtes Gefühl und darf artikuliert werden, solange das niemandem schadet. Und Gott schadet es auf keinen Fall! Als Außenstehender kannst ich einem leidenden Menschen helfen, indem ich den Anderen in seiner Wut sehe, seine Gefühle nicht verurteile, sondern den Betroffenen dazu ermutige, die Nähe zu Gott zu suchen. Ich kann ein Wegweiser zu demjenigen sein, der auf jeden Fall helfen kann. Schon Paulus erkannte, dass in gegenseitiger Liebe und Hilfe eine besondere Kraft steckt. Im Galaterbrief schreibt er: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Galater 6,2).



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