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Mehr als Blumen

Geld geben für Freundschaftsdienste? 3 praktische Tipps für einen guten Umgang mit Gefälligkeiten.

Wer kennt ihn nicht: Den Satz, der mit den Worten „Hey, könntest du …“ beginnt. Da kommt einer aus dem Bekannten- oder Freundeskreis, ein Mitglied der Familie und man ahnt schon, wie der Satz weiter gehen wird. Dem Fotografen wird nicht selten mit der Einladung gleich die Frage überreicht: „Hey, könntest du zu unserer Feier deine Kamera mitbringen?“.

Beim Familientreffen wird der KFZ-Mechaniker gebeten, mal eben einen kurzen Blick unter die Motorhaube zu werfen. Und die Grafikdesignerin hat in zahlreichen Nächten die Webseiten von gefühlt ihrem ganzen Freundes- und deren Bekanntenkreis erstellt. Verständlich, dass man bei Anfragen in solchen Situationen schnell gereizt reagiert, weil man sich von seinen freien, entspannten Stunden mal wieder verabschieden muss.

Wenn Freundschaft in Arbeit ausartet

Klar übernehme ich gerne mal das Blumengießen für die verreiste Freundin, packe beim Umzug vom Kumpel mit an und helfe Papa bei der Online-Bestellung am PC – keine Frage. Genauso investiere und engagiere ich mich auch gerne in einem Ehrenamt. Schwierig wird es, wenn man um Dinge gebeten wird, die unmittelbar etwas mit der beruflichen Tätigkeit zu tun haben und nicht selten in einen großen Arbeitsaufwand ausarten. Und während ein Ehrenamt ein bewusst gewählter, sinnstiftender Ausgleich zum täglichen Arbeitsleben und Ort für soziale Kontakte sein kann, geht es beim Freundschaftsdienst meist um eine andere Frage: Nämlich um persönliche Beziehungen und den Umgang mit Erwartungen.

Schnell werden Freundschaftsdienste zu einer kniffligen Sache: Einerseits will ich meine Freunde nicht enttäuschen, für sie da sein und helfe grundsätzlich gerne. Andererseits strapazieren zu viele solcher Anfragen meine verfügbare Freizeit und verwischen die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben. Besonders schwierig ist es dann, wenn der andere meine Arbeit für ihn als selbstverständlichen Freundschaftsdienst versteht. Dann ist es umso unangenehmer das Thema Geld ins Feld zu führen. Noch komplizierter ist es, wenn ich als Selbstständiger unterwegs bin und auf Aufträge angewiesen bin.

Schnell verwischen bei Freundschaftsdiensten die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben.

Lieb sein statt Lieben – Warum wir oft nicht „nein“ sagen

Christian Rommert ist Coach für die Förderung von Leitungskompetenzen von Führungskräften und Unternehmen und für Selbstorganisation in Bochum. Durch seine jahrelange Arbeit als Pastor und selbstständiger Coach hat auch er Erfahrungen mit Freundschaftsanfragen gemacht. Er wird oft für Trauungen und Predigtdienste angefragt. Der Coach erlebt, dass die Abgrenzung von Privat- und Berufsleben schnell herausfordernd werden kann. Da er selbst viel von Zuhause aus arbeitet, trennt er Privates und Dienstliches nicht so stark und findet sich deswegen öfters in einer Grauzone wieder: „Wenn jemand aus meinem Bekanntenkreis überlegt, sich selbstständig zu machen und das gerne bei einem Kaffee besprechen möchte, kann das „Rat geben“ schnell zur Gründerberatung werden.“

Den meisten fällt es schwer, bei Freundschaftsdiensten „nein“ zu sagen. Man möchte die Familie nicht enttäuschen, die Freunde nicht hängen lassen. Man will kein mieser Freund, Egoist und schon gar kein schlechter Mensch sein. Das hat was mit dem Selbstbild und Nächstenliebe zu tun, erklärt Rommert: „Weil wir so lieb sind und weil von uns erwartet wird, dass wir so lieb sein sollen, verwechseln wir lieb sein oft mit reif sein. Jesus hat aber nicht gesagt, „seid alle lieb“, sondern uns das Gebot der Nächstenliebe und Selbstliebe aufgetragen.

Jesus hat nicht gesagt, dass wir alle lieb sein sollen, sondern uns das Gebot der Nächstenliebe und Selbstliebe aufgetragen.

Dabei geht es um Wachstum und Persönlichkeitsreifung. Den Nächsten dabei wie sich selbst zu lieben, meint dann eben zu sich selbst zu stehen und Rücksicht auf den anderen zu nehmen, Acht auf sich selbst und den anderen zu geben. Dann handelt es sich im Idealfall immer um eine Win-Win-Situation. Wenn ich aber meine Gefühle und die Rücksicht auf mich selbst permanent übergehe, brenne ich aus. Wenn ich die Rücksicht auf den anderen permanent übergehe, werde ich zu einem knallharten Egoisten. Und das ist beides nicht der richtige Weg.“

Konkret heißt das: es ist gut und richtig, nicht nur sich selbst im Blick zu haben, sondern Freunde und Familie tatkräftig zu unterstützen – in einem gesunden Rahmen. Doch wie gehe ich im Alltag mit solchen Anfragen um?

Tipps vom Coach

1. „Nein“ sagen bedeutet, gleichzeitig „Ja“ sagen

Der erste Schritt ist lernen „nein“ zu sagen. Aber das fällt nicht leicht: „Nein zu sagen haben wir verlernt“, weiß Rommert. „Wir kennen dafür nur noch wenig Muster. Schnell rechtfertigen wir unser Nein, aber wer rechtfertigt, steht schnell im Verdacht, eigentlich im Unrecht zu sein. Wenn man einfach „nein“ sagt, fragt oft keiner nach. Aber es fällt schwer, den Blick und das Schweigen bei einem Nein auszuhalten.“

Coach Christian Rommert: „Wer sich beim „nein“ sagen rechtfertigt, steht schnell im Verdacht, eigentlich im Unrecht zu sein“

Dabei ist jedes Nein auch ein Ja zu mir selbst. Und darum bedeutet andersherum jedes zusätzliche Ja auch ein Nein zu vielen Dingen, die ich möchte oder zu Zielen, die ich verfolge. Und das kann, laut Christian Rommert, durchaus Konsequenzen für mein seelisches Gleichgewicht haben: „So kann es schnell passieren, dass wir uns fragen, warum wir so frustriert und ziellos leben und uns wundern, wo der Tag, die Woche, der Monat geblieben ist.“

Natürlich sieht man sich selbst gerne als den Freund, den man zu jeder Zeit anrufen kann, der immer verfügbar ist. Denn gebraucht zu werden fühlt sich gut an. „Wenn ich diese Nachricht sende, sage ich zu diesem Menschen zwar „ja“, aber gleichzeitig sage ich „nein“ zu einem gemeinsamen Abend mit meiner Frau, „nein“ zu gemeinsamer Zeit mit meinen Kindern, „nein“ zu einer vernünftigen Nachtruhe und so weiter. Und das müssen wir verstehen: diese Form von Selbstreflexion“, rät Rommert.

2. Grenzen setzen und Balance finden

„Nein“ zu sagen ist also wichtig, aber je dichter die Personen an einem dran sind, desto schwieriger ist es, dieses Nein zu finden. „Aber letzten Endes geht es immer darum, die Rücksichtnahme auf den anderen und den Mut, zu sich selber zu stehen, in die Waage zu bringen“, befindet der Coach.

Aber ein Nein muss nicht immer „nein“ bedeuten. Wir können auch sagen: „Jetzt gerade nicht, aber ich denke darüber nach und melde mich bald wieder bei dir“ oder „Nein, jetzt nicht, aber wenn sich bestimmte Umstände verändert haben, dann gerne“. Wichtig ist hier, bei engen Beziehungen das Warum des Neins deutlich zu machen, damit mein Freund oder Familienmitglied versteht, dass es um die Umstände geht und nicht um ihn. „Wenn ich „nein“ sagen muss, weil ich keine Zeit habe oder merke, die Person kann das nicht zahlen, was ich brauche, dann ist es besonders hilfreich und umsichtig, wenn ich direkt Alternativen aufzeigen kann“, erklärt Rommert.

Statt „nein“ sagen alternative Möglichkeiten aufzeigen.

Der Coach rät dazu, gerade als Selbstständiger ein Kontingent von Diensten zu setzen, das man im Jahr kostenlos macht. Auch Rommert selber verwaltet seine pastoralen Dienste so: „Ich habe einen guten freundschaftlichen Kontakt zu meiner Friseurin aufgebaut. Weil sie weiß, dass ich Pastor bin, hat sie mich angefragt, ob ich sie und ihren Verlobten trauen könnte. Und weil ich eine Ahnung habe, was sie verdient, klar, da mache ich das gerne auch umsonst. Aber ich muss selber wissen und im Blick haben, wie viele Wochenenden ich brauche, um ein bestimmtes Einkommen zu erreichen und so kann ich für mich eine Deckelung  festlegen.“

Also ich selbst kann bestimmen, wie voll mein Kalender sein soll und ob ich wirklich das fünfte Wochenende in Folge mit Terminen verplane, oder ob ich großzügig mit meiner Zeit umgehen kann. Dazu muss ich aber wissen, wozu ich „ja“ gesagt habe und wozu ich noch „ja“ sagen kann, so lautet der Leitsatz.

3. Thema Geld ansprechen

Christian Rommert berichtet, dass sich seine Einstellung zum Geld seit der Selbstständigkeit total verwandelt hat. Er wünscht sich, dass allgemein die Haltung zum Geld mehr reflektiert würde. In Bezug auf Coachings fragt er nach dem ersten freundschaftlichen Gespräch deswegen ganz unbefangen, worauf das hinaus laufen soll, ob es tatsächlich eine Gründerberatung werden soll. Dann sagt er auch ganz offen, dass er damit sein Geld verdient und dass man gemeinsam überlegen müsse, wie man weitere Beratungen jetzt berechnet.

Ein Prinzip, das schon Paulus in der Bibel vorlebt. Er hat das Thema ganz unerschrocken angesprochen und sogar seinem Ärger über die Geringschätzung seiner Arbeit Luft gemacht: Im 1. Korintherbrief stellt er klar, dass ihm und seinem Gefährten Barnabas genauso ein Lohn für ihre Arbeit zusteht, wie jedem anderen auch.

Paulus diente der korinthischen Gemeinde als Apostel. Doch weil Paulus im Gegensatz zu den anderen Aposteln kein Jünger Jesu war, sondern gesondert von Gott berufen wurde, erkannten einige Leute ihn nicht als Apostel an und wollten ihm deswegen nicht seinen Lebensunterhalt finanzieren. Paulus beruft sich auf die Früchte seiner Arbeit und auf sein Recht auf einen entsprechenden Lohn. „Wer pflügt oder drischt, erwartet zu Recht, dass er für seine Arbeit einen Teil vom Ernteertrag bekommt“ (1. Korinther 9, 10b).

Geld oder Leben - Lohn ist eine Wertschätzung

So selbstverständlich Freundschaftsdienste manchmal daher zu kommen scheinen, so selbstverständlich sollten manchem Dankeschön auch ein paar Geldscheine folgen. Denn Geld ist nicht nur ein Geschäftsmittel, es ist auch eine praktische und direkte Wertschätzung von Arbeitsleistung.

Im Alltag haben wir alle eine innere Finanz-Barriere, die wir nicht übertreten. So mancher scheut sich davor, einem Freund 50 Euro für Stunden mühevolle Arbeit zu zahlen. Aber kaum einer hat ein Problem damit, zehn Mal im Monat 5 Euro für unnötige Kleinigkeiten auszugeben. „Das empfinde ich als irritierend“, bemerkt Rommert. „Wenn uns jemand eine Pistole auf die Brust halten würde und fragt „Geld oder Leben?“, wählen wir alle das Leben. Aber wenn uns der Alltag die Pistole auf die Brust drückt, wählen wir sonderbarer Weise immer das Geld.“

In erster Linie ist die Frage nach der tatsächlichen Summe des Honorars nicht entscheidend. Vielmehr kommt es auf die Anerkennung und Wertschätzung an, die ich meinem Freund oder Familienmitglied für sein Engagement damit erweise. Mit dem Willen, den Dienst zu bezahlen, drücke ich aus, dass ich nicht nur nach einer billigen Alternative zum regulären Dienstleister gesucht habe, sondern denjenigen auf diese Weise auch materiell unterstützen möchte.

Wenn ich selbst also mal wieder jemanden um einen Freundschaftsdienst bitte, will ich in Freimütigkeit auch dazu bereit sein, den entsprechenden Preis dafür zu bezahlen. Einfach, weil mir mein Freund oder meine Familie etwas bedeutet. Geben macht ja bekanntlich glücklicher als nehmen.


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