Interview

Die Sucht, dem Süchtigen zu helfen

Renate Hertens Ausweg aus der Co-Abhängigkeit.

Es ist nach Mitternacht und Renate Herten liegt bereits im Bett. Da hört sie die Haustür laut ins Schloss fallen. Gleich wird sie ihr Mann laut rufen und damit die Kinder wecken. Schnell springt sie aus dem Bett und flitzt die Treppen runter in die Küche, um ihm sein Essen aufzuwärmen. Wenn er betrunken ist, will sie ihn auf keinen Fall reizen. Dann setzt sie sich auf seinen Schoß, so wie er es am liebsten mag und hört ihm geduldig zu. Er erzählt Bruchstücke aus seiner Kindheit, irgendetwas von seinem Vater.  Sie versteht nicht, was ihr Ehemann erzählt, aber sie spürt, dass ihr Zuhören ihm guttut. Wie gerne würde sie morgen im nüchternen Zustand das Gespräch fortführen, doch Renate Herten weiß, dass er das nicht wollen wird. Sie hat Mitleid und gleichzeitig ekelt sie sich vor ihm. Sie möchte so gern, dass er Abends zu Hause bleibt und mal keinen Alkohol trinkt; dass ihre Ehe an erste Stelle steht und nicht das Bier. Doch das alles wird nie geschehen.

Was ist Co-Abhängigkeit?

Co-Abhängigkeit bedeutet, dass neben der abhängigen Person noch weitere Personen, insbesondere die Angehörigen, in eine Abhängigkeit verwickelt sind. Angehörige leiden oft unter Schuld- und Schamgefühlen und tun alles, um den Schein zu wahren. Oft stützt ihr Verhalten die Betroffenen, weiter mit der Sucht zu leben, als von ihr loszukommen. Am Ende bestimmt das Verhalten des Abhängigen das Leben des Angehörigen, die dann selbst fachliche Hilfe brauchen.

Als Renate Herten ihren heutigen Ex-Mann kennenlernte, stand er vor Gericht, weil er jemand unter Alkoholeinfluss niedergeschlagen hatte. Damals gab sie sich selbst das Versprechen, ihm zu helfen. 30 Jahre später zerbricht sie an diesem Versprechen. Im Interview gibt Renate Herten einen ehrlichen Einblick in ihre Co-Abhängigkeit, in das Leben als Angehörige eines Süchtigen.

 

ERF Medien: Wie hat sich der Alkoholkonsum Ihres Ex-Mannes auf Ihre Ehe ausgewirkt?

Renate Herten: Für meinen Ex-Mann war Alkohol etwas ganz Normales. Er sagte immer: “Ein Alkoholproblem haben die, die schon am Bahnhof liegen.“ Da er einen Job und eine intakte Familie hatte, zählte er sich selbst nicht dazu. Heute weiß ich, dass das nicht stimmt. Keine Gesellschaftsschicht bleibt von Alkoholproblemen verschont. Mein Ex-Mann war Abends nach der Arbeit immer in der Kneipe, dadurch hatte ich das Gefühl, zu seinem Leben nicht dazu zu gehören. Ich wollte eigentlich zu meinem Mann aufschauen können, aber es war oft so, dass ich mich für ihn geschämt habe. Wenn wir gemeinsam in der Öffentlichkeit unterwegs waren und er einen bestimmten Pegel überschritten hatte, war es besonders schlimm. Außenstehende fanden ihn dann oft witzig und humorvoll, aber ich hatte Schamgefühle.

ERF Medien: Wie haben Sie versucht ihm zu helfen?

Renate Herten: Ich dachte, dass alles, was mir guttut, auch ihm hilft. Ich habe viel von mir auf ihn geschlossen. Dadurch habe ich unterbewusst Druck aufgebaut, was letztlich genau das Gegenteil bewirkte. Für mich war das damals nicht klar, denn ich war unsicher und wusste nicht, wie ich mich verhalten soll. Manchmal habe ich auch mitgetrunken und gleichzeitig habe ich ihm Vorwürfe gemacht.

Ich dachte, dass alles, was mir guttut, auch ihm hilft. Ich habe viel von mir auf ihn geschlossen. Dadurch habe ich unterbewusst Druck aufgebaut, was letztlich genau das Gegenteil bewirkte.

„Ich war hoffnungslos: Nichts, was ich tat, hat ihm geholfen.“

ERF Medien: In Ihrem Buch „Das verhängnisvolle Versprechen“ schreiben Sie, dass Sie sich von einer Hoffnung zur nächsten geschleppt haben. Was meinen Sie damit?

Renate Herten: Ich habe immer gedacht, wenn wir in den Urlaub fahren oder irgendetwas anderes Besonderes tun, verändert sich etwas. Zum Beispiel sind wir sehr oft umgezogen und das hat am Anfang auch immer geholfen. Solange mein Ex-Mann noch keine neue Stammkneipe hatte, hat er bei mir zu Hause getrunken. Dann waren wir zusammen, das war für mich schon eine Besserung. Doch egal in welchem Umfeld wir waren, irgendwann fand er eine neue Kneipe und es änderte sich eigentlich nichts. Gleichzeitig haben mir die Umzüge aber auch geholfen, mich abzulenken. Ich liebte es, zu renovieren und eine Wohnung neu einzurichten. Mit solchen Projekten konnte ich den Frust kompensieren. Doch sobald die Wohnung fertig war und ein paar Jahre vergangen waren, spürte ich jedes Mal eine innere Leere. Ich war zu der Zeit noch kein Christ und Gott war sehr weit weg für mich. Erst als ich Jesus kennenlernte, erkannte ich, dass ich mich all die Jahre nach ihm gesehnt habe.

ERF Medien: 30 Jahre lang haben Sie für Ihre Ehe gekämpft. Wie kam es dann zur Trennung?

Renate Herten: Ich merkte, dass ich selbst krank wurde. Ich war hoffnungslos: Nichts, was ich tat, hat ihm geholfen. 25 Jahre nach meinem Versprechen waren immer noch keine grundlegenden Änderungen sichtbar. Als ich zufällig auf das Blaue Kreuz aufmerksam wurde, holte ich mir Hilfe und schloss mich einer Gruppe an. Vorher dachte ich immer, ich tue ihm Unrecht, wenn ich Hilfe in Anspruch nehme. Ich ging damals in die Gruppe, um meinem Ex-Mann zu helfen. Vor Ort wurde mir aber erklärt, dass es erstmal um mich selbst geht. Das war der Beginn meines Umdenkens.

Ich ging damals in die Gruppe, um meinem Ex-Mann zu helfen. Vor Ort wurde mir aber erklärt, dass es erstmal um mich selbst geht.

Loslassen heißt nicht fallen lassen

ERF Medien: Sie selbst hatten doch keine Alkoholprobleme. Wieso brauchten Sie dann die Hilfe?

Renate Herten: Angehörige von Suchtkranken leiden oft mehr, als der Abhängige selbst. Mein Ex-Mann hatte kein Problem mit dem Alkohol, der wollte gar nicht frei werden und litt deshalb auch nicht darunter. Außerdem musste ich erstmal lernen, wie Alkoholiker eigentlich ticken und was ihnen wichtig ist. Zum Beispiel, dass der Alkohol an erster Stelle steht und nicht die Ehefrau oder die Kinder.

ERF Medien: Was hat Ihnen geholfen aus Ihrer CO-Abhängigkeit herauszukommen?

Renate Herten: Ich musste lernen meinen Ex-Mann loszulassen. Loslassen heißt nicht fallen lassen. Der Betroffene muss an seinen Tiefpunkt kommen, um einen Anreiz zu haben, sein Leben zu ändern. Unterbewusst habe ich wahrscheinlich den Tiefpunkt meines Ex-Mannes verhindert.

ERF Medien: Nach Ihrer Trennung waren Sie viele Jahre in der Suchthilfe aktiv. Welche Tipps geben Sie anderen Angehörigen von Suchtkranken?

Renate Herten: Das teuflische an Süchten ist, dass man denkt, man müsse darüber schweigen. Deshalb rate ich immer, sich früh genug Hilfe zu suchen und darüber zu sprechen. Man spricht ja auch über andere Krankheiten. Außerdem muss man sich selbst eingestehen, dass man seinen Partner nicht aus der Sucht befreien kann. Das einzige, was man in der Hand hat, ist etwas für sich selbst zu tun. Dafür gibt es Hilfe, man muss sie nur in Anspruch nehmen.
 

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Kommentare

Von Vera am .

Vieles in dem Artikel kommt mir sehr bekannt vor. Ich verstehe nur nicht, warum alles, was Angehörige tun oder lassen, als Koabhängigkeit bezeichnet wird. Teilweise stimmt dies zwar durchaus. Aber es gibt eben auch viele (oft ebenso falsche) Aktionen, die mit Abhängigkeit nichts zu tun haben. Es hilft den Angehörigen nur bedingt, wenn sie so diskriminierend bezeichnet werden. Nebenbei bemerkt: Auch bei Christen können Suchterkrankungen auftreten.

Von Wigbert S. am .

Ich kann der Dame nur zusprechen. Nur wer zuerst an sich denkt, hilft dem Partner, der Alkoholkranke muß erkennen das ER krank ist und das geht erst, wenn man ganz unten ist. Ich selbst bin trockener Alkoholiker, seit 32 Jahren trocken,


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