Serviceartikel

Selber schuld!

Warum es hilfreich ist, sich seine eigene Schuld einzugestehen. Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen von Raphael M. Bonelli.

Ich bin ein waschechter Choleriker. Ich kann schimpfen wie ein Rohrspatz, schon als Baby übrigens, und wenn ich mich ärgere, bleibt das – sanft ausgedrückt – nicht unbemerkt. Dabei passiert es nicht selten, dass ich über das Ziel hinausschieße. Aber so bin ich eben. Was soll ich machen? Das Choleriker-Gen liegt bei uns in der Familie. Das ist nicht meine Schuld, oder wenn, dann nur ein bisschen.

Die Krankheit der Moderne

Raphael M. Bonelli:
Selber  schuld! Ein
Wegweiser aus
seelischen Sackgassen.
Droemer Knaur 2016,
336 Seiten, 9,99 Euro,
ISBN: 9783426300930.
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(Bild: Dromer Knaur)

Schuld sind immer die anderen. Wenn es heutzutage überhaupt noch einen Fehler gibt, den man zugibt, dann höchstens der, ein Perfektionist zu sein. Wer perfektionistisch veranlagt ist, der will schließlich das bestmögliche Ergebnis erreichen – das klingt ausnehmend gut. Andere Schwächen hingegen werden mit allen Mitteln und Tricks vertuscht.

Sogar manche Psychotherapeuten springen auf diesen Zug auf. In langen Sitzungen wird nach dem Ursprung für dieses oder jene schlechte Verhalten gesucht und man dann irgendwann meist in der Vergangenheit fündig. Schuld sind natürlich die Eltern oder ein traumatisches Kindheitserlebnis. Einige Neurobiologen wiederum erklären die Gene zum Sündenbock oder behaupten, Menschen hätten sowieso keinen freien Willen. Stattdessen würden kleine Impulse im Hirn unser Handeln bestimmen.

Weil Einsicht schmerzhaft, gibt niemand gern einen Fehler zu. Aber die Tendenz, völlig ohne Fehler leben zu wollen, ist eine Krankheit unserer Zeit. Wir sind in eine Opferfalle geraten, wie es der Psychotherapeut und Autor Raphael M. Bonelli in seinem Buch „Selber schuld!“ ausdrückt. Weil wir uns selbst viel zu wichtig nehmen, sind wir anfällig für Perfektionismus, Ichhaftigkeit und Selbstmitleid. Und daher hat Schuld in unserem Leben nichts zu suchen.

Wofür man nichts kann

Dafür, dass ich Choleriker bin, kann ich tatsächlich nichts. Unser Temperament ist zum großen Teil vererbt und wird oft grob in die vier bekannten Typen eingeteilt: Sanguiniker, Melancholiker, Choleriker und Phlegmatiker. Jeder dieser vier Typen hat Vor- und Nachteile: Sanguiniker haben ein fröhliches Gemüt, neigen aber zu Oberflächlichkeit; Melancholiker sind ernsthaft und oftmals künstlerisch begabt, aber neigen zu Schwermut. Phlegmatiker sind träge, aber friedliebend und treu; Choleriker neigen zu Wutausbrüchen, aber auf sie kann man sich verlassen. Selten ist jemand nur genau ein Typ, aber diese Einteilung zeigt, zu welchen Charakterfehlern man eher neigt, weil sie in der eigenen Natur liegen.

Auch für unsere Erziehung können wir nichts. Unsere Eltern können unsere Veranlagung entweder verstärken oder abschwächen. Sie können ein cholerisches Kind zügeln oder ein melancholisches in die Zwanghaftigkeit treiben. Raphael M. Bonelli ist aber der Ansicht, dass viele Menschen die Kraft der Prägung durch die Eltern überschätzen.

Was einen Menschen zudem ausmacht, ist neben dem Temperament auch der Charakter. Zum Charakter gehören zum Beispiel Merkmale wie Verlässlichkeit, Teamfähigkeit und Ichhaftigkeit. Das Besondere am Charakter ist, dass er nicht vererbt wird, sondern jeder Mensch selbst entscheidet, „ob er selbstvergessen, hilfsbereit und tolerant handeln will oder eher fremdbeschuldigend, voreingenommen und rachsüchtig.“

Warum es frei macht, Schuld einzusehen

Für mein Verhalten bin nur ich selbst verantwortlich. Aber es verschafft mir Erleichterung, wenn ich meine Fehler auf andere abwälzen kann. Leider hält das Gefühl nicht lange vor und verhindert außerdem, dass ich mich heilsam mit mir selbst auseinandersetze. Denn wenn ich mir meine Schuld eingestehe, bekomme ich mehr Freiheit und Handlungsspielraum – ich kann aus alten Mustern, die mir selbst nicht gefallen, ausbrechen. Verdränge ich aber und nehme mich selbst zu wichtig – indem ich mir andichte, ich sei fehlerlos −, verliere ich das Du aus den Augen. „Aber im Ich gefangen, wird der Mensch nicht glücklich“, weiß Raphael M. Bonelli. Für eine heilsame Selbsterkenntnis braucht es eine Portion Realismus, Bescheidenheit und die Demut, sich selbst zu sehen, wie man wirklich ist.

Es ist in der Natur des Menschen angelegt, dass er nicht immer richtig handelt. Aber auch wenn ich nicht fehlerfrei leben kann, heißt das nicht, dass ich keine Verantwortung für mein Tun übernehmen muss. Die Beziehung zwischen mir und Gott kommt zum Beispiel erst dann ins Reine, wenn ich vor Gott meine Fehler bekenne und die Anstrengung unternehme, mich zu bessern. Außerdem bestimmt mich nicht mein Temperament, sondern ich kann selbst entscheiden, wie ich handeln möchte. Will ich mich genüsslich in meine Wut hineinsteigern? Oder die Zähne zusammenbeißen, mal gegen den Tisch treten und wieder runterkommen? Denn auch wenn mich das Fehlverhalten anderer nervt, so bin ich auch nicht schuldlos und in meiner Wut würde ich schnell selbst Schuld auf mich laden.

Die Entscheidung liegt bei mir und bei niemandem sonst. Nehme ich meine Fehler an, kann die Selbsterkenntnis mich zufriedener machen. Darin liegt große Freiheit. Bei jedem Umgang mit eigenen Fehlern rät Raphael M. Bonelli übrigens zu Humor. Wenn ein Choleriker wie ich eine lästige Situation mit einem Schmunzeln betrachtet oder ihr etwas Gutes abgewinnt, muss er sich nicht von seinen schlechten Gefühlen beherrschen lassen.

Habe ich nicht nur einen kleinen Fehler begangen, sondern schwere Schuld auf mich geladen, reicht eine Entschuldigung manchmal nicht aus. Dann kann es mir und dem Geschädigten helfen, wenn ich mir eine Strafe auferlege. Denn das erleichtert mein Herz.

Mit fremder Schuld umgehen

Manchmal bin nicht ich schuld, sondern ein anderer wird schuldig an mir. Aber auch wenn es etwas unangenehm klingt: Wer einen schweren Schicksalsschlag ertragen muss oder große Ungerechtigkeit erfahren hat, sollte sich nicht auf seinen negativen Gefühlen ausruhen. Denn Ungerechtigkeit, so hat die Neurobiologie herausgefunden, wird im Schmerzzentrum des Gehirns verarbeitet und unbewusst mit Aggression abgewehrt. Ein erfahrenes Unrecht lässt Menschen außerdem schnell verbittern und rachsüchtig werden. Doch es hat einen weisen Grund, warum Gott die Rache für sich vorbehält, denn vom Menschen ausgeführt bringt sie nur noch größeren Schaden hervor.

Wenn ich dagegen bereit bin, bedingungslos Vergebung zu üben, kann ich das Geschehen schneller verdauen. Denn Vergebung verringert Stress und wirkt sich positiv auf meinen Körper aus. Übrigens gilt die Formel: Je mehr man bereit ist, zu den eigenen Fehlern zu stehen, desto eher ist man auch bereit, anderen zu vergeben. Die Fähigkeit, mit eigenen und fremden Fehlern positiv umzugehen, hilft mir wiederum, schwere Schläge besser zu verkraften und ein „Stehaufmännchen“ zu werden.

Es ist nicht leicht, eingefahrene Muster zu durchbrechen, und an seinem Charakter zu arbeiten kann mühsam sein. Dennoch ist es hilfreich und heilsam, sich seine Fehler einzugestehen. Wie Raphael M. Bonelli am Ende seines Buches schreibt: „Schuld wird man los, indem man sie annimmt.“ Wenn ich mich von dem Gedanken abwende, dass ich fehlerlos bin, wende ich mich außerdem wieder hin zu meinem Gegenüber – ob das nun Gott ist oder ein anderer Mensch.


Kommentare

Von Gast am .

Es genügt oft schon sich bewusst zu machen das es unnötig ist "fremde Schuld" festzuhalten. Was bedeutet es das Gott Menschen richtet? Ganz einfach: Er lässt sie sterben, und zwar innerlich. Wer um Vergebung bittet, sollte es auch ernst meinen, besonders beim Abendmahl.

Von Libby am .

Danke, sehr guter Artikel über ein sicher hilfreiches Buch. Hellhörig werde ich aber bei dem Satz: "Die Beziehung zwischen mir und Gott kommt zum Beispiel erst dann ins Reine, wenn ich vor Gott meine Fehler bekenne und die Anstrengung unternehme, mich zu bessern" ... diesen halte ich für gefährlich, da er besonders Christen in die Gesetzlichkeit zurück führt. Richtig ist, dass Schuld vor Gott bekannt werden muss, damit ER mich verändern kann und aus meinem Herzen die Veränderung fließt. Ohne "ich muss" und Anstrengung. Denn sonst ist es Religion


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