Serviceartikel

WhatsApp - Geliebter Feind

Wieso ein kleines grünes Telefonsymbol unheimlich gut terrorisieren kann.

Ich muss zugeben, dass ich einer der wenigen Mittzwanziger bin, der noch nie Fan von neuen technologischen Errungenschaften war. Eher unfreiwillig wurde ich urplötzlich Besitzerin eines internetfähigen Smartphones und habe erst peu à peu einen Sinn und Zweck hinter den Mini-Computern entdeckt. Trotzdem habe ich immer noch eine ambivalente Beziehung zu Smartphones und ihren Features, vor allem zu Messengern wie WhatsApp. Ob ich es nun lieben oder hassen soll, das weiß ich nicht so recht.

Was ich weiß, ist, dass ich mir von dem grünen Telefonsymbol nicht vorschreiben lassen will, wann ich auf mein Handy zu schauen habe. Stattdessen trage ich mein Motto „Wer wirklich was will, schreibt eine SMS, und wenn es sehr wichtig ist, ruft er mich an. Auf WhatsApp kann es nichts Dringendes geben“ stolz vor mir her und schüttele tadelnd den Kopf, wenn andere bei jedem Vibrieren sofort das Handy zücken.

Digitaler Dauerstress oder Zeitersparnis?

Einer der Gründe für meinen unkonventionellen Umgang mit dem Smartphone ist der Stress, dem ich durch die digitale Kommunikation via WhatsApp oder Facebook ausgesetzt werde. Natürlich mag ich durch meine medienreduzierte Kindheit in dieser Hinsicht ein kleines bisschen vorbelastet sein, sodass mein Stresspegel vielleicht etwas schneller als bei Altersgenossen ansteigt, sobald ich Nachrichten tippen muss anstatt persönlich reden zu können. Damit bin ich jedoch nicht alleine. Aus einer Studie der Universität Mannheim unter 14 bis 18-Jährigen geht hervor, dass jeder vierte der Befragten sich durch die pausenlose Kommunikation per WhatsApp gestresst fühlt. Grund dafür sei ständiger Kommunikationsdruck, Ablenkung bei den Hausaufgaben und die Vernachlässigung von echten Freunden. Wenn es schon der Generation der Digital Natives so geht, was ist dann erst mit den Personen, die mit 14 noch gepuzzelt haben, anstatt Selfies über Snapchat zu verschicken?

Auf der anderen Seite sind die Messenger unumstritten praktisch. Von unterwegs können zum Beispiel Verabredungen mit mehreren Personen schnell organisiert werden. Durch die Gruppen-Funktionen werden Treffen übersichtlich geplant – Zeitersparnis inklusive. Insofern könnte man davon ausgehen, dass diese Features dabei helfen, Aufgaben schneller zu erledigen und dadurch dem Stress zu entgehen.

Allerdings muss sich der Gastgeber auf eine höhere Unverbindlichkeit der Eingeladenen einstellen. Denn wenn früher handverlesene Einladungen verschickt wurden und damit eine Bestätigung des Termins selbstverständlich war, halten sich die eingeladenen Personen in Event-Gruppen mit verbindlichen Zusagen eher zurück. Es ist nichts Ungewöhnliches, dass kurz vor Beginn der Feier der Status vieler Gäste immer noch auf „vielleicht“ eingestellt ist. Davon abgesehen, kann man nie so recht wissen, ob alle Eingeladenen sich oft genug auf Facebook tummeln und rechtzeitig von der Party erfahren. Nachhaken muss man also trotzdem und das kostet wiederum Zeit. Damit sinkt die Zeitersparnis sofort wieder.

Vermittlung von scheinbarer Nähe durchs Chatten

Doch selbst wenn mit dem Smartphone Aufgaben zügig erledigt werden können – der Stress reduziert sich nicht. Im Gegenteil: Die Angst eine Nachricht zu verpassen oder sofort auf Meldungen reagieren zu müssen, setzt die Nutzer gewaltig unter Druck. Schließlich wird davon ausgegangen, dass Smartphone-Nutzer ihre einkommenden Nachrichten regelmäßig checken und geflissentlich beantworten. Alles andere wäre genauso unhöflich, wie wenn das Gegenüber im persönlichen Gespräch eine Frage ignorieren würde.

Der Denkfehler ist nur: Chatten ist eben kein persönliches Gespräch. Durch das Versenden von Schnappschüssen und Emoticons bekommt der Chat-Partner einen Einblick in die „Welt“ des anderen. Er kann sich mit dessen aktuellen Situation identifizieren und steckt somit zumindest für einige Sekunden in zwei verschiedenen Welten. Je öfter es zu einer solchen Unterbrechung im Alltag kommt, desto schwieriger ist es Distanz zur vermeintlichen Nähe zu halten – von den Konzentrationsschwierigkeiten auf die eigenen Aufgaben und das eigene Umfeld ganz zu schweigen.

Vor allem für Liebesbeziehungen kann das kleine grüne Telefonsymbol zur Qual werden. Die Partnervermittlung Parship befragte im Juni 2015 ca. 1000 Männer und Frauen zur Nutzung von WhatsApp und Co. in der Partnerschaft. Fast jeder sechste Mann findet Liebesgrüße über Chat zwar romantisch, beinahe genauso viele geben allerdings an, schnell davon genervt zu sein, weil die Partnerin beim Chatten eine zügige Antwort erwarte.

So kommt es zu Eifersüchteleien, Missverständnissen und teils zu einem kontrollierendem Verhalten dem Partner gegenüber. Grund dafür ist auch das Fehlen der begleitenden nonverbale Kommunikation und damit die Möglichkeit, das Geschriebene korrekt zu interpretieren. Denn ob ein Smiley aufmunternd, humorvoll oder ironisch gemeint war, ist oft nicht so leicht zu entschlüssen. Zudem geht aus einer US-Studie von 2011 hervor, dass in aufregenden Situationen nur ein Anruf beziehungsweise ein persönliches Gespräch mit einem vertrauten Gegenüber helfen kann, den Stresspegel zu senken – keine Textnachricht.

Abhängige Unabhängigkeit

Tatsächlich gibt es aber Menschen, die fordern, auf das altmodische Telefonieren zu verzichten und lieber zu mailen oder zu texten. Denn so könne der User selbst bestimmen, wann er antworten möchte. Stefan Schmitt, lässt sich zum Beispiel in seinem Artikel „Ruf!Mich!Nicht!An!“ bei Zeit Online über Personen aus, die es wagen, ihn anzurufen und ihm damit die Freiheit nehmen, sich zu melden, wenn er dazu Lust dazu verspürt. Klar – ein erheblicher Vorteil von Messengern ist eine schnelle Mitteilung, die unabhängig vom Zeitrahmen des Chat-Partners ausführbar ist. Macht WhatsApp damit aber tatsächlich unabhängig? Nein, leider nicht. Es macht vielmehr abhängig. Denn wer innerhalb einer bestimmten Altersgruppe kein WhatsApp oder Facebook benutzt, kann sich im Freundeskreis schnell als fünftes Rad am Wagen fühlen.

Aufgrund der Angst, etwas nicht mitzubekommen, benutzt der durchschnittliche Smartphone-Nutzer sein Gerät 88 mal am Tag, also alle 18 Minuten. Man meint, wir hätten verlernt, Langeweile auszuhalten oder Löcher in die Luft zu starren, denn wenn sich ein solcher Moment anbahnt, müssen wir uns an unseren technischen Unterhaltungs-Allrounder klammern, um ein Luxusgut wie Langeweile zu vermeiden. Ab und zu gehen dabei sogar die Höflichkeitsformen verloren, denn wer hat nicht schon mal eine Freundesgruppe am Restaurant-Tisch beobachtet, die über die Touchscreens wischen, anstatt sich miteinander zu unterhalten?

Die Welt dreht sich weiter

Das Handy einmal bewusst zuhause vergessen, den Flugmodus einschalten oder zumindest die sichtbare Empfangsbestätigung bei WhatsApp ausschalten – dies alles kann das eigene Stresslevel senken, wenn der Druck der ständigen Erreichbarkeit oder das Suchtpotenzial steigt. Außerdem kann man sich antrainieren, nicht mehr jeden Glücksmoment direkt mit Freunden über WhatsApp oder Facebook zu teilen, sondern ihn mit den Menschen zu genießen, die vor Ort und Stelle sind. Später kann man dann immer noch persönlich davon erzählen, was man erlebt hat. Das wirkt dann auch viel authentischer.

Ich selbst muss mich manchmal daran erinnern, dass sich mein Leben im Hier und Jetzt abspielt und die Welt sich auch weiter dreht, wenn mein Chat-Partner mir nach zwei Stunden immer noch nicht geantwortet hat. Schließlich kann es ja nichts Wichtiges sein – ist ja nur WhatsApp. Und wenn es doch wichtig war, möchte ich mir angewöhnen, früher zum Hörer zu greifen anstatt mich innerlich zu ärgern.


Kommentare

Von G.-L. W. am .

von 12 bis ca. 30 hängt die "Jugend"d leider am smartphone incl. whätsapp. Wenn ich bisher auch kein App nutze außer whatsapp, so bedaure ich die fehlende Unmittelbarkeit bei den "Jüngeren" durch ihre smartphon-Abhängigkeit. Ob sie es rechtzeitig lernen, diekter zu leben??

Von Hans H. am .

Zeiten ändern sich, technische Möglichkeiten der Kommunikation natürlich auch. Manches ist gut, aber der Fortschritt in technischer Hinsicht ist manchmal ein Verlust im persönlichen, mitmenschlichen Bereich. Ich denke, wir geben zu viel Information und Vertrauen an Konzerne ab, die ausgeklügelt und psychologisch gekonnt unsere Daten kommerziell nutzen wollen. Wenn ich mich nicht irre!?

Von Romano P. am .

Treffer, vor 20 Jahren wurde das smartphone eingeführt. Vor kurzem habe ich mir auch ein gebrauchtes gekauft. In Gemeinschaften/ Freundeskreises sollte man/frau wirklich keinen Notfallsender benötigen.

Von Iggie am .

Danke für diesen Artikel!!! Entspricht genau meiner Einstellung. Auch ich möchte nicht ständig erreichbar sein.

Von Joachim B. am .

Ja, es stimmt das wir vorsichtig sein müssen beim Umgang mit Whats App & Co, dass es uns nicht zu sehr in Beschlag nimmt.
Allerdings sollten wir auch die Chancen und Möglichkeiten erkennen. Ich z.B. schreibe täglich einen religiösen Kurzimpuls, den ich mittlerweile knapp 400 Leuten schicke.


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