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Eigentlich & Aber

Wie man lernen kann, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen besser zu erkennen.

„Eigentlich will ich nicht so mies behandelt werden, aber…“ Und: „Eigentlich möchte ich wirklich gerne mal dorthin reisen, aber…“ Das sind zwei Satzanfänge, die Sie vielleicht nie aussprechen, aber oft auf dem Herzen haben. Eigentlich wollen Sie etwas Bestimmtes erreichen und etwas Anderes nicht länger dulden. Eigentlich wollen Sie etwas verändern… Aber es gibt immer einen Grund, es doch nicht umzusetzen.

Es ist aufschlussreich, den Begriff „eigentlich“ näher zu betrachten. „Eigentlich“ kommt vom mittelhochdeutschen eigen-lich, und bedeutet  eigentümlich, leibeigenalso das, was ganz zu Ihnen gehört. Das heißt also: Hinter dem Wörtchen „eigentlich“ verbirgt sich häufig das, was Sie sich im Grunde wirklich wünschen. 

Der Duden klärt umfassend auf, hier aber nur ein Ausschnitt:

  • Eigentlich meint, in Wirklichkeit, im Unterschied zum äußeren Anschein.
    Mir ist eigentlich zum Heulen, auch wenn ich lächle…
  • Eigentlich bedeutet im Grunde, genau genommen.
    Ursprünglich wollten wir alleine wohnen…
  • Eigentlich kennzeichnet einen meist halbherzigen Einwand oder weist auf eine ursprüngliche, aber schon aufgegebene Absicht hin.
    Ich habe eigentlich keine Zeit… Und eigentlich wollte ich heute lernen

Womöglich kommen Ihnen einige Situationen in den Sinn, wo Sie eigentlich etwas anderes tun, verhindern oder sein wollten, als Sie tatsächlich vorgaben. Jedes Mal wenn Sie ein „eigentlich“-Synonym bei sich bemerken, sollte eine innere Warnleuchte blinken. Denn womöglich sind Sie gerade dabei, sich selbst wieder zu betrügen und das zu verleugnen, was eigentlich gerade wichtig und dran wäre.

Stellen Sie sich also bei dem nächsten „eigentlich“, das Ihnen über die Lippen kommt, folgende Fragen:

  • Was empfinde ich als ganz eigen?
  • Was möchte ich ganz eigentümlich?
  • Was ist meinem Leib eigen?
  • Was steckt also ganz tief in mir drin an Wünschen oder auch Abneigungen?

ABER - nun kommt das fette, dicke ABER

Bedauerlicherweise folgt auf das „Eigentlich“, das ihre Wünsche offenbart, oft ein „Aber“. Eigentlich wissen Sie, was gut wäre, aber Sie stehen nicht dazu. Die Gründe dafür können vielfältig sein:

  • weil Ihnen gar nicht klar ist, was Sie wollen, was Sie dürfen, was Sie nicht möchten, wo die Grenze ist
  • weil Sie Angst haben andere zu verletzen, zu überfordern, zu enttäuschen und als Folge abgelehnt oder verdächtigt zu werden
  • weil Sie sich nicht so wichtig nehmen wollen, Sie meinen es nicht verdient zu haben, nicht berechtigt zu sein, sich zurückhalten zu müssen
  • weil noch andere Gründe, Prägungen, traumatische Erfahrungen Sie lähmen oder blockieren

Das Problem: Mit dieser Unklarheit lassen Sie möglicherweise unabsichtlich und unbewusst zu, dass Ihre unsichtbaren oder unklaren Grenzen laufend überschritten werden. Sie werden übergangen, überfordert und im schlimmsten Fall sogar missbraucht. Ihr eigentlicher Lebensraum wird nicht beachtet, Ihre Privatsphäre weder gewürdigt noch geschützt, da Sie Ihr „eigentlich“ nicht ausreichend beachten.

Vier Arten von Grenzen - Wie sieht Ihre aus?

Oft hat das „Eigentlich“-Phänomen damit zu tun, dass die eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht beachtet oder vielleicht auch nicht hinreichend bekannt sind. Andere Menschen oder sogar wir selbst übergehen das, was für uns gut und gesund wäre. Wenn das passiert, empfinden wir dies als eine Grenzverletzung. Es gibt vier Arten von Grenzverhalten, die Menschen aufweisen:

A: unsichtbare oder gar nicht vorhandene Grenzen

Grenze dicht

Auch wenn Andere Sie gar nicht übergehen wollen, passiert es, weil die Grenze nicht erkennbar ist und auch von Ihnen nicht kommuniziert wird. Sie übergehen aber auch leicht die eigenen Grenzen und verausgaben sich.

Vielleicht haben Ihre Eltern oder andere Autoritätspersonen immer über Sie entschieden oder Sie dermaßen „behütet“, dass Sie Ihre Grenzen nie selbst spüren konnten. Ihre eigenen Gefühle oder Ihr Wille waren nicht wichtig oder sogar unerwünscht.

 

 

 

B: chaotische, willkürliche Grenzen

Grenze unsichtbar

Manchmal ist diese Grenze schmerzhaft spürbar, für Sie und Andere. Jedenfalls ist sie nicht klar und entweder knallen Ihre Mitmenschen brutal auf einen unvorhersehbaren Grenzposten – Ihre emotionale Überreaktion – oder Sie lassen Sie Menschen ungehindert durch Ihrer Privatsphäre gehen, ohne dass Sie darauf reagieren.

Womöglich lernten Sie dieses chaotische, unberechenbare Muster in Ihrer Kindheit kennen. Manchmal wurde Ihr Verhalten willkürlich bestraft und am nächsten Tag war es scheinbar in Ordnung – je nach Lust oder Frust der Mutter bzw. des Vaters.

 

 

C: starre, dichte, geschlossene Grenzen

Diese Grenze spürt jeder, wahrscheinlich schon an Ihrer Ausstrahlung und Körpersprache. Sie ist eine undurchdringliche Mauer, mit der Sie sich schützen, aber auch isolieren. Es ist kaum echter Kontakt und Gemeinschaft mit Ihnen möglich.

Wahrscheinlich war diese Überlebensstrategie einmal notwendig, aber heute ist sie ein Hindernis. Vielleicht haben Sie dieses Verteidigungsmuster in Ihrer Umgebung vorgelebt gekriegt und unbewusst übernommen.

 

 

 

D: klare Grenzen, mit geschlossen und offenen Abschnitten

Grenze chaotisch

Ihre Grenzen sind nicht starr, aber klar und doch persönlich. Sie selbst sind nicht eingegrenzt und abgeschottet, und Andere können in bestimmten Bereichen Zutritt zu Ihrem Leben haben.

Die Grenzen und Durchgänge können Sie auch anpassen und erweitern in Bereichen, in denen Sie belastbarer geworden sind, oder enger ziehen oder sogar schließen, wo Sie mehr Ruhe und Schutz benötigen.

 

 

 

Vier Schritte, um seine Grenzen zu wahren

Wenn Sie sich bewusst sind, welche Art Grenzen bei Ihnen vorhanden sind, werden Sie wahrscheinlich schon einen Lösungsansatz erkennen, in welcher Richtung Sie etwas verändern können oder müssen. Hier ein paar konkrete Hinweise zusammengefasst:

1. Achtsam in sich hineinfühlen und wahrnehmen, was eigentümlich, „leibeigen“ zu Ihnen gehört

  • Was macht mich glücklich?
  • Was finde ich unangenehm bis unerträglich?
  • Was macht mir Angst und was versuche ich zu vermeiden?

2. Inneres Warnsystem aktivieren

  • Wo kommen andere Menschen meiner Grenze näher?
  • Wo steht schon jemand auf der Grenze?
  • Wo hat eine Person die Grenze überschritten?
  • Wer oder was hat mich schon völlig überrollt?

3. Äußere Alarmanlage starten

  • Wen muss ich ansprechen, weil er sich ungebremst meiner Grenze nähert?
  • Wie kann ich signalisieren, wenn die Grenze erreicht ist?
  • Wie will ich deutlich kommunizieren, wo die Grenze überschritten wurde?

4. Logische Konsequenzen ziehen, wenn die Grenze überschritten wurde

  • Welche Reaktion passt zur Grenzverletzung und wäre keine Überreaktion?
  • Welche präventive Aktion würde andere vor Grenzverletzungen abschrecken?
  • Wie könnte ein Risikoplan aussehen?

Die entscheidende Erkenntnis, um weniger „Eigentlich“-Sätze im Leben zuzulassen, ist diese: Als erwachsener Mensch sind Sie selbst für die Gestaltung ihrer persönlichen Grenzen zuständig. Und das ist gut so: Sie können am besten beurteilen, was Ihnen gut tut, was Sie überfordert oder welche Entscheidungen für Sie gerade Priorität haben. Trauen Sie sich, „Nein“ zu sagen, wenn ihre Bedürfnisse bedroht sind. Nur dann haben Sie auch die Zeit und die Ressourcen, zu dem „Ja“ zu sagen, was ihnen „eigentlich“ wichtig ist.

Manchen Menschen fällt es allerdings schwer, die eigenen Grenzen zu spüren – vielleicht, weil sie zu oft übergangen wurden. In solchen Fällen kann eine professionelle Unterstützung durch einen Berater oder Therapeuten helfen.


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