Serviceartikel

Sei nicht so hart zu dir selbst!

Wie das geht? Wir haben sechs praktische Tipps für Sie auf Lager.

Gestern hatte ich mal wieder einen unliebsamen Mitbewohner im Körper. Schon morgens beim Zähneputzen bemerkte ich, dass ich nicht ganz alleine war. Spätestens aber, als ich trällernd durch den Flur Richtung Büro hüpfte, war es mir klar: Ich hatte mir einen Ohrwurm eingefangen. Blöderweise war es einer von der Sorte, bei der man sich nicht einmal mehr daran erinnert, zu welchem Lied der Songtext gehört und wann man das Lied überhaupt aufgeschnappt hat. Ich kann es absolut nicht leiden, wenn mir so etwas nicht mehr einfällt. Also grübelte ich den ganzen Vormittag lang und summte dabei immer wieder: „Hey, sei nicht so hart zu dir selbst…“.

Ein Ratschlag von Andreas Bourani

Irgendwann erinnerte ich mich, dass dies der Anfang des Refrains von Andreas Bouranis Lied „Hey“ war. Doch bis dahin vergingen einige Stunden und die Liedzeile brannte sich in meinem Kopf ein. Ich begann darüber nachzudenken, was für eine weise Aufforderung dieser schlichte Satz doch war. Eine Aufforderung, die ich mir am besten mal hinter die Ohren tätowieren sollte.

In Bouranis Lied geht es um Niederlagen, Lebenskrisen, Sinnlosigkeit und darum, dass man positiv denken muss, weiter gehen soll und die Zeit die Wunden heilen wird. Und natürlich, dass man bei alledem nicht verzweifeln und nicht so streng mit sich selbst umgehen soll. Während ich die Liedzeile vor mich hin sang, war mir allerdings keine erschütternde Sinnkrise vor Augen, sondern eher das ganz Normale, was mir jeden Tag passiert: Mein Resignieren darüber, dass ich immer wieder daran scheitere, meine hochgesteckten Ziele zu erreichen. Viel zu selten gibt es Tage, an denen ich mit dem zufriedenen Gefühl ins Bett gehe, heute alles geschafft zu haben, was zu schaffen war. Dann ist da auch noch die Angst, dass immer etwas Neues dazu kommt und am Ende bin ich mit mir richtig böse, weil ich wieder versagt habe.

Der schlimmste Stress ist der, den ich mir selber mache

Als ich die Stichworte „Anforderungen an mich selbst“ googele, spuckt mir die Suchmaschine hauptsächlich Links zum Thema „Perfektionismus“ aus. Was, ich soll Perfektionist sein?? Sind das nicht die, die jede Falte im Tischtuch glatt streichen (gut – das mache ich immer mit meiner Bettdecke) und stundenlang am Tüfteln sind, bis irgendein Problem endlich behoben ist? Ich bin eher stundenlang am Zetern und lasse das Problem schließlich Problem sein. Allerdings vermute ich, dass ich mich zumindest in Sichtweise der Grenze zum Perfektionismus befinde.

Egal ob Alltag oder Beruf – ich schreibe ellenlange to-do-Listen und fordere von mir, dass ich die Liste abends abhaken kann. Aber das kann ich natürlich nicht. Die Arbeit stapelt sich, es wird immer mehr und habe ich einmal etwas erledigt, kommt sofort das nächste. Ein Ende ist nie in Sicht. Alles dreht sich immer schneller in meinem Kopf, meine Unzufriedenheit und Erschöpfung wird größer und das Leben bekommt einen sauren Beigeschmack. Ich habe richtig viel Stress. Irgendwann wünsche ich mir fast einen erlösenden Zusammenbruch, um aus diesem Getriebe wieder herauszukommen.

Fremdbestimmtheit als Ursache von Perfektionismus

Ich habe Seelsorger Heino Welscher nach den Ursachen für perfektionistisches Denken gefragt. Er erklärt mir, dass diese Einstellung eng mit dem eigenen Selbstwertgefühl und der Sehnsucht nach Anerkennung verknüpft ist. Hält jemand nicht viel von sich selbst, sucht er sich eben Lob und Liebe bei anderen. Dafür meint er natürlich, viel leisten zu müssen – gleichzeitig muss alles getan werden, um Fehler im Handeln zu vermeiden. Der Perfektionist ist streng mit sich selbst, kämpft gegen sich an und wird somit zum größten Kritiker und Gegner für sich selbst. Und das alles, weil er sich lieber von den Umständen oder anderen Personen bestimmen lässt als von seinem eigenem Wollen und Fühlen. Eine Einstellung, die ich gut nachvollziehen kann, aber gleichzeitig irrational und unlogisch finde. Außerdem merke ich, dass es mir nicht gut tut. Deshalb möchte ich lernen, mir dieses Denken abzutrainieren.

Hält jemand nicht viel von sich selbst, sucht er sich eben Lob und Liebe bei anderen. Dafür meint er natürlich, viel leisten zu müssen – gleichzeitig muss alles getan werden, um Fehler im Handeln zu vermeiden.

 

Heino gibt mir einige Tipps mit, die dabei hilfreich sein können. Manche habe ich noch mit meinen eigenen Gedanken ergänzt:

  1. Such dir eine vertraute Person mit der du über deine Ziele sprichst. Diese Person kann dir dabei helfen herauszufinden, ob deine Pläne unrealistisch und zu anspruchsvoll sind.

  2. Sei flexibel. Verzweifle nicht, wenn einer deiner Pläne nicht aufgeht, sondern versuch zu improvisieren. Vor allem aber bleib entspannt. Sei gnädig zu dir selbst.

  3. Hab den Mut, Termine abzusagen, wenn es dir zu viel wird. Denk nicht darüber nach, was die anderen wohl von dir halten. Du hast die alleinige Verantwortung dafür, dass es dir gut geht. Kein anderer sorgt für dein Wohl.

  4. Geh weise mit deiner Kraft um. Wenn du merkst, dass du heute nur 80 % geben kannst, weil du müde / erkältest oder ruhebedürftig bist, sei so klug und hör auf deinen Körper. Am nächsten Tag ist deine Energiereserve vielleicht schon wieder voll.

  5. Sieh dir deine Ziele ganz genau an und entdecke die Motivation, die dahinter steckt. Denkst du zum Beispiel, du müsstest es allen Menschen um dich herum recht machen und die Liebe in Person sein? Wenn dir das Stress und Anstrengung bereitet, überlege, ob hinter dieser altruistischen Einstellung eventuell eine egoistisch motivierte Haltung steckt. Vielleicht möchtest du Meinungsverschiedenheiten entgehen und dich immer gut darstellen. Versuche deshalb deine Ziele zu ändern und Gott zu fragen, was er von dir möchte. Es kann sein, dass er sich wünscht, dass du öfter deine eigene Meinung vertrittst, anstatt die von anderen. Das ist zudem sehr biblisch. Jesus selbst sagt: „Ich bin nicht darauf aus, von Menschen Anerkennung zu bekommen“ (Johannes 5,41). Viel wichtiger findet er es, die Anerkennung von Gott zu suchen.

  6. Trenn zwischen wichtigen und wesentlichen Dingen. Überleg dir, was du heute liegen lassen kannst, weil es noch bis morgen Zeit hat. Sobald du versuchst, alle to-do’s parallel oder hintereinander zu erledigen, gerätst du in die Gefahr, keins gut zu bearbeiten.

Was ist wichtig – was ist wesentlich?

Vor allem beim letzten Punkt frage ich mich, wie ich es hinbekommen soll, kein schlechtes Gewissen zu bekommen, wenn ich Dinge auch einmal liegen lasse. Denn genau das produziert wieder Stress und Unwohlsein. Seelsorger Heino Welscher meint, das sei Übungssache – dieser Prozess müsse sich langsam entwickeln. Helfen würde es, wenn man Dinge indirekt erledigt. Anders ausgedrückt: Was du heut nicht kannst besorgen, das verschiebe ruhig auf morgen. Mit einem festen Termin weicht auch die Angst davor, einer Pflicht nicht nachzukommen.

Was du heut nicht kannst besorgen, das verschiebe ruhig auf morgen. Mit einem festen Termin weicht auch die Angst davor, einer Pflicht nicht nachzukommen.

 

Mich erstaunt Heinos Hinweis, dass selbst Jesus diese Methode benutzt und zwischen wichtigen und wesentlichen Dingen unterschieden hat. Als er sich in der Stadt Kapernaum aufhält und predigt, heilt Jesus an einem Tag viele Menschen. In der Bibel steht, dass die ganze Stadt vor dem Haus versammelt war, in dem er übernachtet hat. Alle wollten etwas von ihm hören, viele wollten von ihm geheilt werden. Jesus hatte also richtig viel zu tun. So viel, dass er am nächsten Morgen in aller Frühe betet, den Ort verlässt und weiterzieht. Obwohl die Jünger ihm erklären, dass die Bewohner der Stadt nach ihm fragen würden und er eigentlich noch viel mehr Menschen heilen sollte, erwidert er: „Lasst uns von hier weggehen […], damit ich auch [in den umliegenden Ortschaften] die Botschaft vom Reich Gottes verkünden kann; denn dazu bin ich gekommen“ (Markus 1, 38).

Mit Jesus die Termine managen

Jesus lässt sich weder von seinen engsten Freunden, noch von den fremden, hilfsbedürftigen Leuten Druck machen. Das bedeutet nicht, dass Jesus kein Mitleid mit den Hilfsbedürftigen hat oder keine Zeit mit den Bewohnern von Kapernaum verbringen möchte. Aber er weiß, dass er seine Kraftreserven einteilen muss und seinem Auftrag folgen soll, den er von Gott erhalten hat. Dazu gehört eben nicht nur das Heilen, sondern auch das Predigen. Vor allem aber sollen so viele Menschen wie möglich von der guten Nachricht erfahren, die Jesus zu verkündigen hat. Er muss sich entscheiden. Für Jesus ist es wesentlich, den Auftrag seines Vaters zu verfolgen und noch viele andere Menschen auf dessen Liebe aufmerksam zu machen.

An Jesus kann ich mir ein Beispiel nehmen. Er macht es nicht jedem Recht, sondern fragt Gott, was seine Prioritäten sein sollen. Ich kann mir gut vorstellen, dass er an diesem Morgen, als er Kapernaum verließ, im morgendlichen Gespräch von seinem Vater im Himmel erst einmal wissen wollte, was denn nun am dringlichsten sei. Klar – wenn ich mir das vornehme, habe ich nach einem Gebet selten einen Geistesblitz und oft kehrt auch keine Ruhe in meinem Herzen ein, sodass ich voller Gewissheit sagen könnte, welcher Termin auf morgen verschoben werden muss. Aber ich weiß, dass ich mit Gott darüber gesprochen habe und meine nächsten Schritte von ihm gesegnet und beobachtet sind. Wieso also die Angst davor, einmal Abstriche zu machen?

An Jesus kann ich mir ein Beispiel nehmen. Er macht es nicht jedem Recht, sondern fragt Gott, was seine Prioritäten sein sollen.

 

Ich werde herausfinden, ob noch mehr solcher Situationen in der Bibel beschrieben werden. Anscheinend kann ich von Jesus noch ganz schön viel lernen. Außerdem bin ich Andreas Bourani dankbar, mir so einen Ohrwurm ins Ohr gesetzt zu haben. Ich will versuchen, nicht mehr so hart mit mir selbst zu sein, auch einmal Gnade walten lassen und meine Pläne regelmäßig nach unrealistischen Zielen untersuchen, die zu Stolpersteinen werden können.

Achja...Ohrwurm gefälllig?

 


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Kommentare

Von Julia v. D. am .

Was Sie schreiben über gnädig zu sich selbst sein,hat auch schon ein Christ zu mir gesagt,bleibt bei mir leider auf der Strecke,dann bin ich nicht frei, was ich mir so sehr wünsche.......

Von Manfred G. am .

sehr gut, ich bin jogger und sehr hart zu mir selbst

Von Juergen V. am .

cool

Von Sabine F. am .

Liebe Frau Sczesny, danke für den total ansprechenden Artikel, der mir altem Perfektionisten so liebevoll hilreiche Erklärungen und Alternativen anbot! Seien Sie von Herzen gesegnet auf Ihrem Alltags-, Festtags- und Lebensweg. Lieber Gruß von Sabine F.


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