Versöhnungsgeschichte

„Mein Feind, die Mutter“

Ansgar Bierbrauer wird von Kindheit an als das Problemkind abgestempelt.

"Immer das Problemkind"

„Nein!" Ein Wort, dass Ansgar Bierbrauers Eltern oft sagen müssen. Sehr oft. Schon mit zwei Jahren ist das Verhalten des äußerst intelligenten Jungens auffällig. Zum Beispiel zerstört er permanent die frisch tapezierten Wände seiner Mutter. Er ist nicht zu bändigen, auch nicht in der Schule. Die Eltern versuchen es sogar mit einem Internat - vielleicht können die ausgebildeten Erzieher helfen, wo sie gescheitert sind. Doch dort herrschen eher fragwürdige Methoden: Ansgar wird mit Schlägen ins Gesicht gezüchtigt. Erfolglos - das sogennannte „Problemkind" lässt sich auch davon nicht stoppen. Seine Eltern sehen ein, dass auch das Heim nichts für Ansgar ist und holen ihn wieder nach Hause. Der Direktor kommentiert zum Abschied: „Wir sind ein Studienheim für Kinder aus denen einmal was wird, und kein Heim für schwer Erziehbare!“.

Obwohl er eigentlich sehr begabt ist, passt Ansgar Bierbrauer einfach nicht in die starren Strukturen, die die Schule ihm vorgibt. Also entwickelt er sich zum „kreativen Meister des kleinen Betrugs", wie er es heute selbst ausdrückt. Der Lehrer, der täglich sein Hausaufgabenheft unterschreibt, bemerkt zum Beispiel nie das kleine Stück Kohlepapier, dass sorgfältig an der Rückseite der Seite angebracht ist. So sammelt Ansgar Unterschriften des Lehrers, die er später nutzen kann, um seinen Eltern oder der Schule angeblich „unterzeichnete" Dokumente vorzeigen zu können. Es folgen unzählige blaue Briefe, allein in der 7. Klasse sind es ca. 50 Stück. 

Auch zuhause gibt es immer wieder Konflikte. Der Vater ist im Außendienst tätig und die Woche über nicht da. Wenn er freitags nachmittags heim kommt, klagen Mutter und Schwester über Ansgars Verhalten. Oft klingelt dann um 18 Uhr noch das Telefon: Der Klassenlehrer hat auch noch eine lange Liste von Beschwerden über das „Problemkind" zu melden. Dann gibt es für den Jungen die übliche Tracht Prügel. So läuft seine Kindheit ab, Woche für Woche.

In Ansgar wächst der Hass auf die Mutter, seinen Vater verachtet er. Sie empfindet er als „dominant", ihn nennt er abschätzend einen „Waschlappen". Als ein Nachbarsjunge ihn sexuell missbraucht, traut Ansgar Bierbrauer sich nicht, jemanden davon zu erzählen. Es gibt niemanden, dem er vertraut, aber auch niemanden der ihm wirklich glaubt.

Unfall, Absturz und Wendepunkte

Trotz seiner hohen Intelligenz und musikalischen Begabung, schafft er nicht einmal den „qualifizierten Hauptschulabschluss“. Er begeht kleinere Straftaten, die ihm immer mal wieder Ärger mit der Polizei einhandeln. Aber seine eigentliche Leidenschaft in der Zeit ist das riskante Autofahren. Er lässt die Autos driften, auf 2 Rädern fahren und über Hindernisse springen  – ganz nach dem Motto von Walter Röhrl „Wahre Rennfahrer haben Fliegen auf den Seitenscheiben“. Doch seine Leidenschaft kommt ihm teuer zu stehen als er den gleichen Fahrstil mit einem geliehenen Motorrad  ausprobiert. Er baut einen Unfall und wird schwer verletzt. Als er das Krankenhaus wieder verlässt, ist sein linker Arm dauerhaft gelähmt. 

Nachdem er dadurch seine Stelle verliert, rutscht er im Leben völlig ab, beginnt Drogen zu nehmen und landet sogar einige Zeit auf der Straße. 

Seine Mutter verzweifelt an der Lage ihres Kindes. In ihrer Not beginnt sie sich dem christlichen Glauben zuzuwenden und findet in Gott neuen Halt. Nach dem Unfall beginnt auch Ansgars Vater nach Gott zu fragen. Der Glaube verändert das Paar - auch die Art, wie sie mit ihrem Sohn umgehen. Sie beginnen, für Ansgar zu beten und sein Vater lädt ihn immer wieder in die Kirche ein. Erst geht der junge Mann nur mit, weil er dort regelmäßig was zu essen bekommt. Doch zunehmend hört er bei den Predigten und Liedern genauer hin und trifft mit 24 selbst die Entscheidung, sein verpfuschtes Leben aufzugeben und Gott zu vertrauen. Trotzdem hat er immer noch ein gestörtes Verhältnis zu seiner Mutter.

Versöhnung erst nach Jahrzehnten

Vor rund einem Jahr begegnet Ansgar im Internet dem Jungen, der ihn damals missbraucht hat, Er nimmt Kontakt auf, stellt ihn zur Rede und vergibt ihm ganz bewusst und von Herzen. Nach dieser ermutigenden und befreienden Erfahrung will er sich auch mit seiner Mutter versöhnen. Also schreibt er einem Brief mit allen Gedanken und Gefühlen, von Liebe bis eiskaltem Hass, Suizidgedanken, Mordlust und seinen nichtvorhandenen Gefühlen gegenüber der Mutter.
Der Brief schlägt wie eine Bombe ein, seine Eltern müssen das erst mal verarbeiten. Nach zwei Wochen melden sie sich, vereinbaren ein Treffen und sprechen sich gründlich aus. Sie können einander vergeben und eine wirkliche Versöhnung wird möglich. Dadurch entsteht endlich eine „richtige“ Familienbeziehung, die 40 Jahre undenkbar war. 


In der Calando-Sendung „Immer der Problemfall?“ erzählt Ansgar Bierbrauer, wie er sich als ständiger Problemfall gefühlt hat.


Kommentare

Von Die Redaktion am .

Vielen Dank für Ihre Rückmeldung und Ihr Lob. Wir haben gute Nachrichten für Sie. Den Beitrag von Ansgar Bierbrauer wird es auch als Fernseh-Sendung geben. Schauen Sie einfach ab dem 15. Juli auf unserer Seite http://www.erf.de/fernsehen/mensch-gott/8190 vorbei. Dann können Sie die "Mensch, Gott!" Sendung mit Ansgar Bierbrauer schauen.

Von Tiho am .

Was für eine bewegende Geschichte. Gott sei Dank für die Versöhnung im Ansgars Leben. Der Artikel hat mich tief berührt und ermutigt. Ist es eine Fernsehsendung mit Ansgar und seiner Geschichte gedreht worden? Wenn ja, kann man sie irgendwo anschauen?


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