Erfahrungsbericht

Vom Vater missbraucht

Esther sitzt im Auto. Die Hände krampfen sich ums Lenkrad, die Tränen schießen ihr in die Augen. „Nein, nein, nein! Ich will nicht, Gott! Ich will meinem Vater nicht vergeben!“ Und doch – ein Teil von ihr weiß, dass sie endlich loslassen muss.

Ein Ausfahrtsschild kommt auf sie zu. Eigentlich könnte sie jetzt abbiegen und einfach wieder nach Hause fahren, zurück zu ihrem Mann Bernd und möglichst weit weg von ihrem Vater. Doch stattdessen drückt sie das Gaspedal durch: Sie hat sich entschieden. Während der Fahrt denkt sie zurück an ihre Jugend. Die Erinnerungen tun so weh – immer noch.

Ein Leben bestimmt von Schmerz, Scham und Hass

Sie war gerade einmal 14, als es das erste Mal passierte. Ihre Mutter war für einige Tage im Krankenhaus, als ihr Vater plötzlich nachts vor ihrem Bett stand. Esther verstand nicht, was er von ihr wollte, als er ihr zuflüsterte, dass sie jetzt die Mama sei. Als er anfing, sich auszuziehen und grob zu ihr wurde, fühlte sie sich wie gelähmt. Und als er versuchte, sie zu vergewaltigen, begriff sie immer noch nicht, was da gerade passierte – nur, dass er ihre Welt zertrampelt und zerstört hatte.

Er, der große Pastor den alle so bewunderten, der sonntags gerne über Keuschheit und Moral predigte – er hatte seine eigene Tochter sexuell missbraucht. Und er tat es wieder und wieder und wieder, bis Esthers Seele tot und stumm von einem Tag in den nächsten stolperte, innerlich zerfetzt. Mit 18 zog sie zwar von zuhause aus, aber es war zu spät: Der Schmerz und die Scham hatten sich längst tief in ihr Herz gebohrt und jeden Funken Liebe ausgelöscht. Geblieben war nur Hass. Hass auf ihren Vater, Hass auf ihre eigene Schwäche, Hass auf Gott.

Esther schaut konzentriert auf die Straße. Häuser, Autos und Menschen rauschen an ihr vorbei. „Gott, warum forderst du das von mir? Warum muss ich zu diesem Mann fahren? Ich war doch das Opfer!“ Das Haus, in dem ihr Vater lebt, rückt von Minute zu Minute näher. Ein Zittern geht durch ihren Körper, als sie sich vorstellt, gleich an seiner Haustür zu klingeln, eine Weinflasche in der Hand als Geschenk.

Wie sehr hatte sie jeden Besuch bei ihm gehasst, nachdem sie aus der Hölle ihres Elternhauses entflohen war. Bei jeder Familienfeier wäre sie am liebsten weggelaufen, statt schon wieder vor allen so zu tun, als sei er der liebende Vater und sie die dankbare Tochter. Doch Esther spielte die grässliche Familienkomödie mit, immer wieder. Denn sie hatte geschwiegen – keiner wusste über den Missbrauch Bescheid. Jede der widerlichen, ekeligen Erinnerungen hatte sie tief in ihrer Seele verschlossen und mit all ihren Schamgefühlen versiegelt.

Und jetzt, nach so vielen Jahren, fährt sie freiwillig zu ihm hin. Esther schüttelt den Kopf, erstaunt über sich selbst.

Die Bilanz: zwei gescheiterte Ehen und ein Selbstmordversuch

Als junge Frau hatte sie noch gehofft, ein normales Leben führen zu können. Als sie sich das erste Mal in einen Mann verliebte, glaubte sie, die Erinnerungen an den Missbrauch hinter sich lassen zu können. Doch nach kurzer Zeit wurde Esther klar, dass sie die Nähe eines Mannes nicht ertragen konnte, nach allem, was ihr Vater ihr angetan hatte. Wenn ihr Freund sie berührte, stieg in ihr Ekel und Panik auf und sie zog sich immer mehr von ihm zurück.

Immer wieder versuchte Esther, eine liebevolle Beziehung mit einem Mann aufzubauen. Doch sie hielt jedes Mal nur wenige Wochen oder Monate aus, bevor sie sich von ihren Partnern trennen musste. Egal wie gut ein Mann zu ihr gewesen war, egal wie sehr er sie geliebt hatte – sie ertrug nicht länger die Umarmungen, die Küsse. Sie wollte nur noch weg. Doch weil sie so eine Sehnsucht nach Liebe hatte, versuchte sie es gleich mit einem neuen Partner – und der Teufelskreis ging von vorne los.

Mit Mitte 30 blickte sie auf zwei gescheiterte Ehen, einen Selbstmordversuch und zahllose Beziehungen zurück. Die traurige Bilanz einer kaputten Seele.

„Du bist nicht allein!“

„Nicht nur ich war ein Opfer, all diese Männer waren es auch. Und meine drei Kinder, die ohne eine richtige Familie aufwachsen mussten.“ Bei dem Gedanken an ihre Söhne spürt Esther einen Anflug von Stolz. Sie stammen aus ihren zwei Ehen und halten zu ihr, obwohl sie ihnen nur ein Leben voller Chaos und Unsicherheit hatte bieten können. Sie hatte ihr Bestes gegeben und doch kämpft sie mit der Angst, dass ihr Bestes einfach nicht genug ist. Das Leid, das ihr angetan wurde, hat seine zerstörerischen Kreise weit gezogen.

Esther biegt in die Straße ein, in der ihr Vater wohnt. Es ist ihre letzte Chance umzudrehen. Zitternd und voller Panik bleibt sie stehen. In ihr tobt ein Sturm: „Herr, ich kann das nicht! Ich kann mich nicht vor diesen Mann stellen und über die Vergangenheit sprechen!“ Doch statt umzudrehen und schleunigst wieder nach Hause zu fahren, parkt sie das Auto, greift sich die Weinflasche, stellt sich vor die Haustür. Und dann spürt sie es: Gottes Gegenwart. Ihre zitternden Hände werden ruhig. Ihre Seele wird still. Die Panik, die sie gerade noch zu überwältigen drohte, schweigt. Wie ein schützender Mantel legt sich Gottes Kraft um sie: „Ich bin da! Du bist nicht allein, Esther.“

Sie drückt die Klingel.

Ein Schrei zu Gott

Jahrelang war sie wütend auf Gott gewesen. Ihr Vater, der Pastor, hatte ihr eingebläut, dass dieser Gott alles sehen und hören könne: jede ihrer Sünden und Fehler. Und doch hatte der gleiche Gott nichts dagegen getan, als ihr Vater sie missbrauchte. Hätte Jesus sie nicht retten können? Hatte er sie übersehen – oder einfach nicht hingeschaut?

Doch egal wie sehr sie Gott von sich schob – sie spürte, dass er da war. Manchmal setzte sie sich in Gottesdienste, versteckte sich in der letzten Reihe und hörte den Liedern und der Predigt zu, hoffte darauf, endlich wieder etwas zu spüren. Doch nichts drang durch ihren selbsterrichteten Panzer hindurch.

Und dann lernte sie Bernd kennen. Ihren „Balu, der Bär“, wie sie ihn liebevoll neckte: Er ist treu, fürsorglich, liebevoll. Schon als sie das erste Mal miteinander tanzten, flogen die Funken. Esther war sich ganz sicher: „Diesmal ist es der Richtige!“

Doch nach einigen Monaten spürte sie, wie sich die alten Ängste in ihr breitmachten: Es fiel ihr immer schwerer, Bernds Nähe zu ertragen. Als noch andere Konflikte hinzukamen, war Esther kurz davor, schon wieder zu flüchten. Alles in ihr schrie: „Pack deine Koffer! Lauf!“

Aber sie wollte nicht länger fliehen. Sie liebte Bernd und war müde von all den zerbrochenen Beziehungen. In ihrer Zerrissenheit schrie sie zu Gott, flehte darum, dass er eine Lösung schenken möge. Und dann passierte das Wunder.

„Du bist rein vor meinen Augen“

Auf ihrer Webseite bietet Esther anderen Frauen in ähnlichen Situationen Hilfe und ein offenes Ohr an. (Bild: ERF Medien)

Eine Freundin hatte sie zu einer christlichen Frauenkonferenz eingeladen. Unwillig hatte sie zugesagt, denn sie spürte, dass sie mitgehen sollte. Doch Esther war nicht bereit, sich von diesen „Frommen“ etwas sagen zu lassen: mit schrägen Klamotten, schwarz lackierten Nägeln und verschränkten Armen wollte sie die Veranstaltung über sich ergehen lassen. Doch dann hatte die Referentin angekündigt, dass die Frauen nach vorne kommen sollten, die einen Neustart mit Jesus wagen wollten. Und Esther stand auf. Sie spürte, wie sich andere Frauen um sie stellten, für sie beteten, sie segneten. Und dann brach es aus ihr heraus und sie schrie: „Ich hasse meinen Vater! Er hat mein Leben zerstört! Aber Gott, wenn es dich gibt, dann bin ich bereit, es mit dir noch einmal zu versuchen!“

Die Mauer, die sie jahrelang aufrecht erhalten hatte, brach in diesem Moment zusammen. Die vielen ungeweinten Tränen, die sie immer und immer wieder heruntergeschluckt hatte, flossen über ihr Gesicht. Und Gott sprach zu ihr: „Esther, du bist rein vor meinen Augen.“ Sie, die ihre Vergangenheit wie einen Schandfleck mit sich rumtrug, die sich mit dem „schmutzigen“ Geheimnis ihres Vaters abschleppte: Sie war reingewaschen von Gott.

Esther rief sofort bei Bernd an. Übersprudelnd vor Freude erzählte sie von dem, was Gott ihr gesagt hatte. Als die Mauer in ihr zusammengebrochen war, war noch viel mehr freigesetzt worden als der Schmerz der Vergangenheit: Sie spürte, dass sie mit Jesus bereit war, an der Liebe zu Bernd festzuhalten.

Befreiende Vergebung

10 Jahre ist das her. Seit ihrem Neuanfang mit Gott hat sich Vieles in Esthers Leben verändert. Die Ehe mit Bernd tut ihr gut. Gemeinsam gehen sie jeden Sonntag in den Gottesdienst. Der Glaube ist die Basis ihrer Beziehung geworden. Doch Esther weiß, dass eines fehlt, um wirklich frei zu sein.

Die Tür geht auf. Ihr Vater steht vor ihr, er freut sich, seine Tochter zu sehen. Er lebt schon lange allein, die Ehe zu Esthers Mutter ist vor Jahren in die Brüche gegangen. Während er Kaffee kocht, beobachtet sie ihn. Heruntergekommen wirkt er auf sie, alt und krank. Das Leben hat seine Spuren hinterlassen. Der starke, charismatische Pastor, den alle so bewundert hatten, scheint wie weggewischt. Als sie sich an den Tisch setzen, nimmt Esther ihren ganzen Mut zusammen.

„Vater, du hast mich missbraucht. Du hast mich verletzt, du hast mir sehr viel Schmerz zugefügt. Und hier und jetzt vergebe ich dir.“

Esthers Vater streitet ihren Vorwurf nicht ab. Die Schuld lastet auf ihm und er wünscht sich, seine Handlungen rückgängig machen zu können. Esther ist froh über seine Reue, aber sie merkt, dass ihre Vergebung nicht davon abhängig ist. Sie spürt, wie die Ketten, die sich jahrzehntelang um ihr Herz gelegt hatten, zerreißen. Sie ist frei. Frei von dem Hass, der ihre Seele zerfressen hatte. Die Wahrheit hat sie frei gemacht.

Als sie sich von ihm verabschiedet, kann sie ihn sogar in die Arme nehmen, sie hat nicht länger Angst vor ihm. Als sie sich auf den Weg nach Hause macht, lässt sie die Bitterkeit, die ihr ganzes Leben vergiftet hatte, zurück. Dort wartet ihre Familie auf sie: ihre Söhne und ihr Mann Bernd. Ein neues Leben hat begonnen.

 

 


Kommentare

Von Carl am .

danke, lieber Gott, für jeden Neuanfang eines menschen durch Jesus, deinen Sohn unseren Retter und Heiland


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