Interview

Fromm, aber nicht fröhlich

„Hilfe, die Depression verändert meinen Glauben!“ Tipps von einem Psychiater.

Zu erkennen, dass die Seele professionelle Hilfe braucht, ist nicht leicht. Gerade Christen tun sich manchmal schwer damit, den ersten Schritt zum Psychiater oder Psychotherapeut zu wagen. Im ersten Teil des Interviews hat Psychiater Dr. Oliver Dodt mit einigen Vorurteilen über die Psychiatrie aufgeräumt. Im zweiten Teil des Interviews befragen wir den Psychiater, welche Bedeutung Seelsorger bei der Suche nach Unterstützung spielen können und wie man als Betroffener mit Glaubensfragen umgehen kann.

Dr. Oliver Dodt ist Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie. Er
arbeitet in der FeG Bingen und in
er Arbeitsgemeinschaft christlicher
Ärzte (www.acm.smd.org) mit.
(Bild: privat)

ERF Medien: Im ersten Teil des Interviews erwähnten Sie, dass Christen manchmal lange warten, bevor sie einen Psychotherapeut oder Psychiater aufsuchen. Der Schritt zum Seelsorger fällt vielen Christen leichter. Doch woran kann ein Seelsorger merken, dass ein Ratsuchender eigentlich professionelle Beratung braucht?

Oliver Dodt: In manchen Situationen ist es ein Stück weit klar. Wenn jemand eine beginnende Demenz hat oder eine Suchterkrankung zum Beispiel. Bei anderen Problemen ist es für den Seelsorger eventuell schwerer zu erkennen. Doch ich glaube, viele Seelsorger sind hier gut geschult. Im Zweifelsfall sollte man jemanden lieber zum Hausarzt schicken, wenn man den Verdacht auf eine Depression hat. Die deutsche Depressionshilfe bietet im Internet auch einen Selbsttest an. Den kann man mit dem Klienten machen. Gleichzeitig würde ich auf der anderen Seite sagen: Ein Seelsorger muss sich mit psychiatrischen Erkrankungen nicht gut auskennen. Und er muss sie erst recht nicht behandeln können. Aber wenn er erkennt: „Hier stimmt etwas nicht“, reagiert er darauf.

Der Psychiater behandelt die Depression, nicht das Glaubensleben

ERF Medien: Wie kann man als Seelsorger Betroffene dazu ermutigen, sich professionelle Hilfe zu suchen?

Oliver Dodt: Gutes Material zu diesem Thema findet man auf der Homepage von Samuel Pfeiffer, einem christlichen Psychiater und Seelsorger aus der Schweiz. Er bietet auf seiner Webseite viele Broschüren zu verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen und seelsorgerlichen Problemen an, die man dort herunterladen kann. Eine Depression hat auch Auswirkungen auf das Gebets- und Glaubensleben. Man betet nicht mehr so wie vorher. Man hat nicht mehr so viel Hoffnung wie sonst. Wenn der Seelsorger diese Auswirkungen der Depression auf das Glaubensleben kennt, kann er den Betroffenen darüber informieren, ihn unterstützen und ihm Material zum Thema an die Hand geben. Und dann muss man gucken: Welche Vorbehalte hat derjenige gegen eine psychiatrische Behandlung? Danach kann man an diesen Vorurteilen arbeiten und sie abbauen, indem man Informationen weitergibt und den Betroffenen eventuell auch zum Arzt oder Psychotherapeuten begleitet, um die Hemmschwelle niedriger zu machen.

ERF Medien: Sie sprachen an, dass Depressionen auch Auswirkungen auf das Glaubensleben haben. Deshalb wünschen sich viele Christen einen christlichen Therapeuten. Davon gibt es aber nicht so viele. Halten Sie es für sinnvoll oder sogar notwendig, dass man als Christ gezielt nach einem christlichen Therapeuten sucht?

Oliver Dodt: Es ist für jeden Menschen angenehm, wenn er jemanden hat, von dem er weiß: Er ist glaubensmäßig ähnlich unterwegs. Aber es gibt insgesamt zu wenig Psychiater und unter den wenigen Psychiatern gibt es noch weniger engagierte Christen. Daher ist es schwierig, einen christlichen Psychiater zu finden. Manchmal gibt es auch Psychiater, die es nicht an die große Glocke hängen, dass sie Christen sind.

Aber mir fällt keine Konstellation ein, bei der ein christlicher Psychiater wirklich notwendig wäre. Für eine Depression, eine Angsterkrankung, eine Suchterkrankung und für viele andere psychiatrische Erkrankungen ist kein speziell christlicher Psychiater notwendig. Die Erkrankung hat zwar Auswirkungen auf das Gebetsleben, aber der Psychiater behandelt ja nicht das Gebetsleben, sondern die Depression. Er versucht, mit dem Betroffenen Lebensqualität zurückzugewinnen und Vermeidungsverhalten aufzulösen. Das wird den Glauben vielleicht berühren, aber für die Glaubensfragen ist der Seelsorger zuständig. Und da ist es gut, wenn der Patient damit einverstanden ist, dass der Seelsorger sich mit Psychiater oder Psychotherapeut abspricht oder dass man mal ein Gespräch zu dritt macht.

Bei der Krankheit ansetzen, nicht bei den Symptomen

ERF Medien: Manchmal bewerten Christen ihre Depression in konkreten Zusammenhang zu ihrem Glauben. Etwa indem sie sagen: „Meine Depression ist eine Strafe Gottes.“ Oder „Wenn ich mehr beten würde, würde ich keine Selbstmordgedanken haben.“ Wie kann ein Psychotherapeut, der keinen christlichen Hintergrund hat, solche falschen Gedanken über die Depression und den Glauben auflösen?

Oliver Dodt: Es ist kein gesunder Glaube, dass jemand einen Zusammenhang herstellt zwischen seinem Gebetsleben und seinen Erkrankungssymptomen. Elia als Mann Gottes hatte auch schwere Depressionen mit Suizid-Gedanken, ohne dass in der Bibel etwas davon steht, dass er sich falsch verhalten hat. Da wird sicherlich auch ein Psychiater, der sich mit den christlichen Hintergründen nicht so gut auskennt, merken: „Da ist etwas nicht in Ordnung.“ Und dann wird er fragen: „Ist das in Ihrer Gemeinde tatsächlich so? Sehen das alle so, dass Sie beten müssen, damit Sie gesund werden?“

An einem solchen Punkt ist die Absprache zwischen Seelsorger und Psychiater sinnvoll. Aber gleichzeitig ist dieser Punkt wahrscheinlich nicht das einzige Symptom, unter dem der Betroffene leidet. Sondern er wird − wenn es im Rahmen einer Depression ist − noch schwere andere Symptome haben, die ihm vielleicht nur nicht so stark auffallen, weil in seiner Gemeinde mehr auf das Gebetsleben und die Suizidgedanken geguckt wird. Außerdem wird der Therapeut zur Behandlung der Depression auch nicht am Symptom ansetzen, sondern an der Ursache und das ist eine Stoffwechselerkrankung. Dazu braucht es Psychotherapie und bei schweren Depressionen auch Medikamente.

Ein guter Therapeut ist bereit, sich ins eigene Glaubensleben hineinzudenken

ERF Medien: Was würden Sie empfehlen, wenn man merkt, dass negative Glaubenserfahrungen eine Depression mitbedingt haben, zum Beispiel schwierige Erfahrungen in einer früheren Gemeinde oder im Elternhaus? Wie kann man dies in einer Therapie aufarbeiten?

Oliver Dodt: Wenn jemand schwierige Kindheitserfahrungen oder sogar Gewalterfahrungen erlebt hat oder in der Gemeinde ein schräges oder sehr gesetzliches Glaubensbild vermittelt bekommen hat und deswegen depressiv wird, ist es aus meiner Sicht sinnvoll, erstmal die akute Depression zu behandeln und wieder eine ausgeglichene Stimmung herzustellen. Vielleicht sollte der Betroffene die Gemeindeform wechseln oder andere Dinge verändern. Vorrangig ist jedoch, dass er wieder zur Arbeit gehen kann, wieder Freude am Leben hat und normale soziale Kontakte pflegt. Erst wenn die akute Stoffwechselentgleisung, die sich in der Depression zeigt, wieder ausgeglichen ist, ist es sinnvoll, sich diese alten Sachen noch mal genau anzugucken und zu überlegen: „Was will ich verändern? Ist es vielleicht dran, Glaubensüberzeugung zu verändern?“ Das würde ich mit einem Seelsorger machen.

Wenn es aber dran ist, irgendwelche unangenehmen Erfahrungen von früher aufzuarbeiten, ist ein Psychotherapeut die richtige Adresse. Wenn das sehr spezielle und gemeinde-interne Dinge sind, würde ich erwarten, dass ein guter Psychotherapeut sich da auch reindenkt. Wenn ich als Therapeut jemanden aus einer Motorradgang als Patient habe, der mir von deren Ehrenkodex erzählt, muss ich mir auch erklären lassen: „Was sind die Werte der Menschen, mit denen Sie dort zusammen sind?“ Und dann versuche ich, mir davon ein Bild zu machen, um dem Patienten zu helfen. Genauso kann man als Patient auch erwarten, dass ein Psychotherapeut sich da reindenken kann, wie eine Gemeinde funktioniert. Und es kann dann für den Betroffenen auch bereichernd sein, wenn jemand von außen, der die glaubensmäßigen Zusammenhänge nicht so gut kennt, aber viel über Gruppendynamik und Machtstrukturen weiß, einige hilfreiche Tipps gibt.

ERF Medien: Was ist, wenn ich als Betroffener schon in Beratung bin und merke: „Mein Psychotherapeut denkt sich nicht in meinen Glauben hinein oder ich spüre sogar eine Ablehnung meines Glaubens“? Was kann ich dann tun?

Oliver Dodt: Erstmal würde ich dazu raten, das dem Psychotherapeuten zurückzumelden. Dann kann man darüber sprechen. Manchmal gehen ja Eigen- und Fremdwahrnehmung auseinander. Daher mache ich Mut, solche Dinge anzusprechen. Das kann man auch gleich im ersten Gespräch klären. Außerdem ist es so, dass man in der Psychotherapie normalerweise sechs Probesitzungen hat, in denen man sich gegenseitig kennenlernt. Wenn man während dieser Zeit den Eindruck hat, dass es nicht passt, kann man ohne Probleme wechseln.

ERF Medien: Herzlichen Dank für das Interview.


Kommentare

Von FranzX am .

@Gast:
Ein Psychiater, der Gott nicht kennt, kann dennoch die Zusammenhänge unserer Geschöpflichkeit erkennen und hilfreiche Medizin verschreiben. Bei z.B. Diabetes wie bei psychischen Erkrankungen. Beides sind (letzteres oft) Stoffwechselerkrankungen. Beim einen hilft Insulin, beim anderen ein Medikament, das den Neurotranmitter-Haushalt wieder in Ordnung bringt.
Auch unsere Seele ist - unabhängig vom Stoffwechsel - geschöpflich und unterliegt Gesetzmäßigkeiten, die sich zum Guten wie zum mehr

Von Sabine W. am .

...erst mal einen Therapieplatz bekommen!!!
Ich nehme schon seit Jahren Antidepressiva

Von Gast am .

Die Bibel berichtet von vielen Heilungen (meist auch in Form von Handauflegung) Jesus selbst sagte das seine Jünger Kranke heilen würden. Warum gibt es das Heutzutage so selten? Ein Psychologe der ohne Gott arbeitet. Was sollte der tun können?

Von Gerd H. am .

danke für diesen beitrag. ich habe eine stoffwechselerkrankung, aber nie gewußt, daß auch meine zeitweiligen depressionen davon herrühren. nochmals danke und ein frohes osterfest. Gerd H.


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