Erfahrungsbericht Lesezeit: ~ 6 min

Mehr als Verzicht auf Süßes

Mal ganz auf Essen verzichten – Sigrid Offermann hat es ausprobiert.

Die Fastenzeit beginnt – wie jedes Jahr. Ich habe mich daran gewöhnt, dass viele Menschen um mich herum auf irgendetwas verzichten: Süßigkeiten, Alkohol oder Kaffee. Ich wähle in schöner Beständigkeit Schokolade als mein persönliches „Verzichtsobjekt“. Sieben Wochen ohne diesen herrlichen Schokogeschmack auf der Zunge fällt mir echt schwer. Aber verdient dieser klitzekleine Verzicht tatsächlich schon die Bezeichnung „Fasten“?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr kommen mir Zweifel. Das, was ich in der Bibel über das Fasten lese und was in anderen Religionen praktiziert wird, hat eine deutlich andere Note. Da geht es um alles. Oder besser gesagt: Um gar nichts! Nämlich um nichts essen – rien, niente, nada! Fasten nicht als kleine, temporäre Einschränkung des Konsums von Luxusgütern, sondern als radikalen Verzicht auf jegliche feste Nahrung.

Ich beginne mich über die medizinische Seite des Ganzen zu informieren: Menschen mit gesundheitlichen Problemen jeglicher Art, Schwangere, Stillende, alte Menschen und Kinder sollen nicht fasten. Ich gehöre momentan zu keiner dieser Gruppen und habe somit keine Ausrede, es nicht zu versuchen.

Fasten in der Bibel

Der theologische Befund ist auch eindeutig: Wann immer in der Bibel vom Fasten die Rede ist, wird diese geistliche Übung als völlige Selbstverständlichkeit betrachtet. In der Bergpredigt zum Beispiel spricht Jesus über die drei wichtigsten Kennzeichen im Leben derer, die ihm nachfolgen wollen: „Wenn Ihr betet...“, „Wenn Ihr spendet…“, „Wenn Ihr fastet...“  Jedes Mal gebraucht er: „Wenn Ihr das tut….“, nicht etwa: „Falls Ihr das tut!“ Gebet, Großzügigkeit und Fasten sind für Jesus absolute „Basics“ seiner Lehre (vgl. Matthäus 6) und ganz bestimmt nicht nur eine unverbindlichen Anregung, was man gelegentlich mal ausprobieren könnte, wenn man sich besonders profilieren möchte.

„Wenn ihr fastet, dann setzt keine Leidensmiene auf wie die Scheinheiligen. Sie machen ein saures Gesicht, damit alle Welt merkt, dass sie fasten. Ich versichere euch: Sie haben ihren Lohn schon kassiert. Wenn du fasten willst, dann wasche dein Gesicht und kämme dich, damit niemand es merkt als nur dein Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen.“ (Matthäus 6,16-18)

Jesus selbst beginnt seine aktive Zeit auf dieser Erde mit einer extrem langen Fastenzeit (Matthäus 4,2) und weist seine Jünger immer wieder darauf hin, dass sie die Wirkung des Fastens nicht unterschätzen sollen, zum Beispiel als er ihnen erklärt, dass sich bestimmte Arten von Dämonen nur durch Beten und Fasten besiegen lassen. (Matthäus 17,21). Und schließlich kündigt er seinen Nachfolgern unmissverständlich an, dass sie fasten werden, wenn er nicht mehr bei ihnen ist (Matthäus 9, 15).

Fasten im Selbstversuch

Aber, um ehrlich zu sein: Ich habe weder vor, 40 Tage lang nichts zu essen − was ich mir trotz stabiler Gesundheit als nicht ganz ungefährlich vorstelle − noch eine bestimmte Sorte von Dämonen durch meinen Verzicht auf Nahrung zu beeindrucken. Ich will es einfach mal versuchen - als Horizonterweiterung, und als Gehorsamsschritt. Als geistliche Übung, die mir vermutlich etwas mehr abverlangt, als monatlich den 10. Teil meines Einkommens per Dauerauftrag an andere zu überweisen. Wenn ich dabei noch ein paar meiner überflüssigen Kilos verliere, habe ich natürlich auch nichts dagegen.

Doch diese Illusion wird mir schnell geraubt. Während meiner „Fasten-Recherchen“ erfahre ich, dass man zwar in der Tat recht schnell Gewicht verliert, da der Körper hauptsächlich Wasser und Eiweiß abbaut. Ehe er allerdings seine Fettreserven antastet, vergeht fast eine Woche  und so haben nach dem Fasten fast alle Fastenden innerhalb kurzer Zeit wieder ihr Ausgangsgewicht.

Sei's drum – ich will wissen, wie Fasten ist, wie es sich anfühlt, was ich dabei erlebe und was das Ganze mit Gott zu tun hat. Daher lasse ich mich auf das ein, was die Mediziner als „Selbständiges Fasten für Gesunde“ bezeichnen. Mit großen Erwartungen und großen Mengen an Flüssigkeit.

Fasten fühlt sich immer anders an

Das ist jetzt vier Jahre her. Seither habe ich mehrfach gefastet. Mal habe ich lange, ausdauernd und diszipliniert durchgehalten, mal habe ich nach wenigen Tagen wieder entnervt aufgegeben. Ich habe mir eine Zeit ganz alleine schweigend und fastend in einer Kommunität gegönnt und ich habe mitten im Familien-Trubel aufs Essen verzichtet, während der normale Alltag weiterlief und ich sogar täglich kochen musste.

Ich habe große und tiefe Erfahrungen mit Gott gemacht und seine Liebe und Fürsorge während mancher Fastenzeiten in ungewöhnlich starker Intensität erlebt. Und ich habe Fastentage erlebt, die geistlich absolut nichtssagend waren, bei denen ich neben dem Geräusch des knurrenden Magens nicht mehr in der Lage war, auf Gottes Stimme zu hören. Ich habe gemeinsam mit Freunden und Gleichgesinnten aus unserer Gemeinde gefastet und auch mehrmals „heimlich, still und leise“. Manchmal fühlte ich mich, als könne ich Bäume ausreißen, an anderen Tagen war ich so kraftlos, dass ich am liebsten im Bett geblieben wäre. Ich habe während des Fastens mal erfreulich zackig abgenommen und mal schleppend langsam, war aber hinterher jedes Mal bereits nach wenigen Wochen wieder so proper wie vor der Fastenzeit.

Mein Fazit: Ich bin sehr froh, dass ich damals vor vier Jahren das Fasten für mich entdeckt habe und mich von Jesu Worten herausfordern ließ: „Wenn Ihr fastet…!“ Dadurch habe ich zunächst mich selbst von einer ganz neuen Seite kennen gelernt. Ich vergleiche das Fasten gerne mit einer Reise ohne festes Ziel. Man macht sich auf den Weg und es ist nicht klar, wo man am Ende landet. Genau wie bei einer richtigen Reise begegnet einem Schönes, aber auch Schwieriges und vor allem auch: Unerwartetes! Es gibt sehr gute und ziemlich anstrengende Tage, aber wenn man ankommt, ist man echt glücklich!

Meine „Fasten-Reisen“ waren bislang überwiegend positiv und gut. Ich bin fasziniert und begeistert, wie anpassungsfähig der menschliche Körper ist und mit wie wenig er eigentlich auskommt und trotzdem tadellos funktioniert! Dadurch habe ich „am eigenen Leib erfahren“, was für ein Meisterwerk aus Gottes Hand jeder von uns zur Verfügung gestellt bekommen hat! Zudem hat Gott mich mit einer sehr stabilen Gesamtkonstitution ausgerüstet, sodass ich bislang selten körperliche Durchhänger hatte – und wenn, dann waren sie immer nur vorübergehend. Wenn ich besondere Kraft gebraucht habe, war sie immer da! Auch das ist eine tiefe Erfahrung.

Wie erlebe ich Gott beim Fasten?

Der geistliche Aspekt ist viel schwerer zu greifen. Noch immer kann ich nicht klar und eindeutig den „Nutzen“ des Fastens benennen, wie ich das bei Gebet und Spenden kann. Zeiten der Nähe zu Gott wechseln sich mit „geistloser“ Alltags-Routine ab. Wer wie ich nebenher eine Familie zu versorgen hat, hat leider keine zusätzliche Zeit für Stille. Man muss sie sich während des Fastens genauso „erkämpfen“ wie sonst auch. Aber ich bin in diesen Zeiten wahrscheinlich doch sensibler für Gott, als das üblicherweise der Fall ist. Und manchmal werde ich „unterwegs“ von Gott einfach so überrascht – mit einer Zusage, einer neuen Erkenntnis, einer Ermutigung oder einer Horizonterweiterung.

Das sind dann Aussichtspunkte auf der Fasten-Reise, für die es sich lohnt, sich auf den Weg zu machen. Fasten ist ein Abenteuer! Eine Zeit lang ohne Nahrung auszukommen, macht zweifellos etwas mit einem. Und es ist die absolut günstigste Methode, seinen Schöpfer, sich selbst und andere „Mitreisende“ besser kennen zu lernen.

Meine diesjährige, „echte“ Fastenzeit liegt übrigens schon hinter mir. Seit Aschermittwoch versuche ich wieder, sieben Wochen auf Schokolade zu verzichten. Wie üblich. Das ist auf jeden Fall sinnvoll. Aber Fasten würde ich das jetzt nicht mehr nennen.


Kommentare

Von G.W. am .

J. Werth hatte in seinem Danke-Buch auch darauf hingewiesen, daß früher die Leute auch mal gezwungen waren (wegen Mißernte u.a.) Fastenzeiten einzulegen...
Wenns gesundheitlich machbar ist, kann Verzicht auf Essen (mehr oder weniger) schon eine bereichernde Erfahrung sein... Bei den Katastrophen weltweit ist es schon bedenkenswert, mal zu fasten. Das weckt die Sensibilität für die Flüchtlinge, Gefangenen u.a.

Von Maria am .

Fasten kann insofern gefährlich werden wenn der Verzicht auf Genuss in Verneinung der Körperlichkeit umkippt.
Da muss man aufpassen weil man nicht weiß wie der Körper und Vorallem die Seele auf diese Extremsituation reagiert,wenn man es noch nicht versucht hat.daher finde ich es besser bewusst zu leben und das alles nicht so radikal zu leben.

Von Libby am .

Hm ... Fasten an sich hilft sicher dem einzelnen, wo er es freiwillig für Gott tut, die Gemeinschaft zu IHM zu stärken. Das Fasten in der Fastenzeit allerdings ist meiner Meinung nach zu sehr institutionell belastet, durch kirchliche Auflagen oder Empfehlungen, die meiner Meinung nach nichts mit dem biblischen Fasten zu tun haben. Denn durch das Fasten in der Fastenzeit schließe ich mich ja sozusagen in die Faschingszeit davor mit ein - gewollt oder ungewollt - und Fasching ist ja nun gar kein christliches Fest


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