Serviceartikel

Kein Leben ohne Sterben

Warum es sich lohnt, sich den eigenen Ängsten vor dem Tod zu stellen.

Am letzten Sonntag war Totensonntag. Viele Menschen erinnern sich an diesem Tag an ihre verstorbenen Angehörigen. Bei mir selbst lösen solche Tage immer ein banges Gefühl aus. Denn auch wenn mir der Tod im Sonntagabendkrimi normal erscheint, sobald er mein persönliches Leben streift, ist er das nicht mehr. Der Tod ist ein Störfaktor, an den ich möglichst wenig denken will. Ich weiß zwar, das Leben ist kurz. Dennoch verdränge ich diese Wahrheit lieber. Denn sich mit dem eigenen Tod oder dem eines geliebten Menschen abfinden, ist eines der schwersten Dinge überhaupt. Und vielleicht verschwindet das große, böse Monster unter meinem Bett ja, wenn ich nicht daran denke.

Aber ist es wirklich sinnvoll, bis zum Ernstfall die Augen zu verschließen? Oder sollte ich mich möglichst intensiv mit dem auseinandersetzen, was mir solche Angst einjagt? Diese Fragen habe nicht nur ich mir gestellt, sondern auch die Autorin Johanna Klöpper, die sich in ihrem Buch „Leben ist das neue Sterben“ zu einer Reise in die Angst aufmacht. Ihre Reise ist nicht immer stringent, eher ein Weg mit vielen kleinen Abstechern. Aber die Auseinandersetzung Klöppers mit dem Thema hat mir geholfen, wichtige Punkte auszumachen, die helfen können, der eigenen Angst vor dem Sterben und der Trauer um verstorbene Angehörige zu begegnen.

Stell dich deiner Angst!

Zunächst müssen wir das Hauptproblem ausmachen, das wir mit dem Sterben haben – und das ist vor allem unsere Angst. Jeder Mensch weiß, dass er sterben muss und beinahe jeder hat eine Heidenangst davor. Wir haben Angst vor Schmerzen und davor, alles zurückzulassen, was wir kennen – Ehemann, Kinder, die perfekt eingerichtete Wohnung; alles, was zu uns gehört. Vor allem aber macht der Tod uns hilf- und machtlos. Es liegt normalerweise nicht in unserer Hand zu entscheiden, ob wir heute, morgen oder in zehn Jahren von dieser Erde gehen.

Außerdem ist da noch die Frage nach dem „Wohin“. Gibt es einen Ort, an den wir gehen und wie sieht der aus? Selbst Christen kennen hier nicht alle Antworten. Auch wenn ich glaube und darauf vertraue, dass ich nach dem Tod bei Jesus sein werde, weiß ich nicht, wie es dort aussehen wird – und es gibt auch keinen Christen, der mir das wirklich sagen kann. Das Hier und Jetzt aber kenne ich. Es gibt also viele Gründe, nicht sterben zu wollen und vor dem Tod Angst zu haben.

Doch letztlich – und das macht auch Johanna Klöpper deutlich – hilft mir meine Angst nicht. Egal wie sehr ich mich bemühe, mich gesund zu ernähren, wie umsichtig ich Auto fahre, ich muss irgendwann sterben. Daher ist es sinnvoll, sich der Angst vor dem Sterben zu stellen. Wenn ich verstehe, was mir am Sterben am meisten Angst macht, nimmt das mir zwar nicht die Angst, aber ich verstehe mich selbst besser. Außerdem kann mir die Auseinandersetzung mit meinen Ängsten dabei helfen, mich mit der Idee vertraut zu machen, dass ich ein Sterbender bin.

Wir sind alle Sterbende

Sich selbst als Sterbender zu begreifen, klingt im ersten Moment sehr komisch. Doch ich finde Klöppers Gedankengang hilfreich. Sie argumentiert, dass wir alle Sterbende sind, weil kein Mensch weiß, wie lange er noch zu leben hat. Jeder Tag, der vorbeigeht, bringt uns dem Tod näher. Dieses Wissen macht zunächst Angst, kann aber auch dazu ermutigen, mit mir selbst und anderen Menschen gnädiger umzugehen.

Es kann außerdem dabei helfen, bewusster zu leben. Ich habe eben nicht ewig Zeit zu entscheiden, wer und wie ich sein will. Das heißt: Ich sollte schon heute damit anfangen, die Ziele zu verwirklichen, die ich erreichen möchte, und mein Leben zu genießen. Ich neige oft dazu, mehr in der Zukunft als in der Gegenwart zu leben. Ich setze große Erwartungen in das nächste Wochenende, den nächsten Urlaub oder das nächste Jahr. Doch niemand garantiert mir, dass ich diese Ereignisse noch erleben werde. Wieso also nicht jetzt glücklich sein anstatt auf bessere Zeiten zu warten?

Johanna Klöpper gibt dazu in ihrem Buch folgenden Tipp: „Eine der größten Entscheidungen mit absoluter Tragweite können wir – und NUR wir – treffen. Wir können, wir dürfen uns für das Leben als etwas Gutes entscheiden! Wir dürfen den Satz ‚Das Leben ist wunderbar!‘ sagen.“ Diese Entscheidung kann ich nur für den heutigen Tag treffen. Doch da ich nie weiß, wie lange ich noch lebe, möchte ich das nicht versäumen.

Das Leben nicht vom Tod überschatten lassen

Doch was, wenn das Leben nicht wundervoll ist? Wenn der Tod für uns nicht nur ein Monster unter unserem Bett, sondern ganz präsent ist. Wenn wir gerade jemand Geliebten verloren haben oder für uns selbst das Sterben durch eine negative Diagnose nicht mehr nur ferne Zukunft ist. Was hilft dann? Einfach Zähne zusammenbeißen? Wohl kaum.

Auch hier hat Johanna Klöpper einige hilfreiche Tipps und dazu gehört, das eigene Leben nicht vom Tod überschatten zu lassen. Selbst wenn ich weiß, dass ich nicht mehr lange leben werde, kann ich versuchen, mein jetziges Leben noch so positiv und schön zu gestalten wie möglich. Ich muss nicht einfach abwarten, bis es zu Ende ist. Auch Angehörigen kann es helfen, die letzte Zeit mit einem Sterbenden nicht allein vom baldigen Abschied bestimmen zu lassen, sondern dazu zu nutzen, schöne und tröstende Erinnerungen zu schaffen. Wichtig ist nur, dass die Art des Abschiedes zu dem Sterbenden und seinen Angehörigen passt.

Trauere so, wie es dir hilft!

Genau wie beim Abschied kann und sollte man auch die anschließende Trauerphase individuell gestalten. Was tut mir gut? Was brauche ich jetzt? Diese Fragen kann nur ich selbst beantworten. Ich muss meinen eigenen Weg durch die Zeit der Trauer suchen und finden. Dabei kann mir aber helfen, jemanden zu haben, der mir zuhört und mich je nach Gefühlslage tröstet, aufheitert oder einfach nur Schmerz und Wut mit mir aushält.

Auch Trauer- und Abschiedsrituale können hilfreich sein. Doch auch hier gilt: Für jeden so, wie es ihm hilft. Trauerflor und der regelmäßige Besuch auf dem Friedhof mag einigen Trauernden helfen, aber für manche jüngere Menschen passt dies nicht. Sie kommen sich in Schwarz komisch vor oder wollen nicht von jedem auf ihren Verlust angesprochen werden. Ich darf in der Trauerphase so trauern und Abschied nehmen, wie es mir gut tut und muss mir nicht darüber Gedanken machen, was andere von mir denken.

Wut und Klage haben ihren Platz

Das heißt auch: Wut und Schmerz zulassen. Gerade Christen tun sich oft schwer mit Klage. Bei mir selbst habe ich beobachtet, dass ich manchmal versuche, den Schmerz um den Verlust eines Menschen mit der Gewissheit „Er ist jetzt bei Gott“ zu vertreiben. Aber wo Wut, Enttäuschung, Fragen und Zweifel aufkommen, hilft es wenig, sie mit frommen Worten zu vertreiben. Ich darf traurig, wütend und enttäuscht sein und ich kann Gott das auch ehrlich sagen. Er hält meinen Schmerz und meine Wut aus.

Es ist zwar ein Trost, zu wissen, dass der Angehörige bei Jesus ist. Doch das nimmt mir nicht den Schmerz, dass ich diese Person nie mehr sehen oder sprechen werde. Das tut weh – und das darf es auch. Ich brauche nicht von mir erwarten, dass der Trost pünktlich einsetzt, wenn das Beerdigungskaffeetrinken vorbei ist. Es ist ein Loch in meinem Leben entstanden und dieses werde ich eventuell bis zu meinem Lebensende spüren. Wo jemand etwas anderes von mir erwartet, darf ich dieser Person freundlich, aber bestimmt eine Absage erteilen. Trauer kennt keinen Fahrplan. Sie dauert so lange sie dauert.

Was mache ich mit meiner Schuld?

Ein anderes Phänomen, das ich in Trauerphasen oft erlebt habe, ist ein unterbewusstes schlechtes Gewissen. Man fragt sich: Habe ich wirklich alles für den Verstorbenen getan, was nötig gewesen wäre? Oft stelle ich dann fest: Ich hätte mehr tun können. Und gerade wenn man endgültig Abschied nehmen musste, liegen oft schon kleine Versäumnisse wie eine schwere Last auf der Seele. Man hat das Gefühl: Ich bin dem anderen etwas schuldig geblieben und ich kann es nie mehr gut machen.

Damit umzugehen, ist nicht leicht. Aber es gibt drei befreiende Gedanken, die hier helfen können. Erstens: Oft setze ich mir einen höheren Maßstab, als es der andere getan hätte. Für ihn waren meine Besuche eventuell viel entscheidender als die Tage, an denen ich nicht kommen konnte. Wichtig ist nicht immer, möglichst viel Zeit mit einem Menschen verbracht zu haben, sondern wie wertvoll diese Zeit für ihn war.

Zweitens hilft die Frage: Wäre es faktisch möglich gewesen, mehr zu tun – und zwar unter Berücksichtigung meiner körperlichen und psychischen Kräfte? Wenn man sich dieser Frage stellt, merkt man oft: Ich hätte gerne mehr getan, aber es wäre über meine Kraft gegangen. Sich dies einzugestehen, ist nicht leicht, aber heilsam. Wir können nicht mehr leisten, als unsere Kraft zulässt. Dieses Wissen kann mich von dem Anspruch befreien, alles richtig zu machen. Ich habe getan, was ich konnte – und ich darf nun Frieden mit meiner Begrenztheit machen.

Doch der dritte und wichtigste Punkt ist: Meine Versäumnisse und Fehler können vergeben werden. Ich kann mich vielleicht nicht mehr bei dem Verstorbenen entschuldigen oder etwas nachholen, was ich versäumt habe. Aber Jesus ist bereit, mir die Last meines schlechten Gewissens abzunehmen. Wenn ich das in Anspruch nehme, erlebe ich Vergebung und meine Trauer wird nicht mehr von Schuldgefühlen überschattet. Dann kann ich lernen, ohne ständige „Was wäre, wenn“-Gedanken um den Menschen zu trauern, den ich verloren habe.


Kommentare

Von Sigrid T. am .

Danke für den Hinweis auf das Buch zum Thema Tod, Sterben und Trauerbewältigung.
Den Satz :" Today is the first day of the rest of your life" finde ich persönlich hilfreich für eine realistische Einstellung zu Tod und Leben.


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