Porträt

60 Jahre Seite an Seite

Dankbar blicken Elsa und Heinz Jahrling auf ihre diamantene Hochzeit zurück und sind überzeugt: Es ist das Schönste, zusammen alt zu werden. Ein Porträt.

60 Jahre Ehe liegen hinter Heinz und Elsa Jahrling: In dieser Zeit sind die beiden von der DDR aus nach Westdeutschland geflohen, haben vier Kinder großgezogen und einen eigenen Laden aufgebaut. Das hätten sie sich damals nicht träumen lassen, als sie sich als Jugendliche im Frühling 1952 in der EC Jugendgruppe in Strasburg (Uckermark) kennenlernten. Aber Heinz hat Elsa „gleich gefallen“ und dafür gebetet, dass sie seine Frau wird. Dabei ist Elsa fünf Jahre jünger als der 21-Jährige Heinz und findet ihn zunächst nicht attraktiv: „Also erst ist mir an ihm aufgefallen, dass er mir gar nicht gefiel. Ich sehe ihn noch vor mir: Die Hosen hatten Falten und die Hemdspitzen standen so ein bisschen hoch.“

Dennoch freunden sich Heinz und Elsa an. Denn mit ihm kann Elsa, die gerade erst zum Glauben gefunden hat, über ihre Glaubensfragen sprechen. Beide haben es nicht einfach gehabt: Heinz hat keine Eltern mehr und Elsa führt als Sechzehnjährige daheim einen großen Haushalt, da ihre Mutter früh verstorben ist. Deswegen möchte sie sich eigentlich auch nicht gleich an Heinz binden. Nüchtern überlegt sie sich: „Entweder ich gehe weiter in den Jugendbund und sehe ihn öfter oder ich muss den Jugendbund aufgeben. Dann habe ich gesagt: ‚Das will ich auch nicht. Also gehe ich wieder hin.‘“

Elsas und Heinz' Verlobung (Foto: privat)

So kommt es schließlich dazu, dass Elsa und Heinz den Schritt in eine Beziehung wagen. Damit ihr Vater das nicht von anderen erfährt, macht die mutige Elsa gleich reinen Tisch. Noch heute ist ihr die Situation im Kopf geblieben: „Ich bin dann zu ihm in die Werkstatt. Er war Tischler und hat sich einen Schemel gesucht. Ich glaube, der hatte nur noch ein Bein. Er schwankte jedenfalls darauf. Er hatte natürlich am meisten Sorge, dass er mich als Arbeitskraft verliert. Das war seine größte Sorge.“ Doch als Elsas Vater Heinz kennenlernt, schwinden seine Bedenken. Da Heinz nicht weiß, was Elsas Vater sonst erzählen soll, erzählt er von seinem Betrieb und der Arbeit, die er dort macht. Das imponiert Elsas Vater so sehr, dass er der Verlobung zustimmt. Zwei Jahre später heiraten Elsa und Heinz.

Flucht mit Kleinkind

Ganz harmonisch bleibt es nicht. Ihren ersten Streit haben die beiden schon beim Gardinenaufhängen. Doch den können sie schnell beilegen. Schwieriger wird es, als Heinz noch mal ein halbes Jahr zur Meisterschule nach Dresden muss. Auch die Wohnsituation des jungen Paares ist unbefriedigend. Sie haben nur ein kleines Zimmer von sechs Quadratmetern. Als Elsa mit dem ältesten Sohn Martin schwanger ist, müssen sie sich immer gemeinsam im Bett umdrehen. Einzeln geht es aufgrund des schmalen Bettes nicht mehr.

Als Martin endlich da ist, wird die Wohnsituation nicht besser. Damit er laufen lernen kann, stellen Heinz und Elsa die zwei Sessel aus dem Zimmer aufs Bett. Sonst wäre nicht genug Platz für die Laufversuche des Kleinkindes. Schließlich entschließen sich die beiden, die DDR zu verlassen. Kaum haben sie sich entschlossen zu gehen, wird diese Entscheidung bestätigt: „Wir sind ja nach Weihnachten geflüchtet und Neujahr war es bei uns immer üblich, Bibelsprüche zusammen zu mischen wie Kartenspiele und jeder konnte sich einen Bibelvers ziehen, der einen das Jahr begleiten sollte. Und ich rätsle heute noch, wie das möglich war. Aber Heinz zog den Spruch: ‚Verlass dein Vaterhaus und geh in ein Land, das ich dir zeigen will.‘(vgl. 1.Mose 12,1) Und du kriegst ja einen Schock, wenn du so einen Spruch ziehst. Aber für uns war es genau der richtige.“

Nach und nach bringen die Jahrlings über einen Cousin und Onkel Koffer für Koffer nach West-Berlin. Ihrer restlichen Familie sagen sie nichts, damit sie nicht als Mitwisser belangt werden können. Bei der eigentlichen Flucht müssen sie sich immer vor der nächsten Sperre am Bahnsteig trennen: Elsa nimmt den kleinen Martin, Heinz den Koffer. Dennoch ist ihnen bewusst: „Hätten sie uns erwischt, wären wir beide in Bautzen gelandet und man hätte uns das Kind abgenommen.“

Doch alles geht gut. Sie kommen heil zu dritt in West-Berlin an und werden von dort über Frankfurt am Main nach Gießen gebracht. Trotzdem gibt Elsa Jahrling zu: „Ich habe noch viele Jahre davon Albträume gehabt.“ Ein Vierteljahr lang teilen sich die Jahrlings mit einem anderen Paar ein Zimmer in einem Durchgangslager. Doch das stört sie nicht: „Es war eine solche Befreiung, nachts keine Angst mehr davor zu haben, dass plötzlich Polizei vor der Tür steht und den Heinz weg holt. Es war für uns beide eine Befreiung. Das war mir am wichtigsten, frei zu sein.“

„Die Kinder kamen manchmal zu kurz“

In Westdeutschland angekommen bauen sich Heinz und Elsa Jahrling eine neue Zukunft auf. Zu Martin kommen drei weitere Kinder. Währenddessen macht sich Heinz als Schuster selbständig, seine Frau Elsa übernimmt den Verkauf im Laden. Doch das wird mit wachsender Kinderzahl schwierig. Sie weiß noch genau, wie verzweifelt sie deswegen während ihrer vierten Schwangerschaft war: „Ich habe mich gefragt: Wie soll ich das machen? Arbeiten gehen mit vier Kindern? Und ich habe immer gesagt im Gebet: ‚Herr, Du wolltest dieses Kind, also musst Du auch auf ihn aufpassen.‘“

Auch Heinz quält im Rückblick, dass sie nicht immer genug Zeit für ihre Kinder hatten: „Es war schon so, dass uns die Arbeit manchmal zu wichtig war. Das sehe ich im Rückblick als schwere Verfehlung. Und dadurch sind die Kinder manchmal zu kurz gekommen.“ Gleichzeitig haben die Eltern Jahrling aber auch immer ein offenes Ohr. Da sie selbständig sind, können die Kinder jederzeit mit ihren Anliegen zu ihnen kommen. Wenn die Kinder krank sind, hilft ein Haustelefon, dass sie einen direkten Draht zu ihren Eltern in Laden und Werkstatt haben.

In alldem bleibt der Glaube bei den Jahrlings eine stete Konstante. Sie sind immer fest eingebunden in eine Gemeinde und das heißt lange Zeit bei den Jahrlings: Am Sonntag zeitig aufstehen, um um 9 Uhr in der Andacht in der Gießener Stadtmission zu sein. Hin wird der Weg mit sechs Mann im Bus oder Taxi bewältigt, zurück geht es zu Fuß. Bei den Kindern führt das oftmals auch zu Jammern und Klagen, aber der Gemeindebesuch gehört bei Familie Jahrling einfach dazu.

Dankbar für jeden gemeinsamen Tag

Mittlerweile sind Elsa und Heinz Jahrling pensioniert und nach Ostfriesland umgezogen. Die Sorgen um den eigenen Laden beschäftigen sie nicht mehr. Dafür bestimmen andere Aufgaben ihren Alltag. Regelmäßig arbeiten Heinz und Elsa Jahrling ehrenamtlich in einem Altenheim in ihrer Nachbarschaft mit und vor einigen Jahren konnte Heinz sogar noch beim Gemeindehausbau helfen. Auf die Frage, warum sie immer noch so viel arbeiten statt einfach den Ruhestand zu genießen, antwortet Elsa Jahrling ungerührt: „Ich suche immer noch in der Bibel nach der Stelle, an der steht, dass man aufhören kann, zu arbeiten.“ Bei ihrem Engagement für andere erleben Elsa und Heinz, dass es sie gesund erhält und dankbar macht.

Im Altenheim sehen die beiden immer wieder, dass nicht alle alten Paare das Glück haben, zusammen den Lebensabend zu genießen. „Das Größte ist einfach die Dankbarkeit für jeden Tag, den man noch zusammen sein darf“, beschreibt Elsa Jahrling ihre Freude darüber, noch immer den Mann an ihrer Seite zu haben, den sie vor 60 Jahren geheiratet hat.

„Der, der übrig bleibt, muss sich noch mehr auf Gott verlassen“

Doch Sorgen bleiben trotzdem nicht aus. Die Jahrlings fragen sich: „Wer wird einmal für uns sorgen?“ Auch hier stärkt sie ihr Glaube. Elsa Jahrling hat sich eine Erfahrung mit Gott tief eingebrannt: „Ich habe eines Morgens die Betten gemacht und bei mir gedacht: ‚Jetzt haben wir vier Kinder groß gebracht. Wer wird einmal für uns da sein?‘ Und dann hörte ich hinter mir eine Stimme, die sagte: ‚Habe ich dir gesagt, dass deine Kinder dich tragen werden im Alter? Oder habe ich gesagt: Ich will euch tragen bis ins Alter und bis ihr grau werdet?‘“

Seit diesem Erlebnis hängt dieses Versprechen Gottes aus Jesaja 46,4 bei den Jahrlings über dem Küchentisch. Und immer wieder schaut Elsa dorthin auf, wenn sie einen Tiefpunkt hat oder sie Sorgen plagen. Bis jetzt konnte sie mit ihrem Mann Heinz immer wieder erleben, wie sich dieses Versprechen in ihrem Leben erfüllt hat.

Dennoch beschäftigt die beiden eine Frage immer stärker: Wer von ihnen zuerst stirbt und wer zurückbleibt. Aber auch hier vertrauen sie auf Gott. „Der, der übrig bleibt, muss sich noch mehr auf Gott verlassen“, so formuliert es Elsa und fügt hinzu, dass sie in ihrer Gemeinde einen sicheren Ort weiß, wo sie Hilfe, Trost und Gesellschaft finden wird, sollte es einmal so weit kommen. Doch noch genießen Elsa und Heinz Jahrling ihre Zeit zusammen und stellen einmütig fest: „Es ist das Schönste, das es auf Erden gibt, zusammen alt zu werden.“


Lesen Sie hier ein Interview mit Heinz und Elsa Jahrling.

Ein Fernsehbeitrag über das Ehepaar Jahrling aus unserer Sendung „Gott sei Dank“:

 

Kommentare

Von Robert B. am .

Dem Jubelpaar kann ich nur gratulieren. Dankbarkeit ist hier wirklich angebracht. Leider ist es nicht jedem vergönnt, zusammen alt zu werden. Drei Jahre vor unserem 50. Hochzeitstag wurde meine Frau von unserem himmlischen Vater zu sich geholt. So war uns das Glück nicht mehr geschenkt. Doch Gottes Zusage: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte (Jer. 31,3 Lth) ist mir Trost und Hoffnung zugleich.

Von Marga A. am .

Ja, so einen Lebensabend wünsche ich mir und unserer Ehe auch.Leider ist mein Mann noch nicht im Glauben.Bete seit 25 Jahren für Ihn. Bin dankbar, wir haben es gut zusammen. Können mit 70 Jahren noch gemeinsam die hohen Berge in der Schweiz besteigen.Noch schöner wärs wenn wir zusammen Beten dürften,wie dieses Ehepaar Jahrling. "Gebe nicht auf "

Von Carnen B.-S. am .

Ich freue mich nach vielen Jahren das Ehepaar Jahrling hier wieder zu sehen, sie waren mit ihren Kindern lange in meiner Gemeinde und ich kann mich noch sehr gut an sie erinnern, kam doch meine Tante Brunhilde durch sie damals zum Glauben!


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