Interview Lesezeit: ~ 8 min

Schildkrötenperspektive adé

Warum es gut tut, beim Gebet auch mal auf Gott zu hören. Ein Interview.

Egal, ob gläubig oder nicht: Jeder Mensch hat es in seinem Leben schon einmal getan. Manche machen es mehrmals täglich, andere nur ganz selten: Nämlich ein Gebet sprechen – und sei es auch nur das sprichwörtliche Stoßgebet. Laut Wikipedia ist ein Gebet eine „verbale oder nonverbale rituelle Zuwendung“ an Gott. Für viele Menschen heißt beten, mit Gott zu reden. Aber wie sieht es mit dem Zuhören aus? Wir haben mit Reinhard Grün darüber gesprochen, welche Rolle das hörende Gebet im christlichen Glauben spielt. Reinhard Grün ist 53 Jahre alt, verheiratet und stellvertretender Direktor des Amtsgerichts Wetzlar. Darüber hinaus ist er seit 1999 in der Gemeindeleitung der FeG Wetzlar tätig. Vor einigen Jahren hat er mit anderen Christen das Heilungsgebet Wetzlar gegründet. Dort wird ergänzend zur medizinischen Betreuung Gebet für die persönliche Gesundheitssituation angeboten.

ERF Online: In der Fernsehsendung „Mensch, Gott“ ist Pastor Conrad Gille zu Gast, der viel mit Gott redet – aber ihm auch zuhört. Er geht beispielsweise mit einer Reihe Leuten in die Stadt und alle bitten Gott um ein Bild von der Person, auf die sie zugehen und für die sie beten sollen. Dabei kommt es zu erstaunlich konkreten Bildern. Wie ordnen Sie das ein?

Reinhard Grün: Ich finde das völlig in Ordnung. Zunächst mal ist auch gar nichts dagegen zu sagen, wenn Leute zu Gott kommen und ihm ihr Herz ausschütten. Das steht schon in den Psalmen. Niemand sollte ein schlechtes Gewissen haben oder auf die Uhr gucken, wenn man Gott eine Viertelstunde lang mit seinen Anliegen in den Ohren liegt. Trotzdem ist Gebet ganz eindeutig keine Einbahnstraße. Erheblich über 1000 Mal in der Bibel heißt es "Gott sprach". Gott ist also von Anfang ein redender Gott und hat durch sein Reden die Welt erschaffen. Deswegen redet er auch ganz selbstverständlich zu uns als seinen Kindern. In Galater 2,20 schreibt Paulus: "So lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir." Und Jesus sitzt doch nicht einfach nur still in der Ecke rum.

ERF Online: Sehen Sie irgendwelche Risiken oder Gefahren, die diese Form des zuhörenden Gebets mit sich bringt?

Reinhard Grün (ERF Medien) 

Reinhard Grün: Eigentlich nicht. Je natürlicher und selbstverständlicher man das macht, desto besser. Niemand muss seinen Verstand ausschalten. Und wenn einem eine seltsame oder blöde Idee kommt, ist es wahrscheinlich genau das. Man sollte einfach eine gewisse Übung entwickeln. Der Hebräerbrief spricht in Kapitel 5 davon, dass kleine Kinder Milch brauchen, während feste Nahrung für die bestimmt ist, die durch Gebrauch geübte Sinne haben. Da geht es aber nicht nur ums Essen, sondern auch darum, geistlich zu wachsen und Erfahrungen mit Gott zu sammeln. Wenn ich einen Gedanken habe, bei dem ich nicht sicher bin, ob er von Gott ist, kann ich doch sagen: "Ich probiere es aus.“ Vielleicht stelle ich dann erstaunt fest, dass der Gedanke wirklich nicht von mir ist. Weil beispielsweise das Ergebnis anders ist als erwartet. Damit hat man erste positive Erfahrungen gemacht.

Gebet ist eine Perspektivänderung

ERF Online: Sie sprechen von positiven Erfahrungen. Welche Vorteile oder Vorzüge hat denn das Gebet, bei dem ich eher zuhöre statt zu reden?

Reinhard Grün: Sofort mit dem Reden anzufangen, ist völlig in Ordnung, wenn man etwas loswerden will. Sonst stehen einem diese Gedanken dauernd im Weg. Das kann man ruhig erst einmal abgeben. Trotzdem bleibt es wichtig, sich Zeit zu nehmen und mit Gott ins Gespräch zu kommen. Denn nur dadurch merke ich, dass Jesus mit mir unterwegs sein will. Ein Beispiel: Die Stimmung zwischen mir und meiner Frau ist nicht so gut und ich gehe danach mit dem Hund raus. Nach 300 Metern habe ich den Gedanken: "Dreh um." Dann kann ich entweder sagen: "OK, den Gedanken kann man immer haben." Oder ich sage: "Jesus, wenn Du das jetzt zu mir sagst, mache ich das einfach." Es ist ja kein Risiko dabei. Aber wenn ich umdrehe, tut es meiner Frau und mir gut – außerdem kann ich anschließend immer noch mit dem Hund gehen. Es ist also eine rundum positive Erfahrung.

ERF Online: Das klingt nach Perspektivänderung. Als Betroffener betrachte ich das Problem aus meiner Perspektive, aber wenn ich Gott fragte bekomme ich eine andere Perspektive aufgezeigt. Ist das auch ein Vorzug des "hörenden" Gebets?

Reinhard Grün: Ganz sicher. Meine Perspektive ist immer eine Schildkrötenperspektive. Man guckt von unten nach oben. Gott hat auf die Dinge ganz eindeutig eine bessere Sicht. Er hat den Überblick und wenn ich mich ein Stück weit auf das einlasse, was er mir sagt, wird das Leben einfacher. Ich kann aber nur dann Erfahrungen machen, wenn ich losgehe. Wenn ich warte, bis Gott einen Zettel vom Himmel wirft, auf dem steht, was ich als nächstes tun soll, kann ich vermutlich ziemlich lange warten – wahrscheinlich bis in die Ewigkeit.  

ERF Online: Warum bekommt nicht jeder Mensch eine klare Botschaft?

Reinhard Grün: Am Anfang muss man etwas immer erst einüben. Ich habe den Hebräerbrief schon erwähnt: Durch Gebrauch geübte Sinne bekommen. Man muss sich also gar nicht wundern, wenn gerade am Anfang viel Unsicherheit damit verbunden ist. Aber wir haben einen gnädigen Gott. Wenn man sich darauf einlässt, fängt er meistens damit an, einem erst mal etwas über sich selbst zu sagen. Ein guter erster Schritt wäre zum Beispiel einfach mal zu fragen: "Jesus, was denkst Du eigentlich über mich?"

Ein Gebetstagebuch kann dabei eine große Hilfe sein. Ich nehme ein kleines Heftchen, einen Kuli und einen Bleistift und während ich bete, mache ich mir Notizen. Mit dem Kuli schreibe ich auf, was ich bete. Danach bin ich still und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Mit dem Bleistift notiere ich, was sich in meinen Gedanken abbildet. Das kann ganz unspektakulär sein, aber wenn ich ein paar Tage später noch mal nachblättere, stelle ich manchmal fest: "Das waren nicht nur meine eigenen Gedanken." So werden die Sinne durch Gebrauch geübter. Damit ist noch nicht jede Unsicherheit behoben. Es bleibt ein Schritt aufs Wasser. Aber durch positive Erfahrungen wird es leichter, die Unsicherheit zu überwinden.

Die Schafe hören und kennen die Stimme des Schäfers

ERF Online: Es gibt Personen, die sagen würden: "Ich habe Gott in dieser Form noch nie sprechen hören." Stimmt mit so einer Person etwas nicht?

Reinhard Grün: Es kann alle möglichen Gründe geben, warum man glaubt, nichts zu hören. Vielleicht hat jemand erhebliche Schwierigkeiten mit sich selbst und denkt: "Ich bin nicht liebenswürdig. Dass Gott mich als Kind angenommen hat, muss ein Versehen gewesen sein." Wer ständig in solchen Gedanken zuhause ist, dem würde ich Seelsorge empfehlen, damit er mit sich selbst in eine bessere Beziehung kommt. Das kann dem Hören im Weg stehen, denn so jemand hat den Grundverdacht: "Alles, was ich wahrnehme, muss Müll sein."

Dazu kann es Phasen geben, in denen man von Gott tatsächlich nichts hört. Die Bibel berichtet immer wieder, dass auch die großen Glaubenshelden Wüstenzeiten haben. Das Leben in der Wüste ist aber kein Dauerzustand. Jesus hat sie auch nach 40 Tagen wieder verlassen. Die Gefahr ist, sich auf dem Gedanken der Wüstenzeit ein wenig auszuruhen und zu sagen: "Dann ist bei mir eben seit 23 Jahren Wüstenzeit." An der Stelle ist es wichtig, neugierig zu bleiben.

ERF Online: Bedeutet das: Wenn ich nichts von Gott höre, liegt das eher an mir als an Gott?

Reinhard Grün: Ich würde Mut machen und trösten. Wenn mir also jemand erzählt, dass er Gott nicht hört, würde ich nicht sagen: "Bei Dir läuft etwas völlig verkehrt", sondern eher: "Fangen wir beide doch mal mit einer kleinen Übung an." Jesus benutzt in Johannes 10 ein Bild: "Meine Schafe hören meine Stimme." Er sagt nicht: "Manche meiner Schafe hören meine Stimme". Der Schäfer geht vor seiner Herde voran und ruft die ganze Zeit etwas – und die Schafe laufen hinter ihm her. An diesem Bild halte ich mich erstmal fest.

ERF Online: Wie kann ich unterscheiden, ob es Gott ist, der zu mir spricht, oder nicht?

Reinhard Grün: Wenn man herausfinden will, welche Aussagen definitiv nicht von Gott sind, ist das beste Sieb ein gewisses Maß an Bibelkenntnis. Gott wird mir nichts erzählen, was der Bibel widerspricht. Das setzt natürlich voraus, dass man die Bibel liest und sie ein bisschen kennt. Dadurch kann man die groben Missgriffe ausschließen. Als nächstes kann man sich fragen: Wenn ich überwiegend negative Sachen denke, steht vielleicht mein eigenes "richtendes" Herz dahinter. Das gilt besonders, wenn ich negativ über andere Menschen denke. Wir sind als Christen dazu berufen, einander zu ermutigen, aufzubauen und zu trösten. Auch Ermahnung kann hier und da mal vorkommen. Aber wir sind sicher nicht Gottes Gerichtsvollzieher. Wenn man seine Gedanken durch diese Grobraster geschickt hat, kann man natürlich immer noch durch Gebrauch, Ausprobieren und demütigen, warmherzigen Umgang damit geübte Sinne entwickeln.

Gott will uns nicht dirigieren

ERF Online: Es gibt Menschen, die es frustrierend finden, dass Gott manchmal durch uneindeutige, verwirrende Bilder, Träume oder Visionen spricht. Warum spricht Gott nicht immer klar und eindeutig?

Reinhard Grün: Gott ist niemand, der uns dirigieren will. Er begegnet uns auf Augenhöhe und nimmt uns ernst. Das heißt, er nimmt unsere Entscheidungen ernst, statt sie uns abzunehmen. Das ist durchaus mühsam. Mir wäre es manchmal lieber, wenn ich sehr klare Anweisungen bekäme. Aber da steckt auch ein Stück weit Bequemlichkeit oder Faulheit dahinter. Wir bleiben als Christen Gott gegenüber mündige Menschen. Eigentlich ist das befreiend, trotzdem zucken wir manchmal vor der Verantwortung für das eigene Leben zurück.

ERF Online: Wie kann Gott abseits von Träumen oder Bildern noch zu uns sprechen?

Reinhard Grün: Die einfachste Antwort ist: Nimm Deine Bibel und lies sie. Mir hilft es auch, mit anderen Christen zusammen zu sein oder Gott durch Musik anzubeten. Gerade bei diesen Anbetungszeiten habe ich das Gefühl, der Heilige Geist bewegt sich etwas mehr. Er kann natürlich auch durch andere Menschen zu mir sprechen. Ich habe keine Scheu jemandem darum zu bitten, für mich zu beten. Das tut mir gut. Ich würde mich nicht in der Wüste ausruhen und dort heimisch machen, sondern meine Kraft eher dafür investieren, die Wüste zu verlassen.

ERF Online: Herzlichen Dank für das Gespräch. 


Kommentare

Von Peter T. am .

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