Interview Lesezeit: ~ 6 min

Wer tut mir gut?

Worauf man bei der Partnerwahl wirklich achten sollte. Tipps von Paartherapeut Jörg Berger.

Wer passt zu mir? Nach welchen Kriterien sollte ich den Partner fürs Leben auswählen? Das sind Fragen, die viele Singles bewegen. Umso mehr, da sie in ihrem Umfeld immer häufiger erleben, dass Beziehungen scheitern. Jörg Berger ist Paartherapeut und hat das Buch „Den Partner fürs Leben finden. Beziehungsfähig werden und klug wählen“ geschrieben, um Singles bei der Partnerwahl zu helfen. Wir haben nachgefragt, nach welchen Kriterien man einen Partner fürs Leben auswählen sollte und inwieweit die Beziehung zu Gott dabei eine Hilfe sein kann.
 

ERF Online: Für die Partnersuche gibt es verschiedene Tipps wie „Gegensätze ziehen sich an“ oder „Gleich zu Gleich gesellt sich gern“. Was sind gute Kriterien, um den Partner fürs Leben auszuwählen?


Gleich und gleich gesellt sich gern? Reinhören!
(ERF Pop, 23.06.2015)

Jörg Berger: Da gibt es unterschiedliche Ebenen. Es ist sicher hilfreich, wenn der andere ähnliche Interessen hat, aus einer ähnlich geprägten Herkunftsfamilie kommt oder einen ähnlichen Lebensweg hat. Das sind Faktoren, die den Aufbau eines gemeinsamen Lebens sehr erleichtern. Allerdings sucht man ja irgendwie auch eine Ergänzung, ein Gegenüber. Das heißt: Es kommt immer noch der Faktor der Erotik dazu und die Erotik sucht nicht das Gleiche. Die Aufregung kommt durch Unterschiede und das heißt: Über das Gemeinsame hinaus muss es Gegensätze geben. Oft liegen diese Gegensätze in der Persönlichkeit, im Temperament, aber vielleicht auch in einer gegensätzlichen Herkunft oder Kultur.

Ob eine Partnerschaft erfolgreich ist, liegt aber vor allem an der Beziehungsfähigkeit. Wenn mich jemand fragt, worauf er achten soll, würde ich sagen: „Lass deinen Gefühlen freien Lauf, aber achte auf ein paar Sachen wie: Fühlst du dich wohl in der Gegenwart des anderen? Hast du das Gefühl, dass der andere dich versteht? Könnt ihr auch über Schwieriges sprechen?“ Wenn diese Grundkriterien erfüllt werden, hat man sehr gute Chancen, eine glückliche und dauerhafte Beziehung aufzubauen. Wenn das nicht der Fall ist, ist das ein Risikofaktor. Paare, die zu mir in Paartherapie kommen, berichten oft: „Wir haben uns von Anfang an nie richtig wohlgefühlt. Wir haben gekämpft und gehofft: ‚Gott wird uns schon helfen‘ oder ‚Wenn wir erstmal verheiratet sind, wird es besser‘.“ Aber solche Hoffnungen sind oft trügerisch. Deswegen empfehle ich Menschen, die noch nicht gebunden sind: „Klärt es vor der Ehe, wenn es Dinge in der Beziehung gibt, mit denen ihr euch nicht wohlfühlt.“ Wenn das nicht möglich ist, passen die Partner nicht zusammen.

„Prüft Beziehungen an messbaren Faktoren, nicht allein durch Gebet!“

ERF Online: Sie sind auch Christ. Inwiefern spielt Gott für Sie bei der Partnerwahl eine Rolle?

Das ganze Interview mit Jörg Berger anhören: In unserer Talk-Sendung „Lieben ist kinderleicht“ mit Lucia Ewald.

Jörg Berger: In erster Linie ist die Gottesbeziehung ein wunderbares Trainingsfeld und Trainingszentrum für die Beziehungsfähigkeit. Auch Gott ist ein Gegenüber, mit dem wir Erfahrungen machen können. Das halte ich für ein ganz wichtiges Element in der Gottesbeziehung. Es gibt viele Menschen, die sagen: „Gott wird mir schon den richtigen Partner zeigen.“ Dabei ist meine durchgängige Erfahrung: Das klappt nicht. Liebe ist ein Bereich, der so starke Gefühle hervorruft, dass man kaum noch in der Lage ist zu unterscheiden: „Was ist Gottes Stimme? Und was meine Wunschträume oder meine Beziehungsängste?“ Deshalb rate ich Menschen eher: „Versucht auf Gottes Stimme zu hören, aber lieber in anderen Lebensbereichen. Prüft eine Beziehung besser an Faktoren, die gute Beziehungen ausmachen, oder daran, ob ihr das Gefühl habt, mit diesem Menschen einen guten Glaubensweg gemeinsam gehen zu können und gründet darauf eure Entscheidung.“ Übernatürliche Eingebungen sind in aller Regel keine guten Ratgeber, da täuscht man sich leicht durch die eigenen starken Motive und Gefühle.

ERF Online: Es gibt viele christliche Singles, die sagen: „Ich gehe in die Gemeinde und einer Arbeit nach. Eigentlich könnte mir der geeignete Partner doch ‒ vom Himmel geschickt ‒ über den Weg laufen.“ Wie sehen Sie das?

Jörg Berger: Da gibt es unterschiedliche Lebenswege und Erfahrungen von Menschen. Manche erleben das wirklich so. Vielleicht ist es auch einer der schönsten Wege, wenn man seinen Partner durch einen Verein oder die Gemeinde findet. So hat man die Möglichkeit, sich erst einmal unauffällig und unverbindlich kennenzulernen. Man kann eine Annäherung geschehen lassen, bis man zu dem Schritt kommt: „Jetzt möchte ich dem anderen signalisieren, dass an mehr als Freundschaft Interesse besteht.“ Das ist eine schöne, behutsame Art des Kennenlernens.

Allerdings erleben viele, dass dieses Ideal sich nicht verwirklichen lässt, weil im persönlichen Umfeld niemand auftaucht, bei dem sich ein näheres Kennenlernen anbietet. Das zwingt Menschen, aktiver zu werden und bewusst auf Veranstaltungen oder Freizeiten zu gehen, wo man jemanden kennenlernen kann. Dadurch wird die Suche zielgerichteter und direkter. Oft kommt dann schon im ersten Gespräch das Thema auf: „Könnte das zwischen uns was werden?“ Das bewirkt eine Entwicklung im Zeitraffer und kann sehr herausfordernd und anstrengend sein. Denn die Beiläufigkeit, die sonst da ist, fehlt hier. Man muss sich oft schnell entscheiden, ob man eine Beziehung weiterverfolgen will oder nicht. Ich erlebe bei Menschen, die ich begleite, immer wieder, dass das ein aufwühlender und anstrengender Prozess ist. Es lohnt sich aber, wenn man auf diesem Weg den Partner fürs Leben findet.

Partnersuche im Internet – Belastung und Chance

ERF Online: Im Internet gibt es immer mehr Partnerbörsen. Was halten Sie davon, den Partner per Internet kennenzulernen?

Jörg Berger: Das Internet ist ein Medium, das die Effizienz bis ins Unglaubliche steigert. Gerade für Menschen, für die die Partnersuche im beiläufigen Umfeld ausgereizt ist, bietet das Internet eine Riesenchance. Aber auch die Anforderungen sind sehr groß. Wenn ich jemanden als Kollegen kennenlerne, bekomme ich von diesem Menschen über die Körpersprache unheimlich viel mit. Man kann kaum verstecken, was für ein Typ Mensch man ist. Im Internet ist es dagegen möglich, sich von einer bestimmten Seite zu zeigen. So bekommt man nur einen Ausschnitt dieses Menschen zu Gesicht. Dadurch kann es passieren, dass man sich nach dem ersten Telefonat oder Treffen plötzlich einem Menschen gegenübersieht, den man als Kollegen niemals angesprochen hätte. Dann entsteht eine Dating-Situation mit einem Menschen, bei dem sich rasch herausstellt, dass man das Date höchstens noch in Würde zu Ende bringen kann. Mit so einer Situation muss man erst einmal umgehen.

Über das Internet wird es einerseits sehr schnell intim, weil man sich auf der Mann-Frau-Ebene rasch nahekommt. Andererseits braucht man aber die Fähigkeit, wieder eine Distanz herzustellen und nach einem freundlichen Gespräch klar zu machen, dass man kein weiteres Interesse hat. Umgekehrt ist es so, dass man selbst ebenso diese Distanzierung ertragen muss. Man muss ertragen, dass eine Person, mit der man ein schönes Gespräch hatte, einem am Ende einen Korb geben. Das ist für das Selbstwertgefühl eine enorme Herausforderung. Der großen Chance, die das Medium Internet für die Partnersuche bietet, steht eine erhebliche seelische Belastung gegenüber. Ich bin immer froh, wenn ich Menschen dabei helfen kann, solche Erfahrungen zu verarbeiten. Die Erfolgschancen sind aber dennoch so hoch, dass ich auf keinen Fall grundsätzlich davon abraten würde.

ERF Online: Bei sogenannten Dating-Apps wie Tinder ist es sogar so, dass man von anderen Benutzern nur einige Fotos, das Alter, Namen und Wohnort sehen kann. Wenn man die Person attraktiv findet, schiebt man den Daumen nach rechts, wenn einem die Person nicht gefällt, wandert der Daumen nach links. Wenn beide sich attraktiv finden, kann man sich Nachrichten schreiben. Das Kennenlernen basiert hier ausschließlich auf Fotos. Was halten Sie davon?

Jörg Berger: Ich kenne diese App nicht, aber ich habe beim ersten Hören ein gewisses Magengrummeln. Für mich klingt das sehr konsum- und warenorientiert. Es ist fast so, als ob man in einem Katalog blättert und sich nur an einem attraktiven Gesicht orientiert. Ich könnte mir schon vorstellen, dass ich irgendwann mal eine schöne Geschichte höre, in der sich ein Paar auf diese Weise kennengelernt hat. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass ich irgendwann Menschen begegne, die diese „Katalog-Herangehensweise“ mürbe gemacht hat. Denn es reicht nicht, wenn man nur jemanden hat, der einen hübsch findet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich dabei das notwendige Klima ergibt, das es braucht, um eine gute Bindung aufzubauen.

ERF Online: Vielen Dank für das Interview.


Zu Unterschieden in der Partnerschaft weiß auch unsere ÜberLebensHelferin Rat:

 

 


Kommentare

Von Chris am .

es gibt keine Partnerwahl, man muß sich mit dem begnügen was übrigbleibt


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