Interview

Das kleine ABC der Liebe

Beziehungsfähigkeit kann man trainieren ‒ Wie man gute Partnerschaften aufbaut und lebt.

Wenn Beziehungen immer wieder scheitern oder es gar nicht erst zu einer Beziehung kommt, fragen sich viele Singles: „Mache ich etwas falsch?“ Jörg Berger ist Paartherapeut und hat das Buch „Den Partner fürs Leben finden. Beziehungsfähig werden und klug wählen“ geschrieben. Denn er ist überzeugt: Ob eine Beziehung gelingt oder nicht, liegt vor allem an der Beziehungsfähigkeit der Partner. Wir haben ihn gefragt, welches Handwerkszeug man für eine glückliche Beziehung benötigt.

ERF Online: In unserer Gesellschaft zerbrechen viele Freundschaften und Ehen. Manchmal stellt sich für Betroffene die Frage: Bin ich überhaupt beziehungsfähig? Was würden Sie darauf antworten?

Das ganze Interview mit Jörg Berger anhören: In unserer Talk-Sendung „Lieben ist kinderleicht“ mit Lucia Ewald.

Jörg Berger: Oft stellen sich Menschen solche Fragen, die verunsichernde Erfahrungen gemacht haben: Etwa dass die Partnersuche erfolglos blieb oder sich eine Verbindung nicht entwickelte wie erhofft. Die negative, resignierte Wertung daraus ist: „Ich bin wohl nicht beziehungsfähig.“ Die meisten Menschen aber sind weder beziehungsunfähig noch vollständig beziehungsfähig. Doch je mehr Beziehungsfähigkeit man erwirbt, desto bessere Startchancen hat eine Beziehung. Beziehungsfähigkeit bedeutet, ein Gespür dafür zu entwickeln: „Wer tut mir gut? Was brauche ich in einer Beziehung?“ Es hilft, wachsam zu sein für Beziehungen, die sich von Anfang an nicht gut anfühlen und dann zu sagen: „Das passt nicht. Es lohnt sich nicht, Zeit und Energie hineinzuinvestieren. Ich suche lieber woanders weiter.“

ERF Online: Wovon hängt es ab, ob ich eher beziehungsfähig bin oder nicht?

Jörg Berger: Es gibt mehrere Säulen der Beziehungsfähigkeit. Eine Säule sind kommunikative Fähigkeiten. Dazu gehört zum Beispiel Empathie zu empfinden und ausdrücken zu können. Aber zu Kommunikation gehört auch, widersprechen zu können. Beziehungsfähig sind Menschen, die sowohl Verständnis und Einfühlung zeigen als auch einen Konflikt austragen können.

Eine zweite wichtige Säule ist die Bindungsfähigkeit. Menschen kommen mit einem starken Bindungssystem auf die Welt. Schon Säuglinge können signalisieren, wenn sie Nähe brauchen. Dieses Bindungssystem besteht auch für Erwachsene in eigentlich kinderleichten Dingen wie: „Jemand braucht Trost, also tröste ich ihn.“ „Jemand sucht Aufmerksamkeit, also schenke ich Aufmerksamkeit.“ Wenn zwei Menschen auf dieser Ebene gute Erfahrungen miteinander machen, entsteht eine positive emotionale Bindung. Diese wird so stark, dass sie auch Enttäuschungen, Missverständnisse oder Spannungen ertragen kann. Wer solche Bindungssignale senden und die des anderen richtig entschlüsseln kann oder das erlernt, erwirbt einen weiteren wichtigen Baustein der Beziehungsfähigkeit.

Gegensätze ziehen sich an, bergen aber auch Konfliktpotenzial

ERF Online: Was macht es Menschen im 21. Jahrhundert so schwer, in langen Beziehungen zu leben?

Jörg Berger: Ich sehe hauptsächlich zwei Gründe: Das Eine ist die Kompetenzseite. Manche Menschen haben das Handwerkszeug für gute Beziehungen in Bezug auf Kommunikation, Bindung und andere Dinge schlicht nicht erlernt. Sie gehen mit schlechtem Handwerkszeug in Beziehungen. In der ersten Phase des Verliebtseins fällt das oft noch nicht auf. Aber früher oder später tauchen Probleme auf, die dann zu einer Trennung führen können. Heute entspricht es dem Zeitgeist eher, dass man sich bei Problemen sagt: „Bevor ich mich lang an einer Beziehung abarbeite, trenne ich mich. Dann hatten wir zumindest eine gute Zeit miteinander.“ Aber wenn sich das Beziehungswerkzeug nicht aufbaut, wird man wieder ähnliche Erfahrungen machen.

Der andere Grund ist, dass es in der Liebe das Phänomen der verhängnisvollen Anziehung gibt. Damit meinen Psychologen, dass sich manchmal Gegensätze stark anziehen und zum Beispiel jemand, der eher schwach und schutzbedürftig ist, jemanden attraktiv findet, der stark ist. Sowas ist natürlich eine Ergänzung, kann aber auch zu schweren Konflikten führen. Zum Beispiel wenn die Unterschiede zu groß sind und der Stärkere die Beziehung dominiert und der verletzbare Teil sich ständig überfahren fühlt. Mir war es ein Anliegen mit meinem Buch, solche Beziehungsmuster aufzuzeigen und Menschen die Chance zu geben zu erkennen: „Ich bin für dieses Muster anfällig. An der Stelle muss ich aufpassen, in wen ich mich verliebe.“

ERF Online: In Ihrem Buch steht dazu: „Erotische Anziehungskräfte zielen auf die Wiederholung von Kindheitserfahrungen ab.“ Können Sie das näher erläutern?

Jörg Berger: Am deutlichsten kann man das an traurigen Extremfällen machen, wo sich schlimme Dinge in der Partnerschaft wiederholen, die man als Kind erlebt hat. Ein Beispiel: Eine Frau hatte einen gewalttätigen Vater und bindet sich dann an einen Mann, der sie schlägt. Sie trennt sich von ihm und der nächste Mann schlägt sie wieder. Da fragt man sich: „Meine Güte, hätte die nicht jemanden verdient, der liebevoll mit ihr umgeht?“ Aber die Frau sagt: „Ein Softie würde mir vielleicht gut tun. Aber ich finde die so langweilig.“ So etwas wäre ein Extrembeispiel dafür, wie die erotischen Anziehungskräfte Kindheitserfahrungen wiederholen. Das gibt es auch in schwächeren Ausprägungen: Eine Person, die ein sehr kritisches Elternhaus hatte, sucht sich ausgerechnet einen perfektionistischen Partner, der nach der Verliebtheit anfängt, den Finger auf ihre Fehler zu legen.

Kollegenkreis und Freundschaften sind Trainingsfelder für Paarbeziehung

ERF Online: Einerseits schreiben Sie in Ihrem Buch von den Fähigkeiten, die man braucht, um zu lieben. Andererseits lese ich dort auch: „Die Liebe ist kinderleicht.“ Was davon trifft zu?

Jörg Berger: In der Paarpsychologie hat sich gezeigt, dass für glückliche Beziehungen genau die gleichen Dinge wichtig sind wie in einer guten Mutter-Kind-Beziehung. Kinder sind in ihrem Bindungsverhalten noch ganz ungebremst und natürlich. Man kann sofort sehen, ob ein Kind traurig oder wütend ist. Wenn die Mutter feinfühlig darauf reagiert, macht sie genau das Richtige. Sie tröstet ein trauriges Kind und besänftigt ein wütendes Kind. Wenn Partner das miteinander auch hinbekommen, haben sie die Grundausrüstung für eine glückliche Beziehung.

Es ist aber nicht selbstverständlich, dass das passiert. Denn erwachsene Menschen sind so geprägt, dass sie ihre Gefühle nicht zeigen und ernst nehmen. Es gibt scheinbar wichtigere Dinge. Doch Menschen, die in der Liebe unglücklich sind, sagen nur selten: „Mein Mann hätte mir ein größeres Haus bauen sollen.“ Viel häufiger hört man: „Er hatte nie Zeit für mich.“ Im Grunde sind es kinderleichte Dinge, die Partnerschaften stärken und die Eltern bei ihren Kindern intuitiv richtig machen. Wenn man sich aber ihre Beziehungen anschaut, machen sie es dort nicht. Wenn man sich manchmal nicht sicher ist, was in der Partnerschaft dran ist, hilft oft die folgende Frage weiter: „Wie würdest Du reagieren, wenn dein Kind in der gleichen Situation wie dein Partner wäre?“ Oft entsteht dabei intuitiv das, was der Partner braucht ‒ allerdings auf den erwachsenen Menschen angepasst. Denn die Grundbedürfnisse sind bei Kindern und Erwachsenen ähnlich und für beide gilt: Diese Grundbedürfnisse müssen versorgt werden.

ERF Online: Nun wächst aber nicht jedes Kind mit diesen guten Voraussetzungen auf. Wenn ich etwa nie gelernt habe, dass mir jemand zuhört oder wie man anderen zuhört, wie kann ich das üben?

Jörg Berger: Das ist eine der größten Ungerechtigkeiten im Leben. Die Bindungsforschung hat herausgefunden, dass etwa 50 Prozent der Menschen diese gute Ausrüstung mitbekommen haben. Und dann gibt es die andere Hälfte: Sie sind oft genauso liebe Menschen; trotzdem ist in ihren Beziehungen von Anfang an der Wurm drin. Sie halten Beziehungen nur durch ständiges Arbeiten an sich und der Beziehung aufrecht. Grund dafür sind diese lebensgeschichtlichen Unterschiede. Manche Menschen haben die Ausrüstung für eine gute Bindung von ihrer Familie mitbekommen, andere leider nicht.

Die gute Nachricht ist aber: Man kann lernen, gute Beziehungen zu führen. Und mit jeder guten Beziehung kommt man in seiner eigenen Beziehungsfähigkeit weiter. Das muss nicht zwangsläufig eine Partnerschaft sein. Auch in einer guten Freundschaft kann man sich im gegenseitigen Verstehen und im Kritisieren üben. Man lernt Kompromisse zu finden und aufeinander einzugehen. Sogar im Kollegenkreis lebt jede Zusammenarbeit davon, dass man sich aufeinander einstellt. Deswegen sind sowohl Freundschaften als auch der Kollegenkreis tolle Trainingsfelder für Beziehungsfähigkeit. Natürlich spielt auch die Gottesbeziehung eine Rolle. In der Bibel wird die Gottesbeziehung als etwas ganz Intimes beschrieben. Jesus vergleicht die Beziehung zu seiner Gemeinde oft mit einer Beziehung zwischen Bräutigam und Braut. Auch hier kann man gute Beziehungserfahrungen machen.

ERF Online: Sie selbst sind seit 15 Jahren verheiratet. Was waren Ihre Erfahrungen bei der Partnersuche?

Jörg Berger: Ich hatte die erleichternden Umstände, dass ich meine Frau während des Studiums in einer Zeit kennengelernt habe, in der kein großer Druck herrschte. Wir konnten uns ohne Torschlusspanik oder Stress kennenlernen. So konnte sich die Beziehung entfalten. Was mir aber persönlich geholfen hat, war, dass ich zwischen dem Auszug aus dem Elternhaus und dem Kennenlernen meiner Frau ein paar Jahre hatte, um mich mit meiner persönlichen Geschichte auseinanderzusetzen und zu überlegen: „Wie bin ich geprägt? Was hat mir gefehlt? Was brauche ich, um mich glücklich zu fühlen?“ Und ich hatte auch schon die Erfahrung einer verhängnisvollen Anziehung gemacht. Ich hatte mich damals in eine Frau verliebt, von der ich mich stark angezogen fühlte, dies aber in ein unmögliches Beziehungsmuster mündete. Mir ist schnell aufgefallen, dass dies trotz der starken Anziehung nicht die Art von Beziehung war, die ich leben wollte. Dadurch wurde mir bewusst, was ich eigentlich will. Deswegen war ich mir beim Kennenlernen meiner Frau schnell sicher: „Das ist genau das, was zu mir passt. Mir tut gut, was sich in unserem Miteinander abspielt.“

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch.


Kommentare

Von Ulrike S. am .

Leider verpasst der Autor bis Seite 80 von Gott zu sprechen. Die Kapitel fließen dahin in Beliebigkeit. Ein endloser Erguss endloser Gedanken. Innerhalb der Kapitel keine Struktur. Beliebiges Erzählen, was es alles gibt. Keine konkreten Ansätze. Tests ohne "Auswertung" oder Empfehlung: "was mache ich jetzt mit dieser Erkenntnis". Kann man sich sparen. Schade!


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