Erfahrungsbericht

Meine Blutgruppe: Kokain

Gordana Möckli wagte einen letzten Entzugsversuch – und fand Gott.

„Wieso nimmt nicht die ganze Welt Drogen?“ Diese Frage stellt sich Gordana Möckli, als sie mit Anfang 20 zum ersten Mal eine Linie zieht. Denn im Drogenrausch erlebt sie ein Gefühl von Geborgenheit, Liebe und Glück, das ihrem Leben bisher gefehlt hat.

Gordana wächst ohne Eltern bei ihrer Großmutter in Bosnien-Herzegowina auf, da die Eltern sie als Gastarbeiter nicht zu sich in die Schweiz holen konnten. Doch die Großmutter macht Gordana Angst. Sie gilt im Dorf als angesehene Hexe und ist in okkulte Praktiken verstrickt. Gordana muss als Kind oft dunklen Messen beiwohnen und bei rituellen Praktiken mitmachen. Sie kann sich noch gut daran erinnern, dass die Oma sie bei Vollmond mitten in der Nacht aufweckte, nackt auszog und draußen über dem vom Tau nassen Gras Zaubersprüche über ihr aussprach. „Du bist meine kleine Hexe, du wirst einmal so sein wie ich“, sagt die Großmutter dann. Dem kleinen Mädchen ist nicht bewusst, dass diese Handlungen ihrer Großmutter Einfluss auf ihr weiteres Leben haben werden. Ihr innigster Wunsch ist bloß, dass ihre Eltern sie endlich zu sich holen. Aber das passiert erst, als sie neun Jahre alt ist.

Jetzt darf Gordana endlich zu ihren Eltern, aber auch dort erwartet sie nicht das Gefühl von Angenommen-Sein, das sie sich so sehr wünscht. Sie versteht die fremde Sprache zunächst nicht und erlebt einen Kulturschock. Das führt dazu, dass Gordana lernt, aus der Realität auszusteigen. Stundenlang liegt sie auf ihrem Bett und flüchtet sich in eine Wohlfühlwelt voller Liebe und Annahme. Als Gordana nach der Schule eine Ausbildung zur Pädagogin macht, kommt sie über andere Azubis in Kontakt mit Kokain. Hier erlebt sie endlich das Gefühl von Liebe, nach dem sie so lange gesucht hat. Sie wird abhängig.

In der Abwärtsspirale

Erst nach und nach erlebt Gordana Möckli die Kehrseite ihrer Drogensucht. Sie bricht ihre Ausbildung ab und beginnt, in Bars zu arbeiten, um die Sucht zu finanzieren. Neben Kokain spritzt sie nun auch noch Heroin. Ihre Drogensucht wird so schlimm, dass sie bald Schwierigkeiten hat, an ihrem Körper noch eine passende Stelle für den nächsten Schuss zu finden. Manchmal sitzt sie stundenlang in der Badewanne, damit durch das warme Wasser eine Vene hervortritt, in die sie das tödliche Gift spritzen kann. Gordana merkt: „So geht es nicht weiter“ und macht einen ersten Entzug. Aber sie wird rückfällig. In ihrer Verzweiflung lässt sie sich von einer Bekannten überreden, als Domina zu arbeiten, um die Sucht weiter finanzieren zu können. Immer wieder versucht Gordana von den Drogen loszukommen, doch vergeblich. Bei den Behörden gilt sie nach sechs Entzügen als hoffnungsloser Fall. Ihr Körper ist vernarbt und mit unzähligen schwarzen Flecken übersät. Mittlerweile muss Gordana andere Fixer mit Drogen dafür bezahlen, dass sie ihr in den Rücken einen Schuss setzen. Mit lediglich 48 Kilo ist sie nur noch ein Skelett aus Haut und Knochen.

Doch sie hört nicht auf. Um die Drogen weiterhin bezahlen zu können, fängt Gordana an zu dealen. Dabei wird sie geschnappt. Sechs Jahre verbringt Gordana Möckli im Knast. Sie ist 35 Jahre alt und hat sich selbst mittlerweile aufgegeben. Da begegnet ihr der Streetworker Peter. Sie merkt, dass irgendetwas an ihm anders ist und wundert sich, dass er seine Zeit mit ihr und den anderen Drogenabhängigen verschwendet. Gleichzeitig merkt sie aber auch: „Er interessiert sich tatsächlich für mein Leben. Er will mir helfen – und zwar aus dem Herzen heraus.“

Eine letzte Chance

Eines Tages fragt Peter sie, ob er für sie beten dürfe. Gordana antwortet nonchalant: „Ja, klar. Ich habe eh nichts mehr zu verlieren, bete.“ Als Peter für sie betet, wird Gordana neu bewusst, dass ihr Leben so keinen Sinn hat. Gleichzeitig spürt sie auch, dass ihr durch Peters Gebet eine Kraft begegnet, die sie bisher nicht kannte. Ihre Sehnsucht nach einem Neuanfang ohne Drogen wird wieder stärker, dennoch sieht sie für sich keine Hoffnung mehr. Sie glaubt nach den vielen bisherigen Entzügen nicht mehr, dass sie es schaffen könnte, von den Drogen loszukommen. Doch Peter ermutigt sie, es noch einmal zu versuchen. Er macht ihr ein konkretes Angebot: „Komm in eine christliche Therapie.“ Gordana entgegnet mehr aus dem Bauch heraus: „Ja, wenn du mich jetzt mitnimmst, dann komme ich.“

Wenige Tage später kommt Peter mit einer guten Nachricht zu Gordana. Er konnte den sozialen Dienst davon überzeugen, zumindest einen Teil der Therapie noch einmal zu übernehmen, den Rest wird er mit Hilfe der christlichen Drogenarbeit übernehmen. „Wann geht es los?“ fragt Gordana ihn. Sie hat nicht damit gerechnet, dass aus Peters Angebot wirklich etwas wird. Peter antwortet: „Sofort!“ Entweder jetzt oder gar nicht ‒ Gordana spürt, dass es ihre letzte Chance ist. Rückblickend erzählt sie, dass sie innerlich gezittert habe, als sie eine Entscheidung für die Therapie traf.

Der erste Kontakt mit der Bibel

Doch der Entzug wird genauso hart wie alle Entzüge vorher. Die ersten drei Tage verbringt Gordana beinahe nur auf der Toilette. Sie muss sich ständig übergeben und hat weißen Durchfall. Ab dem vierten Tag hat sie solche Schmerzen, dass es sie schier verrückt macht; sie kratzt sich an der Tür die Hände blutig und widerruft ihre Vollmacht. Außerdem friert sie am ganzen Körper. Immer wieder lässt sie sich heiße Bäder ein, um sich zumindest etwas zu erwärmen. Der Arzt, der sie untersucht, sagt zu ihr: „Frau Möckli, Ihre Blutgruppe ist Kokain.“

Einige Tage später geht es Gordana etwas besser. Die Mitarbeiter haben ihr eine Bibel im Zimmer gelassen, aber Gordana kann sich zunächst nicht überwinden, diese in die Hand zu nehmen. Allein der Gedanke daran ist ihr peinlich. Doch eines Morgens um sechs Uhr schlägt sie aus Neugier die Bibel auf und stößt auf Psalm 23. Dieser Psalm spricht sie sofort an. Als eine Mitarbeiterin ins Zimmer kommt, schlägt sie die Bibel schnell wieder zu und fühlt sich ertappt.

Doch ihr Wissensdurst ist geweckt, sie möchte mehr erfahren. Als sich ihr Zustand stabilisiert, sucht sie gemeinsam mit der christlichen Drogennothilfe nach einem geeigneten Therapieplatz, der an ihren Entzug anschließen soll. Doch nur eine Klinik ist bereit, sie aufzunehmen. Es handelt sich dabei um einen Platz auf einer reinen Männerstation. Soll das wirklich der Platz sein, an dem sie ihre Therapie macht? Gordana ist sich unsicher. Doch dann hat sie einen Traum. Sie träumt von einem Schloss, in dem sie wohnt, und spürt, es geht ihr dort gut. Am nächsten Tag fährt eine Mitarbeiterin mit ihr zu der Suchtklinik, die infrage käme. Als sie in die Hofeinfahrt einbiegen, erblickt Gordana das Schloss aus ihrem Traum. Nun ist sie sich sicher: Das ist genau der richtige Platz für mich.

"Dich habe ich ausgesucht!"

In der Therapie erfährt Gordana mehr von Gott. Doch noch ist sie nicht bereit, eine Entscheidung für den Glauben zu treffen. Doch wieder hat sie einen Traum. Sie träumt, dass sie in eine Art Bar kommt, in der viele wunderschöne und schick gekleidete Frauen sind. Sie selbst trägt nur ein gewöhnliches Kleid und fühlt sich hässlich und wertlos. Als ein attraktiver Mann die Bar betritt, denkt Gordana: „Wenn dieser Mann doch nur Interesse an mir hätte! Aber gegen diese Frauen habe ich keine Chance.“ Doch der Mann geht an allen Frauen vorbei direkt auf sie zu. Er nimmt ihre Hand und setzt sie auf seinen Schoss. „Warum ich? Ich bin so wertlos, so dreckig. Ich bin Abschaum“, erwidert Gordana im Traum. Der Mann flüstert ihr ins Ohr: „Dich habe ich ausgesucht. Hoheslied 2,2.“

Als Gordana aufwacht, muss sie sofort in der Bibel nachschauen. „Eine Lilie unter Disteln – so erscheint mir meine Freundin unter allen anderen Mädchen“, liest sie und weiß in diesem Moment: „Es gibt Gott!“ Dieser Traum verändert alles. Gordana fragt bei den Mitarbeitern nach, was ihr Traum bedeuten könnte. Außerdem beginnt sie zu beten und in der Bibel zu lesen. Ihr neugefundener Glaube wird ihr immer wichtiger. Aber sie merkt auch, dass sie noch irgendetwas zurückhält. Sie hat düstere Träume und den Eindruck, dass Dämonen sie heimsuchen und sie wieder zur Sucht überreden wollen. Nach einem Gespräch mit ihrem Betreuer wird Gordana klar, dass es noch eine Willensentscheidung ihrerseits braucht, um ihren Glauben zu bekräftigen.

Kampf mit der Vergangenheit

So entschließt sich Gordana, in einem gemeinsamen Gebet mit einem Mitarbeiter ihren Glauben bewusst festzumachen. Doch sie hätte nicht damit gerechnet, dass sie dafür noch einen weiteren Kampf durchstehen muss. Während sie mit dem Betreuer betet und ihr Leben Jesus anvertrauen möchte, merkt sie plötzlich, wie eine unsichtbare Macht an ihren Haaren zieht. Sie krallt sich am Tisch fest, an dem sie sitzt. Mit einem Mal steht sie wieder den Dämonen ihrer Kindheit gegenüber.

Der Mitarbeiter, der mit ihr betet, merkt, dass hier etwas anders ist und gibt Gordana die Worte vor, die sie von ihrer geistlichen Vorbelastung freimachen können. Gordana spricht die Worte nach und sieht plötzlich statt der Dämonen Engel im Raum, die eine Party feiern. Gordana macht die Mitarbeiter, die mit ihr beten, darauf aufmerksam und fragt: „Seht ihr das nicht?“ Doch diese wissen zunächst nicht, was Gordana meint. Als Gordana dann beschreibt, was sie sieht, liest ihr ein Mitarbeiter das Gleichnis vom verlorenen Sohn vor und erklärt ihr, dass im Himmel jedes Mal ein Fest gefeiert wird, wenn jemand sich bekehrt. Daraufhin ruft Gordana glücklich aus: „Das ist wirklich so!“

Eine neue Berufung

Nun ist Gordana sich ganz sicher, dass sie ein Kind Gottes ist. Sie schließt die Therapie ab und geht sie zurück nach Basel. Ein Rückfall ist für sie kein Thema mehr. Gordana beschreibt ihre Gedanken damals folgendermaßen: „Ich hätte erst mit Gott brechen müssen, um wieder rückfällig zu werden und Drogen zu nehmen!“ Aber das ist für sie mittlerweile unvorstellbar geworden. Ohne Gott kann und will sie nicht mehr leben.

Gordana wird deutlich, sie möchte anderen Menschen helfen, denen es ähnlich ergeht wie ihr früher. Deshalb beschließt sie kurze Zeit später, für die christliche Drogenarbeit als Streetworkerin zu arbeiten – unter den Menschen, die sie noch von früher kennen. Schließlich beginnt sie eine christliche Psychologie-Ausbildung, um anderen Hilfesuchenden noch kompetenter zur Seite stehen zu können. Seit 2005 arbeitet Gordana Möckli nun als Sozialpädagogin in Oberwiel/ Basel und ist Co-Leiterin der integrativen Wohn- und Arbeitsgruppe Bernhardsberg. 


Mehr zu ihren Erfahrungen erzählt Gordana Möckli in der Sendung "MenschGott":

 

 


Kommentare

Von Silvia M. am .

Danke für den Beitrag und den Mut vor der Kamera zu sprechen über Dein Leben.
Ich hoffe dass Du Deine Liebe die Du von Gott geschenkt bekommen hast noch vielen Menschen weiter geben kannst.
Dafür viel Kraft und Segen!
Silvia M.


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