Reportage

Auf die Plätze, fertig, los!

Eindrücke vom christlichen Speed Dating in Frankfurt


Christine Keller fasst ihre EIndrücke vom Speed-Dating in einem Radio-Interview zusammen.

Das Licht ist gedimmt, auf den Tischen brennen weiße Stabkerzen. Kleine Blumentöpfe mit Primeln stehen daneben. Die Tische stehen im Raum verteilt – nicht komplett parallel, nicht ganz chaotisch. Der Raum sieht einladend aus. Ich sitze mit den zwei Veranstalterinnen im hinteren Teil des Café Mutz‘ in Frankfurt und warte darauf, dass es los geht. Gleich findet hier ein christliches Speed Dating statt.

Stefanie Haxel und Angelika Binder, die Organisatorinnen des Abends, haben gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen des Cafés ein nettes Ambiente geschaffen. Jeder Tisch wurde mit Bedacht an seinen Platz gestellt, dann dekoriert. Kurz bevor die Teilnehmer eintreffen, werden die Kerzen angezündet und der Prosecco-Empfang vorbereitet. 

Ich hatte mir Speed Dating anders ausgemalt: In einem kahlen, langen Raum befindet sich eine lange Tafel, Männer und Frauen sitzen sich gegenüber. Wenn nach fünf, sieben oder zehn Minuten der Gong ertönt, rutschen die Männer einen Stuhl weiter. Hauptsache pragmatisch. Schließlich geht es darum, in kürzester Zeit ganz viele Menschen kennenzulernen, um einen potenziellen Partner zu finden. Oder etwa nicht? Die Veranstalterinnen hatten scheinbar eine andere Vorstellung.

Den Partner für’s Leben finden?

Stefanie Haxel hätte selbst gerne an einem christlichen Speed Dating teilgenommen. Aus Interesse rief sie bei dem christlichen Veranstalter „Seven Dates“ an. Leider war das letzte Dating bereits über ein Jahr her –  und wann das nächste stattfinden soll, stand nicht fest. Also beschloss sie kurzerhand, selbst so ein Treffen zu organisieren.

Jetzt begrüßt die Journalistin aus Frankfurt die 18 Teilnehmer, die nach und nach ankommen. Es bilden sich kleine Gesprächsgruppen. Interessanterweise stehen die Frauen fast ausschließlich bei anderen Frauen, die Männer unter Männern. Als ob niemand den spannenden ersten Moment des Kennenlernens vorweg nehmen möchte. Einige unterhalten sich angeregt, lachen und gestikulieren. Andere sind ruhiger, betrachten den Raum genauer oder suchen sich schon mal einen Platz.

Die Altersspanne der Teilnehmer reicht von Anfang 30 bis Mitte 40. Es gab auch Interessenten unter 30 und über 50 – denen haben Stefanie Haxel und Angelika Binder nach Abschluss der Anmeldephase allerdings abgesagt. Absagen mussten die Veranstalterinnen auch einer Vielzahl von anderen Frauen – es gab nämlich insgesamt wenige männliche Bewerber. Mit welcher Erwartung diese 18 Teilnehmer sich angemeldet haben? Nahezu alle Frauen sagen, sie hätten gar keine Erwartungen. Ein Mann habe sich lediglich gewünscht, einen schönen Abend zu haben und interessante Menschen kennenzulernen. Dem Druck, an diesem Abend den Partner für‘s Leben zu finden, habe sich – nach eigener Aussage – niemand ausgesetzt.

Die (An-)Spannung steigt

Es ist 18 Uhr, das Kennenlernen sollte jetzt beginnen. Eine Teilnehmerin ist allerdings noch nicht da; sie steht auf der Autobahn im Stau. Direkt vor Frankfurt. Die Anspannung steigt langsam. Fast alle Frauen haben sich mittlerweile an ihren Tisch gesetzt, manche Männer gehen bereits zu ihrer ersten „Verabredung“. Wer möchte noch ein zweites Glas Prosecco?

Alle Frauen haben sich mit einem Nickname angemeldet. Wer seine Identität nicht verraten möchte, um nicht bei Facebook oder Google gefunden zu werden, gibt sich einfach einen Spitznamen für die Treffen. Mit diesem Namen stellen sich die Frauen ihren Dates vor. Heute Abend gibt es zum Beispiel eine Nala oder eine Stine. Die Männer sind hier mutiger: Bis auf eine Ausnahme geben die männlichen Teilnehmer ihren richtigen Namen preis.

Mittlerweile ist die letzte Dame eingetroffen und das offizielle Kennenlernen kann beginnen. Alle Teilnehmer haben einen Zettel, auf dem sie Notizen machen und anschließend ankreuzen können, ob sie jemanden näher kennenlernen möchten. Auf der Rückseite gibt es zusätzlich noch Fragen, die man seinem Gegenüber stellen kann – falls die eigenen ausgehen sollten. Soweit kommt es in den Gesprächen allerdings nicht.

Ja, nein, vielleicht?

Viele Stimmen reden nun durcheinander. Immer wieder ist Lachen zu hören. Von der anfänglichen Anspannung ist den Teilnehmern nichts mehr anzusehen. Wie einige Teilnehmer mir erzählen, fragen sie ihr Gegenüber  in der Regel nach ihrem Beruf, der Gemeindezugehörigkeit und  ihrer Glaubensrichtung – konservativ, charismatisch oder liberal.

In einigen wenigen Gesprächen geht’s auch um Eingemachtes des Glaubens: „Wie hast du Gott in deinem Alltag kennengelernt?“ „Was hast du auf der Bibelschule erlebt?“ Eine Teilnehmerin gerät ins Stottern, als sie nach ihrem Lebensziel gefragt wird. „Die Frage hat mich angeregt, mich selbst zu hinterfragen“, erzählt sie später.

Als die Glocke läutet und die Männer zu ihrem nächsten Date gehen sollen, reagiert zunächst niemand. Alle Gesprächspaare sind noch so vertieft, dass sie sich nicht direkt losreißen können. Dann geht es wieder von vorne los: Den (Nick-)Name verraten, die Hand reichen, das Gespräch beginnen. „Mit jedem Gespräch wird es lockerer“, beschreibt eine Teilnehmerin. „Man hat neun Mal die Möglichkeit, sich vorzustellen. Es gibt auf jeden Fall einen Trainingseffekt.“

Nach neun Runden ist das Dating vorbei. Ob es sich gelohnt hat? Die fünf Teilnehmer, die ich im Anschluss frage, bejahen alle. Sie hatten einen schönen Abend und haben interessante Menschen kennengelernt. Zwei verraten mir sogar, dass sie mehrere Kreuzchen gesetzt haben. Sie würden gleich mehrere wiedersehen wollen und sind gespannt, ob das Gegenüber ebenso empfindet.

Die Rolle des Aussehens

Das klingt schön und gut, trotzdem bin ich skeptisch. Hängt bei einem derart kurzen Kennenlernen nicht sehr viel vom Äußeren ab? Ist es nicht zu oberflächlich, um christlich zu sein? Stefanie Haxel ist anderer Meinung: Es komme weniger auf das Aussehen, sondern mehr auf den Gesamteindruck an. Wie eine Person sich gibt, sei wichtiger als ein hübsches Aussehen.

Wie wichtig den Teilnehmern ein ansprechendes Äußeres ist? „Das macht schon sehr viel aus, wenn man ehrlich ist“, gibt eine Frau zu. Ein Mann antwortet mir ziemlich direkt:  „Man muss den zukünftigen Partner auch auf eine Weise sympathisch finden, dass man sich zu ihm hingezogen fühlt. Ansonsten macht es keinen Sinn.“

Auf der anderen Seite werden bei einer Teilnehmerin vorgefertigte Urteile aufgrund des Aussehens abgebaut. Gerade mit zwei Männern, die optisch nicht ihrem Geschmack entsprachen, hatte sie anregende Gespräche. „In sieben Minuten sieht man doch mehr, als man sieht“, fasst sie zusammen. Wäre sie den beiden Herren auf einer Party begegnet, hätte sie wahrscheinlich keinen von ihnen angesprochen.

Fazit

Was ich an diesem Abend lernen konnte? Speed Dating ist anders, als ich es mir vorgestellt habe. Es gibt bescheidene Erwartungen und interessante Begegnungen. Man lernt andere ein wenig und sich selbst ein Stück besser kennen. Auch wenn aus diesem Abend keine Beziehungen hervorgehen sollten, haben die Teilnehmer neue Bekanntschaften geschlossen. Als ich mit meiner Arbeit fertig bin, verabschiede ich mich von den Veranstalterinnen und Teilnehmern. Die meisten von ihnen bleiben noch länger im Café Mutz. Sie sitzen an einem größeren Tisch und unterhalten sich angeregt – ohne Nicknames, ohne Notizen, ohne Zeitdruck.   


Kommentare

Von Brigitte am .

Warum sollten Christen sich nicht auf diese Weise kennenlernen. Teilweise sind die Gemeinden klein und der Beruf zeitraubend. Sollen sie besser in die Disko gehen? Es ist doch keine TV-Veranstaltung, bei der am Ende die Paare heiraten. Diesen unverantwortlichen Irrsinn gibt es ja leider auch. Die Zeiten ändern sich und warum nicht auch die Möglichkeiten, auf diese Weise den zukünftigen Ehepartner zu finden? Wer fragt später danach, wie sich die Partner kennengelernt haben? Gott ist auch phantasievoll.

Von Judith am .

Es ist traurig, dass auch beim Thema "Kennenlernen" schon der Zeitgeist eingezogen ist. Dabei haben wir in der Bibel so schöne und fantasievolle Beispiele dafür, wie Gott Menschen zusammenführen kann, Beispiel Ruth/Boas oder Isaak/Rebekka.
Diese Menschen haben sich im Glauben ganz auf Gott verlassen, statt eigene Wege zu gehen und ihren Sehnsüchten nachzuhechten. Ich finde es jedenfalls schade, dass Christen so etwas wie Speed Dating nötig haben.
Und es sollte sich jeder Betroffene die Frage mehr


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