Interview

Unter einer Decke?

Warum Sex mehr als eine körperliche Angelegenheit ist.


Neben dem Fußball bezeichnet man sie oft als „schönste Nebensache der Welt“ – die Sexualität. Doch der Umgang damit fällt nicht immer leicht. Vor allem für Christen stellen sich viele Fragen: Wie kann ich Sexualität verantwortlich leben? Was darf ich als Christ und was nicht? Und vor allem: Wieso hat Gott die Sexualität geschaffen, wenn sie uns Menschen neben Freude oft auch so viele Probleme bereitet? Zu diesen Fragen haben wir die Theologin Gabriele Berger-Faragó befragt. Sie erklärt, was die Bibel wirklich über Sexualität sagt.
 

ERF Medien: Sexualität führt nicht immer zu Lust, sondern oft auch zu Frust. Nicht selten stellt sich für Christen die Frage: Was hat sich Gott dabei gedacht? Was würden Sie darauf antworten?

Gabriele Berger-Faragó: Gott schafft den Menschen als Abbild seiner selbst. Und da Gott ein Beziehungswesen ist, schafft er auch den Menschen als Beziehungswesen. Die Mann-Frau-Beziehung spiegelt daher Gottes Wesen und seine Liebe wider. Nun stellt sich die Frage: Warum schafft Gott genau zwei Geschlechter? Die Frage ist komplex und lässt sich letztlich nur damit beantworten, dass die Zweigeschlechtlichkeit Gottes Wesen widerspiegelt. Gott vereinigt als Person weibliche und männliche Charakterzüge und wir als Gesamtmenschheit spiegeln Gottes Wesen wider.
 

ERF Medien: In der Bibel wird berichtet, dass Mann und Frau im Paradies nackt zusammenlebten. Dort steht: „Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und sie schämten sich nicht.“ (1.Mose 2, 25) Erst nach dem Sündenfall empfinden Adam und Eva Scham über die eigene Nacktheit. Bezieht sich dieser Text allein auf die körperliche Nacktheit?

Gabriele Berger-Faragó: Im ersten und ursprünglichen Sinn geht es um körperliche Nacktheit. Aber selbstverständlich lässt sich das übertragen. Im vierten Kapitel, in dem zum ersten Mal von Geschlechtsverkehr gesprochen wird, wird dieser als „Erkennen“ bezeichnet. „Adam erkannte seine Frau Eva und sie wurde schwanger.“ (1. Mose 4,1). Ich finde dieses Wort wunderschön ‒ es zeigt, dass Sexualität keine rein körperliche Angelegenheit ist. Es geht um das tiefe Erkennen des Anderen ‒ mit Leib, Seele und Geist. Sex ist emotional eingebettet in eine Beziehung. Ich kann mich hier nackt und ohne Scham zeigen.

Es geht um das tiefe Erkennen des Anderen ‒ mit Leib, Seele und Geist. Sex ist emotional eingebettet in eine Beziehung. Ich kann mich hier nackt und ohne Scham zeigen. – Theologin Gabriele Berger-Faragó

 

ERF Medien: Ist dann die Ehe der Ort, wo wir als Menschen unsere Scham ablegen dürfen?

Gabriele Berger-Faragó: Genau, aber es handelt sich um einen Prozess. Es ist heute üblich, dass man relativ schnell Geschlechtsverkehrt miteinander hat. Ist es sinnvoll, Schamgrenzen ‒ die man natürlicherweise hat ‒ zu übergehen? Ist es nicht besser, sich erst auf der seelischen Ebene kennenzulernen, um dann das Erkennen auch in körperlicher Hinsicht zu erleben?

 

Erotische Fantasien sind für Christen nicht verboten

ERF Medien: Mit dem „Hohelied“ haben erotische Texte sogar in die Bibel Einzug gehalten. Dürfen auch Christen erotische Fantasien hegen und ausleben?

Gabriele Berger-Faragó: Das kommt darauf an, wie, wo und zu welchem Zweck ich das mache. Fliehe ich mit meinen Fantasien aus einer Beziehung? Oder fliehe ich mangels Beziehung in Fantasien? Da gibt es bessere Lösungen. Hier gilt es, sich den eigenen Sehnsüchten zu stellen. Generell zeigt uns das „Hohelied der Liebe“, dass erotische Fantasien nichts Verwerfliches sind. Das Hohelied ist eine Sammlung von Liebes- und Hochzeitsliedern, die damals vermutlich zu Hochzeiten gesungen wurden. Es handelt von Sehnsucht und Erfüllung. Die Hochzeit ist genau der Wendepunkt von der Sehnsucht zur Erfüllung. Zu einem solchen Anlass passen diese Lieder.
 

ERF Medien: Salomo, dem das Hohelied zugeschrieben wird, hatte viele Frauen; das Hohelied stellt aber eine exklusive Zweierbeziehung in den Mittelpunkt. Wie erklären Sie sich das?

Gabriele Berger-Faragó: Salomo hatte tatsächlich einen großen Harem, was damals ein Zeichen von Macht war. Aber auch Menschen mit vielen Sexualpartnern haben in sich oft Sehnsucht nach einer exklusiven Beziehung Diese Sehnsucht hatte Salomo auch und bringt sie im Hohelied der Liebe zum Ausdruck. Ob sich diese Sehnsucht für ihn erfüllt hat, weiß ich nicht.

 

Nicht alles dient zum Guten

ERF Medien: Während im Alten Testament das „Hohelied“ die erotische Liebe preist, lehrt das Neue Testament scheinbar den Verzicht auf Sexualität. Gerade Paulus gilt als große Spaßbremse. Wie kam er zu diesem Ruf?

Gabriele Berger-Faragó: Das hat mehrere Gründe. Es wird nicht erwähnt, ob Paulus eine Ehefrau hatte. Da liegt es nahe, sich ihn als frauen-, körper- und sexualfeindlichen Junggesellen vorzustellen. Ob das wirklich stimmt, können wir nicht wissen. Es gibt aber auch einzelne Verse von Paulus, die aus dem Zusammenhang gerissen wirklich frauen- oder sexualfeindlich verstanden werden können. In der Kirchengeschichte hat man diese Stellen aus dem Zusammenhang gerissen und als Argument benutzt, um sexual-, körper- und frauenfeindliche Thesen zu untermauern. Fakt ist aber: Paulus arbeitete in der Gemeinde mit Frauen zusammen ‒ was für seine Zeit eher unnormal und fortschrittlich war. Man muss die Verse von Paulus also im Kontext lesen und verstehen. Dann kommt man nicht mehr zu dem Schluss, dass Paulus sexualfeindlich war.
 

ERF Medien: Könnten Sie ein Beispiel für so ein missverstandenes Bibelwort geben?

Gabriele Berger-Faragó: Es heißt zum Beispiel in einem Brief von Paulus: „Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren.“ (1. Korinther 7,1). Das klingt erstmal nach: „Habt bloß keinen Sex.“ Aber es geht hier darum, dass Paulus die Wiederkunft Jesu noch zu seinen Lebzeiten ‒ oder zumindest sehr bald ‒ erwartete. In diesem Kontext rät er: „Konzentriert euch auf das Reich Gottes! Es sollen möglichst viele Menschen von Jesus erfahren, bevor er wiederkommt.“ In diesem Rahmen haben wohl Christen gefragt: „Sollen wir dann besser nicht heiraten und uns auf die Mission konzentrieren?“ Darauf antwortet Paulus: „Ja, versucht die Zeit auszukosten. Wenn es nicht sein muss, heiratet lieber nicht. Stattdessen bleibt Single und nutzt eure Zeit.“ Aber er hat auch dazu gesagt: „Das sage ich nicht als Gebot, das ist nur eine Empfehlung. Wenn ihr euch sehr nach einer Frau sehnt oder euch schon eine ausgeguckt habt, heiratet.“
 

ERF Medien: Paulus gibt in seinen Briefen klare Hinweise, welche Sexualpraktiken für Christen nicht in Ordnung sind, unter anderem Prostitution, gleichzeitig schreibt er „Alles ist mir erlaubt“. Wie kann man diese scheinbar gegensätzlichen Aussagen verstehen?

Gabriele Berger-Faragó: Auch hier geht es wieder um den Kontext. Vor dieser Aussage geht es darum, dass Gott uns so sehr liebt, dass er durch Jesus uns ein neues Leben geschenkt hat. Und dann kommt dieser Satz: „Alles ist mir erlaubt.“ Der Hintergrund für diese Aussage ist also Gottes Liebe und das Leben in dieser Liebe. Auch sollten wir die Fortsetzung des Satzes nicht unter den Tisch fallen lassen: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient mir zum Guten.“ Da wird deutlich, dass es nicht um grenzenlose Freiheit geht. Wir sollten also fragen: „Wie kann ich Gottes Liebe empfangen, weitergeben und gut in Beziehungen leben?“ Das ist ein gesunder und guter Rahmen für Christen, der weder einengt noch zu Verklemmtheit führt.

Wir sollten also fragen: „Wie kann ich Gottes Liebe empfangen, weitergeben und gut in Beziehungen leben?“ Das ist ein gesunder und guter Rahmen für Christen, der weder einengt noch zu Verklemmtheit führt. – Theologin Gabriele Berger-Faragó

 

Erotik fängt schon außerhalb des Schlafzimmers an

ERF Medien: Dennoch wünschen sich manche Christen mehr Orientierung. Wie kann man mit Fragen umgehen, zu denen die Bibel keine Antwort gibt?

Gabriele Berger-Faragó: Wir wünschen uns oft, dass klar in der Bibel steht: „Tu das“ oder „Lass das“. Vieles steht aber gar nicht drin. Das zeigt uns die Verantwortung und die Freiheit, die Gott uns gibt. Alles ist mir erlaubt innerhalb der Grenzen der Liebe Gottes und in Verantwortung vor mir und meinen Mitmenschen. Ich wurde schon gefragt, ob man als Christ flirten darf. Manche lachen vielleicht darüber, aber das ist meiner Ansicht nach eine gute Beispielsfrage. Hier muss jeder Christ sich fragen: „Was tut mir gut? Wo liegt eine gesunde Grenze? Wie viel Flirten dient mir zum Guten?“ Natürlich müssen wir irgendwie jemanden kennenlernen und dazu gehört Flirten. Aber dort, wo es mich gefangen nimmt, wo ich mich verletzen lasse oder andere verletze, tut es nicht mehr gut.

ERF Medien: Viele Christen versuchen mit dem Sex bewusst bis zur Ehe zu warten. Warum ist das Warten sinnvoll, auch wenn die Hormone verrücktspielen?

Gabriele Berger-Faragó: Es gibt keinen Vers in der Bibel, der sagt: „Ihr müsst mit dem Sex bis zur Ehe warten.“ Trotzdem ist es biblisch und sinnvoll. Wenn wir die Bibel als Gesamtwort Gottes verstehen, wird deutlich, dass Sexualität ein Geschenk Gottes ist. Körper und Seele sollen dabei Hand in Hand gehen. Wenn ich sexuell aktiv werde, sage ich damit dem Körper des anderen: „Ich liebe dich für immer.“ Dieses Versprechen geben sich Paare bei einer Hochzeit. Diesen Schutzraum einer sicheren Beziehung braucht Sexualität, um sich entfalten zu können. Wenn ich mir das bewusst mache, ist klar, dass man warten sollte. Wenn das Erkennen, von dem ich vorher sprach, seelisch wächst, ist es toll, wenn es auch körperlich wächst. Manche Paare versuchen, sich sexuell bis zur Hochzeit gar nicht zu aktivieren. Andere sagen: Wir lassen das langsam wachsen, auch schon vor der Hochzeit ‒ aber eben Hand in Hand mit dem Seelischen. Das finde ich auch eine schöne Lösung. Wie weit man letztlich wirklich vor der Ehe geht, muss jedes Paar für sich entscheiden.

Wenn ich sexuell aktiv werde, sage ich damit dem Körper des anderen: „Ich liebe dich für immer.“ Dieses Versprechen geben sich Paare bei einer Hochzeit. Diesen Schutzraum einer sicheren Beziehung braucht Sexualität, um sich entfalten zu können. – Theologin Gabriele Berger-Faragó

 

ERF Medien: Zum Ende des Lebens erleben Paare oft, dass zwar wieder mehr Zeit da ist, aber es mit dem Sex nicht mehr so richtig klappt. Was raten Sie Paaren in dieser Lage?

Gabriele Berger-Faragó: Es ist wichtig nach dem Grund zu fragen. Liegt eine körperliche oder seelische Ursache vor? Braucht man eine Ehetherapie, weil das Problem eigentlich gar nicht sexueller Art ist? Dann sollte man diese Ursache angehen. Vielleicht haben andere Dinge so lange einen großen Teil des Alltags eingenommen, dass man sich als Paar aus den Augen verloren hat. Dann kann man durch Ehe-Seminare oder Eheratgeber versuchen, die Ehe neu zu beleben. Man kann sich auch als Paar ein neues Hobby suchen, ein altes Hobby wieder aufgreifen oder gemeinsam auf Reisen gehen und sich so wieder neu entdecken und neu verlieben.

Wenn man aber krank oder schon älter ist, geht es vielleicht tatsächlich nicht mehr. Da wäre dann die Frage: Lässt sich das Problem medizinisch beheben? Manchmal ist es so, dass man es als Paar aushalten muss, dass man gerne würde, aber nicht mehr kann. Das ist ein ganz sensibles Thema. Wichtig ist, im Gespräch zu bleiben und nicht in eine andere Partnerschaft auszuweichen oder frustriert das Handtuch zu werfen. Man kann immer noch gemeinsam überlegen: „Welche Möglichkeiten haben wir noch, Erotik zu leben?“ Erotik ist nicht nur der eigentliche Geschlechtsakt, Erotik fängt schon außerhalb des Schlafzimmers an. Das jüdisch-ganzheitliche Denken der Bibel befreit vielleicht ein Stück und kann Druck rausnehmen.

ERF Medien: Vielen Dank für das Interview.


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Kommentare

Von esther am .

Liebe Julia,
ich habe meinen Partner seit 1984 - von diesen demnächst 31 Jahren lebten wir 12 Jahre ohne Trauschein zusammen, seit 1996 sind wir verheiratet. Somit gehöre ich auch der absoluten Minderheit an. Ich wollte nur betonen, dass ein Trauschein weder ein Garant für die Dauerhaftigkeit noch für die Ernsthaftigkeit einer Beziehung ist.

Von Julia am .

Liebe Esther, da Sie mich persönlich ansprechen, bitte ich Sie zur Kenntnis zu nehmen, dass es heute kaum mehr Paare gibt, denen eine lebenslange Partnerschaft gelingt. Wenn Sie sich mal umschauen, es gibt ja prominente Beispiele, finden Sie kaum jemanden, der es schafft, eine Ehe über einen Zeitraum von 10 Jahren aufrechtzuerhalten. Wenn heute jemand noch mit einem Partner zusammen ist, den er 1997 hatte, gehört er zur Minderheit und glauben Sie mir eines: jeder gibt mir recht!

Von esther am .

Ich kenne kaum jemanden, der 'andauernd seine Partner wechselt'. Und ich kenne auch genügend unverheiratet zusammenlebende Paare - manche sogar länger als Ehepaare -, die verantwortlich mit sich und ihrer Sexualität umgehen. Verantwortung zeigt sich nicht nur am Trauschein.

Von Julia am .

Ich danke dem ERF und den Mitdiskutanten für die Beiträge. In der heutigen Zeit wird man in den Medien von Pornographie überflutet, wenn man nicht andauernd seine Partner wechselt, gehört man zur Minderheit, deshalb freue ich mich über diese Diskussion. Ich finde es wichtig, dass Hanna W auf die Unzucht hinweist, die ja in der Bibel angeprangert wird und ich denke, wenn die Menschen sich an der Bibel orientieren, gäbe es weniger Schwangerschaftsabbrüche und HIV-Infektionen. Meiner Meinung nach appelliert Gott an die Menschen, verantwortlich mit der Sexualität umzugehen!

Von Gabriele Berger-Farago am .

Wow, ich bin begeistert, dass hier mitdiskutiert wird, danke an alle Interessierten!
Das gedruckte Interview ist allerdings nur eine verkürzte Ausgabe der Radiosendung, man sollte sie ganz hören, um sich ein Urteil zu bilden.
Zum Sex vor der Ehe in der Bibel: Das GESAMT-Zeugnis der Bibel stellt die Sexualität eindeutig in den guten Rahmen der Ehe. Einen einzelnen eindeutigen Vers zum vorehel. Sex gibt es nicht. Bei Mt 19 par geht's um Ehebruch+Zölibat, nicht um vorehel. Sex. Porneia, wie Pls mehr

Von pflugi am .

Genau dasselbe ist mir beim Lesen des Interviews auch aufgefallen, was Frau Hanna W angesprochen hat. Danke für diese Klarstellung!

Von Theophil I. am .

Welchen Bibelstellen sprechen denn für vorehelichen/außerehelichen Geschlechtsverkehr? Gibt es gar eine Empfehlung? Mir ist nichts davon bekannt.
Nehmen wir mal Matthäus 19,3-12. Da redet Jesus über Ehe, Ehescheidung und Ehelosigkeit. Er spricht davon, wie Gott sich das von Anfang an gedacht hat und zitiert dazu aus 1. Mose 2. Man hat einen Ehepartner und nicht mehrere. Ehescheidung sollte eigentlich nicht vorkommen. Ansonsten bleibt nur die Ehelosigkeit, aber das kommt nur für die in mehr

Von Hanna W am .

Frau Berger-Faragó sagt im Interview, dass es keine Bibelstelle gibt, die explizit aussagt, dass der Rahmen für gelebte Sexualität die Ehe ist. Das ist meines Erachtens nicht richtig.
Die Bibel warnt an vielen Stellen vor "Unzucht" und fordert Christen dazu auf, sich von ihr fernzuhalten.
Wir verwenden den Begriff heute nicht mehr oft, aber auch im deutschen Sprachgebrauch verstand man unter Unzucht bis in die 1960er Jahre u.a. vorehelichen Geschlechtsverkehr. Auch die griechischen und mehr


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