Interview

Im Herzen lebt ihr weiter

Was tun, wenn aus freudiger Erwartung Trauer wird? Tipps für Sterneneltern.

Das Kinderzimmer ist schon eingerichtet, vielleicht hat man sich sogar schon auf einen Namen geeinigt, doch dann kommt es zur Fehl- oder Totgeburt. Für Eltern ist dies ein großer Schock, für Ärzte traurige Routine. Denn etwa 15 Prozent aller Schwangerschaften enden mit einer Fehlgeburt. Betroffene Eltern tragen meist schwer daran, wenn aus froher Erwartung Trauer wird. Barbara Martin und ihr Mann Mario haben drei Kinder frühzeitig verloren. Im Interview gibt Barbara Martin Tipps, wie man als Eltern mit dem erlittenen Verlust umgehen kann.

ERF Online: Viele Eltern, vor allem aber Mütter von frühverstorbenen Kindern plagen sich mit Schuldgefühlen. Sie fragen sich, ob sie sich während der Schwangerschaft falsch verhalten haben. Was hilft um mit diesen Schuldgefühlen umzugehen?

Barbara Martin und ihr Mann Mario haben drei Kinder frühzeitig verloren. (Bild: Sophie Kröher /Adeo Verlag)

Barbara Martin: Das ist eine schwierige Frage, weil jede Mutter sich die Frage nach der Schuld stellt. Man überlegt: Habe ich zu schwer gehoben oder zu viel gearbeitet? Hätte ich besser auf mich achtgeben sollen? Die Schuldfrage erreicht jede Frau und auch die meisten Männer. Wichtig ist, dass man mit dem Partner und mit anderen darüber spricht, welche Schuldgedanken man hat, und dass man versucht diese selbst zu entkräften. Am Anfang ist es meist sehr schwierig, die Mutter zu überzeugen, dass sie alles richtig gemacht hat.

Daher kann es hilfreich sein, wenn mögliche Gründe ärztlich abklären werden, und der Frauenarzt dem Paar klar zuspricht: „Sie haben nichts falsch gemacht. Es war alles in Ordnung.“ Wichtig ist auch, dass die Schuldfrage von Angehörigen ernstgenommen wird. Angehörige sollten immer wieder bereit sein, darüber zu sprechen, und Argumente anführen, warum es nicht die Schuld von Mutter oder Vater war.

Ein Trauma, das verarbeitet werden muss

ERF Online: Sie haben schon Angehörige und Freunde angesprochen. Wenn Freunde von mir ihr Kind verloren haben, wie kann ich ihnen eine Hilfe sein? Und was sollte ich im Umgang mit ihnen auf jeden Fall vermeiden?

Barbara Martin: Eine Hilfe ist ganz einfach da zu sein und wahrzunehmen, dass es sich um Eltern handelt, die gerade ein Kind verloren haben, auch wenn es noch klein war. Wenn man mit Paaren in dieser Situation spricht, sollte man ganz oft den Namen des Kindes nennen und viel zuhören. Selbst wenn es immer wieder dasselbe ist, sollte man es sich immer wieder erzählen lassen und dem Paar Hilfe anbieten. Viele Paare möchten zwar Hilfe nicht annehmen, aber man kann einfach mal eine E-Mail oder ein Kärtchen schreiben mit den Worten: "Wenn du Hilfe brauchst ‒ egal wann ‒ wir sind da!" So wissen Sterneneltern: Wenn ich wirklich jemand brauche, ist jemand da. Auch merke ich, dass ich in meiner Trauer und meinem Verlust ernstgenommen werde.

Was man vermeiden sollte, sind Sprüche wie "Es war noch kein Kind", "Stell dich nicht so an!" oder "Ihr seid noch jung, ihr könnt noch andere Kinder bekommen!" Solche Floskeln sind zwar mit Sicherheit nicht böse gemeint, tun Betroffenen aber sehr weh. Deshalb sollte man sie tunlichst unterlassen. Am wichtigsten ist aber, dass mein Gegenüber merkt: „Ich nehme deine Trauer ernst und fühle mit dir. Es ist ein schwerer Verlust, den du gerade erträgst.“

Sterneneltern / Sternenkinder:

Viele Eltern tun sich schwer damit, von einem mit Liebe erwarteten Kind als Fehlgeburt zu sprechen. Daher hat sich für Fehlgeburten der Begriff „Sternenkind“ eingebürgert. Im ursprünglichen Sinne werden nur Kinder als Sternenkind bezeichnet, die weniger als 500 g wiegen und vor, nach oder während der Geburt versterben. Mittlerweile hat sich der Begriff auch für spätere Totgeburten durchgesetzt. Der Begriff „Sternenkind“ spricht die Hoffnung aus, dass die Kinder wie Sterne zurück in den Himmel gegangen sind. Alternative Bezeichnungen für Sternenkind sind Schmetterlingskind oder Engelskind. Diese sind aber weniger geläufig.

ERF Online: Manchmal kommen Eltern mit dem Verlust alleine nicht klar. Wann sollte man einen Therapeuten aufsuchen oder als Freund einem Betroffenen raten, dies zu tun?

Barbara Martin: Wir finden, dass man sich generell Hilfe von außen suchen sollte, weil es einfach ein Trauma ist. Man erlebt einen schweren Verlust und das in einer Situation, die man sich schön ausgemalt hat. Man hat Zukunftspläne gemacht und auf einmal ist alles zunichte gemacht und man steht ganz allein da. Außerdem wird man oft nicht ernst- oder wahrgenommen in der Trauer, die man fühlt. Daher raten wir: Man sollte auf jeden Fall Gespräche suchen. Wenn man aber merkt, dass ein Elternteil sich durch die Trauer selbst vernachlässigt, nichts mehr isst oder nur noch in die Ecke starrt und sich zurückzieht, ist auf jeden Fall Hilfe vonnöten. In diesem Fall würde ich darauf drängen, dass man sich Hilfe sucht.

Als Familie trauern

ERF Online: Es gibt auch Paare, die bereits Kinder haben, wenn sie eine Fehlgeburt erleben. Wie kann man den Geschwistern begreiflich machen, dass jetzt doch kein Baby kommt?

Barbara Martin: Es ist natürlich sehr schwierig, aber wir halten es für sehr wichtig, dass die Kinder das bewusst miterleben. Denn sie haben ja auch den Anfang der Schwangerschaft miterlebt. Viele Paare machen aus unserer Sicht den Fehler, dass sie es verschwiegen, obwohl die Kinder es ja mitbekommen. Ich halte es für wichtig, den Kindern zu erklären, dass das Geschwisterchen leider nicht dableiben konnte und zu den Sternen gegangen ist. Wir raten dazu, den Kindern ein Ultraschallbild zu zeigen, damit ihnen das auch bewusst wird. Wenn es eine Beerdigung gibt, können Kinder auch ein Bild malen oder die Eltern können zwei Kuscheltiere kaufen: Das eine behält das Geschwisterkind, das andere kommt ins Grab.

Wichtig ist Kindern zu signalisieren: Es geht dem Geschwisterchen da oben gut, aber Mama und Papa sind jetzt traurig. Wir haben dich trotzdem ganz doll lieb und passen weiter auf dich auf. Es ist natürlich schwierig für Eltern, die gerade ein Kind verloren haben, präsent für das Geschwisterkind zu sein, aber das ist ganz wichtig für das Kind.

ERF Online: Oft trauern Männer und Frauen sehr unterschiedlich. Trauer schweißt dann nicht zusammen, sondern kann sich negativ auf die Beziehung auswirken. Wie kann man als Paar damit umgehen und verhindern, dass die Trauer zur Trennung führt?

Barbara Martin: Es ist wichtig, dass man weiß, dass Mann und Frau unterschiedlich trauern. Außerdem ist wichtig, dass man auch die Trauer der Väter ernst nimmt. Als Paar sollte man sehr viel miteinander reden und akzeptieren, dass der Mann vielleicht eher für sich sein und die Frau ständig darüber reden möchte. Außerdem erlebt jeder andere Trauerphasen. Es gibt immer gute und schlechte Tage. Wichtig ist hier, dass man gegenseitig füreinander da ist und sich vielleicht ein gemeinsames Ritual überlegt. Man kann zusammen auf den Friedhof gehen, einen Spaziergang machen oder zusammen in die Therme fahren und dort Zeit miteinander verbringen. Man sollte sich nicht alleine lassen, sich nicht ausschweigen und nicht glauben, dass der Eine stärker sein muss als der Andere.

Nach dem „Warum“ fragen ist erlaubt

World Wide Candle Lighting:

Die Initiative World Wide Candle Lighting (Weltweites Kerzenleuchten) wurde 1996 von verwaisten Eltern und Angehörigen gegründet. Es ist ein jährlicher Weltgedenktag, der immer am zweiten Sonntag im Dezember stattfindet. An diesem Tag gedenken Angehörige ihrer verstorbenen Kinder, Enkel und Geschwister. Als Zeichen zünden sie um 19 Uhr für eine Stunde eine Kerze an und stellen sie ins Fenster. So entsteht eine Lichterwelle um die ganze Welt, die durch die Zeitverschiebung 24 Stunden nicht erlischt. Die angezündeten Kerzen stehen für das Wissen, dass die verstorbenen Kinder das Leben erhellt haben und nicht vergessen sind.

ERF Online: Christen, die das erwartete Kind verlieren, spüren oft eine tiefe Wut auf Gott. Er hat das Kind geschenkt und dann wieder aus dem Leben gerufen. Was macht man als Betroffene mit dieser Wut?

Barbara Martin: Definitiv wütend sein. Man darf wütend sein, man darf richtig schimpfen, das haben wir auch gemacht. Das haben wir auch von einem Pfarrer gesagt bekommen: „Ihr dürft wütend sein, weil es einfach etwas ist, was man nicht versteht.“ Man darf auch mit Gott hadern, aber ich denke, man sollte nicht mit ihm brechen. Man muss nicht immer mit allem einverstanden sein, was Gott tut. Man darf die Frage nach dem "Warum" stellen, aber trotzdem sollte man versuchen, die Zuversicht und den Trost, den Gott bietet, nicht zu verlieren. Denn Gott gibt ja auch sehr viel Trost. Uns hat es immer sehr geholfen, in die Kirche zu gehen, eine Kerze für unsere Kinder anzuzünden und mit Gott zu hadern. Und irgendwann war bei uns der Punkt gekommen, an dem wir gesagt haben: Gott hat uns die Kinder genommen, aber Schutzengel geschenkt. Der Glaube ist bei uns Gott sei Dank wieder gekommen.

ERF Online: Und wie sind Sie mit der Warum-Frage umgegangen?

Barbara Martin: Am Anfang war es sehr schwierig. Diese Frage ist ständig gekommen und kommt auch immer wieder. Wir haben unser "Warum" nachher in unserer Trauerarbeit beantwortet gesehen. Wir haben für uns die Frage irgendwann so beantwortet: Wenn unsere Kinder nicht gestorben wären, wären wir diesen Weg nicht gegangen. Diesen Weg sind wir nur gegangen, weil wir so viel Wut und Unverständnis hatten, dass wir einfach etwas ändern mussten. Daraus folgte unsere Trauerarbeit, der Weg zur Petition und die Betreuung der Sterneneltern. Irgendwann war es soweit, dass unser "Warum" beantwortet war. Wir sagen uns heute: Der Tod unserer Kinder war nicht umsonst. Wir konnten ganz vielen Sterneneltern damit helfen und haben dadurch unser "Warum" und "Wozu" beantworten können.

ERF Online: Vielen Dank für das Interview.


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