Pastorenberuf - Herausforderung und Chance

Alles für den Herrn?

Konflikte und Erwartungsdruck bestimmen den Alltag vieler Pastoren. Wie man Überlastung und Burnout vermeidet.

Zu ihm kann man mit allen Problemen kommen – dem Pastor. Doch auch Pastoren brauchen Unterstützung in ihrem Dienst, in dem sie oft ein hohes Arbeitspensum ableisten. Das kennt auch Matthias Knöppel. Er war früher selbst Pastor. Heute berät er als Bundessekretär des Bundes freier evangelischer Gemeinden Pastoren in ihrem Dienst. Wir haben ihn gefragt, welche Tipps er Pastoren für ihre Arbeit geben kann.

ERF Online: Eine Umfrage in den USA hat ergeben, dass 90 Prozent der Pastoren 55 bis 75 Stunden pro Woche arbeiten. Glauben Sie, dass deutsche Pastoren und Pfarrer genauso viel arbeiten?

Matthias Knöppel: Ich kann mir gut vorstellen, dass das der Fall ist, da die Arbeitszeiten im pastoralen Dienst nicht so eng gefasst werden können.

Matthias Knöppel berät als Bundessekretär
für die Region West des Bundes freier ev.
Gemeinden Pastoren und Gemeinden.
(Bild: ERF Medien / Stuke)

ERF Online: Welche Tipps können Sie Pastoren geben, die eine so hohe Arbeitsbelastung haben?

Matthias Knöppel: Suchen Sie sich jemand, der unabhängig ist, und besprechen Sie mit ihm Ihre Situation. Wenn ich mir mit jemanden zusammen meine Arbeitszeit und meine Arbeitsgestaltung anschaue, kann das eine Hilfe sein. Dann stellt sich die Frage: Muss ich alles tun, was ich derzeit tue? Wird das wirklich von mir erwartet? Oder bin ich so veranlagt, dass ich mich für alles verantwortlich fühle?

Gemeindeleiter tragen Verantwortung und Fürsorge füreinander

ERF Online: Welche konkreten Schritte kann ein betroffener Pastor angehen?

Matthias Knöppel: Dieses Thema sollte man sich mit der Gemeindeleitung zusammen anschauen. Ich weiß von Gemeindeleitungen, die ihrem Pastor gesagt haben: „Bitte tritt etwas kürzer. Mach Urlaub!“ Eigentlich muss man diese Dinge als Pastor selbst angehen. Man darf die Verantwortung für sich und seine Lebensgestaltung nicht an eine andere Stelle abgeben ‒ auch nicht an eine Gemeindeleitung. Dazu gehört ein verantwortlicher Umgang mit mir selbst. Es bedeutet, dass ich Ausschau nach Menschen halte, die mich als Pastor begleiten, oder dass ich – wenn nötig ‒ fachkundige Hilfe in Anspruch nehme.

ERF Online: In Ihrem Beispiel hat die Gemeinde den Pastor darauf hingewiesen, dass er weniger machen soll. Manche Gemeinden wünschen sich aber, dass der Pastor noch mehr macht. Wie kann ein Pastor damit umgehen und der Gemeinde signalisieren: „Das ist zu viel“?

Matthias Knöppel: Beide Fälle sind denkbar. Es ist nicht so, dass Gemeindeleitungen immer nur sagen: „Mach mehr!“ Für mich ist wesentlich, dass direkt von Dienstbeginn an zwei Dinge klar sind: Erstens: Wenn ich als Pastor in den Gemeindedienst gehe, nehme ich leitende Verantwortung wahr. Für Leiter ist es wichtig, dass sie sich in ihrem Dienst begleiten und reflektieren lassen. Die Verantwortung dafür liegt bei den Pastoren selbst. Sie kann nicht von außen bestimmt werden und sollte nicht erst in Anspruch genommen werden, wenn eine Krise am Horizont auftaucht.

Zweitens sollte in einer Gemeindeleitung immer die Frage mitbedacht werden: „Was wollen wir füreinander tun, damit wir unsere Berufung leben können?“ Nicht nur Pastoren sind Burnout-gefährdet, sondern auch ehrenamtliche Mitarbeiter. Allen Leitern sollte bewusst sein, dass sie Fürsorge und Verantwortung füreinander haben.

Um Hilfe bitten, bevor Konflikte eskalieren

ERF Online: Sie sprachen davon, dass Pastoren sich Hilfe bei einem Mentor oder Seelsorger holen. Wie viele Pastoren in Ihrem Bund machen das tatsächlich?

Matthias Knöppel: Ich kann keine Zahlen nennen. Aber seit vielen Jahren weisen wir in unserem Bund bewusst darauf hin, wie wichtig Supervisionsgruppen oder Intervisionsgruppen sind. Wir ermutigen ganz bewusst dazu, dass Pastoren sich in diese Richtung ausbilden lassen. Manche haben eine Zusatzqualifikation dafür erworben. Wir haben außerdem für jeden der 23 Kreise einen Vertrauenspastor, an den sich ein Pastor bei Schwierigkeiten wenden kann. Auch wir Bundessekretäre und andere Mitarbeiter des Bundes sind ansprechbar. Das sind unsere Angebote, aber es ist die Verantwortung des einzelnen Pastors, ob er solche Angebote wahrnimmt und was er daraus macht.

ERF Online: Immer wieder kommt es zu Konflikten in Gemeinden. Mit den Vertrauenspastoren können die Pastoren darüber reden. Wie läuft dieser Prozess ab?

Matthias Knöppel: Konflikt ist nicht gleich Konflikt. Man muss als Pastor nicht bei jedem Konflikt Hilfe von außen suchen. Aber wir sagen: „Lieber rechtzeitig nach Hilfe fragen, bevor der Konflikt eskaliert.“ Dafür kann man an einen der Bundessekretäre oder einen Kreisvertrauenspastor wenden. Darüber hinaus gibt es gewachsene Beziehungen in unserem Bund, über die Pastoren Ansprechpartner finden. Es wird also nicht eine bestimmte Struktur vorgeben, sondern wesentlich ist, dass man einen Gesprächspartner findet, mit dem man weitere Schritte andenken kann.

ERF Online: Welche weiteren Schritte könnten das sein?

Matthias Knöppel: Konflikte sind sehr unterschiedlich. Man muss unterscheiden: Ist es ein Konflikt in der Gemeinde, an dem ich arbeiten muss? Oder bin ich Teil des Konfliktes? Einen Konflikt innerhalb der Gemeinde kann man gut auf der Ebene der Gemeindeleitung lösen. Aber sobald ich selbst Teil des Konfliktes bin, kann ich nicht gleichzeitig Konfliktlöser sein. In diesem Fall ist es ganz wichtig, dass ich als Pastor Beratung von außen in Anspruch nehme.

Wertschätzung und Lob verhindern das Ausbrennen

ERF Online: Die wenigsten Gemeindemitglieder suchen Streit mit ihrem Pastor oder wollen ihn überfordern. Wie können Gemeinden Pastoren dabei unterstützen, sich nicht zu überfordern und Hilfsangebote wahrzunehmen?

Matthias Knöppel: Gemeinden können eine Atmosphäre schaffen, in der ein wohlwollendes Miteinander gepflegt wird. Eine Gemeinde, die von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist – und zwar nicht nur dem Pastor gegenüber, sondern auch der Gemeindeleitung und den Mitarbeitern gegenüber, tut viel dafür, dass Menschen nicht ausbrennen. Aber dieses wertschätzendes Miteinander muss gepflegt werden, es entsteht nicht von selbst.

ERF Online: Was kann eine Gemeinde dafür tun, damit so eine Atmosphäre entsteht?

Matthias Knöppel: Zum Beispiel indem man dem anderen gute Worte sagt. Gute Worte kommen immer von außen. Keiner von uns kann sich gute ermutigende Worte selbst sagen. Wir versuchen oft, mit viel Kreativität Kritik durch die Blume zu sagen. Es wäre umgekehrt sehr interessant, sich zu fragen: Was wäre, wenn ich diese Kreativität einsetzen würde, um meinem Bruder oder meiner Schwester ein ermutigendes, wertschätzendes Wort zu sagen? Es ist wichtig wahrzunehmen, was Menschen in die Gemeinde einbringen, egal ob es der Pastor, die Gemeindeleitung oder andere leitende Mitarbeiter sind. Man sollte diesen Menschen auch mal sagen: „Danke, dass du das tust. Das ist mir wichtig.“ Aber in unseren Gemeinden wird oft eher der Satz gelebt: „Nichts gesagt ist genug gelobt“.

ERF Online: Die Umfrage aus den USA zeigt, dass viele Pastoren sich für ihren späteren Dienst nicht gut genug vorbereitet fühlen. Was unternimmt der Bund Freier evangelischer Gemeinden, um Pastoren bestmöglich auf ihren Dienst vorzubereiten?

Matthias Knöppel: Zunächst ist da das Theologiestudium. Manche fragen ja: Braucht man fünf Jahre Studium? Wir merken, dass diese fünf Jahre Theologiestudium eine große Hilfe sind, weil hier das wesentliche Handwerk für den Gemeindedienst erworben wird. Dazu gehört nicht nur das theoretische Wissen, dazu gehört auch Pastoraltheologie und die klinische Seelsorgeausbildung. Das sind Trockenübungen, die man im Studium macht.

Das Zweite ist die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. In Gemeindepraktika können angehende Pastoren manches an ihrer Persönlichkeit entdecken, an dem sie noch arbeiten können und sollten. Vieles kann man erst in der Praxis wahrnehmen. Wenn solche Praxisfelder schon im Studium vorkommen, ist das eine große Hilfe, um zu erkennen, wo man in sich seiner Persönlichkeit noch weiterentwickeln kann.

Familie und Berufung in Einklang bringen

ERF Online: In welchen Bereichen haben junge Pastoren oft Probleme?

Matthias Knöppel: Das ist unterschiedlich, weil jede Persönlichkeit anders ist. Es gibt Persönlichkeiten, die in der Gefahr stehen, sich zu überfordern. Sie nehmen einen gewissen Perfektionismus mit in ihren Dienst. Dieser macht es ihnen dann schwer, sich den Situationen in der Gemeinde gut zu stellen.

Ein anderer Punkt ist das persönliche Management, zum Beispiel Zeitmanagement. Dieser Entwicklung sollte man sich von Anfang an stellen. Da erwarte ich von niemandem, dass er am Anfang alles kann, sondern dass er bereit ist, sich den Lebenssituationen in einer Ortsgemeinde so zu stellen, dass er sich weiterentwickeln kann. Dazu gehört auch, dass ich weiß, von welchen Quellen ich lebe. Wer nicht die Quellen benennen kann, von denen er lebt, und diese Oasen pflegt, wird Schwierigkeiten bekommen.

Ein ganz wesentlicher Bereich ist auch der Bereich der Familie. Die Familie des Pastor braucht ebenfalls die Aufmerksamkeit und Fürsorge des Pastors. Die Familie sollte nicht hinter allem stehen oder sogar zurückstehen. Es darf nicht dazu kommen, dass Familie und Gemeinde in Konkurrenz zueinander geraten.

ERF Online: Früher galt oft: Erst der Dienst, dann die Familie. Hat hier ein Wandel stattgefunden?

Matthias Knöppel: Das hat sich auf jeden Fall verändert. Ich habe erlebt, dass die Familien von Pastoren meist sehr wohlwollend von Gemeindeleitung und Gemeinde aufgenommen werden. Ich bin selbst Pastorensohn und habe erlebt, wie es ist, wenn die Gemeinde die Pastorenfamilie genau beobachtet und bewertet. Da hat sich aber einiges verändert. Früher wurde auch von der Pastorenfrau manches erwartet, was sie abdecken sollte. Auch das ist heutzutage anders.

ERF Online: Hilft es jungen Pastoren, einen erfahrenen Pastor als Mentor zu haben, den sie bei Schwierigkeiten ansprechen können?

Matthias Knöppel: In den ersten beiden Dienstjahren bekommen unsere Pastoren einen Mentor zur Seite gestellt. Das ist verbindlich. Manchmal ist es so, dass diese Beziehung auch über die zwei Jahre hinaus gepflegt wird. Aber das liegt dann im Interesse und der Verantwortung des Pastors. Grundsätzlich denke ich, dass so etwas nicht allein eine Frage des Alters ist. Leitende Mitarbeiter ‒ und dazu gehören Pastoren ‒ sollten sich vielmehr ein Leben lang in ihrem Dienst begleiten lassen. Und zwar nicht nur von Freunden, die ihnen immer Recht geben, sondern von Menschen, die sie ehrlich reflektieren dürfen.

ERF Online: Vielen Dank für das Interview


Kommentare

Von D. A. am .

Vielen Dank für Ihren Artikel. Ich war einige Jahre selbst im hauptamtlichen Dienst als Gemeindereferentin, heute bin ich es nicht mehr, aus dem Grund der Überforderung/ u. des " Ausgebrannt Seins". Inzw. bin ich 20 J. beruflich unterwegs, aber der Gemeindedienst hat mich am meisten gestresst. Gefühlt die "eierlegende Wollmichs.." zu sein, die schwierige Abgrenzung zum eigenen Privatleben. Für mich gefühlt immer wieder den hohen Ansprüchen, der Nörgelei, dem Negativismus von einzelnen mehr

Von Ruth W. am .

Warum dieses blöde Bild an Anfang? Es tut dem ganzen Artikel nicht gut.

Von G.Fischer am .

Um dem Eindruck, alle Pastoren seien überlastet und dem Burnout nahe, entgegen zu wirken, hier ein Gegenbeispiel: Unser - jetzt abgegangener Pastor - hat ausser den Sonntagspredigten (und die hat er aus dem Internet kopiert) nicht viel gemacht. Menschen, die zu ihm kamen, hat er auf Distanz gehalten oder abgewimmelt. Ein echter Mietling eben! Wir haben es aber geschafft, ihn mit warmen Empfehlungen an eine weitentfernte Gemeinde abzugeben. Vielleicht schaffen die es, ihm Beine zu machen.


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