Interview

Ein Landwirt hebt ab

Gerhard Plessing orientiert sich in einer Lebenskrise neu und entdeckt im Fliegen seine Leidenschaft.

Gerhard Plessings Familie arbeitet seit Jahrzehnten in der Landwirtschaft. Sein Weg scheint dadurch vorgezeichnet: Er soll den Familienbetrieb am Bodensee übernehmen. Mit 40 Jahren fällt er dadurch in eine tiefe Krise. Bis er sich innerlich frei fühlt, etwas Neues zu wagen. Ein Interview.

ERF Online: Herr Plessing, Ihr Kindheitstraum war es, Pilot zu werden. Doch Ihr erlernter Beruf hat damit überhaupt nichts zu tun. Warum?

Gerhard Plessing: Als Einzelkind war es für meine Eltern klar, dass ich meinem Vater in der Landwirtschaft nachfolge und eines Tages den Hof übernehme. Ich hätte lieber im technischen Bereich gearbeitet, weil mir das mehr liegt. Aber das stand nie zur Debatte. So bin ich nach der Schule in den landwirtschaftlichen Betrieb meines Vaters eingestiegen.

ERF Online: Über 20 Jahre lang haben Sie nichts anderes gemacht. Mit 40 Jahren sahen Sie keine Perspektive mehr für sich. Wie kam es dazu?

Gerhard Plessing: Das lag vor allem daran, dass ich mir meinen Beruf nicht ausgesucht hatte. Erschwerend kam hinzu, dass ich kaum unternehmerische Freiheit im Betrieb hatte. Mein Vater hielt jahrzehntelang die Zügel in der Hand und fällte alle großen Entscheidungen allein. Dadurch habe ich mich innerlich unfrei gefühlt. Ich konnte mir nicht vorstellen, ein Leben lang so weiterzumachen. Am liebsten hätte ich alles hingeschmissen. Aber ich war für die Versorgung unserer Puten zuständig. Sie waren von mir abhängig. Das war mein einziger Antrieb in dieser Zeit. Mir ging es wirklich schlecht.

Vom Druck der Verpflichtungen freiwerden

Gerhard Plessing                       © Bodo Folger

ERF Online: Was hat Sie aus dieser Krise rausgeholt?

Gerhard Plessing: Entscheidend war für mich eine innere Neuorientierung. Dabei hat meine Gemeinde mich sehr unterstützt. Die Gemeindeleitung hat mich von meinen Ämtern freigestellt und für mich gefastet und gebetet. Eine Frau aus der Gemeinde hatte den Eindruck, dass ich von meinen Verpflichtungen gefesselt bin. Und sie sagte, dass Jesus mich von diesen Fesseln befreien möchte.

Dann hat sie mir folgende Aufgabe gegeben: Ich sollte an verschiedene Orte im Betrieb gehen und sie Jesus im Gebet abgeben. Die Putenzucht, die Werkstatt, die Felder – alles, was meinen Alltag bestimmt und mich zugleich belastet hat. An diesem Wochenende hat Jesus mir eine neue Perspektive für meine Arbeit geschenkt. Ich konnte innerlich freiwerden von dem Druck der Verpflichtungen.

ERF Online: Äußerlich hat sich zunächst nichts verändert. Sie haben Ihren Beruf als Landwirt weitergemacht. Warum?

Gerhard Plessing: Ich konnte nicht aussteigen, weil meine Arbeitskraft in unserem Familienbetrieb dringend gebraucht wurde. Aber ich habe eine andere Einstellung zu diesem Beruf entwickelt. Ich habe mich nicht mehr davon erdrückt gefühlt und konnte die positiven Seiten meiner Arbeit sehen.          

Außerdem habe ich nach Dingen gesucht, die mich aufbauen und mir Abwechslung verschaffen. Als meine Kinder langsam erwachsen wurden, hatte ich etwas mehr Zeit für mich. Da habe ich meinen Kindheitstraum verwirklicht und den Flugschein gemacht.

Aus den gewohnten Bahnen ausbrechen

ERF Online: Wie hat Ihre Familie auf diese Entscheidung reagiert?

Gerhard Plessing: Meine Frau hat mich sehr darin unterstützt, meinen lang gehegten Traum zu verwirklichen. Auch meine Kinder waren begeistert. Meine Eltern hingegen standen der Entscheidung ablehnend gegenüber. Ich war der erste in der Familie, der je ans Fliegen gedacht hat, und meine Eltern sahen keinen Sinn darin. Trotzdem habe ich meinen Plan durchgezogen.

ERF Online: Anders als in jungen Jahren sind Sie Ihren eigenen Weg gegangen. Was hat sich innerlich bei Ihnen verändert?

Gerhard Plessing: Gott hat mir den Mut gegeben, etwas Neues zu wagen und aus den gewohnten Bahnen auszubrechen. Es war genial, als ich das erste Mal in der Flugschule abgehoben bin und die Landschaft unter mir gesehen habe. Das waren unbeschreibliche Gefühle. Und es eröffnet mir eine neue Perspektive auf die Welt. Auch heute sage ich immer wieder: „Wow, so etwas habe ich noch nie gesehen!“ Das ganze Feeling lässt sich nicht mit Bild und Ton einfangen, das muss man einfach erleben.

Nicht zu früh aufgeben

ERF Online: Inzwischen ist das Fliegen sogar Teil Ihres Berufs geworden. Sie bieten Rundflüge über den Bodensee an und machen professionelle Luftbildaufnahmen. Nebenbei arbeiten Sie als Landwirt. Wie bekommen Sie all Ihre Aufgaben unter einen Hut?

Gerhard Plessing: Ich fliege bei schönen Wetter und mache die Arbeit in der Landwirtschaft dazwischen. Natürlich gibt es auch Engpässe und Kollisionen. Da muss ich mich durchjonglieren und da anpacken, wo es am meisten brennt. Aber ich bin total zufrieden. Diese Abwechslung zwischen Landwirtschaft und Fliegen ist toll. Allein wäre keins von beiden so schön. Besonders freue ich mich darüber, dass mein Vater meine Flugleidenschaft inzwischen anerkennt. Er mäht sogar meine Landebahn zwischen unseren Maisfeldern.

ERF Online: Was würden Sie anderen raten, die in ihrem Leben an einem kritischen Punkt sind?

Gerhard Plessing: Sie sollen bei Jesus Hilfe und Rat suchen. Manchmal greift er aber nicht sofort ein und präsentiert uns eine Lösung. Ich war schon 40 Jahre alt, als ich mit dem Fliegen begonnen habe. Der Traum vom Fliegen steckte zwar schon immer als Leidenschaft in mir. Aber ich konnte ihn lange Zeit nicht umsetzen, ohne einen großen Scherbenhaufen in meiner Familie und auf der Arbeit zu hinterlassen.

Durch die Lebenskrise habe ich gelernt, nicht zu früh aufzugeben. Man sollte nicht alles hinwerfen, wenn nicht sofort eine Lösung in Sicht ist. Heute weiß ich, dass Gott es gut mit mir meint. Das gibt mir die Freiheit und Gelassenheit, auch die Dinge hinzunehmen, die nicht nach meinem Plan laufen.

ERF Online: Trotzdem kam der Punkt, wo Sie aus den gewohnten Bahnen ausgebrochen sind und Neues gewagt haben. Warum fällt das manchmal so schwer?

Gerhard Plessing: Manchmal muss ich lernen, mich für eine Freiheit bewusst zu entscheiden. Vielleicht bedeutet es, Dinge abzugeben, die ich bisher immer aus Pflichtbewusstsein getan habe. Vielleicht stoße ich bei anderen damit auch auf Ablehnung. Diese Wahlfreiheit für sich zu entdecken ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen abgeschlossen ist. Neues zu wagen, kostet oft Überwindung. Aber es lohnt sich!


"Lebe deinen Traume": TV-Beitrag bei Gott sei Dank


Kommentare

Von Klaus U. am .

Guten tag herr Plessing !
Als sie mir 1975 die wunderbare 750 BMW
verkauft haben, sagten sie mir, ihre Familie
wuenscht sich bei ihnen ein ungefaerlicheres Hobby.
Fliegen ist das aber nicht.
Mit ihrer BMW bin ich um die halbe Welt gefahren.
Gruesse aus thailand von Klaus U.


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