Interview Lesezeit: ~ 7 min

Alkoholprobleme nicht verschweigen

Ralf Mauelshagen vom Blauen Kreuz gibt Tipps beim Verdacht auf Alkoholsucht

 

ERF Online: Ab wann wird Alkoholkonsum kritisch?

Ralf Mauelshagen: Grundsätzlich ist der Gebrauch oder Genuss von Alkohol vollkommen okay. Aber manchmal können Gewohnheiten einen anderen Akzent bekommen. Beim Alkohol könnte es die Feststellung sein: „Wenn ich was getrunken habe, kann ich auf andere zugehen und bin ganz ungehemmt." Gegen den Genuss von Alkohol ist nichts einzuwenden. Aber wenn diese Gewohnheiten einen anderen Akzent bekommen, kann daraus auch eine Lernerfahrung erfolgen. Dann kommt es zu einer Gewöhnung und ich setze das Suchtmittel regelmäßiger, gezielter und häufiger ein. Ab da spricht man von Missbrauch und dann ist der Schritt in die Abhängigkeit nicht mehr weit.

Häufiges Denken an Alkohol ist ein Warnzeichen

ERF Online: Ist denn die tägliche Flasche Bier am Abend schon Sucht?

Ralf Mauelshagen: So weit würde ich nicht gehen. Das ist für jeden individuell unterschiedlich. Man sollte sich immer fragen: "Was ist, wenn ich mal auf die tägliche Flasche verzichte? Fehlt mir da etwas? Werde ich nervös oder unkonzentriert?" Dann gibt es da eine Spur, der nachzugehen sich lohnt.

ERF Online: Wie kann ich erkennen, dass jemand – ich selbst eingeschlossen – abhängig ist?

Ralf Mauelshagen: Für andere eine Diagnose zu stellen, halte ich für sehr schwierig. Die Entscheidung kann ich nur für mich selbst treffen. Aber wenn ich merke, dass der Alkohol in meinen Gedanken oft eine Rolle spielt; dass ich daran danke, dass ich vielleicht wieder Alkohol zu mir nehmen sollte oder wenn ich merke, dass ich Alkohol brauche, um ruhiger zu werden – dann sind das Spuren, die darauf hindeuten, dass ich Alkohol missbräuchlich konsumiere. Wenn das Verlangen nach Alkohol unstillbar ist oder ich nach einer bestimmten Menge mit dem Trinken nicht mehr aufhören kann, ist das auch ein Hinweis, dem man nachgehen sollte.

Verdrängen oder totschweigen bringt nichts

ERF Online: Was wäre ein guter erster Schritt, wenn mir bewusst wird, dass ich ein Problem haben könnte?

Ralf Mauelshagen: Mein Tipp ist, es nicht mit sich allein auszumachen. Sondern sich mit einer Vertrauensperson auszutauschen, sich über das Thema zu informieren und vielleicht auch eine Beratungsstelle aufzusuchen. Es ist ganz unproblematisch, einen Termin für eine Erstberatung zu bekommen. Dann kann man mit den Fachberatern vor Ort überlegen, wie die nächsten Schritte aussehen könnten. Oder man sucht im Wohnort oder der näheren Umgebung nach einer Selbsthilfegruppe, an die ich mich wenden kann.

ERF Online: Was, wenn eine andere Person betroffen ist? Gibt es Warnzeichen oder Indikatoren, dass man ein Gespräch suchen sollte?

Ralf Mauelshagen: Ich würde immer dafür plädieren, mich selbst mit meinen Bedürfnissen wahrzunehmen. Wenn ich mir um jemanden Sorgen mache und es mir selbst dabei nicht gut geht, sollte ich das ernst nehmen und es ansprechen. Es ist vollkommen normal, jemanden im Blick zu haben, der ein Problem haben könnte. Aber ich darf mich dabei nicht vergessen. Ich muss meine Bedürfnisse wahrnehmen und für mich eintreten und sagen: „Ich kann mit der Situation schlecht leben. Ich spreche das an und bringe das in die Beziehung rein.“

Natürlich will ein Betroffener sich das erstmal nicht eingestehen. Das ist ganz normal. Er will erstmal sein Selbstbild aufrecht­erhalten und sich schützen. Aber es kann schon sein, dass man die Fassade zum Bröckeln bringt, wenn man es anspricht – insbesondere wenn man nicht der einzige ist.

ERF Online: Aber es gibt keine klassischen allgemeingültigen Symptome?

Blaues Kreuz-Bildungsreferent Ralf Mauelshagen (Bild: Privat)

Ralf Mauelshagen: Nein, das denke ich nicht. Symptome können immer andere Ursachen haben. Ich würde sie nicht ausschließlich mit dem Alkohol in Verbindung bringen wollen. Aber viele Suchtkranke vernachlässigen sich selbst, und ordnen ihre Beziehungen und Hobbies dem Alkohol unter.

Problem benennen, Konsequenzen nicht abfedern, Hilfe anbieten

ERF Online: Wie soll ich mich verhalten, wenn ich bei jemandem Probleme vermute: ansprechen oder ignorieren?

Ralf Mauelshagen: Der erste Impuls ist, es nicht anzusprechen. Man macht sich Sorgen, in ein Fettnäpfchen treten zu können. Es ist sicher auch ein unangenehmes Thema. Ich möchte trotzdem dazu ermutigen, es anzusprechen und das Problem beim Namen zu nennen. Wir beim Blauen Kreuz machen die Erfahrung – und hören das auch von den Betroffenen immer wieder –, dass es wichtig ist, das Problem anzusprechen und deutlich zu machen, was man wahrnimmt – auch im Hinblick auf Verhaltensänderungen des Betroffenen. Das sollte aber nicht in einer vorwurfsvollen Haltung geschehen. Es ist besser zu sagen: „Ich mache mir Sorgen um Dich. Ich nehme wahr, dass Du Dich veränderst.“ Dann kann man seine Beobachtungen schildern. Das wäre der erste Punkt: Probleme beim Namen nennen.

Ein zweiter Punkt - gerade für Angehörige oder Arbeitskollegen: Konsequenzen nicht abfedern. Ich entschuldige meinen Kollegen nicht beim Chef. Oder als Angehöriger rufe ich am nächsten Tag nicht bei der Arbeit an und sage: „Mein Mann ist erkältet und kann heute nicht kommen“. Oder ganz drastisch ausgedrückt: Ich ziehe der Partnerin, wenn sie betrunken nach Hause kommt, nicht die Schuhe aus und bringe sie ins Bett. Federn Sie also nicht die Konsequenzen ab, sondern erhöhen die den Druck, wo immer möglich.

Und drittens: Bieten Sie Unterstützung und Hilfe an – auch wenn die Möglichkeiten beschränkt sind. Sagen sie zum Beispiel: „Ich begleite dich zu einem Arzt, einer Beratungsstelle oder einer Selbsthilfegruppe.“ Das wären drei Möglichkeiten: Das Problem beim Namen nennen, Konsequenzen nicht abfedern und Begleitung anbieten.

Gefahr Co-Abhängigkeit

ERF Online: Wenn jemand in meiner Familie oder meinem engen Bekanntenkreis ein Problem mit Alkohol hat – wie kann ich persönlich damit gut umgehen?

Ralf Mauelshagen: Oft merken Bezugspersonen gar nicht, wie stark sie in das Suchtgeschehen verwoben sind. Das ist ein schleichender Prozess. Sucht ist nichts, was vom Himmel fällt. Da kann es durchaus passieren, dass sich meine ganze Aufmerksamkeit als Angehöriger auf den Alkoholkranken konzentriert. Ab da übernimmt man als Angehöriger schnell immer mehr Verantwortung. Das führt dazu, dass die Aktivität des Kranken abnimmt und meine Aktivität als Angehöriger zunimmt. Es ist wichtig, aus diesem Kreislauf auszusteigen. Das ist ein erster und wesentlicher Schritt für Angehörige.

ERF Online: Das, was Sie da beschreiben, klingt nach Co-Abhängigkeit. Was sind Anzeichen für eine beginnende Co-Abhängigkeit?

Ralf Mauelshagen: Es ist höchste Zeit auszusteigen, wenn ich mich selbst mit meinen Bedürfnissen nicht mehr wahrnehme, sondern mein ganzes Fühlen und Denken abhängig mache vom Befinden und der Situation des Partners. Dann muss man sich Hilfe und Unterstützung holen. Das gilt besonders, wenn in einer Familie Kinder vorhanden sind. Gerade bei christlichen Ange­hörigen ist es so, dass sie oftmals in der Situation verharren und aushalten – vielleicht auch mit der Begründung: „Was Gott zusammengeführt hat, das soll der Mensch nicht trennen.“ Aber gerade für Kinder ist das eine hohe Belastung. Da ist es notwendig, sich selbst in den Blick zu bekommen. Das kann auch eine Trennung auf Zeit bedeuten, um den Druck zu erhöhen.

Glaube kann von Sucht befreien

ERF Online: Unser Studiogast Pontus J. Back hat viele Jahre mit der Abhängigkeit gekämpft. Dann begegnet ihm Jesus und er wird sofort frei. Kann man das irgendwie erklären?

Ralf Mauelshagen: Ja. Gott tut auch heute noch Wunder. Wir erleben in unseren Ausbildungs­gängen sehr oft, dass Menschen davon berichten, dass sie durch Gebet frei wurden. Es ist schön, das miterleben zu dürfen. Ich finde es allerdings schade, dass einige sich nach dem Wunder nicht mehr damit beschäftigen, warum sie abhängig geworden sind. Manche sagen: „Okay, Jesus hat mich freigemacht. Damit ist meine Suche oder meine Auseinandersetzung damit, was mich in die Sucht geführt hat, aufgehoben.“

ERF Online: Ist es für jeden möglich ist, durch eine solche Begegnung mit Gott frei zu werden?

Ralf Mauelshagen: Auf jeden Fall. Ich denke, wir alle sind auf der Suche nach Glück und einem glücklichen Leben. Suchtkranke Menschen haben einfach einen falschen Weg eingeschlagen. Wir erleben beim Blauen Kreuz immer wieder, dass Gott Wunder tut und ganz unterschiedliche Wege mit Menschen geht. Wenn Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens und wer zu mir kommt, wird nicht hungern und wer an mich glaubt, der wird nimmermehr dürsten“ – dann trauen wir Jesus wirklich zu, diesen Mangel zu füllen und neue Perspektiven zu schenken.

Mir ist noch wichtig zu sagen, dass auch Christen nicht vor Suchterkrankungen gefeit sind. Wir begegnen immer wieder Menschen, die auch als Christen suchtkrank geworden sind. Aber das Thema „Sucht“ ist im gemeindlichen Kontext noch immer ein Tabuthema. Aber wir sind guter Hoffnung, dass sich das ändert

ERF Online: Wie kann man der Alkoholsucht vorbeugen?

Ralf Mauelshagen: Da fällt mir eine Aussage von Jesus ein: Man soll Gott lieben von ganzem Herzen und seinen Nächsten lieben wie sich selbst. Ich glaube Jesus meint, dass alle drei Bereiche für ein erfüllendes Leben wichtig sind. Also mit Gott Menschen und sich selbst in Beziehung zu sein. Wenn man das schafft, ist das eine gute Suchtprophylaxe.

ERF Online: Vielen Dank für das Interview.

 


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Kommentare

Von Vera am .

Ja, auch Christen sind nicht vor Alkoholismus gefeit. Leider vermisse ich dieses Thema beim ERF. Als betroffene Angehörige habe ich auf der Internetseite dieses ansonsten von mir sehr geschätzten Senders gesucht und entweder Heilungen im Rahmen von Bekehrungen gefunden oder ziemlich belanglose Allgemeinplätze zum Thema Alkoholkonsum. Das war für mich sehr frustrierend.
Dummerweise wird auch noch die örtliche Beratungsstelle ihrem schlechten Ruf gerecht.
Trotzdem haben wir einen gangbaren Weg gefunden.Er war nur leider viel schwerer als dies ja "normalerweise" schon der Fall ist.

Von Willi K. am .

Als selbst betroffener kann ich Ralf Mauelshagen nur Recht geben. Gott hat mich frei gemacht!!!!


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