Interview

„Ohne Vater bleibt man sich fremd“

Sie geben Identität: Seelsorger Kai Mauritz über familiäre Prägungen

Christian Boni erzählt in der aktuellen Ausgabe von „Mensch, Gott!“ aus seinem bewegten Leben. Er erlebt Gewalt in der Kindheit, nimmt Drogen und wird sogar zum Dealer. Führt eine Kindheit mit schlechten Eltern automatisch zu einem verkorksten Leben? Inwiefern bestimmt die Kindheit über mein Leben als Erwachsener? Darüber haben wir mit Kai Mauritz – Pastor, Seelsorger und Berater beim Weißen Kreuz – gesprochen.

ERF Online: Schriftsteller Franz Kafka und Christian Boni hatten beide Rabenväter. Ist mit einer schlechten oder nicht-existierenden Vaterbeziehung ein verkorkstes Leben vorprogrammiert?

Kai Mauritz: Zum Glück kann man das nicht so allgemein sagen. Ob man am Ende kriminell wird, schwerst depressiv oder mit dem Leben gar nicht zurecht kommt, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Was man sagen kann ist, dass die Vaterfigur in der Entwicklung eines Jungen und später eines jungen Mannes eine erhebliche Rolle spielt. Kinder lernen stark am Modell. Irgendwann löst sich der Junge von der Mutter und merkt: Ich bin anders. Dann schaut er auf den Elternteil, der so ist wie er selbst. Dort guckt er sich Verhaltensweisen und Konfliktlösungen ab und erwartet, dass er ins Leben geholt wird. Der Vater ist verantwortlich für identitätsstiftende Sätze oder Gesten. Er zeigt, wie man mit Frauen oder Krisen umgeht.

Vater und Mutter wichtig für Identitätsstiftung

ERF Online:  Hat der Vater auch für Mädchen eine identitätsstiftende Rolle?

Kai Mauritz, Pastor, Seelsorger und Berater beim Weißen Kreuz (Bild: privat)

Kai Mauritz: Unbedingt. Man geht heute davon aus – so komplex Familiensituationen auch sind – dass Vater und Mutter beide für die Identitätsentwicklung wichtig sind. Mütter geben Wärme, Nähe und Sicherheit. Die Mutter ist im ersten Lebensjahr die wichtigste Bindungsperson, an der ein Mensch Sicherheit lernt. Ein Beispiel: Wenn man schreit, bekommt man Nahrung oder Zuwendung. Der Vater ist derjenige, der einem Kind mitgibt, was es ausmacht, Mann oder Frau zu sein. Für Mädchen ist es das Allerwichtigste und Beste, wenn der Vater sagt: „Du bist wirklich die schönste Prinzessin auf der ganzen Welt und ich liebe Dich über alle Maßen.“ In manchen Seminaren frage ich die anwesenden Frauen: „Habt Ihr das oft genug gehört?“ 50 Prozent der Frauen haben Tränen in den Augen, wenn sie diese Frage hören.

ERF Online: Sie sprachen von Bindungen. Was, wenn die ersten Erfahrungen mit Bindungen negativ sind. Wirkt sich das auf den Rest des Lebens aus?

Kai Mauritz: Kinder, deren Zuhause nicht sicher war und wo der Ort der Sicherheit gleichzeitig ein Ort der Gefahr war, entwickeln mit großer Wahrscheinlichkeit eine Bindungsstörung. Das kann mit viel Aggression einhergehen. Wenn man in Gefängnisse guckt, wird man auf viele Menschen mit desolatem Bindungsverhalten stoßen. Aber Bindung kann auch nachreifen.

Ein schlechter Vater ist besser als gar keiner

ERF Online: Tiefenpsychologin Marga Kreckel behauptet: „Bleibt der Vater für den Sohn das unbekannte Wesen, so bleibt der Sohn auch sich selbst fremd.“ Stimmt das?

Kai Mauritz: Dem kann ich zustimmen. In meiner Arbeit mit jungen Männern erlebe ich das immer wieder. Die Frage „Wer bin ich denn?“ hat ganz viel damit zu tun, dass es keinen Vater gab. Es ist auch möglich, dass der Vater  von seiner Pädagogik oder Persönlichkeit her so unnahbar war, dass der Sohn nicht gehört oder gemerkt hat, wer er wirklich ist. Da bleiben Menschen oft auf der Suche und benötigen am Ende auch Hilfe.

ERF Online: Von Ihrem Kollegen Nikolaus Franke war folgende Aussage zu hören: „Besser ein schlechter Vater als gar keiner.“ Das klingt zynisch im Hinblick auf die Lebensgeschichte eines Christian Boni. Würden Sie Ihrem Kollegen zustimmen?

Kai Mauritz: Da muss man gucken, wo die Grenze ist. In der Geschichte des Studiogastes spielt Gewalt eine Rolle. Gewalt führt immer an die Grenze von Traumatisierung. Da kann ich schwer sagen: „Lieber einen traumatisierenden Vater als gar keinen.“ Aber wenn die Grenze da liegt, dass ein Vater eben nicht zugänglich oder sprachlich abwertend ist, dann hat auch dieser Vater tatsächlich noch etwas zu geben. Auch dieser Vater gibt seinem Sohn Signale mit wie „Doch, du bist wer und du kannst was.“ Wenn kein Vater da ist, ist es für Jungs tatsächlich recht schwierig, in die Identität als Mann hineinzuwachsen.

 

Christian Boni erzählt über sein Leben
bei: Mensch, Gott!: „Leben für die Droge“
Foto: © ERF Medien

ERF Online: Die Mutter von Christian Boni hat sich intensiv um ihren Sohn gekümmert, aber verhältnismäßig wenig erreicht. Der Vater macht einen Anruf und das führt zu einer tiefgreifenden Lebensveränderung. Wie ist das psychologisch zu erklären?

Kai Mauritz: Der Vater repräsentiert den fehlenden Anteil in der Erziehung oder Entwicklung dieses jungen Mannes. Die Mutter war da und hat ihn versorgt. Aber die Wunde aus der Kindheit hatte mit dem Vater zu tun. Da herrschte Unsicherheit: „Bin ich geliebt? Bin ich gewollt? Bin ich richtig?“ Er hat auch mit Drogen zu tun gehabt. Das ist eine Form, offene Fragen zu betäuben. Wenn er von seinem Vater hört: „Doch, du kannst noch was. Du hast noch eine Zukunft vor Dir.“, ist es für mich schlüssig und völlig logisch, dass dieser Satz die Tür auftut und er so sein Leben neu anfängt.

Durch Vergebung kann man Leben neu aufbauen

ERF Online: Es gibt ja auch andere Bezugspersonen für Kinder – zum Beispiel die Kindergärtnerin, einen Lehrer oder Trainer. Warum prägt gerade die Elternbeziehung so stark?

Kai Mauritz: Die Eltern sind normalerweise von Anfang an die primären Bindungspersonen im Leben eines Menschen. Ein Kind ist in den ersten Jahren aufnahmefähig wie ein Schwamm und gleichzeitig sehr schutzbedürftig. Ein Menschen hat Grundbedürfnisse – zum Beispiel eine Atmosphäre von „Du hast hier einen guten Platz. Du bist hier geschützt. Du wirst unterstützt und gefördert von uns. Wir geben Dir gute Grenzen.“ Wenn das gestört wird, schleppen Menschen das in ihrer Entwicklung als Mangel mit.

Das heißt nicht, dass man für den Rest des Lebens gezeichnet ist. Aber diese Themen bleiben offen, bis man von anderen einen guten Platz im Leben bekommt oder von anderen gut genährt wird. Die Grundbedürfnisse werden also ganz stark von Vater und Mutter gestillt. Wenn das fehlt, merken Erwachsene das bis in ihre Gegenwart. Der Schmerz bleibt.

ERF Online: Wenn ich als Kind geschlagen werde, prägt mich das. Durch Vergebung verändern sich meine Verhaltensweisen aber nicht sofort. Inwiefern kann eine Aussöhnung trotzdem helfen, erlernte negative Verhaltensmuster abzulegen?

Kai Mauritz: Verhaltensmuster wie Aggression, starker Rückzug oder Suchtverhalten haben etwas mit Abwehr gegen den in der Kindheit erlittenen Schmerz zu tun. Wenn man als Erwachsener wirkliche Versöhnung erlebt, kann man sich selbst noch mal anders sehen. Also: „Ich bin nicht nur der, der abgelehnt ist, sondern auch der, der geliebt ist. Ich bin auch jemand, der noch eine gute Zukunft hat.“ Das löst diesen Schmerz und das Gehirn hat so noch mal die Möglichkeit, neu zu lernen.

Das ist wie eine Selbstoffenbarung. Man sieht sich selbst in einem neuen Licht und traut sich neue Dinge zu. Da wartet sicher noch Arbeit, um es dann in alle Alltäglichkeiten durchzubuchstabieren. Aber das ist ein neuer Grund, auf dem das Leben noch mal gebaut werden kann.

Frieden auch mit verstorbenen Eltern möglich

ERF Online: Und um diesen neuen Grund legen zu können ist Vergebung zwangsläufig notwendig?

Kai Mauritz: Das ist eine ganz kritische Frage. Ich habe auch mit Opfern von Gewalt zu tun und man will natürlich auch Gerechtigkeit. Man kann nicht einfach vergeben, weil tatsächlich Unrecht geschehen ist. Trotzdem bin ich fest davon überzeugt: Erst wenn ich von Herzen vergeben kann, bin ich frei und das Gift verschwindet aus meinem Denken und Fühlen. Erst dann kann ich mein Leben mal neu sehen und anpacken.

Vergebung heißt aber nicht: „Jetzt kann ich vergeben.“ Als Christ heißt Vergebung zu beten: „Herr, führe mich auf diesen Weg, damit ich am Ende vergeben kann.“ Danach sollte man loslassen, beispielsweise die Wünsche nach Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Reue. Sogar danach, dass der andere versteht, was er mir angetan hat. Das klingt hart. Aber wenn man das schafft, löst sich etwas im Leben. Vergebung hat stark mit mir selbst zu tun. Wer sich das traut und sich auf diesen Weg macht, hat die Chance, dass die alten Knoten sich lösen.

ERF Online: Ist Vergebung auch dann möglich, wenn der Elternteil, der mir etwas angetan hat, nicht mehr lebt?

Kai Mauritz: Das ist möglich. Ich mache Familienaufstellungen und da kommt es vor, dass Elternteile schon verstorben sind. Aber wenn man bereit ist zur Versöhnung und zum Beispiel in einem Brief an den verstorbenen Vater schreibt: „Ich vergebe Dir und wenn es irgendwie möglich gewesen wäre, wäre ich noch mal in eine neue Beziehung mit Dir gegangen.“,  dann schafft das tiefen und inneren Frieden.

Traumatisierte Menschen brauchen Begleitung

ERF Online: Es heißt „Blut ist dicker als Wasser“. Was ist leichter: den Eltern vergeben oder anderen Menschen?

Kai Mauritz: Ich erlebe, dass es schwerer fällt, den eigenen Eltern zu vergeben. Weil ich selbst als Erwachsener noch viele dieser inneren Wünsche habe: „Wenn sie doch wenigstens einmal sagen würde, dass sie mich lieb hat.“ oder „Wenn er doch einmal sagen würde, dass er stolz auf mich ist.“ Wenn die Eltern diese Sätze nicht sagen, ist es richtig schwer, allem Schmerz zum Trotz zu sagen: „Lieber Vater, liebe Mutter.“

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch.


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