Erfahrungen mit dem Jahreswechsel

Weg mit den „To-Do-Listen“!

Prioritäten zu setzen ist wichtig, doch nach welchen Maßstäben eigentlich? Tipps und Erfahrungen dazu, warum „To-Do-Listen“ nicht immer taugen.

Wieder liegt ein altes Jahr hinter uns und ein neues hat begonnen. Wenn ich zurückblicke, stelle ich fest: Manches lief gut, andere Erfahrungen hätte ich lieber nicht gemacht. Vor allem aber ist mir im vergangenen Jahr wieder einmal aufgefallen, wie wichtig es ist, sich Prioritäten zu setzen. Und damit meine ich nicht nur Aufgaben in einer „To-Do-Liste“ zusammenzufassen und nach ihrer Dringlichkeit zu bewerten. Nein, mir geht es gerade nicht um „To-Do’s“ oder gute Vorsätze, sondern um die Frage: Wie kann ich Gott und meinem Nächsten dienen und gleichzeitig meine Zeit auf der Erde genießen?

Aber passt dieses Ziel überhaupt zu einem Christen? Geht es uns nicht um etwas anderes als möglichst viel Spaß zu haben? Natürlich kann und darf das nicht mein einziges Ziel im Leben sein, aber auch Jesus hat nicht asketisch gelebt, am laufenden Band gepredigt und Menschen geheilt. Er hat Parties gefeiert oder sich zurückgezogen, wenn er für sich sein oder schlafen wollte. Jesus war ein Typ, mit dem man Spaß haben und um die Häuser ziehen konnte und trotzdem stand sein Auftrag für ihn immer im Vordergrund. Seine „Work-Life-Balance“ stimmte.

„Eigentlich sollte ich…“

So sollte es auch bei mir sein. Aber leider erlebe ich es oft anders. In den letzten beiden Jahren merkte ich, wie schwer es ist, die Balance im Leben zu halten. Bei mir kamen gleich drei Faktoren zusammen: Neue Beziehung, neuer Job, neue Wohnung. Mit einem Mal war von meiner früheren Zeiteinteilung nichts mehr übrig und es stellten sich Fragen wie „Soll ich eher den Kontakt zu Freunden am alten Wohnort halten oder lieber neuen Anschluss suchen?“. Und während ich als Single oft nicht wusste, was ich am Wochenende unternehmen sollte, stand ich nun vor dem Problem, dass meine Termine und die meines Partners nur schwer in Einklang zu bringen waren. Wofür sollte man sich entscheiden, was besser lassen?

Plötzlich war mein ganzes Leben von „Ich sollte…“-Aussagen durchzogen. Natürlich versuchte ich zu priorisieren, aber alle gesteckten Ziele waren irgendwie wichtig, nichts konnte ich guten Gewissens streichen. Manchmal glaubte ich fast, ein fieses Monster würde meine Zeit fressen. Als Resultat versuchte ich, mein Leben noch effektiver zu gestalten: Ich schrieb noch mehr „To-Do-Listen“ und fühlte mich schließlich wie in einem Hamsterrad. Je effektiver ich wurde, desto unzufriedener wurde ich auch.

Jesus hatte keine „To-Do-Liste“

Erneut stand ich vor der Frage: Was ist wichtig, was kann ich auch lassen? Diesmal beantwortete ich sie nicht mit „Ich sollte…“, sondern mit „Ich möchte…“. Ich wollte endlich tun, was für mich und mein Leben wichtig war, und stellte fest: Es gehört eben auch dazu, in Ruhe ein Hörbuch oder einen Film zu genießen. Und zwar ohne immer nebenbei noch etwas für den Haushalt zu machen. Meine „To-Do-Liste“ wurde dadurch zwar nicht kleiner, aber ich selbst glücklicher.

Gerade die Pausen im Alltag, die Momente, in denen ich keine Erwartungen zu erfüllen versuchte – weder meine eigenen noch die anderer – wurden zu Glücksmomenten. Ich lernte: Die Nebensachen, wie abends vor dem Fernseher zu entspannen oder ein heißes Bad zu nehmen, waren die eigentlichen Hauptsachen. Sie waren es, die mein Leben lebenswert machten - und nicht meine Leistung.

Ich merkte: Wenn ich einfach die Dinge auf mich zukommen lasse, öffnet sich mein Blick wieder neu für Gott und meinen Nächsten. Dann kommt es plötzlich zu einem Gespräch an der Bushaltestelle mit einer fremden Frau, weil ich geduldig warte anstatt innerlich bereits bei meinem nächsten Termin zu sein. Dann sehe ich plötzlich den Anderen wieder und nicht mehr nur meine Aufgabenliste. Wenn ich es recht bedenke, bin ich mir sicher, dass Jesus auch keine „To-Do-Listen“ führte. Da stand nicht drin: „Bergpredigt am Montag, Heilung eines Aussätzigen am Mittwoch, Stillen des Sturms am Freitag“. Jesus hat einfach gelebt: Er hat mit den Menschen gelacht, geweint und den Alltag geteilt.

Aufräumen im Terminkalender

Also: Schluss mit „To-Do-Listen“ und haargenauer Terminplanung. Doch warum klappt das so oft nicht? Wenn ich mich umschaue, bin ich nicht die Einzige, die damit Probleme hat. Das liegt sicherlich auch an unseren vollen Terminkalendern. Einerseits kommen wir natürlich um Termine nicht herum. Mit meinen Freunden hätte ich es mir schnell verdorben, wenn ich erst eine Stunde nach Vorstellungsbeginn zum verabredeten Kinoabend käme. Und bei einer Geburtstagseinladung kann ich auch schlecht sagen: „Die nächsten Wochen habe ich keine Zeit, aber ich feiere in zwei Monaten mit dir.“ Doch ein bisschen mehr Spontanität täte mir dennoch gut.

Und da stellt sich für mich die Frage: Ist jeder mögliche Termin gleich verbindlich? Wenn es sich um die Einweihungsparty eines Kollegen oder einen Kneipenabend mit guten Bekannten handelt, kann ich vielleicht auch sagen: „Ich schaue mal, ob ich es schaffe.“ Damit wird aus einem festen Termin eine Option, die ich wahrnehmen kann, aber nicht muss.

Auch muss ich nicht bei jeder Aufgabe in der Gemeinde „hier“ schreien: Nicht aus Faulheit, sondern aus Selbstschutz. Schließlich soll mein Dienst für Gott Freude machen und nicht im Abarbeiten von „To-Do-Listen“ enden. Deswegen will ich Aufgaben in der Gemeinde ab sofort gezielt und bewusst auswählen. Jeder Termin - ob privat oder in der Gemeindearbeit - wird einer sein, zu dem ich bewusst Ja gesagt habe.

Weniger ist mehr!

Ein weiteres Problem neben Termindruck ist der Wunsch, es allen recht zu machen. Ich möchte schließlich niemanden vernachlässigen und lieben Menschen keine Absagen auf ihre Einladungen erteilen, selbst wenn sie mir eigentlich zu viel sind. Ich gebe es zu: Nein sagen liegt mir nicht. Aber ich muss es lernen, wenn ich mich nicht an meinen überhöhten Erwartungen aufreiben will. So einfach - und so schwer ist das.

Denn wenn ich zugeben muss, dass ich es nicht allen recht machen kann, heißt das auch zuzugeben, dass ich nicht perfekt bin. Dass ich manchmal einfach müde und kraftlos bin. Wenn ich wirklich etwas verändern und sinnvolle Prioritäten setzen will, muss ich lernen, meine Grenzen zu akzeptieren statt sie auszureizen. Ich muss dazu stehen, dass ich nicht mehr machen kann als ich schon tue. Meinem Körper und meiner Seele Zeit zum Auftanken und zur Ruhe gönnen, selbst wenn es meinem Tatendrang widerstrebt.

Deswegen heißt für mich Prioritäten setzen im neuen Jahr : Weniger statt mehr! Den Moment erleben statt gute Taten abfeiern! Und vor allem möchte ich Zeit für mich und meine Bedürfnisse wieder fest in meinen Terminkalender einplanen. Auch ein Date mit meiner Lieblingsserie kann ein sinnvoller Termin sein, wenn ich dadurch neue Kraft für den Alltag sammle. Gott erwartet nicht von mir, dass ich immer das tue, was mir besonders wichtig erscheint, sondern dass ich das tue, was für mich wichtig ist. So kann ich das neue Jahr gelassen angehen.

 

Banner zum Schwerpunktthema

 


Kommentare

Von Gerhard K. am .

Hallo Frau Theis,
ich finde Ihren Artikel sehr hilfreich und zugleich anregend. Nur wenn wir innerlich ausgeglichen sind kann Jesus uns gebrauchen. Alles Andere artet in Krampf aus und wir sind dadurch nicht autentisch.
Das ist es was unsere Mitmenschen an uns schätzen wenn wir autentisch sind.
Ich habe damit schon 2013 angefangen nicht nur nach den Bedürfnissen anderer zu fragen (auch nicht nur für die Familie da sein). Wenn ich auch auf mich und meine Bedürfnisse achte bin ich letztendlich mehr

Von Heide-Marie P. am .

Für diese wertvollen Anregungen bin ich sehr dankbar. Die Autorin spricht mir aus der Seele und macht mir Mut für bewusste Veränderung. Vielen herzlichen Dank!

Von Brigitte am .

Es gefällt mir nicht, wie hier über Jesus Christus geschrieben wurde, spass haben und um die Häuser ziehen. Das war auch sicher nicht sein Ziel. Man sollte ein wenig mehr Ehrfurcht vor Christus haben

Von Hao H. am .

Ich glaube, ich muss meine Meinung über Jesus ändern. Ein harter Einschnitt nach rund 65 Jahren Bibellesen und 40 Jahre Verkündigungsdienst. "Heidenspaß" war gestern, heute kann ich mit Jesus "um die Häuser ziehen" und das machen, vor dem mich nicht nur mein alter Sonntagschulonkel eindrücklich warnte. Welch einem Irrglauben bin ich da nur aufgesessen? Keiner der Väter im Glauben hat mir etwas von der „Work-Life-Balance“ erzählt, der Jesus (nicht) frönte. Aber jetzt will ich flexibel sein, lebe mehr

Von wolfgang am .

Hallo Rebecca,
lies zur Abwechslung mal in der Bibel und du wirst dich wundern was Gott alles von dir erwartet. Als Christ gehören wir dem Herrn, ihm gehört unser ganzes Leben. "Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird es verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden." (Matth. 10,38-39) Wenn ich so drauf wäre wie du, würde ich mir ernsthafte Sorgen über meine Errettung machen. "Es werden mehr

Von Michael S. am .

Termine. Termine.........
Ich schreibe alles auf, weil ich sehr vergesslich bin. Bei mir sind die Termine, die mir Freude bereiten, besonders markiert, das heisst, diese Termine haben allererste Priorität. Ich lasse mich aber durch Termine nicht unter Druck setzen. Stress und Hektik kommen bei mir nicht vor. Manche anderen sind schon an meiner Ruhe und Gelassenheit verzweifelt. Termine, die Stress verursachen würden, nehme ich erst gar nicht an.

Von G.-L. Weller am .

Was für R. Theis zu gelten scheint, ist für mich noch nicht d a s Vorbild oder d e r Rat. Ich versuche, beim täglichen Bibellesen Schwerpunkte zu erkennen bei den Hauptaufgaben des Tages. Und die können nur durch noch Wesentlicheres verschoben werden.
Feiertag (und Feierabend) sind weiterhin maßgebend.
Ohne Smartphone vor mir hertragend, bin ich wohl auch eher ein aufmerksamer und dankbarer ausgeglichener und demütiger Mitmensch . Dann sind segnen und beten unterwegs auch möglich mehr

Von Jesus seine am .

Danke, danke, danke.
GOTT schenke uns die notwendige Gelassenheit, die unsere Herzen gesund küssen kann.

Von Rainer Z. am .

Liebe Rebecca Theis, danke für Ihren erfrischenden Artikel, der gute Anstöße enthält, aber auch einige nicht so gute Gedanken. Als Pastor beobachte ich, dass viele längst leben, was sie vorschlagen: "Gott erwartet nicht von mir, dass ich immer tue, was mir besonders wichtig erscheint, sondern dass ich das tue, was für mich wichtig ist". So das Zitat aus Ihrem Artikel. Klingt gut, ist aber nicht gut. Womit können Sie das belegen? Sicher, Gott überfordert uns nicht. Da haben Sie recht! Und er mehr

Von Gärtner03 am .

Danke für Ihren Artikel, der hat mich doch sehr zum nachdenken gebracht.
Ich glaube, Gott will, wie Sie ja auch schon geschrieben haben;
dass wir auch immer wieder mal bewusste Pausen machen (Jesus zog sich ja öfters von allem Betrieb, allein mit Gott, zurück);
dass wir auch Spaß in Gemeinschaft mit unseren Lieben haben (Jesus war bei vielen der großen jüdischen Festen dabei und aß und trank Wein);
Auch wenn diese Dinge uns aus rationalistischer Sicht sinnlos erscheinen mögen, so sind sie doch mehr


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.