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Mobbing kann jeden treffen. Ein Interview mit Dr. Bernhard Stoll.

Mobbing ist kein Einzelfall in deutschen Betrieben. Schneller als gedacht passiert es, dass Arbeitnehmer sich gegenüber Kollegen in einer Außenseiterposition wiederfinden. Dann ist guter Rat teuer. ERF Online hat mit Dr. Bernhard Stoll, Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen, darüber gesprochen, wie Mobbing entsteht und wie Betroffene sich wehren können.

ERF Medien: Ein blöder Witz von Kollegen, nicht eingeladen werden, mit in die Kantine zu kommen. Ist das schon Mobbing?

Bernhard Stoll: Bei solchen einzelnen Handlungen kann man noch nicht von Mobbing sprechen. Es gibt keine Mobbinghandlungen, es gibt nur einen Mobbingverlauf. Blöde Bemerkungen am Arbeitsplatz oder Konflikte gehören zum täglichen Leben dazu. Mobbing ist das nur, wenn das Ganze systematisch wird. Erst wenn Unverschämtheiten oder blöde Bemerkungen über einen langen Zeitraum und wiederkehrend auftreten, spricht man von Mobbing.

Der Glaube als Angriffsfläche

ERF Medien: Woran merke ich als Betroffener, dass einzelne Unverschämtheiten zu Mobbing geworden sind?

Bernhard Stoll: Mobbing beginnt immer mit einem Konflikt. Aber ob dieser Konflikt harmlos ist oder nicht, ist anfangs nicht abzusehen. Selbst wenn sich Konfliktsituationen einige Male wiederholen, ist das noch kein Mobbing. Deutlich wird Mobbing erst, wenn sich klare Täter-Opfer-Rollen herausgebildet haben, also eine Person von einer oder mehreren Personen in die Enge getrieben und in eine Außenseiterposition gedrängt wird. Da beginnt dann Mobbing.

Dr. Bernhard Stoll ist Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen. Nach einer Fortbildung im Bereich „Christlich-Integrative Psychotherapie“ hat er 1997 zusammen mit seiner Frau Elke die Beratungsstelle Hosanna gegründet. In seiner psychotherapeutischen Tätigkeit hat er sich unter anderem auf die Beratung von Mobbingopfern spezialisiert. (Bild: Andreas Lehmann)

ERF Medien: Mobbing sind also keine einzelnen Handlungen, aber welche Handlungen sind denn typisch für Mobbing?

Bernhard Stoll: Handlungen von „Mobbern“ lassen sich in verschiedene Kategorien einteilen. Ein Aspekt sind Angriffe auf die Möglichkeit des Opfers, sich mitzuteilen. Der Betroffene wird zum Beispiel immer wieder unterbrochen oder kritisiert. Hinzu kommen Angriffe auf die sozialen Beziehungen. Man versucht, den Betroffenen zu isolieren oder spricht nicht mehr mit ihm. Ein dritter Aspekt betrifft das soziale Ansehen des Opfers. Man macht den Betroffenen lächerlich, verbreitet Gerüchte über ihn oder redet schlecht über ihn. Hinzu kommen als Viertes Angriffe auf die Berufs- und Lebenssituation. Man gibt dem Opfer zum Beispiel sinnlose Arbeitsaufträge oder so viele neue Aufgaben, dass er keine Chance hat sie zu bewältigen. Auch bewusste Unter- oder Überforderung sind häufige Mobbingmethoden. Der fünfte Aspekt von Mobbing sind Angriffe auf die Gesundheit oder das persönliche Eigentum des Betroffenen. Es kommt zu Gewaltandrohungen, man fährt den Betroffenen „aus Versehen“ mit dem Aktenwagen an oder zerstört persönliche Gegenstände des Betroffenen.

ERF Medien: Nun ist es ja oft so, dass Christen in Betrieben durch ihre Werte schon Außenseiter sind. Erleben Christen häufiger Mobbing am Arbeitsplatz, weil sie andere Werte vertreten als ihre Kollegen oder mit ihrem Glauben im Betrieb anecken?

Bernhard Stoll: Es gibt bei Christen natürlich eine besondere Möglichkeit, sie wegen ihres Glaubens zu mobben. Es kommt oft vor, dass Mobber sich über die religiöse Überzeugung des Opfers lustig machen. Hier kann man natürlich Christen, die ihren Glauben offensiv leben, zielgerichtet angreifen. Aber ich weiß nicht, ob Christen deswegen öfter gemobbt werden. Jedoch trifft Mobbing das Opfer umso gravierender, wenn ein zentraler Lebensbereich des Betroffenen angegriffen wird. Und für Christen stellen in der Regel ihre religiösen Überzeugungen und Werte einen zentralen Lebensbereich dar.

Mobbing macht krank

ERF Medien: Mobbing kommt oft in Schule und Beruf vor; in Bereichen, in denen vor allem Leistung zählt. Wird Mobbing durch Leistungsdruck und Konkurrenzdenken gefördert?

Bernhard Stoll: Eine Konkurrenzsituation kann dazu verführen, jemanden zu mobben. Aber das ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Dennoch ist das Arbeitsklima entscheidend dafür, ob sich Mobbing etablieren kann. Eine Prophylaxe gegen Mobbing wäre es, ein gutes Arbeitsklima zu schaffen. Möglichst wenig Konkurrenzdenken, gute Kommunikation im Team und ein hohes Maß an Selbstbestimmung wirken Mobbing entgegen. Ebenso ist es wichtig, dass die Arbeit nicht zu monoton ist und es zur Kultur am Arbeitsplatz gehört, Probleme und Konflikte gemeinsam zu lösen. Damit verbunden sind auch ethische Werte in Bezug auf die Frage, wie man mit Schwächeren umgeht. Denn oft werden vermeintlich Schwächere Opfer von Mobbing.

ERF Medien: Nun macht Mobbing ja etwas mit dem Betroffenen. Was sind typische Mobbingfolgen?

Bernhard Stoll: Zunächst einmal entsteht Unsicherheit. Der Betroffene kann nur schlecht einschätzen, was mit ihm passiert. Wenn das Mobbing anhält, kommt Angst vor weiteren Übergriffen hinzu. Ziemlich schnell entsteht dadurch Stress und zwar auch bei Leuten, die selbstbewusst sind. Bald treten psychosomatische Symptome oder auch leichte Depressionen auf. Man schläft nicht mehr gut. Je größer die gesundheitlichen Beschwerden werden, desto mehr sinken Widerstandskraft und Selbstvertrauen. Auch die Arbeitskraft nimmt ab. Typischerweise kommt es dann zunächst zu kurzen Fehlzeiten, die im weiteren Verlauf immer länger werden.

Irgendwann wird dies zum Problem für den Betrieb, denn die Betroffenen können sich immer schlechter konzentrieren und machen vermehrt Fehler. Und immer mehr gesundheitliche Probleme treten auf. Die Spirale ins Abseits dreht sich immer schneller. Irgendwann ist derjenige so fertig, dass er stark auffällig ist. Dann wird die Personalabteilung eingeschaltet und die sieht dann einen Mitarbeiter, der tatsächlich erhebliche Einbußen hat.

ERF Medien: Heißt das, dass dann nicht mehr die Mobbingsituation als Problem wahrgenommen wird, sondern der Gemobbte selbst?

Bernhard Stoll: Ja, es entstehen Mythen über das Opfer. Der Ruf eines Mobbingopfers wird immer mehr geschädigt - auch bei Unbeteiligten. Daran reiht sich auch der Mythos an, dass derjenige durch sein Verhalten dazu beigetragen hätte, gemobbt zu werden. Dieser Mythos ist aber falsch. Vielmehr verändert sich durch das Mobbing die Persönlichkeit des Betroffenen, sodass er krank wird und in seiner Arbeitsleistung nachlässt. Aber im Nachhinein rechtfertigt man sich, indem man sagt: „Wir hatten ja Recht. Derjenige ist komisch und arbeitet nicht richtig.“

Mehr Zivilcourage würde Mobbing verhindern

ERF Medien: Was kann ich als Christ machen, wenn ich eine Mobbingsituation in meiner Firma wahrnehme?

Bernhard Stoll: Wichtig für das Entstehen von Mobbing sind neben den Tätern die Möglichmacher. Es gibt einen oder mehrere Täter, es gibt das Opfer und in der Regel eine Reihe von Leuten, die zugucken. Diese Menschen finden vielleicht gar nicht gut, was da passiert, aber sie machen es durch ihre Untätigkeit möglich. Es wäre toll, wenn sich mehr Leute dafür entschieden, sich schützend hinter den Kollegen zu stellen. Gerade auch als Christ. Das birgt allerdings die Gefahr, dass diese Helfer selbst zum Mobbingopfer werden. Das ist nicht selten.

ERF Medien: Wird Mobbing also erst durch fehlende Zivilcourage möglich?

Bernhard Stoll: Ja, wenn viele sich dagegen wehren würden, würde Mobbing unmöglich gemacht. Aber leider denken viele Menschen: „Wenn es schon Mobbing gibt, will ich nichts damit zu tun.“

ERF Medien: Was kann ich denn als Betroffener machen?

Bernhard Stoll: Wichtig ist möglichst schnell den Vorgesetzten einzuschalten. Es gibt meines Wissens keinen Fall, wo ein Vorgesetzter, der Mobbing verhindern wollte und frühzeitig eingeschaltet wurde, das nicht geschafft hätte. Und wenn der eigene Vorgesetzte der Mobber ist, sollte man dessen Vorgesetzten ansprechen. Das Problem ist: Wenn Mobbing sich erst mal etabliert hat, hat der Betroffene in der Regel kaum noch eine Chance. Deswegen sollte man sich frühzeitig Hilfe suchen. Dazu kann man auch Schlichtungsstellen im Betrieb, Betriebsrat oder Gewerkschaft einschalten.

Wenn Mobbing gesundheitliche Probleme nach sich zieht, sollte man einen Arzt aufsuchen. Da wo erhebliche psychische Beeinträchtigungen auftreten – was bei Mobbing die Regel ist - ist es sinnvoll, einen Seelsorger oder Psychotherapeuten hinzuzuziehen. Solche Beeinträchtigungen sind bei Mobbingopfern häufig. Sehr hilfreich kann auch der Kontakt zu Selbsthilfegruppen sein. Denn viele Mobbingopfer haben das Gefühl, dass sie die Einzigen sind, denen so etwas passiert. Aber Mobbing ist leider ein sehr häufiges Phänomen. Es gibt außerdem spezielle Mobbingberatungsstellen, die darauf spezialisiert sind, Mobbingopfern zu helfen. Zudem ist es wichtig, dass man einen Rückhalt im privaten Bereich hat, zum Beispiel in Familie, Ehe und Gemeinde. Das hilft, besser mit psychischen Stresssituationen klarzukommen und wirkt wenigstens im privaten Bereich einer Isolierung entgegen.

Der Glaube trägt durch

ERF Medien: Nun ist das Mobbing vorbei, aber was ist mit den Auswirkungen des Mobbings – sind die damit auch weg?

Bernhard Stoll: Die Folgeschäden von Mobbing bestehen in vielen Fällen sehr lange, manchmal auch lebenslang. Das hängt davon ab, wie lange das Mobbing angedauert hat und wie groß die gesundheitlichen Beeinträchtigungen waren. Ein besonderes Problem ist, dass das Selbstvertrauen durch das Mobbing systematisch zerstört wird. Auch bei psychosomatischen Beschwerden braucht es oft lange, bis diese wieder verschwinden, wenn sie sich einmal etabliert haben. In vielen Fällen ist es nötig, dass Menschen eine längere Psychotherapie in Anspruch nehmen, weil so viele grundlegende Bereiche ihrer Persönlichkeit geschädigt oder sogar zerstört wurden. Das kann man nicht von heute auf morgen reparieren.

ERF Medien: Wenn ich Mobbingopfer war und die Arbeitsstelle wechsle, dann kommt ja vielleicht die Angst auf: „Das könnte mir wieder passieren“. Ist diese Sorge berechtigt?

Bernhard Stoll: Ob auch am neuen Arbeitsplatz die Gefahr besteht, gemobbt zu werden, hängt davon ab, wie der Betroffene die Mobbingfolgen bewältigt hat. Wenn jemand geschwächt eine neue Arbeitsstelle antritt, hat er natürlich eine schlechtere Chance. Das muss nicht heißen, dass er wieder zum Mobbingopfer wird, aber es gibt Fälle, wo jemand die eigene Opferrolle auch für andere Lebensbereiche übernimmt, sodass er nonverbal vermittelt: „Mit mir könnt ihr alles machen.“

ERF Medien: Nun haben wir als Christen in unserem Glauben auch eine gewisse Kraftquelle. Können Christen mit Mobbing besser umgehen, weil sie in ihrem Glauben Zuflucht finden?

Bernhard Stoll: Ja, denn Gott ist mit uns. Gott verhindert nicht, dass wir durch tiefe Täler müssen. Auch David spricht in Psalm 23 davon. Aber letztendlich wird Gott uns da auch wieder heraushelfen. In der Endphase des Mobbings gibt es zum Beispiel eine hohe Rate von Selbstmorden. Christen wissen, dass Gott an ihrer Seite ist. Dieses Wissen kann Mut dazu machen, weiterzuleben und neu Hoffnung zu schöpfen. Denn solange Gott an unserer Seite ist, gibt es keine hoffnungslosen Situationen. Und Jesus hat versprochen, immer bei uns zu sein. Das trägt auch durch solche Zeiten.

ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch.


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Kommentare

Von Michael A. am .

Ich weiß nicht recht, ob ich Mobbingopfer bin, da psychisch vorgeschädigt, eventuell schon gemobbt in der Familie. Ich denke, das Buch, "Nie wieder..." ist interessant für mich! mfGn Michael A.

Von Heidi am .

Ein wirklich guter Artikel! Vielen Dank! Danke auch für die guten Infos dazu! Man kann es vielleicht eher brauchen als man denkt!


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